Der Hochsommer hat unsere Stadt fest im Griff. Überall auf den zumeist leeren Straßen kann man die Wärme sehen, die knapp über dem Boden flirrt. Nach ein paar Tagen bei diesen Temperaturen ist man so antriebslos wie ein bekifftes Faultier. Die Wärme legt den Körper und den Geist lahm. Man will sich nicht mehr bewegen, nicht aufstehen, nicht laufen, eigentlich nichts tun außer sitzen und trinken. Zu viel mehr ist man auch gar nicht fähig, die Sonne brennt erbarmungslos, heizt einem das Gehirn bis zum Siedepunkt, so dass die eigenen Gedanken in zähem Sirup dahinkriechen zu scheinen.
Aber nicht meine Gedanken. Meine Gedanken sind nur auf ein Thema gerichtet und arbeiten in doppeltem Tempo. Mich interessiert die Wärme nicht. Mich interessiert die Hitze. Die endgültige, alles zerfressende Hitze.
Feuer.
Das Feuer, kräftigstes aller Elemente, ist meine Leidenschaft, meine Passion, Schicksal, mein Messias. Schreiende Flammen, die alles vernichten, was ihnen in die Quere kommt. Hitze, Licht, pure Energie, das Feuer verwandelt. Göttliche Fügung in Flammengestalt.
Ich liebe das Feuer, ich lebe das Feuer, ich bin eins mit ihm.
Schon sehr früh, ich kann nicht älter als drei oder vier gewesen sein, entdeckte ich meine Leidenschaft. Damals, in meinem Elternhaus gab es einen offenen Kamin, konnte ich den Flammen stundenlang zusehen, wie sie die Holzscheite zerfraßen, bis diese nur noch schwarze Asche waren. Oft bettelte ich in den kalten Wintermonaten, in denen der Kamin fast täglich beheizt wurde, meinen Vater an, damit er mich das nächste Holzscheit auf die züngelnde Glut werfen ließ. Danach betrachtete ich fasziniert, wie die Flammen das Holz, das ich kaum zu tragen im Stande gewesen war, innerhalb von sehr kurzer Zeit verschwinden ließen und dabei eine wohlige Wärme verbreiteten.
Wie oft lag ich in meinem Bett wach und dachte an die Kraft, die diese Flammen doch haben mussten.
Wie kraftvoll sie wirklich waren, entdeckte ich kurz nach meinem siebten Geburtstag. Es muss im November oder im Dezember gewesen sein. Ich hatte mich, meine Eltern schliefen im ersten Stock tief und fest, trotz der vielen Verbote und Ermahnungen meines Vaters an den Kamin geschlichen. Kein Feuer tobte, die Glut lag rot, friedlich und warm in dem Eisenkorb. Ich nahm mir eine Grillzange aus der Küche und hob ein Stück Glut auf. Ich pustete darauf. Die Glut wurde für einen Moment heller und es stoben sogar einige Funken. Ich legte das Stück Glut auf das Sofa und holte das nächste aus dem Kamin. Das Sofa begann fürchterlich zu stinken. Aber das Feuer wollte noch nicht kommen. Es braucht Zeit und Zuneigung, bis das Feuer seine gesamte Kraft entwickeln kann. Ich kniete mich, das zweite Stück hatte ich auf die Treppe gelegt, denn Feuer mag Holz, vor das Sofa und begann zu pusten. Die erste Flamme erschien. Klein und zaghaft. Aber sie wuchs breitete sich aus. Ich musste ein Stück zurückgehen, denn es wurde immer heißer. Das Feuer heizte sich auf und bereitete sich vor, damit es unser Haus nehmen konnte. Ich ging zur Glut auf der Treppe. Der dicke Teppich, der auf den Stufen lag, schien dem Feuer zu schmecken, denn es hatte sich schon ausgebreitet. Wenn es sich mit seinem Bruder im Wohnzimmer treffen würde, dachte ich, würden die Flammen größer als unser Haus werden können.
Ich ging ein paar Schritte zurück und guckte staunend zu, wie das Feuer größer wurde, die Vorhänge erreicht, die Bilder, den Teppich, die Stehlampe. Die beiden Feuer trafen sich. Es wurde heiß und der Qualm brannte in den Augen und in der Nase. Meine Eltern würden sich beeilen müssen, wenn sie nicht bald nach unten kamen, würde das Feuer sie holen. Es hatte sich bereits ins obere Stockwerk vorgearbeitet und wuchs immer schneller immer weiter. Eine Flame fasste meinen Arm und meine Haare. Meine Haut am Arm warf sofort Blasen, die Hitze war unerträglich, ich riss die Tür auf und rannte nach draußen. Mein Gesicht und mein Oberkörper waren versengt, zum Glück hatte ich kein Hemd getragen. Die kühle Luft war angenehm.
Ich hörte meine Eltern Schreien. Das Feuer wollte wohl das Schlafzimmer holen. Also musste der ganze Flur in Flammen stehen. Das Feuer würde sie holen, sie konnten ja die Treppe nicht mehr benutzen.
