An diesem Morgen wachte Herr Puck auf und hatte das Gefühl, dass er etwas anders machen sollte. Er hatte noch nie irgendetwas anders gemacht als sonst oder auch als andere Menschen. Auch seine Freunde und Bekannten machten nie etwas anders als man es machen sollte. Jedenfalls wusste Herr Puck nichts davon. Sein Leben war bisher in absoluter Gleichförmigkeit ohne besondere Hochs und Tiefs verlaufen. Er hatte die Schule beendet, war nach der Ausbildung von zu Hause ausgezogen, ging am Morgen zur Arbeit und kam am Abend wieder. Er war einer Partei eingetreten, engagierte sich aber nicht gesteigert. Schließlich war alles in Ordnung, nichts, weswegen man sich besonders aufregen musste, dachte Herr Puck.
Hin und wieder traf Herr Puck ein paar Freunde, Sie tranken meist ein paar Bier zusammen, allerdings bremste er das sofort, wenn er merkte, daß das Bier zu wirken begann. Schließlich wollte er sich nicht vorwerfen müssen, die Kontrolle verloren zu haben. Das gehörte sich nicht und außerdem benahm man sich nicht mehr so, wie es von einem erwartet wurde.
Kollegen und Freunde hätten Herrn Puck wahrscheinlich als unauffällig, freundlich, aber stinklangweilig beschrieben. Das taten sie auch und Her Puck wusste sogar davon. Aber ihm war es egal. Er selbst hatte sich nichts vorzuwerfen und somit hatte auch niemand anders ihm etwas vorzuwerfen. Er lebte den kategorischen Imperativ und war überzeugt davon, dass er ein Mensch war, an dem sich viele durchaus ein Beispiel nehmen sollten.
Aber an diesem Morgen war er aufgewacht und hatte die Lust verspürt, etwas anders zu machen. Es war wie eine kleine, leise Stimme, die danach verlangte, dass er etwas ändern sollte.
Herr Puck versuchte, diese Stimme aus seinem Denken zu verbannen, denn schließlich lief alles gut bei ihm. Er fuhr, sorgsam darauf bedacht, alles wie immer zu machen, zur Arbeit und begann dort, wie jeden Morgen mit dem Lochen der Stechkarte seinen Tag.
Bis zum Mittagessen hatte er so viel zu tun, dass er die Stimme nicht mehr hörte. Doch am Nachmittag war sie da und was das Schlimmste war: Sie wurde lauter.
„Mach was anders“ forderte sie nun in einem Ton, der ihn dunkel an seine Mutter erinnerte.
„Mach was anders“.
Herr Puck überlegte beim Einschlafen tatsächlich, ob er etwas anders machen sollte. Und wenn er das machen würde, würde die Stimme dann schweigen?
Das Erste, was er beim Einschlafen hörte, war die Stimme und ihre Forderung.
Herr Puck setzte sich aufs Bett und dachte nach. Vielleicht sollte er wirklich mal was anders machen. Den Hauch von Abenteuer spüren, wenn er sich anders verhielt als alle Anderen.
Als Herr Puck wenig später vor dem Spiegel stand und sein frisch geduschtes Ebenbild betrachtete wagte er es: Er kämmte sich den Scheitel zur anderen Seite. Nicht nach rechts wie sonst, sondern nach links.
Ganz akkurat und glatt, aber nach links!
Er verließ das Haus. Die Veränderung war wohl etwas krass gewesen, denn Herr Puck hatte auf dem ganzen Weg ins Büro den Eindruck, dass er von allen Seiten angestarrt wurde. An der Haltestelle, in der U-Bahn, alle schienen ihn anklagend zu betrachten. Er nahm sich vor, das durchzustehen und morgen würde er, sollte die blöde Stimme doch ruhig brüllen so laut sie konnte, die Harre wieder wie gewohnt scheiteln.
Als er glücklich in seiner Parzelle angekommen war, verließ er diese nur in dringenden Fällen. Seine Kollegen würden keinen Ton mehr mit ihm wechseln. Er wäre als Querulant, Anarchist oder noch schlimmeres verschrien. Die Kündigung würde nicht lange auf sich warten lassen. Er, Herr Puck würde arbeitslos sein und auf der Straße stehen und warum? Wegen einer Stimme, die niemand außer ihm hörte.
Der Tag ging vorbei, die Kollegen schnitten ihn nicht, der Chef kam nicht wutentbrannt zu ihm gerannt. Es passierte das, mit dem Herr Puck noch beim Verlassen des Hauses am wenigsten gerechnet hatte: Nichts!
Herr Puck fand gefallen an dem Neuen, an dem Anderen und ging jetzt nur noch linksgescheitelt aus dem Haus. Er war anders, wild, verwegen, er war Sir John Wayne Puck, Boheme, Freigeist und unkonventioneller Künstler.
So ging eine Woche ins Land, mit einem Hochgefühl, das Herr Puck sonst noch nie verspürt hatte.
Bald darauf verschwand dieses Gefühl jedoch wieder. Vielleicht war das Ändern der Frisur doch nicht so einschneidend gewesen, wie er am Anfang gedacht hatte. Aus dem Künstler des Unkonventionellen, John Wayne Puck wurde wieder einfach nur Herr Puck.
Nach ein paar Tagen war auch die Stimme wieder da. Sie forderte Herrn Puck auf, etwas anders zu machen.
Diesmal entschied er sich für einen Mittelscheitel. Tatsächlich wurde er nun darauf angesprochen. Harald, in der Parzelle neben ihm, hatte beim Mittagessen angemerkt, dass der Seitenscheitel besser zu Herrn Pucks Gesicht gepasst habe. Seltsamerweise ließ das das Cowboygefühl länger halten als beim ersten Versuch.
Die Andersartigkeit und deren Haltbarkeit mussten also mit der Stärke der Veränderung unmittelbar in Zusammenhang stehen. Herr Puck wollte Cowboy bleiben, er hatte den Duft der Prärie und das Hochgefühl eines erfolgreichen, verwegenen Viehtriebes geschnuppert.
Deswegen zog er nur noch Socken an, die nicht zueinander passten, kombinierte seine Hemden mit unmöglichen Krawatten, fuhr Umwege mit verschiedenen Straßenbahnen, kam sogar gelegentlich zu spät zur Arbeit, übernachtete einfach so in einem Hotel, trank in der Mittagspause Bier und eignete sich unpassende Sprüche aus dem Fernseher an.
John Wayne kam, doch er ging meistens ebenso schnell wieder.
Herr Puck kam zu dem Schluss dass er, wenn er John Wayne und exzentrischer Liebhaber des Besonderen in Personalunion bleiben wollte und die Stimme für immer los sein wollte, etwas machen musste, das für immer halten würde, ja musste.
Er überlegte und brütete. Schließlich kam er zu einem Entschluss.
Mit einem alten Messer ritze er sich die Worte „John“ und „Wayne“ in seinen linken Unterarm und übergoss sie mit Tinte, damit es auf ewig halten würde.
Am selben Tag begab er sich ins Büro seines Chefs Walter Zimmermann und richtete diesen mit mehreren Stichen und Schnitten regelrecht hin.
Herr Puck ließ sich wortlos verhaften, verurteilen und einsperren.
Immer mit einem Lächeln im Gesicht.

1 Kommentar
Steffen
17. Apr 2007
Krass, Mann! 5 Sterne *****!