- 3. KAPITEL: Eins Eins Null -
Es war ein saukalter Novembermorgen und die Luft roch nach Abgasen und Regen. Ich war wieder mal arbeitslos und hatte mir am Tag davor am Kiosk sämtliche Tageszeitungen gekauft. Nachdem ich die ganze Nacht mit Kaffee über den Stellenanzeigen gebrütet hatte, konnte ich mich nicht entscheiden zwischen Kugelschreiber zusammenbauen und Versicherungen verkaufen. Ich warf eine Münze und es wurde Zahl. Ich nahm mir also vor, am nächsten Tag einfach dieses Seminar zu besuchen und zu lernen, wie man Leute versichert und damit fette Provisionen kassiert. Ich fand die Nacht über keinen Schlaf und rief um 7 Uhr die Nummer aus der Anzeige an. Die verschlafene Stimme am anderen Ende fragte mich genervt nach der Uhrzeit und teilte mir dann mit, dass das Seminar um zwei Uhr stattfinde und ich dreißig Euro Unkostenbeitrag für meine „Ausbildung“ mitzubringen hätte. Ich blieb freundlich und beschloss, meinen Geldbeutel zu vergessen. Das Seminar sollte in einem Nest außerhalb der Stadt stattfinden, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Als es soweit war, sprang das Auto, dass ich zur Sicherheit immer an einem Berg um die Ecke parkte, trotz der Kälte gleich an.
Die Straße, die sich durch graue Felder in das Nest schlängelte war schmal und voller Schlaglöcher. Die Schilder am Straßenrand sagten „Gaststätte zur Erholung“ und „Gebrauchshundesportverein“. Als ich endlich da war zog sich die Veranstaltung mächtig in die Länge und ich unterbrach den Vortrag der wasserstoffblonden Mittvierzigerin, die aussah, als hätte sie ihr halbes Leben im Sonnenstudio verbracht, mit Zwischenfragen, um nicht einzuschlafen. Um sieben war es vorbei und die Karrierezombies mit Realschulabschluss, die neben mir saßen fingen an zu klatschen und ihre Euros nach Aufforderung der Blonden in einen Schuhkarton zu stecken. Ich steckte eine Aldi-Quittung rein und trat vor die Tür, um nach Hause zu fahren. Es war stockdunkel und die ganze verdammte Landschaft komplett eingeschneit. Fluchend wischte ich den Schnee von der Scheibe und fing an, mit halsbrecherischen 40 km/h auf Sommerreifen die Landstraße entlangzurutschen.
Das Radio funktionierte nicht in dem Schneesturm, also kramte ich im Handschuhfach. Da musste doch noch irgendwo eine alte Kassette sein, vielleicht sogar ne gute. Ich fand „Be Here Now“ von Oasis und schmiss sie aus dem Fenster. „Was für ein Scheißtag“, dachte ich und driftete in ein Waldstück, als es im Rückspiegel blau zu blinken begann. „Na toll, die Bullen!“ Aber es waren nicht die Bullen. Es war ein riesiges, rotes, beschissenes Feuerwehrauto, das wohl schon die Winterreifen drauf hatte und auch sofort wie verrückt hupte und mir bedeutete, ich solle es gefälligst vorbeilassen. Ich stieg also ganz sanft auf die Bremse, um ja nicht ins Rutschen zu kommen auf dem Schneematsch, und lenkt vorsichtig nach rechts. Es funktionierte perfekt und das riesige Auto war fast an mir vorbei als auf der anderen Seite ein Auto um die Kurve rutschte. Die Feuerwehr weicht nach rechts aus, ich reiße den Wagen rum und schon knallt es dumpf. Das nächste was ich sah war, dass die Scheibe über und über mit Schnee und Schlamm und schmierigen Erdbrocken bedeckt ist. Nur gut, dass ich mich angeschnallt hatte. Als ich ausstieg stand ich mit meinen einzigen Anzugschuhen bis zu den Knöcheln im lehmigen Untergrund und dachte kurz daran, mich in den Dreck zu werfen und über mein Pech und mein Schicksal zu heulen. In dem Moment bemerkte ich, dass das Auto, das uns entgegengekommen war, ebenfalls im Graben gelandet war. Die Arschlöcher von der Feuerwehr waren einfach weitergefahren. Musste wohl was wichtiges gewesen sein. Der Fahrer des anderen Autos hieß Ole und war auch angeschnallt gewesen. Sein Wagen war im Gegensatz zu meinem, der wie eine kubistische Metallskulptur aus Streben und welligem Blech aus einer Schneewehe zu ragen schien, heil geblieben. Wir wuchteten seinen BMW auf die Straße zurück und als ich ihn fragte, ob er mich in die Stadt fahren könne, sagte er „Ja“. Auf dem Weg über die schneeweiße Fahrbahn, unterhielten wir uns über Musik und Ole, der Jura studierte, meinte zigmal, was der Feuerwehrmann für ein Wichser sei und dass er den ganzen Verein verklagen werde. Ich sagte nichts dazu, dachte nur „scheiß Juraschnösel“ und bat ihn, mich an Alex’ Bar abzusetzen.
Als ich Ole unserem Ziel entgegenlotste war das Blaulicht schon von weitem zu sehen und die Sirenen schrillten lauter, je näher wir der Bar kamen. Ich drückte mein Gesicht gegen die Scheibe und sah, wie sich drei gewaltige Rauchsäulen wie Finger in den Nachthimmel bohrten. „Scheiße, ich glaub die ganze Stadt brennt“, sagte Ole mit dümmlich-überraschter Stimme. Als wir in die Straße bogen schwelte uns dicker brauner Rauch entgegen und dutzende Einsatzfahrzeuge blockierten den Weg. Alles war in grelles Blau getaucht und der Krach der Sirenen schwoll zu einer ohrenbetäubend schiefen Wagnersinfonie an. Ich sprang aus dem BMW und überhörte Ole, der mir noch irgendwas zurief. Als ich durch die Reihen der kreuz und quer geparkten Fahrzeuge stolperte, stellten sich meine Nackenhaare von der Hitze auf. Die Luft schien zu wabern, glühende Asche regnete auf mich nieder und ich konnte riechen, wie meine Haare versengt wurden. Vor mir schlugen die Flammen aus der Bar, aus den Fenstern quollen dicke Rauchschwaden wie die Wellen einer Brandung.
„Alex“, dachte ich.
Fortsetzung folgt…
Die gesamte Geschichte findest du hier.

1 Kommentar
FLiP sagt:
31. Mai 2006
Na endlich geht’s weiter! Und jetzt kommst Du ja auch endlich drin vor Du Juraschnösel… ;o)
Mehr davon!