Das Klingeln des Weckers riss ihn sehr unsanft aus seinen Träumen. Samuel öffnete die Augen, drehte sich aus seiner seitlichen Position in Richtung des Nachttisches und gab dem verdammten Ding einen ordentlichen Schlag, was den Wecker sofort zum schweigen brachte. Die Ruhe würde nicht sehr lange halten. In fünf Minuten bereits würde das Höllending zu neuem Leben erwachen und mit seinem penetranten Fiepen jeden Gedanken an Schlaf im Ansatz ersticken. Und das ganze nannte sich zu allen Überfluss auch noch „Schlummer-Einstellung“. Wer in Erwartung eines Tones von der Lautstärke der Trompeten, die das jüngste Gericht ankündigen, noch schlummern konnte, war Samuel immer ein Rätsel gewesen.
Samuel drehte sich auf den Rücken, zog sich die Decke bis an den Hals hoch, verschränkte die Arme auf dem Bauch und glotze die Zimmerdecke an. Viel gab es da nicht zu sehen. Die Glühbirne, die er bei seinem Einzug in die einzelne Fassung in der Decke geschraubt hatte, war immer noch keiner Lampe gewichen und hing ziemlich genau über seinem Kopf. Weiter vorne, also etwa auf der Höhe seiner Füße, war ein unansehnlicher Fleck, der von einer explodierten Sektflasche herrührte, die er hier mit seiner Exfreundin zu trinken versucht hatte. Er hatte sich durch diese Aktion an jenem Abend ziemlich zum Deppen gemacht, aber die Nacht war trotzdem zu seiner vollen Zufriedenheit gelaufen. Doch an all das dachte Samuel im Moment nicht. Eigentlich dachte er an gar nichts. Er lag einfach da, in jener morgendlichen Trägheit, die Geist und Körper kurz vor dem Aufstehen umnebelt, und dachte an gar nichts. Plötzlich erschien auf der Decke, etwa zwischen Birne und Fleck, ein blauer Punkt, der in gleichmäßigem Tempo blinkte.
Einigermaßen überrascht blickte Samuel den Punkt an. Damit hatte er nicht gerechnet. Jedenfalls heute noch nicht. Eine ganze Reihe von Befehlszeilen blinkte nun über die Decke.
“upload”
“Verbindung zum Server herstellen
“………”
“Funktionalität wird ausgehandelt”
“………”
“Daten werden übermittelt”
“………”
“………”
“Szenario geladen: Samuel Franck”
“Visualisierung wird gestartet”
“uploadvorgang beendet”
“Start des Szenarios 01-04-2007-6.40am”


Nun war wieder nur der Punkt zu sehen, der aber nach weiterem kurzem aufblinken nun auch verschwand. Samuel hatte noch etwas schlafen wollen, nun zwang er sich jedoch aus dem Bett. Der erste optimale Tag in seinem Leben begann also jetzt.
Auf nackten Füßen begab er sich ins Bad und staunte nicht schlecht, als dort über der Badewanne eine etwa einen Meter große, blau leuchtende Figur schwebte, die aussah, als wäre sie soeben von einem Notausgang-Schild geflüchtet. In der Mitte des Piktogramms, das mit einer Art Zahnbürste die Körperhygiene andeuten sollte, blinkten mehrere Zahlen:
„Zeit+“
„Zeit-“
„opt. Zeit“
Während die ersten beiden Felder noch nicht gefüllt waren, lief in dem Feld mit „opt.Zeit“ eine Art Countdown ab. Dieser stand nun auf 18:35 und tickte jede Sekund niedriger.
Samuel hatte bereits schon anderthalb Minuten verloren. Er machte sich missmutig an seine Morgentoilette und versuchte, das Piktogramm mit den tickenden Uhren zu ignorieren, ertappte sich aber immer wieder selbst dabei, wie er auf die ablaufende Uhr schaute. Er ging zur Toilette, duschte, putzte sich die Zähne und zog sich schließlich die Klamotten an, die er sich gestern Abend bereits ins Bad gelegt hatte. Als die Uhr des Piktogramms ablief, hatte Samuel sich die Haare noch nicht gestylt. Ein kleiner Pieps erklang in seinem Ohr und anstelle des Zahnbürstenmännchens stand nun das Wort „Küche“ über der Badewanne. Samuel stieß ein kurzes „Fuck“ hervor und beeilte sich mit seinen Haaren.
