Nach diesem unschönen Vorfalle, durch ihn jedoch nicht meiner guten Laune beraubt, lediglich nachdenklich ob der Unverschämtheit des Barbaren geworden, setzte ich nun meinen ursprünglich geplanten Gang nach der Zitadelle des jungen Forschers fort, trieb mich doch eine Neugier von sonst nur ungewohnter Kraft an. Mein Kamerad und Kompagnon, wie er mir gegen die Mittagsstunde durch eine Eildepesche ausrichten ließ, war zu sagenhaftem Ergebnis in der Sache gelangt, die uns nunmehr seit Jahren in ihrer Planung und seit noch mehr Jahren in ihrer Durchführung gefesselt und geradezu elektrisiert hatte, natürlich galt es nun, diese Ergebnisse zu teilen, da keinem unserer Verbindung der Sinn danach stand, den Anderen durch Hintergehung in Unwissenheit verweilen zu lassen.
An der betreffenden Adresse angekommen, klopfte ich an der Massivheit der Tür mit des Klopfers schwerem Ring und ehe ich diesen wieder komplett in Ruhe verharren zu lassen im Stande ich war, öffnete sich die Tür durch innerliches Zutun meines altbekannten Kameraden. Freudig trat ich ein in die ewige Kühle des großen Flures, der, gesäumt von Türen, sich zu einer, einen großen Treppenaufgang beinhalteten Halle weitete.
Sehr viele alte Gemälde, Jagdtrophäen, Büchsen und Pulverzeug, Uniform- und Reiterröcke, Säbel und Degen, Kompanten, Land- und Seekarten, Sextanten, astrologische und astronomische Kugeln, mehrere Lüster, mehrere handkolorierte Bibeln, tausendfache Kleinigkeiten aus allen Kreisen der Welt und sogar den Kopf eines Elefanten, komplett mit Stoßzähnen, hatte mein Freund zusammenzutragen und hier in einer angemessenen Art und Weise zu präsentieren gewusst. Dem unbedarften, meist zum ersten male eingeladenen, Besucher klappte sich bisweilen der Unterkiefer in einem solchem Maße herunter, dass er wie ein geistloser Narr anzuschauen war ob solcher Pracht. Auch mir, obwohl ich schon fast als hier heimisch gelten könnte, erschließt sich zu jeder Zeit, die ich das Treppenhause und die Halle betrete, ein neues Detail, eine so zuvor noch nie gesehene Kleinigkeit, wegen derer ich verweilen und sie näher studieren möchte.
Den Hauptteil bildeten jedoch die Bücher, die direkt an der Treppe in ihren Regalen aufgereiht waren. Tausende und abertausende Bände, mehr, als ein Mensch zu lesen in der Lage wäre, selbst wenn er im zarten Kindsalter zu beginnen gedächte.
„Nun folge mir, das Vorhaben wartet unserer, damit es sich in seiner Ganzheit entschlüsseln kann“, sprach mein Genosse und ich folgte ihm zur Treppe. Dann, im oberen Teil des Hauses, in einem Wohnzimmer mit großem Kamin, wartete die Vollendung einer lange geplanten und nun endlich zu einem Ende kommenden Reise.
Wir hatten das Objekt unserer Begierde, ein Buch, soviel sei voraus geschickt, gefunden. Mein Kompagnon schürte das Feuer, es war, wie zu solcher Tageszeit im fortgeschrittenen Jahr, zu erwarten gewesen, kühl geworden. Doch bald prasselten die Flammen tanzend und Wärme verbreitend. Auf einem schwerhölzernem Podium, im Raume mittig angesiedelt, lag, verpackt in schwarzem schwerem Stoff das, wie sich nach dem Entfernen zeigte, in dickes, altes Leder gebunden, das Buch.
„DE TEMPORAE“ –„Von der Zeit“ stand auf seinem ledernen Einband in dicken, goldabblätternden Lettern alter Schrift. Dieses war das älteste Buch der Welt. Geschrieben ab dem Anfang der Zeit, weit vor den Ägyptern, die sich später vortrefflich zu verewigen gewusst hatten. Ursprünglich von einem wilden Volke von Urmenschen begonnen, die sich durch primitive Zeichen nur sehr rau zu verständigen gewusst hatten, hatte das Buch, immer wieder restauriert, penibel übersetzt, neu gebunden und zusammengetragen den Lauf der Zeit überlebt und war nun ein Manifest, die Geschichte der Menschheit, geworden. Viele hatten das Buch in den Fingern gehabt, Tut-Ench-Amun, Cleopatra, Caesar, Seneca, Socrates, Die Evangelisten, Cortez, Pythagoras, Kolumbus, Kopernikus, Edgar Allan Poe, Robbespierre, Dschingis Kahn, Sissi von Österreich, Ramses, Napoleon, Martin Luther, Barbarossa, Marie Curie, Che Guevara, George Washington, Abraham Lincoln, Einstein, Stalin, Hitler, Mutter Theresa, Mary Thatcher, es waren derer tausende berühmte Namen.
Sogar Jesus selbst soll sich beim letzten Abendmahle verewigt haben.
Das Buch hatte Regeln. Man durfte das im „DE TEMPORAE“ nie offenbaren, man hatte es zur Eintragung zu den Großen der Zeit zu verbringen und wieder von diesen zu entfernen, nachdem diese sich eingetragen hatten. Das DE TEMPORAE“ war zu pflegen und zu erhalten, nie durfte eine Eintragung unkenntlich gemacht werden, oder das Original auch ´nur in kleinster Weise verändert, wohl aber, sofern es in der Macht des Lesers stand, übersetzt. So waren heute fast alle Eintragungen, die bisweilen eine komplette Seite von Länge waren, auf sehr dünnem Pergament oder Papier in allerwinzigster Schrift, lesbar zugängig. Und ein jeder hatte sich vortrefflich mit einzigartigen Lettern und strahlenden Sätzen einzutragen vermocht.
Das mächtigste Buch der Welt, hatte Kriege entfacht und Hass geschürt, tausendfach verdorben und gereinigt. DE TEMPORAE, die einzig wahre, authentischste Sammlung der Zeiten aller Erdkreise.
Alle Strapazen, zur Beschaffung dieser Einzigartigkeit auf sich genommen, blätterte von uns ab während wir, einen sehr erlesenen Rotwein trinkend, zurückgelehnt in warmen Sesseln, sitzend zusahen, wie das Buch hell und mit rasanter Geschwindigkeit in dem Feuer verging, in das wir es zuvor, ohne einen Blick auf den Inhalt zu vergeuden, verbracht hatten.

3 Kommentare
Steffen sagt:
6. Mar 2007
Dann lasse er es wieder auferstehen, sei er denn gewillt!
Konni sagt:
5. Mar 2007
Danke, Mann!
Das doofe war nur, das ich beim schreiben immer mehr Bock gekriegt hab, das Buch zu lesen. Dumm, wenn mans grad erfunden (und wieder zerstört) hat…
Steffen sagt:
5. Mar 2007
Wieder mal großes Kompliment. Ich wusste doch, warum ich dich mit ins Boot geholt habe! Sehr schöner Spannungsbogen und ein überraschendes Ende. Weiter so!