Seb stand kauend am Stehtisch vor der Imbissbude und blickte auf die Menschenmassen, die in einem stetigen Strom an ihm vorbei zogen. Der Tag war eiskalt und seit Tagen fiel ununterbrochen Schnee vom grauen Himmel herab. Trotz der Temperaturen war der Weihnachtsmarkt gut besucht. Die halbe Stadt schien heute hier zu sein und die Kälte mit heißer Wurst und Glühwein bekämpfen zu wollen.
Seb hatte sein Mittagessen, Currywurst mit Pommes, beendet und blickte sich nun nach dem Abfalleimer um. Dieser stand neben der Wurstbude, Seb ging ein paar Schritte darauf zu und stellte fest, dass er fast bis hinter die Bude gehen musste, um diesen zu erreichen.
Nachdem er seinen Abfall entsorgt hatte, blickte er zur Seite. Er blickte direkt auf die Rückseiten der Stände, die hier eine Art Gasse bildeten. Völlig menschenleer und nicht weiter beachtet.
Seb ging ein paar Schritte in die Gasse hinein, er wusste selbst nicht, warum. Bereits nach ein paar Metern drang die Geräuschkulisse des Weihnachtsmarktes nur noch sehr gedämpft an seine Ohren. Seb ging weiter, zum einen, weil er es irgendwie spannend fand, zum anderen hoffte er, vielleicht den Weg durch das Besuchergewühl abkürzen zu können.
Die Buden standen nicht immer im selben Abstand zueinander, Seb drückte sich an Wänden entlang, duckte sich unter den Dächern der Buden und stieg über Anhängekupplungen.
Er war bereits eine Zeit lang gegangen, als er bemerkte, dass die Geräusche des Weihnachtsmarktes überhaupt nicht mehr zu hören waren.
Seb blieb stehen. Ein ungutes Gefühl überkam ihn. Sollte er zurückgehen? Irgendwann musste der Weg aber schließlich auch zu Ende sein. Unschlüssig stand er ein paar Minuten fröstelnd auf der Stelle, entschied sich dann aber dazu weiter zu gehen.
Er atmete leise, schlich hinter den Buden entlang, konnte aber keine Geräusche mehr ausmachen außer der, die er selber machte. Um ihn herum herrschte vollkommene Stille, außerdem wurde es langsam dunkel. Seb ging weiter, schneller und immer nervöser. Den Blick stur vor sich auf den Boden gerichtet stapfte er weiter durch den Schnee, immer bedacht darauf, nicht auch noch hinzufallen.
Als Seb wieder nach oben blickte, bemerkte er dass er nicht mehr hinter Buden entlang ging, sondern in einer engen Seitenstrasse stand, keine Türen und Fenster, zu beider Seiten nur Backsteinwand, die sich nach oben streckte. Seb drehte sich um. Nur die beiden Wände rechts und links, er musste die Buden schon seit einiger Zeit hinter sich gelassen haben. Außerdem war es jetzt fast dunkel und Seb bekam es mit der Angst zu tun. Er blickte auf seine Uhr. Halb drei. Das Mistding musste stehen geblieben sein. Seb hastete weiter, in das Zwielicht hinein. Plötzlich machte er vor sich einen Lichtschein aus. Erleichtert beschleunigte er seinen Schritt. Das konnte nur das Ende dieser finsteren Gasse sein. Gleich würde er an einer belebten Hauptstraße herauskommen und erleichtert feststellen, dass er irgendwie im Kreis gelaufen war oder sonst was. Eine Geschichte, die er fortan immer auf Partys erzählen könnte.
Das Licht am Ende der Gasse kam nicht von der Hauptstraße. Es war eine Sackgasse. Das Licht kam aus den fast blinden Fenstern eines winzigen Ladens, der das Ende der Straße bildete.
Ein Laden? Hier? Seb wunderte sich, ging weiter auf die Fenster zu, aus denen ein goldenes Licht strömte. Als er an dem Laden ankam, blickte er in das winzige Schaufenster. Dort war nichts ausgestellt, Seb blickte auf uralte Bretter, jede Menge Staub und sonst nichts.
