21.10.
Regen, Sturm. Den ganzen Tag nur Regen und Sturm. Der Oktober zeigt seine hässliche Seite.
Letzten Winter bin ich, glaube ich, sehr krank geworden. Der Himmel ist nicht mehr hell geworden und die Sonne hat zwar geschienen, doch fehlte ihre Wärme. Das ganze Leben war traurig und kalt und nicht mehr zu ertragen. Mit meinen letzten Freunden habe ich es mir verdorben in dieser Zeit. Sie sagten, ich würde sie krank machen und ich bräuchte dringend Therapie. Das hat mich sehr verletzt. Meiner Stimmung half es nicht gerade auf die Sprünge. An Weihnachten war es besonders schlimm. Ich erinnere mich an diese Zeit nur noch an einen Schleier aus Angst und Traurigkeit. Seltsame, archaische Gefühle haben mich zu dieser Zeit beherrscht. Gefühle, die ich nie wieder fühlen möchte. Ich habe seltsame Gedanken gedacht in dieser Zeit. Trugbilder beherrschten mein Leben. Plötzlich bildete ich mir ein, mein Kollege an meiner Arbeit wolle mich vergiften. Die Angst vor seinen heimtückischen Anschlägen wurde so groß, dass es mir schließlich nicht mehr möglich war, zu arbeiten. Mein Arzt, ein Freund von früher, schrieb mich immer wieder krank, weil er der Ansicht war, ich wäre überarbeitet. Ich glaube mittlerweile, dass er kein besonders guter Arzt ist.
Der Frühling und der Sommer jedoch fegten diese bösen Gefühle schließlich hinweg, ich suchte mir einen neuen Job und mein Leben habe ich wieder im Griff.
Jetzt ist der Herbst da. Ich fürchte mich vor der Dunkelheit. In dieses Tagebuch werde ich alles eintragen, was mich bewegt. So kann ich zu jeder Zeit nachlesen, ob sich mein Zustand wieder ändert. Wenn ich bemerke, dass ich wieder in die Traurigkeit des letzten Winters rutsche, so werde ich mir Hilfe suchen. Das hier ist meine Therapie. Diese Chronologie meines Geistes wird mir helfen, das Dunkel, das der Winter mit sich bringt früh zu erkennen und im Keim zu ersticken.
22.10.
Sonne, kalt, leichter Wind
Schon heute Morgen Habe ich daran gedacht, dass ich heute Abend in dieses Buch schreiben muss. Den ganzen Tag habe ich mir Gedanken darüber gemacht. Was passiert, wenn ich nichts mehr zu schreiben weiß? Was ist wichtig und was ist unwichtig? Ich bereue meinen Entschluss bereits, aber jetzt, wo ich ihn gefasst habe will ich das Schreiben nicht nach einem Tag schon aufgeben. Bis zum Sommer. Bis zum Sommer muss ich es noch machen. Vielleicht auch nur bis zum Frühling. Die Sonne wird kommen. Und wenn die Sonne kommt, dann wird diese Buch gehen. Und mit ihm alle dunklen Gedanken an den Winter.
23.10.
Ist es wichtig, zu schreiben, dass ich mich mit der Frau beim Bäcker angelegt habe? Soll ich nun schreiben, dass mir der ganze Tag versaut war, weil sie mir einen ganzen Euro zu wenig zurückgegeben hat? Es war Absicht, da bin ich mir sicher. Bestimmt konnte sie mich noch nie leiden, 0obwohl ich jeden Morgen komme und bei ihr einkaufe. Bestimmt hasst sie mich.
Doch was soll das, nicht trübsinnig werden. Geht es schon wieder los? Nein, nein, ich war nur in Rage, unüberlegt. Das Tagebuch zeigt mir die dunklen Gedanken auf. Gut so. So sollte es sein. Morgen werde ich wieder zu genau dem Bäcker gehen. Schließlich macht jeder Fehler. Das Aufschreiben in einem Tagebuch war eine gute Idee. Ich glaube, ich habe die dunklen Gedanken im Griff.
29.10.
