Das Spinnennetz (Teil 6)

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- 5. KAPITEL: Blut -

Die Straße hinab war Licht hinter allen Fenstern und meine Augen schwammen in Tränen und brennendem Schweiß. Alex war tot. Verbrannt, erstickt, ermordet. Ich wusste nicht, warum, aber ich wusste es. Mord. Meine Schuhe klebten im matschigen Schnee als ich durch das Kneipenviertel taumelte, benommen von der Hitze und dem Rauch, diffuses Licht von Neon auf dem schwimmenden Asphalt. Säufer und Nutten, die die Sirenen aus ihren Löchern getrieben hatten, starrten nach oben, in den hellen Feuerschein. „Was hatte den Brand verursacht und warum hatte sich Vlad nicht sehen lassen?“ Diese und andere Gedanken durchzuckten mich immer wieder, als ich mich durch die Menge der Schaulustigen drängte, die nach allen Seiten wogte, wie ein riesiger Organismus mit offenem Mund und dümmlichen Augen. Der Weg war weit und es fing an in der Seite zu stechen, mit jedem Atemzug zog brennende Luft durch meine Lungen. Zu Hause würde ich das alles unter der heißen Dusche verarbeiten, durchdenken, nach einer Lösung und Vlad suchen.

Es war kurz vor 2 Uhr und als ich meine Schlüssel nicht finden konnte, wurde mir klar, dass sie noch im Wrack meines Auto steckten, das im Nirgendwo zerbeult in einem Straßengraben lag. Ich hatte einen Ersatzschlüssel bei der Familie deponiert, die über mir wohnte. Es waren die Maurers, kein allzu interessanter Name. Ich rang mich also dazu durch, sie aus dem Bett zu klingeln, denn die Nacht in der Kälte hätte ich mit meinen nassen Klamotten nicht unversehrt überstanden. Als ich an die Tür trat, sah ich einen schmalen Spalt. Sie war offen. „Seltsam, die geht doch immer von alleine zu.“ Egal, den Wohnungsschlüssel musste ich trotzdem bei den Maurers holen. Gerade als ich den ersten Schritt durch die offene Tür machen wollte, sah ich es aufblitzen im äußersten Augenwinkel. Ein Schatten, ein schwacher Schein. Verflucht, das war doch hinter meinen Fenstern! Die Bullen? Nein, die würden nicht heimlich durch die Wohnung schleichen! Alles in mir zog sich zusammen: „Vlad!“

Ganz vorsichtig schloss ich die Haustüre hinter mir und tastete mich im Dunkeln gebückt durch’s Treppenhaus. „Jetzt bloß nicht stolpern!“, flüsterte ich mir in Gedanken zu. Im dritten Stock waren Schritte zu hören. Nicht gedämpft und vorsichtig. Nein, harte, wütende Schritte. Es gab dumpfe Schläge von Schubladen, die ausgerissen wurden und Gegenständen, die zu Boden fielen. Hatte ich erwähnt, dass sich meine Wohnung im dritten Stock befand? „Vlad, du dreckiger Russe, was zur Hölle machst du da?!?“ Den Rücken an die Wand gepresst, schlich ich die letzten Stufen bis zur Tür. Sie war angelehnt. Der Schein einer Taschenlampe zuckte wild umher. Es war nur eine Person. Was suchte er bei mir? Mein Herz schlug im Hals und das Blut rauschte so laut in meinen Ohren, dass ich meinte, es müsste deutlich im ganzen Haus zu hören sein. Was sollte ich tun, ich hatte keinen Plan und mir wurde schlagartig klar, dass die Person in meiner Wohnung bewaffnet sein könnte. Ich versuchte krampfhaft alle möglichen Alternativen zu bedenken, doch alles was mir einfiel waren sämtliche Varianten des Satzes „Scheiße, jetzt bin ich fällig!“. Als der dumpfe Lärm verstummte, war ich sicher, dass er mich gehört hatte. „Der Feuerlöscher!“ Ein Stockwerk höher hing ein beschissener Feuerlöscher. Meine einzige Möglichkeit. Ohne auf meine Schritte zu achten stürmte ich die Stufen hinauf. Da hing er, rot und verdammt schwer. Als ich die Treppen mit dem Gerät unterm Arm wieder herunterhechtete öffnete sich die Tür. „Du dreckige Russensau!“ hörte ich mich schreien und schleuderte meine Waffe auf die Gestalt, die mich mit dummen, ungläubigen Augen anstarrte. Es funktionierte nicht. Das Teil war einfach viel zu schwer, um es mit Schwung zu werfen. Die Gestalt riss die Arme im Reflex hoch und versuchte das Wurfgeschoss zu fangen. Dabei verlor er das Gleichgewicht, schwankte und kippte nach hinten weg. Ich stürzte mich auf ihn und legte die Hände um seinen Hals. Ich sah nur seine Augen, die in Todesangst aus ihren Höhlen quollen. Dann fing er an, mir in den Magen und die Nieren zu schlagen, doch aus seiner Lage waren die Schläge zu schwach und schmerzten kaum. Nur kurz dachte ich daran, ihm den Inhalt des Feuerlöschers in’s Gesicht zu sprühen. Stattdessen griff ich ihn und ließ in auf das entsetzte Gesicht des Unbekannten niederfahren. Er sabberte und seine Augen zwinkerten Stakkato. Die Nase war ganz eingedrückt, was ihn wie einen Neandertaler aussehen ließ. Blut sammelte sich an einer Stelle unter seiner Kopfhaut und ich wusste, dass ich ihn umgebracht hatte. Adrenalin pumpte wie wild in meinen Armen. Es war Vlads kleiner Bruder, Serge. Als ich ihn in die Badewanne wuchtete, spürte ich eine Ausbeulung in seiner Jacke. Tastend öffnete ich die Innentasche und zog einen metallischen Gegenstand hervor. Die Pistole war schwarz und unerwartet schwer.
Ich steckte sie ein.

Fortsetzung folgt …

Die gesamte Geschichte findest du hier.

~ Ende Beitrag und Beginn Konversation ~

 

 

 

Sinn und Suche


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