- 7. KAPITEL: Unter Strom -

Serge war tot. Am fernen Horizont zeigten sich die ersten grellen Farben des neuen Tages, lila und dunkelblau. Die Luft war eisig und ein scharfer Wind heulte durch die betonierten Schluchten der Stadt. Sie war noch nicht erwacht. „Frische“ dachte ich. „Frische“ und dass ich ein Mörder war. Oder ein Totschläger. Es war Notwehr gewesen, verdammte Scheiße! „Aber wer wird dir das glauben, wenn du vor Gericht stehst?“ flüsterte eine kalte Stimme, die aus einer Tiefe in meinem Kopf zu kommen schien, der ich mir bis dahin nicht bewusst gewesen war. Von dort, wo die niedersten Instinkte hausen. Hinter der glänzenden, sauberen Fassade der Vernunft kam etwas hervor. Mein ganz persönliches schmutziges Es.
Ein zittriger Schauer lief mir durch den ganzen Körper, als ich nur „Notwehr“ denken konnte. Mit Beinen aus Gummi stand ich an der Straße, an diesem eisigen Wintermorgen, fest entschlossen, Licht in’s Dunkel dieser völlig kranken Geschichte zu bringen.

Aber ich konnte mich einfach nicht konzentrieren, die Pistole drückte schmerzhaft in meine Rippen. Alex war tot, verbrannt. Ich hatte ihre entstellte Leiche gesehen. Serge hatte mir in meiner eigenen Wohnung aufgelauert. Ich hatte ihn mit einem knallroten Feuerlöscher erschlagen, in Panik. „In Notwehr. Du hattest keine Wahl. Sonst hätte er dich umgebracht.“ meldete sich mein Gewissen wieder zu Wort.

Gebetsmühlenartig: „In Notwehr. Er oder du. Keine Wahl.“

Aber stimmte das? War Serge wirklich gekommen, um mich zu töten? Er hatte etwas in meiner Wohnung gesucht. Er war bewaffnet gewesen. Aber vielleicht war er das immer…

„Wer wird dir glauben?“

Sie werden mir glauben! Sie müssen mir glauben!

„Du wirst einfahren, soviel ist sicher! Knast! Gangs! Drogen! Vergewaltigung! Arschfick unter der Dusche!“


Ich beschloss, die kalte Stimme zu ignorieren. Es war egal. Wahrscheinlich würde ich nicht lange genug leben, um verurteilt zu werden. Wahrscheinlich war schon jemand unterwegs zu meiner Wohnung, weil Serge sich nicht mehr meldete. Wahrscheinlich waren alle Russen der Stadt auf der Suche nach mir. Um Rache zu nehmen. Um Vlads Bruder zu rächen. Vielleicht würden sie mich foltern. Mir die Fingernägel mit einer Beißzange rausziehen. Einen nach dem anderen. Kleine Dioden an meinen Eiern anbringen und mich mit Stromstößen zu Tode quälen. Mich lebendig im Hafenbecken versenken – eisiges Wasser, das meine Lungen füllt.

Ich musste die Initiative ergreifen – ihnen zuvorkommen! „Kopfsache“ sagte die kalte Stimme und sie hatte völlig recht, verdammt noch mal! Ich musste überlegen, nachdenken. Die ganze Sache war zu komplex, zu wirr, um überhastete Entscheidungen zu treffen.

Ich bog um einige Ecken und verkroch mich in einem McDonalds – den einzigen Laden, der um diese Zeit schon – oder noch – geöffnet hatte. Ich bestellte schwarzen Kaffee und setzte mich in eine Ecke, die von der Straße aus nicht einzusehen war.
Es war ein schlechtes Versteck, aber es gab nun mal nichts besseres. Als mir der schwarze Saft heiß und belebend durch die Kehle floss, sah ich drei Möglichkeiten, weiterzumachen. Und am Leben zu bleiben.

Variante 1: Die Bullen – zum nächsten Polizeirevier laufen und denen alles erzählen.
Vermutliches Resultat: Verhaftung, da die Strafverfolgungsbehörden sehr wahrscheinlich wenig Verständnis für eine blutüberströmte Leiche in meiner Badewanne aufbringen würden.

Variante 2: Weglaufen – die Stadt verlassen.
Vermutliches Resultat: Sowohl Polizei als auch Vlads Gang würden mich suchen – und jagen. Außerdem würde ich nicht weit kommen – mein Auto lag zerstört in einem Straßengraben irgendwo in der Pampa. Vielleicht war es auch schon weggeräumt worden. Die Bullen wussten damit, dass ich auf öffentliche Verkehrmittel angewiesen war oder zu Trampen versuchen musste. Alles in allem also keine besonders attraktive Variante.

Variante 3: Die Sache zu Ende bringen.
Vermutliches Resultat: Unbekannt.

Drei Varianten also. Und keine davon reizte mich sonderlich. Aber so war nun mal die Situation und man musste schließlich nehmen, was man bekam.
Ich spülte den restlichen Kaffee runter und musste plötzlich lachen. Es fuhr so schnell in mir auf, dass ich es nicht mehr unterdrücken konnte. Ein lautes, heißeres, schrilles, verrücktes Lachen, das in Husten überging, als ich versuchte, die Brühe in meinem Mund zu schlucken und sie mir im Hals stecken blieb.

Es war die Stimme gewesen, die mich zum Lachen gebracht hatte. Sie hatte wieder geflüstert, leise zwar – doch klar und deutlich wahrnehmbar:

„Du wirst die Sache zu Ende bringen. Du bist der Retter, du bist der Krieger, du bist der Rächer in deinem eigenen Film. Du bist Mad Max, du bist Bruce Willis, du bist Max Payne!“ Und es stimmte. Nicht dass ich mich als Filmheld fühlte, der sich auf einem Rachefeldzug für irgendein hehres und gutes Ziel befand. Nein! Ich fühlte mich eher wie ein trauriges Stück Scheiße, das sich in der hintersten Ecke eines Schnellrestaurants vor einer Entscheidung drückt. Aber die Stimme hatte mir mit einem Mal klar gemacht, dass ich vermutlich wie eine schlechte Karikatur eines Filmhelden aussah. Einsamer Kämpfer, schwarzer Ledermantel, Pistole darin. Ich war der Lone Ranger und das einzige was mir noch fehlte, war ein sprechendes Auto. Ein schwarzer Pontiac Firebird – Super Pursuit Mode aktiviert! Ein Mann und sein Auto kämpfen gegen das Unrecht!
Als ich mich mit tränenden Augen von dem Anfall erholt hatte, schmerzten meine Lungenflügel. Das alles war alles andere als komisch, aber wenigstens wusste ich jetzt, wie die Geschichte weitergehen musste.

Leise, wie in Trance, sprach ich die Worte:

„Variante Nummer drei: Ich komme!“

Fortsetzung folgt …

Die gesamte Geschichte findest du hier.