Ausgezeichnet. So sollte sich das Leben immer anfühlen. Die Sonne schien, der Cappuccino schmeckte so lecker wie schon lange nicht mehr und von den Tischen aus, die vor dem Eiscafé standen hatte man einen wunderbaren Blick auf die geschäftig vorbeieilenden Leute, die sich in der Fußgängerzone in einem stetigen Strom bewegten. Auf der anderen Seite bewegte sich ein ähnlicher Strom aus Autos auf der Hauptstraße. Ungleich schneller, natürlich.
Marc fühlte sich so toll wie seit Jahren nicht mehr. Heute, nach Jahren harter Arbeit, war er endlich befördert worden. Das hieß für ihn ab sofort eine eigene Sekretärin, das große Büro mit Blick auf die Stadt und, was er am meisten schätzte, mehr Geld. Zwar würde die Arbeit, die er täglich aufgehalst bekam, nicht weniger werden, aber das war ihm im Moment ziemlich egal. Marc befand sich ein einer dieser Launen, in denen kommen kann was will. Nichts kann einen von der Umlaufbahn der Glückseligkeit werfen. Blöde grinsend fernsteuert man durch seine Welt, die in einem unwirklichen Nebel zu verschwinden scheint. Ein Rausch ohne Kater. Eine Sucht ohne Droge.
Er hatte sich den Rest des Tages frei genommen, war von seinem Chef regelrecht dazu genötigt worden und hatte spontan beschlossen, sich hier an einen Tisch zu setzen und die Leute zu beobachten, denen es heute nicht so gut ging wie ihm.
So entrückt, mit seinen Gedanken weit entfernt, hatte er, ohne sich dessen bewusst zu sein, schon einige Zeit auf diesem Plastikstuhl, verbracht.
Marc hatte sich eben bei dem Kellner ein großes Bier bestellt, als gegenüber von ihm ein großer Typ in einem grauen, sehr teuer aussehenden, Anzug platz nahm. Er trug einen bürstenkurzen Haarschnitt, war gepflegt, von der Sonne gebräunt und hatte ansonsten das, was man als „Allerwelts-Gesicht“ bezeichnen würde. Allerdings hatte er wasserstoffblaue Augen, die so hervorstechend waren, dass man nicht umhin kam, sie ständig anzustarren. Der Fremde versprühte eine Energie, die Marc aus seiner Trance erwachen ließ und ihn wachsam machte.
„Entschuldigen sie bitte, dieser Platz ist besetzt!“, log Marc, da er den Fremden wieder loswerden wollte.
„Dieser Platz ist reserviert, und zwar nur für mich.“
„Was wollen sie?“
„Ich möchte ihnen eine Frage stellen“
„Machen sie, dass sie wegkommen, ich brauche weder sie noch ihre Fragen!“
„Bereits in wenigen Minuten werden sie das ganz anders sehen, mein toter Freund“
„Was, sie haben ja wohl…“
Marc wollte aufstehen, doch der Fremde hatte ihn blitzschnell am Arm gepackt:
“Setzen sie sich sofort hin!“, zischte er.
Marc setzte sich. Er sah in die Augen des Fremden, jene unnatürlich blauen Augen, die zu pulsieren schienen, wenn man sie nur lange genug ansah. Die Geräusche rundherum wurden leiser. Marc konnte nur noch auf den Fremden und seine noch fremderen Augen sehen. Er wollte etwas sagen, doch er schien vergessen zu haben, wie das ging, kein Laut entwich seiner Kehle. Der Fremde begann nun seinerseits zu sprechen:
„Marc, sie sind nun noch etwa 12 Minuten und 38 Sekunden von ihrem Tod entfernt.“
Marc zuckte, wollte widersprechen, doch er konnte es nicht.
„Marc, hören sie mir jetzt zu. Vertrauen sie mir. Vertrauen sie mir. Ich weiß nicht viel über sie. Doch ich werde ihr Leben verlängern können. Hören sie mir zu. Ich werde ihnen etwas erzählen.
