Und dann sah Tim die Zähne: Zwei große Schneidezähne und einen dicken, flachen Backenzahn. Ein heißer Schauer überlief ihn und sein Gesicht fühlte sich taub an.
Das mussten seine Zähne sein!
Seine Zähne, die da fast schon säuberlich aufgereiht im Dach des umgestürzten Wagens lagen, weiß glänzend in einer kleinen Lache rosaroten Bluts.
Wie betäubt zog Tim unter schmerzhaften Verrenkungen seiner Arme den über ihm hängenden Rückspiegel zu sich heran. Als er sich unter leisem Stöhnen zwang, seine schmerzenden Kiefer zu öffenen, fiel ihm etwas auf. Er hatte es eben bemerkt, ohne sich Gedanken darüber zu machen.
Nein!
Unmöglich!
Das konnte nicht sein!
Der Backenzahn hatte eine Krone gehabt. Aber Tim wusste, dass er keine Kronen hatte. Er hatte gute Zähne. Das sagte ihm sein Zahnarzt bei jedem Besuch!
Er riss den gesprungenen Rückspiegel aus seiner Fassung, vom Schrecken gepackt, und schob seine Kiefer auseinander.
In diesem Moment zerbracht etwas in Tim. Etwas, von dem er nicht gewusst hatte, dass er es besaß. Ein Gewicht löste sich aus seiner Verankerung und stürzte in seinen Magen hinab.
Als er seine gebrochenen Beine aus den verbogenen Pedalen befreite, fühlte er keine Schmerzen.
Als er seinen geschundenen Körper durch die zersplitterte Scheibe presste, fühlte er keine Schmerzen.
Als er durch das Gras kroch, sah Tim Blut. Viel Blut.
Und einen blauen Puma-Turnschuh, in dem ein Fuß steckte.
Tim kannte den Schuh. Er gehörte Mario. Mario war sein besten Freund und lag jetzt zerschnitten und seltsam verrenkt einige Meter neben dem blauen Puma-Turnschuh im saftig-grünen Gras dieses sonnigen Sommernachmittages.
Als Tim aufwachte, bemerkte er, dass man ihm etwas in Nase und Mund geschoben hatte. Im Augenwinkel erkannte er schemenhaft eine Person, die auf einem Stuhl neben seinem Bett saß. Tim zwinkerte und erkannte die Person. Seine Mutter sah alt aus.
Die Zeitungen berichteten eine Woche lang über den “Todesfahrer von Gießen”. Zuerst groß auf den Titelseiten, dann folgten einige Berichte über das Leben von Tim und nähere Details über das “tragische Unglück”.
# # # Seine Mitfahrer, die Jugendlichen Mario S. und Andrea N. waren nicht angeschnallt, als der Wagen aus noch ungeklärter Ursache von der Fahrbahn abkam und sich mehrfach überschlug. # # #
…
# # # Sie wurden aus dem Fahrzeug geschleudert und erlagen noch am Unfallort ihren schweren Verletzungen. # # #
Fünf Monate später berichtete nur noch eine kleine Lokalzeitung in einer schmalen, leicht zu übersehenden Spalte auf der vierten Seite. Tim B., der Fahrer des am Nachmittag des 7. Juni 2006 verunglückten Wagens, sei vom Landgericht wegen fahrlässiger Tötung zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt worden.
# # # Auf Grund der Schwere der Schuld, so die Einlassung des Gerichts, insbesondere der schweren Sorgfaltspflichtverletzung im Hinblick auf die Anschnallpflicht der Mitfahrer des Tim B., konnte die Haftstrafe nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden. # # #
Tim fühlte sich schwach und taub, als er seine Schnürsenkel zusammenknotete. Er konnte nicht mehr weinen, als er sich in seiner Zelle erhängte.
Dies ist der letzte Teil meiner kleinen Fortsetzungsgeschichte.
Zum Nachlesen: Teil 1, Teil 2 oder die gesamte Geschichte.

1 Kommentar
Konrad sagt:
13. Jul 2007
Sehr geil und irgendwie ganz anders als ichs erwartet habe. Gefällt mir sehr gut!!