Er spurtete in die Küche. Dort, vor dem Fenster auf dem kleinen Tisch schwebte bereits das blöde Männchen, Samuel hatte beschlossen, es nur noch die Zeithure zu nennen, neben ihm ein Kreis und darunter gekreuzt Messer und Gabel. Wieder tickte der Countdown, er stand nun noch auf 09:18. Unter dem Feld „Zeit-“ leuchtete nun 3:45. So viel langsamer als der Durchschnitt war er also im Bad gewesen. Das würde er jedoch gleich auf dem Weg zur Arbeit rausholen. Mit seinem Roller brauchte er definitiv weniger Zeit als der Durchschnittsbürger in seiner Millionenstadt.
Der Countdown lief ab, Samuel war nicht fertig mit seinem Essen. Er ließ die noch etwa zu einem Viertel gefüllte Müslischüssel stehen, packte sich seine Jacke und die Schlüssel und verließ die Wohnung.
Einen Augenblick später betrat er sie wieder und packte sich seine Aktentasche, die er stehen gelassen hatte. Seine Laune verschlechterte sich zusehends. Durch diesen Patzer war er gezwungen, wie ein Irrer durch den Verkehr zu rasen, wenn er die Zeit, die er im Bad und beim Frühstück verloren hatte, wieder herausholen wollte. Er startete den Roller und fuhr los. „Gestern“, dachte er „Gestern war alle noch anders gewesen. Er war einfach zur Arbeit gefahren, ohne sich Gedanken zu machen. Aber eigentlich hatte alles schon viel früher begonnen.
Vor ein paar Wochen nämlich. Er hatte von seinem Chef die Möglichkeit bekommen, an einem neu geschaffenen Projekt einer bekannten Softwarefirma teilzunehmen. Dieses beschäftigte sich damit, das täglich Leben des Teilnehmers zu optimieren. Wie sein Chef auf ihn gekommen war, wusste Samuel auch nicht. Er war noch nie zu spät gekommen und seine Arbeitsleistung war bisher auch eher positiv als negativ aufgefallen.
Jedenfalls, vielleicht war er auch einfach ein wenig überrumpelt worden, hatte er zugestimmt und sich wenige Tage später im Büro eines Leiters des neuen Projektes gemeldet. Es gab Schnittchen und Sekt und der viel zu gut gelaunte Projektleiter erklärte ihm das Procedere, das nun auf ihn zukommen würde.
Sinn des Ganzen war es, das Leben eines Durchschnittsbürgers, Samuel wollte alles Andere als der Durchschnittsbürger sein, doch das band er dem Nadelstreifentyp mit dem Haifischgrinsen nicht auf die Nase, mit dem Durchschnitt zu vergleichen, der in zahllosen Umfragen und Studien ermittelt wurde. Dabei sollte der Proband sehen, an welchen Stellen in seinem täglichen Leben er eventuell wertvolle Zeit verlor, die ihm später, ob im Beruf oder im Privaten, fehlten. Samuel hatte bisher auch nicht das Gefühl gehabt, dass er seine Zeit verbummelte, aber da er nun schon mal da war, konnte er ja auch mitmachen. Was sollte ihm denn schon groß passieren. Das Ganze war zudem noch ein Pilotprojekt und er, Samuel Franck, Durchschnittsbürger und Zeitverbummler, konnte bei seiner Entwicklung behilflich sein. Später, wenn das System ausgereift war, würde es mit Sicherheit in die Tausende gehen, sich denn Tag professionell optimieren zu lassen, wenn man mit seiner Zeit und mit seinem Leben nicht mehr zurechtkam.
Der Nadelstreifenhai führte ihn nun in ein Zimmer, wo bereits zwei in weiß gekleidete Herren mit Klemmbrettern auf ihn warteten. Das nun folgende Fragenbombardement war das umfangreichste, was Samuel jemals erleben sollte.
Schlaf- und Essgewohnheiten, genaue Analyse seiner Tätigkeiten am Arbeitsplatz, Film- und Kinogewohnheiten, Hobbies; Familie, Freunde, Alkoholgenuss, Musikgeschmack, ja sogar seine tägliche Anzahl von Stuhlgängen teilte er den Befragern mit, ohne eine Ahnung zu haben, was sie damit nun anfangen würden. Er unterzeichnete eine große Anzahl von Dokumenten und wurde dann in die medizinische Abteilung geleitet.
Mit örtlicher Narkose wurde ihm ein kleiner Visualizer ins Auge direkt über den Tränennasenkanal eingebracht. Dieser sollte ihm die Piktogramme für Essen, Arbeiten, Aufräumen etc jederzeit in jedem Raum sichtbar machen. Außerdem beinhaltete das Programm, das er die Uhr mit den gutgeschriebenen und den verlorenen Stunden jederzeit vor Augen hatte um sich gegebenenfalls anpassen zu können. Ein weiteres System im Ohr sollte ihn akustisch auf Ereignisse hinweisen können.
