Kim zog die Karte durch den Leseschlitz. Mit einem Piepsen sprang das Licht der LED von rot auf grün und die Tür fuhr lautlos zurück. Sobald die Öffnung breit genug war, zwängte er sich in den Raum, in dem nun automatisch die Lichter angingen und klinische Helligkeit verbreiteten.
Kim sah sich um. Das Labor erinnerte an eine verkleinerte Version einer Bahnhofshalle. Die rechteckige Grundfläche mit den hohen Wänden war überspannt von einem halbkreisförmigen Gewölbe, in dem sich neben der Passivbeleuchtung das Hochspannungsstahlnetz befand, mit dem es möglich war, elektrische Ladungen zu bündeln und in einem Lichttunnel zu kanalisieren.
Im Labor selbst standen ohne erkennbares Muster Schreibtische, Versuchsaufbauten und mannshohe Hi-Tech-Elektronik herum, die alle durch Kilometer von Kabelsträngen verbunden zu sein schienen. Auf einem erhöhten Arbeitsplatz in der Mitte, an dem links und rechts Gitterstufen hinauf führten, stand ein Torso, nicht unähnlich einer Schaufensterpuppe ohne Arme, auf einem Ständer. Darüber spannte sich ein nachtschwarzer Anzug.
Kim hielt mit einem Lächeln direkt darauf zu.

Fluchend rannte Becker den Gang herunter. Letztes Jahr hatte er der Geschäftsleitung nahe gelegt, ein Alarmsystem zu installieren, das die Ausgänge verriegelt und alle Schlösser sperrt. Er wollte Knöpfe in den Gängen, um das System auszulösen. Becker hatte Dank für seinen Vorschlag geerntet und seitdem war nichts passiert. Missbrauchsgefahr, war die kurze Erklärung gewesen. Man vertraute auf die bestehenden Sicherheitsvorkehrungen und den Wachdienst, der die Eingänge zu den S3 Labors immer im Auge hatte. Und nur der Wachdienst löste Alarm aus.
Becker sah am Ende des Flures das Büro des Sicherheitsdienstes. Hatten diese unterbelichteten Deppen immer noch nicht bemerkt, dass sich ein Unbefugter mit van Halldebricks Karte Zutritt zu Gott weiß was verschaffte? Wenn der GodAccess eine Tür öffnete, hatten diese fettärschigen Donutfresser gefälligst auf den Bildschirm zu sehen!
Beckers Laune fiel ins bodenlose, er stampfte auf das Sicherheitsbüro zu.

Langsam, ganz langsam glitt der Stoff tiefer. Das Höschen hatte sich nur um Millimeter nach unten bewegt. Julius und Fred gafften mit hohlem Blick und offenen Mündern auf das Bild, das sich ihnen so unverhofft bot. Eine feurige Braut, die von ihrer eigenen Geilheit übermannt wurde und es sich direkt selbst machte. Das würde keiner glauben. Die Braut blickte direkt in die Kamera und lutschte an ihrem rechten Zeigefinger. Julius hörte das Blut in seinen Ohren rauschen.

Kim hatte die Kabel aus den Buchsen gezogen und war dabei, den Anzug anzuziehen. Hose und Stiefel trug er bereits, nun kämpfte er mit dem Oberteil. Alles musste genau sitzen, sonst würde alles keinen Sinn machen. Kim musste sich beeilen, jederzeit konnte die Tür verriegelt werden und dann saß er in einer Falle, aus der es keinen Ausweg gab, Anzug hin oder her. Das Oberteil saß. Kim zog sich die Gesichtsmaske über, griff sich die Handschuhe und spurtete die Treppen herunter in Richtung Ausgang.

