So standen sie da vor mir. Schlecht gekleidet, muskulös und tätowiert. Damals, in den 90ern, voller Mut. So sind wir durch die Tage getrieben, voller Hass und voller Spass. Angst hatten wir keine. Außer vor richtiger Arbeit. Jede Woche, jeden Tag, jede Nacht. Zusammen gegessen, gefeiert, gekifft und getrunken. Geredet wurde nicht viel. Dafür war die Musik meistens zu laut. Wenn ich mich heute daran erinnere, kommt es mir vor wie ein Traum. Etwas zieht die Fäden. Was, das wusste ich nie. Nur Schatten, Umrisse vor den lodernden Flammen, die in unsern Augen stehen. Das Bier schmeckt immer noch. Nachmittage bei Freunden, die man nicht kennt. Verbotene Zeitungen, verbotene Platten. Das Essen hat nie fad geschmeckt. Es schmeckte nach Freiheit und Freundschaft. Wir waren nicht zu zähmen, nur Chaos in den Köpfen. Ich weiß nicht mehr genau, wann es endete. Vielleicht, als alles extremer wurde. Als die Schlägereien langsam unfair wurden. Als nur noch Hass regierte. Als gute Worte und verbotene Platten nicht mehr reichten. Als getan werden musste, was getan werden musste. Jemand musste es schließlicht tun. Und die Welt erlösen, von den Feinden. Nicht von den Hippies; das waren ja immerhin noch Deutsche. Da reichte eine Tracht Prügel meist schon aus. Also genügte es nicht mehr, Angst zu verbreiten. Es musste Terror sein. Die Sachen, die im Strafgesetzbuch unter “Körperverletzung” stehen, hatten einige längst alle durch. Ungestraft, natürlich. Jetzt ging es Schritt für Schritt in den Teil, der mit “Tötungsdelikte” überschrieben steht. Es wurde nichts gesagt, nicht darüber geredet. Es war klar. Alle hatten Angst, das war deutlich zu spüren. Doch die Spirale war nicht mehr aufzuhalten. Es wurde nichts geplant. Es passierte einfach, irgendwann. Soviel war klar. Der ultimative Schritt. Als es dann passierte, war ich schon nicht mehr dabei. Es war mir alles zu abgedreht geworden, zu verrückt, zu krass. Es wiedersprach jeder Vernunft. Aber das hatte es eigentlich schon immer getan. Doch diesen Schritt wollte ich nicht gehen, das war einfach Irrsinn. Die Freunde mit denen ich gegessen, gefeiert und getrunken hatte. Jeden Tag, jede Nacht. Jetzt wurden sie verurteilt, manche zu mehreren Jahren Gefängnis. Ohne Bewährung, das ging nicht mehr, mit den Vorstrafen. Manchmal sehe ich sie noch, zufällig. Sie haben neue Tattoos, aus dem Knast. Hakenkreuze. Manchmal sehe ich sie noch. Sie sind Schatten vor den Feuern, die in unseren Augen brannten.