Ich atme tief durch. Das Besteck liegt bereit, es ist alles in bester Ordnung, es könnte jetzt losgehen. Trotzdem nehme ich den kalten Stahl noch nicht in die Hand. Immer wieder muss ich mich zur Ruhe zwingen. Ich will heute keinen Fehler machen, deshalb muss ich zur Ruhe kommen. Der Weg hierher war heute Morgen schon wieder der reine Stress. Fast hätte ich die Straßenbahn verpasst, die Zeitung war nass geregnet und die neue Mitarbeiterin in der Bäckerei kann sich nicht merken, dass ich keine Butter aber Remoulade auf meinem Frühstücksbrötchen wünsche.
All das kann ich hier jedoch nicht gebrauchen. In diesem Raum muss ich frei von allen Gedanken an mein Privatleben sein. Ich muss hochkonzentriert sein und darf mir keinen Fehler erlauben.
Ich kontrolliere das Besteck ein weiteres Mal. Skalpell, Tupfer, Knochensäge, Pinzette, verschiedene Alkoholika zum Spülen, Klammern um den Brustkorb zu öffnen, verschiedene Spann- und Hebelvorrichtungen. Alles ist so, wie ich es haben will.
Ich ziehe das Fach mit der Nummer 12 auf. Zuerst lese ich das Schild am Zeh der Person. Ich habe mir angewöhnt, immer den Namen zu benutzen und auf Synonyme wie „Patient, Leiche oder Opfer“ zu verzichten.
Der Mann, der nun vor mir liegt, heißt Udo. Udo von Freisingen-Gemein. Auch der Adel scheint hin und wieder einen Todesfall beklagen zu müssen. Ich schalte das Diktiergerät an und fange an, meinen Befund auf das Band zu sprechen.
Udo ist weiß, männlichen Geschlechtes, 35 Jahre, 84 Kilo bei einer Größe von 1,73 Meter. Das Kopfhaar ist ca. 12mm lang und vor kurzem blondiert worden. Ein Ansatz der natürlichen Haarfarbe ist noch nicht zu erkennen.
Ich beginne mit dem äußeren Befund auf der Brustseite. Auffällig sind die vielen Hämatome und kleinen Schürfwunden, die sich über den Brustkorb und die Arme ziehen. Aus dem Gerinnungsgrad des Blutes an den Wundrändern schließe ich, dass diese höchstens einen Tag alt sind. Besonders auffällig ist eine Platzwunde am Hinterkopf. Hier wurde mit einem stumpfen Gegenstand von oben auf den Kopf eingewirkt. Dazu passen die Abschürfungen am linken Ohr. Der Schlag wurde also von rechts nach links geführt und muss Udo zumindest bewusstlos gemacht haben. Auch das ist mindestens 24 Stunden her.
Der rechte Schneidezahn fehlt. Allerdings kein Blut oder Spuren einer Fraktur, das Zahnfleisch ist rosig und verheilt, der Zahn fehlt einige Monate.
Udo trägt ein stabförmiges Piercing in der rechten Brust und ein weiteres, das an der Oberseite der Eichel durch die Harnröhre gestochen wurde.
Udos Knie weist eine starke Schwellung im Bereich des Schleimbeutels auf, ich eröffne mit einer groben Nadel das Knie, Blut und Eiter treten aus, eine Einblutung, die durch einen Sportunfall hervorgerufen worden sein kann.
Ich beschließe, mich zunächst dem Brustraum zu widmen. Mit dem Skalpell setze ich an beiden Schulten den Schnitt an, den ich in Höhe des Brustbeins zu einem Schnitt zusammenführe und bis zum Bauchnabel durchziehe. Mit ruckhaften Bewegungen löse ich das Muskelgewebe mit der Haut von den Rippenknochen ab. Nun zerschneide ich mit der Knochensäge die Rippenbögen und kann, nachdem ich die Fragmente entfernt habe, in den Brustkorb von Udo sehen. Ich löse die Fixierungen an Armen und Beinen.
Gerade hat das Herz seine Arbeit eingestellt und Udo hat zum ersten mal mit dem Geschrei und dem Gezappel aufgehört.

1 Kommentar
Steffen sagt:
17. Sep 2007
Krank! SAW IV !!!