Na ja, wo Licht war, waren auch Menschen, vielleicht konnte man ihm hier sagen, wie er zurück in den bewohnten Teil der Stadt kam.
Seb drückte die verrostete Klinke nach unten und betrat den Laden.
Hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Seb fühlte sich, als wäre er in ein Bild von 1920 getreten. Eine uralte Verkaufstheke, eine Kasse mit Leier an der Seite, der Boden und die Wände aus Holz. An der Wand hing ein großes Hirschgeweih, darunter mehrere großformatige Ölbilder.
„Hallo?“ rief Seb. Keine Antwort.
Als er gerade an die Theke herangetreten war, betrat von hinten ein alter, weißhaariger Mann mit Halbbrille den Laden.
„Was wollen sie hier, ich habe sie noch nie hier gesehen?“, fragte der Alte höflich.
„Ja, also um ehrlich zu sein, ich hab’ mich verlaufen, können sie mir sagen, wie ich wieder auf den Zentralplatz komme?“
„Gerne, aber zuerst werden sie sich meine Waren ansehen müssen, wenn sie schon in meinem Laden sind.“
„Gut, aber schnell, es ist schon dunkel und ich…“
„Wir werden nicht lange brauchen.“
Der Alte wuchtete eine große Kiste aus poliertem Holz auf die Theke und klappte sie auf. Es war eine Art Setzkasten, in jedem Fach ein kleines Kistchen. Seb ging näher heran und las die Aufschriften, die in einer altertümlichen Schrift darauf geschrieben waren. Missgunst, Hass, Raserei, Zufriedenheit und Erfolg waren nur ein paar davon. Es waren Hunderte.
„Aaa…haa…“ sagte Seb, „sollen das irgendwelche Heilsteine oder so sein, hören sie, ich will…“
„Heilsteine?“ unterbrach ihn der Alte „halten sie mich bitte nicht für einen Quacksalber, meine Waren sind von allererster Qualität, diese Kästen“, er hob eines vor seine Augen, „enthalten genau das, was ich darauf geschrieben habe!“
„Also ist in dem hier Glück?“, fragte Seb und zeigte auf eines der Kistchen.
„Genau!“ Zufrieden blickte der Alte hinter der Theke hervor.
„Was kostet das Glück?“, fragte Seb.
„Oh, das Glück ist das teuerste von allen, 800 Euro die Unze, aber Missgunst ist heute im Angebot, nur 3Euro!“
„Und wie soll das funktionieren?“
„Was, das ist ja wohl das einfachste, wenn man es kauft, dann hat man es, es funktioniert, da brauchen sie sich keinen Sorgen zu machen!“
Seb wurde der Alte, der offensichtlich einen Schaden hatte, unheimlich.
„Hören sie“, setzte er an, „Sagen sie mir bitte, wie ich wieder in die Stadt komme, ich habe kein Interesse an ihren Drogen und ich…“
„Drogen?“, polterte der Alte los, „Ihr denkt wohl, ihr wisst alles, hier haben wir die reinsten Gefühle der Welt, destilliert über Jahre, mit Garantie, sie funktionieren immer, Drogen, was ein Mist, endlich Gewalt über die eigenen Gefühle haben, das ist es. Dazu noch zu einem Spottpreis.“
Der Alte schrie nun und bei jedem Wort versprühte er einen feinen Nebel aus Speichel über Seb. Er schien außer sich zu sein und beschimpfte Seb nach allen Regeln der Kunst.
Seb drehte sich um, wollte zur Tür hinaus, doch als er sich umgedreht hatte, stand er wieder vor der Theke des Alten. Wieder drehte er sich um nur wieder in das Gesicht des Alten zu blicken. Dieser lachte nun, ein hohes, meckerndes Lachen, das sich immer mehr steigerte und immer lauter wurde.
„Chance verschenkt, unmündiges Menschlein“, schrie der Alte, „Hättest dein eigener Herr sein können, jetzt bist du wieder ein Schaf unter Schafen, bis der Schäfer einen Braten aus dir macht und du kannst nichts mehr dagegen tun, du Wurm! Nicht mal eure Gefühle wollt ihr in die eigene Hand nehmen, wie jämmerlich!“
Seb wurde es immer heißer, außerdem breitete sich ein bestialischer Gestank in dem Laden aus.
