Tim versuchte, seine Augen zu öffnen, doch es ging nicht. Verwirrt, schläfrig, wollte er seine Hand heben, um sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Es ging nicht. Seine Arme bewegten sich nicht, steckten irgendwie hinter seinem Rücken fest, seltsam gefühllos. Sein Bett fühlte sich schrecklich hart und unbequem an. Etwas drückte hart in seine Seite. Was war hier los? Tim öffnete den Mund, um so etwas zu sagen wie „Was zur Hölle?“, als er etwas Metallisches schmeckte. Es fühlte sich stumpf an, trocken und klebrig. „Verdammt, was soll der Scheiß“, kam es gepresst aus seinem Mund. Es klang kehlig und seltsam genuschelt. In Tim stieg plötzlich Angst auf.
Nein, das war es nicht.
Sie stieg nicht in ihm auf – etwas zerbrach in ihm und füllte in mit Angst. Ein Gefäß, von dem er vergessen hatte, dass er es in sich trug, explodierte und schoss seinen Inhalt mit Lichtgeschwindigkeit in Tims Blutbahn. Ihm wurde heiß und kalt. Es war kein gutes Gefühl. Es war dieses Gefühl, das einen nie enttäuschte. Das man nur hatte, wenn einem einfiel, dass man etwas sehr, sehr wichtiges vergessen hatte. Und dass es jetzt zu spät war. Das einen traf wie ein Vorschlaghammer.
Genauso hatte sich Tim gefühlt, als er vor zwei Jahren aufgewacht war und gemerkt hatte, dass er seine mündliche Abiturprüfung verschlafen hatte. Nichts hatte er tun können. Zu spät. Es war einfach zu spät und alles Lernen umsonst gewesen. Wütend auf sich selbst und wie betäubt von quälender Hilflosigkeit hatte er am Frühstückstisch gesessen. Dann hatte er geheult vor Wut und Scham. Schließlich hatte er zum Telefon gegriffen und die Nummer seiner Schule gewählt.
„Anne-Frank-Gymnasium, Sekretariat, Sie sprechen mit Frau Heidrichs.“
„Guten Morgen, Tim Maurer hier. Ich wollte mich entschuldigen.“
„Entschuldigen wofür, Herr Maurer?“
„Ich hatte vorhin meine mündliche Prüfung.“
„Ja?“
„Ich … äh …“
„Ja, Herr Maurer?“
Tim öffnete seine verklebten Augen und sah Sterne. Weiße Lichtblitze tanzten, zuckten wild umher, bildeten Muster und lösten sich nur langsam auf. Seine Pupillen weiteten sich. Das Bild, das sie auf Tims Netzhaut warfen, löste tiefe Verwirrung aus, als sein Verstand versuchte, es richtig einzuordnen.
Es war Tag und die Sonne tauchte die Landschaft in grelles Licht. Tim erkannte hohes Gras und ein Stück eines wolkenlosen Himmels. Aber etwas war nicht richtig. Etwas stimmte nicht mit der Welt. Er sah das grüne Gras und den blauen Himmel, aber etwas stimmte mit der Perspektive nicht. Alles war zerteilt, zerstückelt, in winzige Fragmente zerlegt, die zusammen ein Bild ergaben, das einem kubistischen Gemälde ähnelte. Und noch etwas war nicht richtig:
Die Welt stand Kopf.
„Ja, Herr Maurer?“
„Ich … ich hatte einen Unfall.“
To be continued …