Die Menschen sind in Zwei Punkten exakt vorherbestimmt: Der Geburt und dem Tod. Alles dazwischen ist mehr oder weniger unwichtig, doch diese beiden Punkte sind Anfang und Ende. Mit der Geburt wird jedem Menschen eine Lizenz zugeschrieben. Diese Lizenz bestimmt den genauen Zeitpunkt des Todes. Eine Lizenz ist es deshalb, weil zur festgeschriebenen Zeit ein gewolltes Ereignis eintritt, das das Ableben des Lizenzinhabers hervorruft. Diese Lizenz also setzt die exakte Dauer des Lebens fest. Eine Lizenz zum Leben also.“
Marc stöhnte, aber irgendwie glaubte er dem Fremden. Es war so, als hätte dieses Wissen schon immer in ihm geschlummert, doch er hatte es nie abrufen können. Jetzt erkannte er, dass das, was der Fremde ihm sagte, wahr sein konnte.
Der Fremde begann erneut zu sprechen:
„Es ist nun ganz logisch, das es wertvolle und wertlose Lizenzen gibt. Eine Lizenz, die noch für 89 Jahre gilt, ist ungleich wertvoller als eine, die in ein paar Sekunden abgelaufen ist.“
„Lo… logisch!“, brachte Marc mühsam hervor.
„Es freut mich, dass sie mir folgen können, Marc. Sie sind leider der Eigentümer einer fast wertlosen Lizenz. Die Ihrige nämlich ist in“ er blickte auf seine silberne Armbanduhr „ 8 Minuten und 23 Sekunden abgelaufen.“
Marc erschrak. Das kalte Entsetzen packte ihn, es lief ihm kalt den Rücken runter und er spürte, wie sich in seinem Hals ein Kloß bildete.
„Aber, was soll ich tun?“; fragte er und fühlte sich so hilflos wie ein Kind, das ein Atomkraftwerk leiten sollte.
„Was, kann ich machen?“ Marc spürte, wie ihm Tränen in die Augen schossen.
„Eine Entscheidung treffen“, sagte der fremde mit seiner sonoren Stimme.
„Das bringt mich auf meine Frage zurück, die ich ihnen stellen wollte. Doch zuerst müssen sie noch etwas verstehen. Ich habe die Macht, Lizenzen zu tauschen. Jede Lizenz gegen jede. Wenn ich es will, geschieht es. Ich bin nicht Herr über Leben und Tod, doch ich kann dieses verlängern und jenes verkürzen, indem ich die jeweiligen Lizenzen tausche. Ein einmaliges Angebot und wer es annimmt, der muss die Last mit sich tragen, dass er den genauen Zeitpunkt seines eigenen Todes kennt und um selbst zu leben einem anderen Menschen dieses Privileg genommen hat.“
Marcs Kehle schnürte sich immer weiter zu, er hatte Angst vor dem, was der Fremde nun sagen würde.
„Marc, sie werden in wenigen Minuten von einem Auto überfahren und noch am Unfallort ihren Verletzungen erliegen. Oder sie bitten mich, ihre Lizenz zu tauschen. Ich habe ein Angebot für sie. Die Lizenz eines kleinen blonden Jungen namens Stefan. Er ist 5Jahre alt, will später mal Feuerwehrmann werden.“
Der Fremde legte ein Passfoto auf den Tisch. Zu sehen war ein kleiner Junge auf einem Spielplatz. Er steckte in einer völlig verdreckten Latzhose und hielt voller Stolz einen Frosch in die Kamera, den er wohl mit viel Mühe gefangen hatte. Sein buntes Käppi hatte er seitlich auf dem Kopf und er grinste übers ganze Gesicht.
Marc fühlte sich als sei er in einer Schrottpresse gefangen, die mit jeder Sekunde, die er in das Gesicht des Jungen blickte, enger zuzudrücken schien.