Der Laden drehte sich um ihn, die schrille Stimme das Alten hallte wie ein Echo tausendfach in seinem Kopf, der Boden bewegte sich, ihm wurde schlecht und immer wieder hörte er das Meckern das Alten.
Seb wurde schwarz vor Augen.
Als er die Augen öffnete, stand er am Tisch vor der Imbissbude, die Pappschale noch vor sich. Verstört sah er sich um. Nichts hatte sich geändert, es war so, als ob er nur kurz die Augen geschlossen hätte.
Er nahm die Schale und ging zu dem Mülleimer. Keine Gasse, kein Weg hinter den Wagen, nur die Rückwand der benachbarten Glühweinbude erwartete ihn hier.
Seb schüttelte mit dem Kopf. Er musste kurz eingenickt sein, Glühwein konnte einem eben ganz schön zu Kopf steigen. Er wollte nichts wie nach Hause.
Als er glücklich in der U-Bahn saß, hatte er den Traum schon fast vergessen. Trotzdem zuckte er plötzlich wie von einem Stromschlag getroffen zusammen. Für einen kurzen Moment hatte er den Alten im dunklen Tunnel stehen sehen.

14 Kommentare
Gisela sagt:
6. Jan 2008
Naja, ein Stück weit entfernt isses ja doch noch…. der Rhein bei Oppenheim war da viel näher… mittlerweile bin ich aber auch nicht mehr in Nackenheim… Strato verpaßt es gerne, bei Denic die Adresse zu aktualisieren *gg*
FLiP sagt:
5. Jan 2008
Na ich dachte, weil der doch in der Nähe von Nackenheim ist. Iss ganz schön da, war mal mit dem Konrad da.
Wenn man sie vorne Absägt, dann passt sie auch unter ne normale Jacke.
Gisela sagt:
4. Jan 2008
Hallo FLiP: Am Eicher Altrheinsee? Ich glaube nicht. Wie kommst Du darauf?
Klar, ne Pumpgun ist schon praktisch, aber so auffällig… da braucht man ja immer einen langen Mantel…
FLiP sagt:
3. Jan 2008
Hallo Gisela.
Na ja, so ne Pumpgun ist manchmal praktisch… Warst Du eigentlich schonmal am Eicher Altrheinsee?
Gruß FLiP
Steffen sagt:
3. Jan 2008
10ter! ;)
Gisela sagt:
1. Jan 2008
Nein, ich kenne FLiP nicht. Der hat immer ne Pumpgun dabei?
Nilsbär sagt:
28. Dez 2007
@Gisela: Kann das sein, dass du Flip nicht kennst?
Gisela sagt:
27. Dez 2007
Gruselige Geschichte, aber wirklich total weihnachtlich wegen dem Weihnachtsmarkt, da haste Recht, Konrad…
@FLiP: Hatte der überhaupt eine Pumpgun dabei??? Also ich nehm die nicht auf den Weihnachtsmarkt mal so eben mit…
Konrad sagt:
26. Dez 2007
Und dann?
FLiP sagt:
25. Dez 2007
Geil! Aber warum hat der Typ net einfach Hass gekauft, seine Pumpgun rausgeholt und dem Alten den Schädel weggedonnert? Dann hätte er die restlichen Gefühle kostenlos mitnehmen können…
Steffen sagt:
25. Dez 2007
Naja, hast recht, es stört beim Lesen.
Aber soviel Festlichkeit muss nunmal sein!
Nilsbär sagt:
25. Dez 2007
Eure Geschichten sind echt immer die Zeit zum Lesen wert. Aber die Schneeflockeneffekte haben mich eben fertig gemacht. Dachte zuerst, ich hab ne Blattlaus oder so unterm Display, bis es immer mehr wurden und ich chekcte, dass das nen Effekt ist…
Konrad sagt:
24. Dez 2007
Vorallem weihnachtlich! Immerhin kommt ein Weihnachtsmarkt drin vor…
Steffen sagt:
24. Dez 2007
Super Geschichte, spannend und weihnachtlicht!