„Im Straßenverkehr wird es keine Visualisierung geben, um die Verkehrssicherheit nicht zu gefährden!“, erklärte ihm einer der Techniker, als Samuel mit leicht blutendem Auge auf einer Bahre saß, „Ansonsten ist eine Abschaltung der Visualisierung nicht vorgesehen.“
So weit, so gut. Samuel unterzog sich den geforderten Tests und war gespannt auf die nächsten Wochen.
Die Techniker kamen am Samstag, pünktlich wie besprochen. Sie integrierten eine Infrarotschnittstelle in Samuels Badezimmerspiegel, die wiederum mit dem Rechner verbunden war, der unauffällig in einer Ecke des Wohnzimmers einen Platz fand. Dieser stand mit dem Hauptrechner in Verbindung, der ein paar Etagen unter dem Haifischtyp stand. Dort wurde die zentrale Rechenarbeit für sein persönliches Szenario geleistet. Durch den Chip in seinem Auge glich man durch GPS seine Position ab und war somit in der Lage, für den betreffenden Raum die richtigen Piktogramme an den Sender zu übertragen, der diese dann direkt auf die Netzhaut projizierte, wodurch die Symbole und Anzeigen im Raum schweben zu schienen. Geladen wurde der Sender durch den Apparat im Spiegel, direkt wenn er morgens einen Blick auf seinen verschlafenen Zwillingsbruder warf. Man hatte ihm sogar ein Handgerät mitgegeben, es erinnerte stark an eine Fernbedienung, jedoch nur mit einem Knopf, falls er einmal ein paar Tage nicht zu Haus sein sollte. Als Farbe für alle Visualisierungen hatte Samuel Blau gewählt, seine Lieblingsfarbe.
Er dachte gerade darüber nach, wie viel Entwicklungsarbeit er jetzt wohl mit sich herumtrug, als er scharf bremsen musste, um nicht in ein haltendes Fahrzeug zu krachen. Er hupte und setzte mit einem Schlenker seinen Weg fort. Als er den Roller abgestellt hatte und die Eingangshalle des Bürogebäudes, in dem er arbeitete, betrat, blinkte ein -4,45 mitten in der Eingangshalle auf und ein das Piktogramm für Arbeit, Männchen vor PC, erschien.
Der Tag nahm seinen Lauf.
Er ging zum Kopierer, die Zeithure war schon da. Er musste warten und machte 5 Minuten minus. Das Mittagessen überzog er um 12 Minuten, beim Briefing am Nachmittag machte er 8 Minuten plus, aber nur weil der Abteilungsleiter krank war und das neue Projekt erst nächste Woche vorstellen würde.
Kaffe trinken in der Kaffeeküche: minus 4 Minuten, auf der Suche nach einem Kollegen verlor er weitere 10Minuten, die er für eine Abrechnung gebraucht hätte.
Und immer war die blau Figur, die verdammte Hure der Zeit, die berechnete Perfektion, vor ihm fertig, schaffte alles etwas schneller als er, wurde nicht behindert, musste keinen langen Wege zurücklegen und war Effizienter als er. Er begann gegen Ende des Tages zu schludern, verschiebbare Prozesse auszulassen und mit keinem mehr zu reden, um wenigstens ein paar Wettläufe zu gewinnen, er hetzte und schwitzte, war zum Ablauf des Countdowns fertig und verlor bei einem kurzen Verschnaufen direkt wieder Zeit.
Als er endlich nach Hause kam, minus 12,35 Minuten wegen einer Baustelle in der Stadt, war er geschafft, ausgelaugt und den Tränen nahe. Er war zu langsam, erschien sein halbes Leben durch Ineffizienz zu verschenken.
Er aß etwas zu Abend, langsamer als der Durchschnitt, sagte seinen Kumpels für den Bowlingabend ab, das Piktogramm sprang auf Aufräumen um, er trank ein Bier und ging ins Bett.
Die Zusammenfassung des Tages blinkte über die Zimmerdecke. Er hatte 4Stunden und 28 Minuten gegenüber dem Durchschnitt verloren. Beurteilung: stark verbesserungswürdig, nicht effizient genug. Dann das erlösendste Wort des Tages:
“shutdown”

Samuel seufzte. Morgen würde sein Chef mit Sicherheit die ersten Ergebnisse auf dem Schreibtisch haben. Samuel war eingefallen, dass dieser mit Nadelstreifenhaifisch befreundet war. Frühere Kollegen wahrscheinlich.
Mit einer Zukunftsangst, die er seit Jahren nicht mehr verspürt hatte, schlief Samuel ein. Es würde nichts bringen, den Wecker früher zu stellen, sobald er die Augen öffnete, sprang das System an.

Das Klingeln des Weckers riss ihn sehr unsanft aus seinen Träumen.
“upload”
stand auf der Zimmerdecke.