Ich laufe. Genauer gesagt, ich jogge durch New York. Das lässt sich zwar an nichts fest machen, aber ich weiß, dass es New York ist. Als ich an einem Hochhaus vorbei komme, betrachte ich mir die riesige Skulptur, die aus der Wand neben den Stufen zum Eingang ragt. Sie sieht aus wie eine riesige, metallene Banane, die in einen Fischkopf endet. Die Oberfläche ist strukturiert und erinnert mich an verfaultes Holz. Ich betrachte mir die Wand genauer. Die Skulptur ist mit ein paar Schrauben an die Wand geschraubt.
“Menschen kriegen doch alles fertig”, denke ich. Ich versuche weiter zu laufen, doch immer wieder bemerke ich, dass ich wieder gehe und verdoppele meine Anstrengung.
Ich laufe weiter, um die nächste Ecke, dort, ebenerdig, ist eine Art Blumenbeet, das allerdings nur mit schwarzen Steinen gefüllt ist. Als ich mit dem Fuß herein gerate, spritzen ein paar Steine auf die Straße. Ich blicke ihnen nach und bemerke, dass zwischen den Steinen mehrere 2-Eurostücke liegen. Schnell hebe ich sie auf. Vor mir läuft plötzlich eine Frau, die aussieht wie eine Indianerin. Feine Gesichtszüge, schwarze Haare. Sie trägt ein Kleid und streckt mir ihre Hand entgegen wie eine Bettlerin. Ich denke, das es besser wäre, ihr das Geld zu geben, schließlich habe ich es auch nur gefunden. Ich gebe ihr die Hälfte des Geldes.
Die Indianerin und ich laufen nebeneinander. Sie erzählt mir, dass wir gleich an die Stelle kommen, von der aus man nach Wilhelmshaven rüber gucken kann.
Ich sage: “Wir sind in New York, von hier aus kann man doch nicht nach Wilhelmshaven gucken!”
Sie deutet nach rechts und ich folge ihr mit den Augen. Ich blicke über grünes, spiegelglatt liegendes Wasser. In einiger Entfernung ragt ein riesiger Hügel aus dem Wasser, der komplett bewaldet ist, auf dem aber sehr viele Fachwerkhäuser stehen.
Wilhelmshaven, das ist mir jetzt klar.
Wir laufen weiter. Ich will sie etwas fragen, mit ihr reden, fühle mich hingezogen zu ihr.
„Wie heißt du denn jetzt eigentlich?“, frage ich sie.
Sie lächelt mich an und antwortet:
„Büffel“
Wir gehen weiter. Durch eine mit Häusern gesäumte Straße, an deren Ende man über das Meer das Denkmal von Laboe sehen kann.
Auf dem Meer rasen ein bewaffnetes Schiff der Marine und ein Schlauchboot mit der exakt selben Geschwindigkeit zwischen zwei Stangen hin und her.
„Ist das Laboe?“ fragt sie mich.
Gerade als ich ihr mit „Ja“ antworten und von meiner Bundeswehrzeit bei der Marine erzählen will, ertönt eine Alarmanlage.
„War ja klar, wir sind ja auf militärischem Sperrgebiet“, denke ich und wir beginnen zu rennen, rennen die Straße zurück, Sie ist kurz vor mir.
Die Häuser sind verschwunden, stattdessen beginnen riesige Zwillingsgeschütztürme sich auf uns zu richten. In langen Reihen stehen sie und schwenken in die Mitte der Straße, wo wir entlanglaufen.
Ich renne, denke immer wieder:
“Das kann nicht wegen uns sein, die Dinger sind zu groß, das kann nicht wegen uns sein!“
Wir biegen um eine Ecke, alles ist ruhig. Sie ist kurz vor mir. Ich will sie berühren, nehme ihre Hand. Sofort umarmt sie mich. Dann stehen wir uns gegenüber und halten uns an den Händen. Ich blicke sie an und betrachte mir ihr Gesicht, das ich wunderschön finde.
„Und wie heißt du jetzt? frage ich sie.
Sie strahlt mich mit dem bezaubernsten Lächeln der Welt an und antwortet:
„Immer noch Büffel“

2 Kommentare
Steffen
23. Jun 2007
Oh Mann, du hast vielleicht ‘ne Innenwelt!
Konrad
23. Jun 2007
Und dann iss es echt ma kein Wunder, dass ich morgends so fertig bin.
Sigmund Freud hätte mich mit Sicherheit adoptiert…