Doch ein paar Monate später stellte sich mir das Feuer in einer ganz neuen Art und Weise vor. Ich war in einem Zirkus, die Gaukler und Clowns jonglierten mit den Flammen, schleuderten brennende Bälle um sich herum, entzündeten Fackeln und schienen das Feuer verschlucken zu können. In meinem Feuer freilich wären sie unter Schmerzen zusammengebrochen, ihre Zungen hätten sich innerhalb von einer Sekunde so verfärbt, wie Steaks, die zu lange auf dem Grill gelegen haben.
Aber für etwas anderes hatten mir die Gaukler den Sinn geschärft: Feuer, Bewegung und der menschliche Körper in Zusammenspiel.
Schon am nächsten Tag hielt ich es nicht mehr aus, ich wollte jener Macht, jener Schönheit und Stärke, die jedes Feuer ausmachen, einen neuen Schauplatz bieten. Jede noch so kleine Flamme spielt bei mir im besten Theater, jedes Feuer ist es wert, nur das Beste zu bekommen. Das Feuer beherrschte mittlerweile mein Leben, ich konnte keine Woche mehr sein, ohne es anzusehen, es wachsen und fressen zu sehen. Jene knisternde Wärme, die sehr schnell zu einem Tosen wird.
Ich hatte die Frau an der Straße aufgesammelt und mit einem festen Schlag und einem Tritt in den Kofferraum meines Wagens befördert. Ohne Komplikationen kam ich zu dem verlassenen Haus, das ich nun für die Show vorbereitete. Die gefesselte Frau weckte ich, in dem ich ihr die Flamme eines Bunsenbrenners, kleine blaue, unglaublich heiße Flamme, der sich kaum etwas in den Weg zu stellen vermag, an den Fuß und an die Beine hielt.
Das Feuer fraß sich schwarze, tiefe Spuren, schnitt das Fleisch auf und hinterließ nichts als trockene Asche. Mit einem simplen Zischen verwandelte die immer noch gezähmte Macht der Hitze lebendes Fleisch zu totem Müll, Asche, die zu nichts mehr zu gebrauchen war.
Feuer:1, Fleisch:0, wie ich es erwartet hatte. Die Frau wohl nicht, sie weidete sich an ihren Schmerzen, schrie sie heraus und hatte keinen Sinn für mein Tun, für diese wunderbare Erfahrung, die sie erwartete.
Nachdem ich sie mit Benzin übergossen hatte, löste ich ihre Fesseln und flüsterte ihr ins Ohr, dass in dem einsamen Haus, vor dem wir standen eine mit Wasser gefüllte Badewanne auf sie warte, dass sie aber lieber bei mir bleiben solle. Ich wollte sie sehen.
Nach einer zarten Berührung mit dem Bunsenbrenner veränderte sich die Frau. Sie wurde zu einem brennenden Engel, ihre Schönheit war so vollkommen, dass ich sie am liebsten festgehalten und nie wieder losgelassen hätte. Ihre gesamte Körperoberfläche war illuminiert, hell erleuchtet, sie war das Feuer, sie trug es mit sich, sie befreite sich von allem irdischen und wollte eins sein, eins sein mit den Flammen, mit der Urkraft der Welt, mit Leben und Tod.
Sie rannte ins Haus und das Gas, das ich über Stunden eingeleitet hatte, verband sich mit ihr in dem Moment, als sie die Tür öffnete.
Die Mutter aller Flammen, die wir gemeinsam entfesselt hatten, warf mich zurück und versengte mich, schoss in den Himmel, brüllte wie tausend Dämonen und stob aus jeder Öffnung durch die Wände. Heiß, gefährlich. Es regnete brennende Trümmer, die wieder neue kleine Brände legten. Die Hitze der Stichflamme war atemraubend gewesen, diese Macht, diese Stärke. Als ich mir in den Schritt griff, bemerkte ich, dass mir das Feuer eine Erektion verschafft hatte, wie es keine Frau je fertig gebracht hatte. Ich war so glücklich.
Am nächsten Tag las ich die Zeitung. Die Frau wurde vermisst, man vermutete, dass sie das nicht identifizierbare Opfer bei einem Gasunfall in einem abgelegenen Haus war. Aber das Feuer hatte alle Spuren beseitigt.
Feuer:2, Fleisch:0, wie ich es erwartet hatte.
–To be continued—
20. August 2007
von Konrad
Verfasser
Dies ist der zweite Teil der Fortsetzungsgeschichte “Bruder”, den ersten Teil habe ich am 28.04.2007 hier veröffentlicht.