- 4. Kapitel: Staub zu Staub -

Es begann zu hämmern in meinem Kopf als ich die Kneipe sah, die nichts mehr war als ein stinkender Haufen Trümmer, aus dem Kordit- und Gasschwaden waberten. Ich hatte das Gefühl, dass ich literweißen salzigen Schweiß trank, als ich sie sah. Zwei schmale Bündel, gespenstisch bestrahlt vom zuckenden Blaulicht der Einsatzwagen. Ich weiß nicht mehr warum, aber ich hielt sie in einem Anfall tiefer Verwunderung zuerst für Schlafsäcke und Bilder von Sommer und Camping blitzten kurz in meinem Hirn. Doch es waren keine Schlafsäcke und ich wusste, dass ich nicht anders konnte. Ich musste es wissen. Hastig blickte ich mich um und öffnete langsam das linke der beiden Filzbündel.

Das war also mein erster Toter. Und was für einer! Verdammte Scheiße, Jesus Christus, so hatte ich mir das ganz und gar nicht vorgestellt. Ich blickte auf ein Skelett, das scheinbar mit flüssigem Wachs überzogen war, ohne Haare, ohne Augen, mit aufgerollten Fingernägeln. Steif sah sie aus, die Arme seltsam abgespreizt, alles verdreht und vermischt, gegrilltes Fleisch. Es war nicht Alex. Nein, fuck nein, es konnte nicht Alex sein. Die Person, die sich vor meinen Füßen krümmte und noch dampfte war Brillenträger gewesen. Der Rahmen der Sehhilfe hatte offenbar aus Kunststoff bestanden, der in der Hitze mit dem Gesicht des Opfers verschmolzen war und wirkte wie ein groteskes abstraktes Kunstwerk. Entsetzt, angewidert, überflutet von Adrenalin, warf ich die Decke zurück auf den Leichnam.

Das zweite Bündel war kleiner und flacher als das erste und ich spürte wie alles in mir aufschrie, meine Finger sich verkrampften, mein Magen in die Beine rutschte. Als ich die Decke sanft anhob und das blaue Licht langsam in die Dunkelheit kroch war der Körper darunter übersäht von großen Blasen voller dicker Flüssigkeit und Tränen schossen mir in die Augen. Ich kniete nieder und spürte, wie alle Kraft aus meinem Körper wich. Ich konnte nicht anders, als ihren Namen zu flüstern. „Alex“. „Alex“. „Verdammte Scheiße, Alex“. Wie lange ich dort kniete, weiß ich nicht mehr. Irgendwann waren da Stimmen, weit entfernt, Schritte kamen näher und eine Hand packte mich an der Schulter. Die Stimme war laut und warm. „Was machen Sie da?“ Mein Körper zuckte, wie in Trance fuhr ich herum und sah in sanfte Züge, sah in tiefblaue Augen. Es ist nur ein Traum. Jetzt wache ich auf, Alex. Ich wache auf in deinen blauen Augen. Die Hand griff fester zu und erst jetzt erkannte ich die Uniform. Ich riss mich los und rannte.

Fortsetzung folgt…

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