Sonne, warm
Ich habe ein paar Tage übersprungen, doch das ist egal. Mir geht es gut, alles ist bestens, war wohl eine Ausnahme im letzen Winter.
Was soll ich noch mehr schreiben?
Mein Name ist A. Dieses Buch ist nicht komplett, also warum sollte es mein Name sein? A geht es gut, er führt ein ganz normales Leben, geht jeden Tag zur Arbeit und trinkt Abends sein Bier in der Wohnung ganz oben unterm Dach. Punkt.
12.11.
Das Wetter ist mir völlig egal.
Heute ist einen neue Nachbarin in die Wohnung genau neben meiner eingezogen. Ich habe sie gehört, wie sie die Möbelpacker angewiesen hat. Später habe ich sie durch den Spion gesehen. Sie ist wunderbar. Sie trug eine hautenge Jeans und eine mindestens ebenso enges Oberteil. Ihre langen, blonden Haare umspielen ihr zartes Gesicht wie ein Heiligenschein. Mir geht es gut. Ich wohne neben einem Topmodel. Ich hoffe, sie wird sich vorstellen. Ich hoffe, sie hat keinen Freund, denn ich hoffe, ich werde genau das werden.
Ich weiß nicht mal wie sie heißt. Jedes Mal, wenn ich durch den Flur gehe, hoffe ich, sie zu treffen.
14.11.
Sie hat immer noch kein Schild an die Klingel gemacht. Weder an ihrer Wohnung noch am Hauseingang. Ich habe extra mehrmals nachgesehen, aber da war nichts. Vielleicht ist sie noch mit dem Auspacken der ganzen Umzugskisten beschäftigt. Ich kann sie hören. Sie scheint allein zu leben. Das Radio läuft die ganze Zeit und sie klappert mit ihren Sachen herum, schlägt Nägel in die Wand oder sieht fern. Sie sollte wirklich ein Schild an die Klingel machen, wie soll sie denn sonst jemand sie finden. Der Besuch würde ja zwangsläufig falsch klingeln bei so einem großen Haus.
Ich stelle mir vor, dass sie ihr Bett genau an dieselbe Stelle gestellt hat, wie ich meins. Nur eben auf der anderen Seite der Wand. Es ist fast so, als würden wir im selben Bett schlafen. Es liegen nur ein paar Zentimeter neben uns. Eine schöne Vorstellung.
Sobald sie ein Schild an der Klingel hat werde ich herüber gehen und sie ansprechen. Es fällt mir leichter jemanden anzusprechen, wenn ich den Namen vorher schon weiß.
20.11.
Etwas stimmt mit ihr nicht. Sie hat kein Schild an der Tür, niemand besucht sie. Das ist doch ungewöhnlich. Ich hatte heute frei und habe mich in der Nähe des Spions aufgehalten, immer beriet, beim kleinsten Geräusch nach draußen zu blicken und sie zu sehen. Nur einmal war ich auf dem Klo, genau in dem Moment ist die mir entwischt. Ich war nicht schnell genug an der Tür. Den Rest des Tages habe ich eisern gewacht, doch sie ist nicht mehr zurückgekommen. Sie geht mir aus dem Weg, weiß, dass ich erkannt habe, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung ist, wenn ich doch nur drauf käme, was das ist. Mir geht es gut, aber es würde mir bessert gehen, wenn ich das fehlende Puzzleteil endlich hätte. Was stimmt nicht mit dieser Frau? Ich übersehe das Offensichtliche, ich muss nachdenken.
21.11.
Sie muss zurückgekommen sein, als ich geschlafen habe. Ich höre ihr Radio. Ich höre sie telefonieren. Leider musste ich zur Arbeit, zu doof. Sie passt die Momente ab, wenn ich nicht da bin. Was sie wohl treibt, wenn ich nicht zu Hause bin? Ob sie in meine Wohnung kommt?
Was stimmt bloß nicht mit ihr? Sie hat immer noch kein Schild an der Tür. Will sie nicht erkannt werden?
Ich werde dich schon noch durchschauen!
22.11.
Heute Morgen, endlich die Erkenntnis: Sie wäscht sich nicht!
