22. Juli 2007

PLACE DE l’ INDEPENDANCE – PORT – GARE

Aufgewacht vom Straßenlärm unter uns. Afrika!
Wir haben es tatsächlich noch geschafft gestern Abend und nach einigen Schwierigkeiten auch das Wasser zum Laufen gekriegt. Frisch geduscht sitzen wir beim Frühstück, als es an der Tür klingelt. Draußen steht ein junger Mann, dem einige Zähne fehlen. In den Händen hält er ein Pappschild, auf dem unsere Namen stehen. Es ist Bayé, unser Taxifahrer. Irgendwie müssen wir uns verpasst haben, am Flughafen gestern Abend. Er hat deswegen ein schlechtes Gewissen und will uns mit dem Pappschild beweisen, dass er tatsächlich dort war, um uns abzuholen. Nach einem kurzen Gespräch fährt er uns um ein paar Ecken in die Rue Jules Ferry zum Geldwechseln und will dafür nichts haben. In der Wechselstube, die gleichzeitig Internetcafé und Telefonzelle ist, haben sie heute kein Bargeld zum Wechseln.

Auf dem Weg zum Place de l’Independance, das geographische und ökonomische Zentrum der Dakarer Innenstadt, sehe ich das Leben hier zum ersten Mal bei Tageslicht und es trifft mich wie ein Blitz. Oder eher wie ein Faustschlag in den Magen. Dies zu beschreiben ist kaum möglich, daher nur soviel: Das hier ist keine fremde Stadt und auch kein fremdes Land. Das hier ist kein anderer Kontinent, sondern ein anderer Planet! Ein anderer Planet in einem weit entfernten Sonnensystem, mit roter Erde, erhitzt nicht von einer, sondern von vielen Sonnen, die die Luft kochen wie heißen Brei. Ein schwarzer Planet, ein lauter Planet, umkreist von Tonnen von Müll. Die ganze Stadt scheint hier auf den Straßen zu sein. Überall stehen, sitzen und liegen Menschen, blockieren und verstopfen die Wege, die ein Meer aus Steinen, staubigen Trümmern und aufgerissenem Asphalt sind. Dazwischen Myriaden Dinge, scheinbar wahllos zu Bergen aufgetürmt oder in windschiefen Bretterbuden gestapelt: Früchte, Gemüse, duftendes Fleisch, Schmuck, Schuhe, Kleider, gefärbte Kleider. Enge Gassen voller winziger Läden, starrend vor Staub und Dreck, mit einem undefinierbaren Angebot von Waren aller Art.
Abgesehen von einigen Markfrauen, die Kokosnüsse, Bananen oder Mangos auf hölzernen Wagen anbieten, sind kaum Frauen auf den Straßen zu sehen. So beginnt der Hindernislauf durch dieses Gewimmel und trotz unserer leichten Leinenbekleidung baden wir schon bald wieder in unserem eigenen Schweiß. Nach einem starken Café au Lait, den der Verkäufer kunstvoll mit schnellen Handbewegungen von einem schmutzigen Becher in den anderen schwenkt, teilen wir uns in einem klimatisierten Restaurant eine Pizza mit Käse. Die Eiswürfel im Glas für die Cola rühren wir nicht an.
Als wir ins Freie treten und mich die dicke Luft mit dem Gefühl, gekocht zu werden umgibt, hat sich etwas verändert auf dem Planeten Dakar. Die Sonnen brennen weiterhin, der Müll umkreist uns in allen Farben und Formen in Papier, Plastik, Glas und Blech … Doch waren wir vorhin noch relativ unbehelligt geblieben von den zahllosen Verkäufern und Bettlern, prasselt es nun mit „Mon Ami …“, „My Friend …“, Schuhen, Armbändern und Millionen von Telefonkarten auf uns ein.

Im Senegal gibt es laut Reiseführer – und die Realität bestätigt das – außer einigen wenigen französischen Touristen und Entwicklungshelfern so gut wie keine Weißen.

In die, die es gibt – in diesem Fall uns – setzen die einheimischen Händler (also praktisch die gesamte Bevölkerung, denn jeder scheint hier irgendeine Art von Gewerbe zu betreiben) all ihre Hoffnung. So werden wir von allen Seiten bedrängt und müssen manchmal die Straßenseite wechseln.
Am Place de l’Independance, einer großen, von Regierungsgebäuden und der architektonisch anspruchsvollen Chambre de Commerce umstandenen Grünfläche, machen wir Rast auf einer Parkbank. Auch hier sind wir: Zwei weiße Kleckse in einem tiefschwarzen Meer. Es vergehen keine 20 Sekunden, bis ein muskulöser Senegalese neben uns sitzt und uns seine Geschichte erzählt. Jeder hat hier eine Geschichte zu erzählen. Freundlich und nett, fast kumpelhaft vorgetragen. Manche glaubwürdig, manche nicht. Aber alle sehr kreativ, auch wenn es am Ende immer auf ein „Cadeau“, also Geld hinausläuft. Unser muskulöser neuer Freund heißt Ali und erzählt seine Geschichte: Er habe 6 Jahre lang in Köln-Mettmann in einer Eisfabrik gearbeitet. Es ist eine glaubwürdige Geschichte, denn er spricht fast fließend deutsch. Von den drei, die uns davor ansprachen, behaupteten alle, nachdem wir uns als Deutsche zu erkennen gegeben hatten, sie hätten drei Jahre lang in „Frankfort“ gelebt, oder einen Onkel dort. Zufall? Wir geben Ali die Hand und kein „Cadeau“ für sein Kind, das vor ein paar Tagen angeblich zur Welt gekommen ist. Wir kaufen auch keinen Armreif von ihm.

In nordöstlicher Richtung trotten wir zum Frachthafen, dem wichtigsten Umschlagplatz für Güter aller Art in Westafrika. Dunkelgraue Wolken ziehen sich am Himmel zusammen. Als wir dort ankommen, ist außer hohen Bergen rostiger Container nichts zu erkennen. Der Hafen selbst ist umgeben von hohen, stacheldrahtbewehrten, Betonmauern. Zu Recht wie sich bald zeigt, denn schon klebt ein „Händler“ an mir, der Unterhemden anbietet und mir dabei penetrant und mit roher Gewalt an den Hosenbeinen zerrt. Auch die Blicke der übrigen Leute sind alles andere als freundlich. Argwohn und Hass kämpfen darin miteinander. Der Bahnhof ist ein schmales, geducktes Gebäude in der Nähe des Hafens, dessen freskenverzierte Front im salzigen Wind abblättert und verblasst. Ein selbsternannter Fremdenführer in einem zerschlissenem Fußballtrikot der jugoslawischen Nationalmannschaft bietet an, uns zum rückwärtig gelegenen Eingang zu begleiten, der offenbar hinter einer staubigen, zugemüllten Gasse liegt. Als wir ablehnen und gehen, ruft er „You are free – this is Afrika!“. „Ohne dich wären wir freier“, denke ich.
Als ich merke, dass meine Sonnenbrille nicht mehr da ist, öffenen sich die Himmelsschleusen und ein Platzregen peitscht in dicken Tropfen auf uns herab.

Abends stehen wir in unserem Viertel, dem Plateau, am „Anse Bernard“. Tief unter uns brandet der Atlantik gegen schroffe, im letzten Tageslicht schwarz-grüne Klippen. Schwalben, Bussarde und große Seeadler kreisen über unseren Köpfen. Das ist Afrika.