„Seine Lizenz ist noch 69 Jahre, 8 Monate, 12Tage, 15Stunden und 45 Minuten wert. Eine sehr gute Lizenz, wenn sie mich fragen. Viele würden dafür töten. Sie?“
Marc zerwühlte sich die Haare und ließ sich in die Lehne des Stuhles sinken. Der Fremde blickte ihn an.
„Sie müssen nur „Ja“ sagen, Marc und ich lasse es geschehen. Gute 69 Jahre gegen ein paar Minuten. Ihre 69 Jahre. Ihre paar Minuten. Beeilen sie sich!“
Marc spürte, wie ihm Tränen die Wangen herunterliefen. Er hatte noch so viel vor. Die Beförderung. Das Haus. Würde der kleine Junge ein Haus haben? Seine Freundin, er wollte noch nach New York.
Das konnte er alles tun. Der kleine Junge eben nicht. Er wollte leben. Der kleine Junge auch bestimmt. 69 Jahre…69glückliche Jahre…69 erfüllte Jahre…69 genossene Jahre…69…69…69…
Der Junge
„Marc, sie sollten jetzt…“
„Ja! Ja, tun sie es, es sind meine Jahre, es sollen meine Jahre werden, ich habe noch so viel vor, Ja, tun sie es!“ Marc schrie fast, seine Stimme überschlug sich.
„Gerne, Marc! Schönes Leben noch!“ sagte der Fremde, stand auf und verschwand in der Masse der Leute. Schon nach ein paar Schritten konnte Marc ihn nicht mehr ausmachen.
Er fühlte sich seltsam leer, leicht. Er bezahlte, stand auf, bezahlte, schwebte wie auf Wolken auf die Fußgängerampel der Straße zu und schritt über die Straße, froh eine Entscheidung getroffen zu haben. Er fühlte sich gut. Er würde den Jungen ja eh nie treffen, Jetzt schon gar nicht mehr. Die Zeit war wahrscheinlich schon gekommen für einen kleinen Stefan mit einer bunten Kappe. Er fühlte sich gut. Er würde seine Zeit genießen. Gute 69 Jahre. Na gut, dann wusste er eben, das es in 69 Jahren so weit war. Na und, es war noch viel Zeit.
Der Wagen traf ihn mit über 60km/h. Marc wurde gegen ein entgegenkommendes Fahrzeug geschleudert, das ihn wiederum gegen die Fußgängerampel schleuderte.
Marc erwachte nach Monaten aus dem Koma. Er hatte Glück gehabt. Jeder Andere wäre den Verletzungen erlegen. Dennoch blieben Schäden zurück. Er konnte nicht mehr sprechen. Sein Hirn war an verschieden Stellen verletzt worden. Die Knochenbrüche heilten. Die Lähmung vom Hals abwärts blieb. Genau wie die Blindheit.
Jeden Tag hörte er die Stimme des Fremden.
„69 Jahre, Marc. Schönes Leben noch!“

8 Kommentare
Kürüm
21. Mar 2007
ups, titel vergessen. Sollte “Lizenz” heißen
Steffen
21. Mar 2007
Wieder mal super, “Kürüm” ;) Ach ja, wenn den Text eingibst, es gibt da einen Button oben, auf dem “more” steht. Den kannst du dann an eine Stelle setzen, an der der Text dann “abgeschnitten” wird (damit die Startseite übersichtlich bleibt bei längeren Texten). Ansonsten top!
Kürüm
21. Mar 2007
ok, nächstes ma. oder ich schreib einfach nix langes mehr. nur nuch Haikus oder so ;)
Steffen
21. Mar 2007
Doch, schreib mehr langes! Das Teil, das du hier fabriziert hast, hat ja schon Steven-King-Qualität!
Kürüm
21. Mar 2007
jetz fühl ick mer janz jeschmaischelt… bis denn
Steffen
21. Mar 2007
jo, man sieht sich!
Steffen
21. Mar 2007
Und vergiss nie, dass es nur 3 Arten von Menschen gibt …
Kürüm
23. Mar 2007
und wir sind definitiv welche der ersten ordnungsgruppe…