Sie konnte es nicht mehr herauszögern, Julius war sich sicher, in den nächsten Sekunden musste dieses geile Stück ihr Höschen an den Knien haben und er würde freien Blick haben. Und sie wollte es, er war sich sicher. Sie wollte, dass er sie betrachtete und es machte ihr Spaß. Und ihm würde es auch Spaß machen. Er kroch fast in den Monitor und hörte Fred neben sich laut atmen.
„Ham’ die euch ins Gehirn geschissen oder was?“
Julius zuckte von dem Schrei, der hinter ihm ertönte so zusammen, dass er mit dem Kopf hart gegen die Mattscheibe des Monitors knallte. Fred musste es ähnlich ergehen, er kippte seitwärts von seinem Stuhl und landete unsanft auf dem Boden.
„Ihr Spastiker sollt hier aufpassen und keine Pornos gucken!“
Becker lief zur Hochform auf. Mit hochrotem Kopf hatte er sich in der Tür des Sicherheitsbüros aufgebaut, brüllend und außer sich vor Wut. Er hatte die beiden Hohlköpfe noch nie leiden können, aber heute Abend hatten sie ihr Grab geschaufelt.
„Seid ihr denn völlig wahnsinnig, ihr habt wohl den IQ eures eigenen Hemdes oder was? Wie kann man nur so doof sein, ihr überflüssiger Haufen primitiver Lebensform, geistlose Fleischhaufen!“
„Herr Becker“, stammelte Julius“ wir haben…“
„Iss mir scheißegal, du lochgeiler Neandertaler, der GodAccess wurde gerade benutzt und zwar nicht von von Halldebrick, also beweg dich und lös den verdammten Alarm aus, bevor ich mich völlig vergesse!“
„Aber…wie..der GodAccess… aber wie…“ Julius blickte zum Monitor herüber. Das Protokoll für den GodAccess blinkte, der Audioalarm war sicher auch losgegangen, aber er hatte es wohl nicht gehört, seltsam…“
„Oh Mann, du hast ne Reaktion wie ’n zugekifftes Faultier, beweg dich endlich!“ Becker brüllte dass die Wände wackelten, Julius wollte sich gerade umdrehen, doch Fred hatte den Knopf schon gedrückt. Ein Signal ertönte, im ganzen Komplex sprangen die Lichter an.
„Endlich!“ stöhnte Becker. „Und jetzt kommt mit ihr Affen, der Typ ist mit Sicherheit im FoLab III, betet für euren fetten Ärsche, dass wir noch rechtzeitig kommen.

Kim hatte den Türöffner betätigt. Langsam fuhr die Tür zurück. Jetzt war kaum noch Eile angebracht, das schlimmste hatte er überstanden.
Er hörte das Signal zu spät. Die Tür surrte wieder zu, schneller, als sie aufgegangen war. Kim reagierte, er sprang, stieß mit dem Becken hart an die Tür. Blitzschnell dreht er sich und stieß sich mit den Armen von der Tür weg. Er zog das rechte Bein nach draußen, doch der linke Fuß steckte noch in der Tür. Hart knallten die beiden Seiten der Tür gegen seinen Knöchel. Der Schmerz durchzuckte ihn und ließ jedes andere Gefühl verschwinden. Kim schrie auf. Unter Aufbietung aller Kräfte versuchte er seinen Fuß frei zu bekommen, doch es gelang ihm nicht. Immer fester und fester drückte die Tür zu.

Julius und Fred hatten ihre Waffen gezogen und folgten Becker, der immer noch jeden Atemzug nutzte, um die Beiden zu beschimpfen. Julius hoffte, dass der Eindringling noch im Labor war, sonst würde Becker ihn vermutlich filetieren. Sie rannten weiter. Plötzlich hörten sie einen Schmerzensschrei, nicht weit entfernt. Der Typ war also noch da. Julius umklammerte die Waffe und sie rannten weiter.

Kim hörte den Alarm, sie würden jeden Moment hier sein, doch er steckte fest. Er stemmte sich mit dem rechten Fuß gegen die Tür und riss mit aller Kraft. Der Fuß kam frei. Kim hörte Schritte, versuchte aufzustehen. Ein gleißender Schmerz überfiel ihn, er konnte kaum auftreten und landete wieder auf dem Boden. Die Schritte kamen immer näher. Becker. Scheiße!

Kim versuchte, auf zu kommen, es gelang ihm unter unerträglichen Schmerzen. Er stand an die Wand gelehnt, als Becker mit zwei Wachleuten um die Flurecke bog.
„Da, das ist er!“ brüllte Becker. „Schießt, schießt ihm in die Beine, los, bevor es zu spät ist!“ Einer der Sicherheitsleute hob die Waffe.
Kim erstarrte. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit. Er griff an die Gürtelschnalle des Anzuges und drückte. Ein leises Surren, so wie das einer anlaufenden Festplatte, ertönte und Kim spürte ein angenehmes Kribbeln.

Sie kamen um die letzte Ecke. Dort stand ein vermummter Kerl an die Wand gelehnt. Julius erinnerte der nachtschwarze Anzug des Eindringlings an einen James Bond Film.
Becker brüllte schon wieder:
„Da, das ist er, schießt, schießt ihm in die Beine!“ Julius hob zitternd seine Dienstwaffe. Der Typ mit dem schwarzen Anzug griff an seinen Gürtel. Julius zögerte einen Moment. Ein leises Surren ertönte, der Anzug schien plötzlich flüssig zu werden, er verlor an Kontur und Schärfe und eine Sekunde später glotzte Julius in einen völlig verlassenen Flur. Der Eindringling hatte sich in Luft aufgelöst!

-wird fortgesetzt-

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