- 2. KAPITEL: SCARFACE -
Wie gesagt, mein Name ist L. Ich bin wohl das, was man einen Überlebenskünstler nennt, was sich spannender anhört als es ist. Im Grunde genommen blieb mir nichts anderes übrig. Nachdem ich die Schule geschmissen hatte, fing ich an, mich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten. Rasen mähen, Flugzettel verteilen, als Kaktus verkleidet in einer Tequila-Kneipe bedienen, solche Sache eben. Das alles geht im Grunde genommen nur über Kontakte. Mein bester Kontakt war Alex, die in eben jener Kneipe fast jeden Abend hinter der Theke stand und Musik auflegte. Ich hing da früher öfter mit Schulfreunden rum und wir verstanden uns auf Anhieb gut. Nach einigen halbherzigen Anmachversuchen von meiner Seite wurden wir schließlich Freunde auch außerhalb der Kneipe. Die Nummer mit dem Kaktuskostüm war der erste Job den sie mir damals besorgt hat. Auch wenn sich das so anhört, hatte das nichts mit Ausnutzen zu tun. Wir waren irgendwie geistig verwandt oder so, hatten bei ziemlich allem die selben Ansichten. Und obwohl ich dauernd ein schlechtes Gewissen wegen der Jobs hatte, weil ich ihr ja nichts richtiges zurückgeben konnte, hat sie mir immer wieder geschworen, das ich ihr nichts schuldig bin.
Das wirkliche Problem in unserer Beziehung hieß Vlad. Er war Alex’ Freund und hieß in Wirklichkeit Vladimir. Ich glaube er war Usbeke oder Tschetschene, vielleicht auch Kasake, da bin ich mir nie richtig sicher gewesen. Auf jeden Fall war er kein Russe, darauf hat er immer großen Wert gelegt. Wer das nicht kapiert hat, bekam Ärger mit Vlad. Die beiden waren ein ungleiches Paar: Er sehr großgewachsen, trainiert, hartes slawisches Gesicht, stechend blaue Augen und kahlgeschorener Schädel. Außerdem trug er immer einen langen schwarzen Ledermantel, was wirklich cool aussah, ihn andererseits sofort als Russen oder was auch immer outete. Alles in allem kann man schon sagen, dass er auf den ersten Blick gefährlich aussah. Alex war nicht klein für eine Frau, aber neben ihm wirkte sie wie seine Tochter, woran man aber sofort zweifeln musste, denn nicht an ihr war ihm ähnlich. Sie war zierlich, sexy, charmant und süß. Wenn ihr die krausen blonden Haare vor den Augen hingen warf sie ihren Kopf mit elegantem Schwung in den Nacken um wieder sehen zu können.
Vlad war so eine Art Kaufmann und hatte in der Nähe des Hafens eine große Lagerhalle gemietet, in der er wie ich vermutete irgendwelche gefälschten Markensachen aus Osteuropa oder Asien lagerte um sie bei Ebay zu verticken. Außen stand auf einem winzigen Schild „Vladimir P. Andrejew / Im- und Export“ und noch etwas auf Kyrillisch, das ich natürlich nicht lesen konnte. Ich habe den Laden nie von innen gesehen und wollte im Grund genommen auch nicht wissen, was er dort trieb, da unser Verhältnis sowieso schon scheiße war. Er misstraute mir, weil ich viel Zeit mit Alex verbrachte. Ich wusste auch, dass es deswegen schon öfter Streit zwischen den beiden gegeben hatte. Außerdem hatte ich ehrlich gesagt Schiss, dass es eines sonnigen Tages bei mir klingelt und ich drei russischen Türstehern in Ledermänteln gegenüberstehe, die mir die Fußnägel mit ner Kneifzange rausziehen. Ja ja, beschissene Usbeken, ich weiß. Ist dann auch egal. Vlads und meine Kommunikation beschränkte sich aus diesen Gründen nur auf das Nötigste. Vlad, der sich abends oft mit seinen Kumpels oder Geschäftspartnern in Alex’ Kneipe besoff, ignorierte mich, doch ich konnte an seinem roten Kopf sehn, wie eifersüchtig er war, wenn ich mit Alex redete und lachte.
Genau, das hatte ich ganz vergessen: Vlad hatte auf der linken Gesichtshälfte ein große Narbe, die sich von der Stirn über sein Auge bis zur Backe hinunterzog. Sie war eigentlich nicht zu sehen, nur wenn er rot wurde glänzte sie blass und hell wie ein länglicher Mond in seinem Gesicht, weshalb wir ihn auch Scarface nannten. Er selbst hatte den Film wohl nicht gesehen, vielleicht hätte er es dann auch lockerer genommen. Woher er sie hatte, wusste ich nicht, er hat einfach nicht drüber geredet. Das warn also die beiden, die Schöne und das Biest sozusagen. Der Schläger und die Prinzessin. Meine besten Freunde. Und die einzigen.
Fortsetzung folgt …
Die gesamte Geschichte findest du hier.

1 Kommentar
FLiP sagt:
12. Mai 2006
Cool, junge, komm ich also auch darin vor! Aber ich hab’ doch garkeine Narbe… ;)