Letztendlich erwischte es ihn unter der Überführung einer Bundesstrasse. Er hatte sich nach langer Zeit, in der er wegen seiner schweren Krankheit ans Bett gefesselt war, nach frischer Luft, den Geräuschen und den Gerüchen von „draußen“ gesehnt. Obwohl man ihm mehrmals und eindringlich abgeraten hatte, hatte er seine Turnschuhe angezogen und war mit der Sauerstoffflasche auf dem kleinen Wägelchen losgezogen. Er war fast 10 Minuten gegangen und hatte sich großartig gefühlt.


Dann, genau vor der Tür durch welche die Arbeiter für Wartungsarbeiten in die Pfeiler der Brücke gelangen konnten, hatte das Kribbeln in den Füßen angefangen. Es war kein unangenehmes Gefühl, etwa so als wenn die Füße einschlafen. Er beugte sich nach unten um die Schnürsenkel etwas zu lockern, als der Stich im Kopf ihn durchfuhr. Genau über dem Ohr und wie mit einer glühenden Spitze zuckte es sehr schmerzhaft. Das Kribbeln nahm jetzt zu und verteilte sich im ganzen Körper in unangenehmen Wellen. Er begann die Muskeln anzuspannen um so das Kribbeln abzustellen. Er wiegte sich hin und her, ballte und lockerte die Fäuste, und schnitt abscheuliche Grimassen. Das Kribbeln blieb. Heiß kam ihm die Erkenntnis, dass es das gewesen sein musste. Das war das Ende. Plötzlich hatte er Angst. In seiner Jugend hatte er einen Bungee- Sprung gemacht. Er fühlte sich jetzt so, als würde er wieder auf dem schaukeligen, 80m hohen Korb stehen. Es schnürte ihm die Kehle zu. In seiner Brust tobte ein nie dagewesener Schmerz. Er hatte Angst und er war allein. Er wollte jetzt jemanden, der ihm die Hand hielt. Wenn er damals in der Schule den kleinen schmächtigen Daniel nicht immer geärgert hätte, wären sie vielleicht Freunde geworden und Daniel wäre jetzt bei ihm hier. Doch er war allein. Seine Muskeln spannten sich nun aufs Äußerste, er konnte sie nicht mehr lockern. Er stand aufrecht, hart wie eine Statue, seine Muskeln zum Zerreißen gespannt. Er wollte schreien, jemanden rufen, auf sich aufmerksam machen, doch es drang nur ein gepresstes Röcheln aus seiner Kehle. Ihm wurde schwindelig. In seiner Brust tobte sich ein Verrückter mit einer Axt aus. Mit weit aufgerissenem Mund und Augen, den Körper in grotesken Verrenkungen erstarrt, klatschte er auf den Boden. Das Bersten seiner Schädeldecke nahm er nicht mehr wahr.