Ich höre sie bei allen Tätigkeiten, aber noch nie habe ich das Rauschen einer Brause bei ihr gehört. Sie ist unrein. Sie wäscht sich nicht. Das war es also, was meiner scharfen Wahrnehmung unbewusst nicht entgangen ist. Sie duscht nicht. Sie ist dreckig!
Gut, es könnte ein Zufall sein. Sie könnte es immer dann tun, wenn ich unaufmerksam bin, oder nicht da. Ich sollte mich nicht so reinsteigern, sonst werde ich wieder krank. Nein, mir geht es gut, ich habe nur eine dreckige Nachbarin.
23.11.
Sie verließ das Haus kurz vor mir, aber sie war nicht im Bad. Keine Zahnbürste, keine Dusche. Das ist es also! Warum macht sie das?
Als ich zurückkam, bemerkte ich den Gestank das erste Mal. Sie stinkt. Ihr ungewaschener Körper dünstet pestilenzartigen Gestank aus, der sich wie altes Friteusenfett auf die ganze Umgebung legt. Die stinkende Schlampe will alles mir ihrem Dreck versauen. Sie muss ja stinken, sie wäscht sich nicht. Morgen werde ich es genauer untersuchen.
24.11.
Sie duscht nicht! Den ganzen Tag habe ich mit einem Glas an der Wand gestanden. sie hat kein Wasser benutzt, keine Zahnbürste, aber sie war da! Diese Sau!
Der Geruch schleicht sich auch in meine Wohnung, langsam kriecht er in die Ritzen und legt sich auf alles wie die stinkende Decke eines Obdachlosen. Ich werde sie beobachten, das ist jetzt wichtiger als alles Andere, ich werde sie beobachten, ununterbrochen. Ich habe mir Dosenmais, Wasser und einen Eimer besorgt und gehe auf Horchstation und werde mich nicht wegbewegen. Schlampe! Du dreckige Schlampe, wenn ich kein Wasser bei dir höre, dann muss ich andere Saiten bei dir aufziehen, du Miststück!
01.12.
Der Mais und das Wasser sind alle, der Eimer randvoll, geschissen und gepisst. Mein Körper zittert, doch ich habe endlich den Beweis: Sie ist der unreinste Mensch der Welt. In meiner Bude hat sich ein mörderischer Gestank ausgebreitet. Alles von dieser Schlampe. Ich will gar nicht wissen, wie es da drüben sein muss. In ihrer Nähe, dem Zentrum der Pest, dem faulenden, eitrigen Atem des schimmelnden Fleisches! Sie sollte bestraft werden, oh ja!
Sie sollte alles heimgezahlt bekommen.
02.12
Der Gestank! Ich kann mich kaum bewegen wegen dieses bestialischen Gestankes! Sie verpestet die ganze Welt, diese Brutstätten aller Krankheiten! Schlampe!
Strafe! Vergeltung für das, was ich hier durchmachen muss.
Unreine Drecksau Schimmelpest!
03.12
ICH ICH ICH ICH ICH ICH ICH NUR ICH ALLEIN! ICH WILL LEBEN ICH WERDE STERBEN WEGEN DIESER VERDAMMTEN SAU!!!!!!!!!!!
04.12
Ich habe ihre Tür gehört. Sie kam auf den Flur. Mit dem Eisenrohr in der Hand habe ich dieser Pest ein Ende bereitet. Ihr Gehirn lag plötzlich überall im Flur. Ich habe ein Exempel statuiert. Ich habe ihr Blut an der Wand verteilt. Auch das Gehirn, es war noch warm. So kann nie wieder das Grauen in die Wohnung neben meiner einziehen.
Der Gestank ist weg. Mir geht es immer noch gut. Keine bösen Gedanken mehr seit der Bäckersfrau. Das ist gut. Sehr gut. Den nächsten Winter überstehe ich spielend. Ich bin komplett im reinen mit mir selbst. Ein schönes Gefühl.

1 Kommentar
Steffen
14. Jan 2008
Oh Mann! Beängstigend, aber so könnte sich sowas wirklich abspielen.