Ich hörte meine Mutter schreien. Sie schrie hoch und gellend. Auch mein Vater schrie. Schmerzensschreie.
Das Feuer war heiß.
Schmerzenschreie.
Meinen Namen.
Sollte ich zu ihnen kommen? Ich wollte das Feuer sehen.
Schreie.
Das Feuer war aus dem Fenster gekommen. Das Feuer kam jetzt schon aus dem Dach. Es war groß. Es tobte. Es zeigte seine Kraft.
Ich hörte ein Klirren. Etwas fiel aus einem der Fenster. Es brannte. Es war mein Vater, glaube ich. Er sah aus, als wolle er Liegestütze machen, aber überall war Feuer. Auf seinem Schlafanzug, auf seinem Kopf, an den Füßen. Er hob den Kopf. Seine Augen waren zu erkennen, obwohl sein Gesicht brannte. Er blickte mich an. Die Augen platzten wie überreife Tomaten, die man zusammendrückt. Dann sackte er zusammen und blieb liegen.
Das Feuer tobte. Es freute sich. Ich hatte ihm mein Haus gegeben und meine Eltern. Und das Feuer bedankte sich indem es hoch in den Himmel loderte und das Firmament für mich orange färbte. Ich hatte es so groß werden lassen. Ich würde es niemals beherrschen können, doch das Feuer wusste, obwohl es das mächtigste Wesen weit und breit war, ohne mich wäre es nicht mehr als verlöschende Glut im Ofen gewesen.
Den Rest meiner Jugend verbrachte ich bei einer Tante auf dem Land. Ein traumatisiertes Kind, das mit ansehen musste, wie seine Eltern verbrannt sind. Tante Sigrid erzählte jedem die Geschichte vom unseligen Mann ihrer Schwester, der den Kamin unsachgemäß befeuert habe, worauf Glut auf den Teppich gefallen sei und das gesamte Haus abgebrannt sei. In ähnliche Richtung waren damals auch die Ermittlungen der Polizei gegangen.
Ich hatte geschwiegen. Traumatisiert, starke psychische Belastung, Schockzustand, so war die Diagnose der Ärzte gewesen.
Ich wollte das Feuer nicht verraten. Das Feuer war mein Geheimnis. Mein starker Freund, der jedes Problem für mich aus dem Weg räumen konnte.
So ist es immer noch. Das Feuer ist nach wie vor mein bester, ja mein einziger Freund.
Und ich kann es rufen.
Jederzeit.
Es gibt drei wichtige Faktoren für einen Brand.
1.brennbarer Stoff.
2.Entzündungstemperatur.
3.Sauerstoff.
Wenn man diese „Zutaten“ optimal kombiniert und aufeinander abstimmt, kann man den Atem der Hölle aufbrausen lassen.
Und es ist so leicht.
Vor allem im Sommer. Hitze, Dürre, Trockenheit. Der Wald hat seinen letzten Tropfen Wasser verbraucht und steht wie eine Armee von Streichhölzern bereit, wartend auf den alles entscheidenden Funken.
Letztes Jahr bin ich in den Wald gegangen. Nachts. Ich habe einen Kanister Benzin verschüttet. Dann habe ich einen Faden zwischen zwei Bäume gespannt. Darein habe ich meine Zigarette verknotet. Dann bin ich gegangen. Als die Zigarette zu Boden fiel, war ich in sicherer Entfernung.
Das Feuer war mächtig. Es begnügte sich nicht mit ein paar Holzscheiten, es zerfraß die Bäume. Und die Tiere. Es hat den ganzen Himmel gefärbt. Ich habe dem Feuer das größte Fest bereitet, das es seit langem hatte. Ich stand, weit genug entfernt, gerührt und weinte. Diese Pracht, diese unglaubliche Schönheit der Flammen, der ungezügelten Gewalt ließ mich erschauern. Das Geräusch der Flammen, das reißende, mahlende schreien war das Schönste, was ich jemals gehört habe.
Ich stelle mir vor, das das Paradies ein brennendes Ölfeld ist, das alles in sich aufnimmt, was war, ist und sein wird. Das Urfeuer, Flammen, die die Seele selbst mit sich eins werden lassen. Und in den Flammen Engel, heller brennend als der ganze Rest herum. Bestehend aus weißen, gleißenden Flammen. Und in ihren Händen weißglühende Speere, die aus dem Feuer selbst gemacht sind. Und mit jeder Wesensart, die die Flammen aufnehmen, werden sie größer, mächtiger, schöner und hungriger.
—To be continued—

4 Kommentare
Steffen sagt:
2. Mai 2007
Falls du nach Inspiration für die Fortsetzung brauchst:
http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/0,1518,480206,00.html
Steffen sagt:
29. Apr 2007
alter Pyromane ;)
Konrad sagt:
28. Apr 2007
so viel kann ich sagen: Es wird heiß
Steffen sagt:
28. Apr 2007
cool. bin gespannt, wie’s weitergeht.