- 6. KAPITEL: Home Sweet Home -
Das Ausruhen auf dem alten Sofa tat gut. Im Fernsehen lief eine alte Wiederholung von Knight Rider und ich musste schmunzeln während ich mich fragte, was einen damals als Kind dermaßen für diese eigentlich völlig absurden Episoden begeistert hat. Ich kam schnell zu dem Schluss, dass es das sprechende Auto gewesen sein musste. Im Kühlschrank war kaltes Bier gewesen. Dazu gab es Pizza, Thunfisch darauf – Home Sweet Home.
Als das Hungergefühl langsam verschwand und der Alkohol zu wirken begann, breiteten sich sanfte, warme Wellen in meinem Körper aus. Ich war kurz davor, vor der Glotze einzuschlafen. Als es mir dann wieder einfiel, war es, als hätte mich ein Vorschlaghammer in den Magen getroffen. Ein heftiger, heißer Fieberschub. Es war, als wachte man auf und war sich ganz sicher, gerade den wichtigsten Termin des Lebens verschlafen zu haben. Einfach verpennt, Wecker nicht gestellt. Alles vorbei, das Zittern und die Angst sind hier. Deine Haut wird bleich und aus jeder Pore rinnt eiskalter Schweiß. Der Körper gibt alles, alle Hormone, alle Substanzen, die du nur in kleinster Dosierung kanntest, strömen auf dich ein und alle Nervenenden brennen wie winzige, glühende Sonnen in meinem Kopf.
„Du hast einen Menschen umgebracht“ schallte es und ich spürte einen Klos im Hals.
Groß wie eine fette Kartoffel. Das musste mein Gewissen sein. Das Über-Ich, das langsam aber sicher auf meinen Verstand zugekrochen kam, um mich zu lähmen. Mich zu zwingen, einen Arzt zu holen, die Polizei zu informieren, mich zu stellen, alles zuzugeben und für den Rest meines Lebens Sonntags in die Kirche zu gehen. Freud hatte völlig Recht, verdammte Scheiße. Ich musste die Kartoffel schlucken, sonst würde sie aufsteigen in mein Hirn und dort weiter anwachsen, Triebe schlagen und alles logische Denken einfach ersticken. Ich würde es schaffen und als es getan war, brannte mir ätzende, heiße Magensäure im Hals. Es war Serge gewesen, der in meiner Wohnung eingedrungen war. Serge ist – war – Vlads Bruder. Jetzt lag er in meiner Badewanne, mit blutunterlaufen Augen und einer Delle im Schädel, die von einem Feuerlöscher stammte. Seine Waffe lag neben mir auf dem Sofa. Ich nahm sie in die Hand, schwarz, kalt und todbringend. Aber ich war nicht tot, ich hatte gekämpft, das Unausweichliche noch einmal abgewehrt, noch einmal hinausgeschoben.
Es war eine Heckler & Koch P8, Kaliber 9mm mit vollem Magazin. Es war die Standard-Pistole der Bundeswehr, das wusste ich noch aus meiner Dienstzeit. Die schien mir auf einmal Jahrzehnte entfernt, als ich mich an die korrekte Bedienung zu erinnern versuchte. Da war der kleine Hebel und daneben von oben nach unten die Buchstaben „F“, „S“ und „E“:
„Feuer“
„Sichern“
„Entspannen“
Ob Serge jemand vermissen würde? „Sicher, du Idiot, Vlad wird ihn sicher vermissen!“ schrie mich eine innere Stimme an und ich wusste, dass ich nicht hier bleiben konnte. Es war schon mehr als dumm gewesen, sich vor den Fernseher zu setzten beinahe einzuschlafen. Vielleicht war ein Nachbar noch wach und hatte etwas von dem Kampf mitbekommen, vielleicht ein anderer davon wach geworden. Ich musste hier weg, bevor es zu spät war. Aber das war nicht die Frage. Die Frage lautete: „Wohin?“
Bevor ich die Wohnung verließ, wusste ich, dass mir die Antwort auf diese Frage auf dem Weg dorthin einfallen würde. Doch bevor es so weit war, wollte ich mich noch umziehen. Von den schicken Klamotten, die ich während des Seminars getragen hatte und die mehr oder weniger verdreckt waren, behielt ich nur den schwarzen Mantel an, den Rest tauschte ich gegen eine dunkelblaue Jeans, dicken Pullover und meine bequemen Turnschuhe. Als ich vor der Tür stand, fühlte ich mich wie ausgekotzt. Und genau das wollte ich am liebsten tun: Kotzen. „Unterwegs …“ flüsterte die Stimme und bevor ich mich zum Gehen umdrehte ließ ich die P8 in die tiefe Innentasche des Mantels gleiten.
Der kleine Hebel stand auf „F“.
Fortsetzung folgt …
