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Tag 3 – 23. Juli 2007
NGOR – MEDINA

Heute ist Strandtag. Nach einem schnellen Frühstück mit türkischem Kaffee rufen wir Bayé an, der uns nach Ngor bringen soll, einem Streifen Strand am anderen Ende von Dakar. Zwei Minuten später steht er grinsend vor der Tür. Die Fahrt geht entlang der Küstenstraßen gen Norden. Hier reihen sich die Baustellen wie in einer Perlenkette hintereinander auf. Staub liegt in der milchigen Luft. Luxushotels mit Meerblick, gebaut von Saudis für Europäer, entstehen hier, erklärt Bayé. Es riecht nach frischem Teer und überfahrenen Tieren. Hunderte Greifvögel schweben am Himmel, kreisen in ihren Bahnen. Die abgasgeschwängerte Luft ist hier unten kaum zu atmen. Nur widerwillig atme ich den stickigen grauen Dunst ein, der einen klebrigen Schleier auf den Lungen zu bilden scheint. Die „Corniche Ouest“ beschreibt jetzt einen Schlenker nach Osten, weg von der Küste und durch das Quartier Medina. Es ist ein Armenviertel, vor dem uns alle bisher gewarnt haben, einen Fuß hierhin zu setzen. „C’est la bas!“ ruft unser Fahrer und deutet auf eine Reihe grünlich-gelber Bauten ohne Fenster. Er lebt auch hier.

Medina ist nach Dakar ein eigener Planet und von Europa Millionen Lichtjahre entfernt. Hier endet der Asphalt der Straßen in zahllosen engen Gassen, in die die heißen Winde Abfälle pusten. Kahle Häuser, Trümmer, Schmutz, schwarze Menschenmassen, viele in Lumpen. Kranke, traurige Hunde am Straßenrand, halb verhungert. Klapprige, von mageren Eseln und Pferden gezogene Karren holpern durch die Straßen neben uns. Medina sieht aus, als hätte jemand eine Atombombe über einer mittelalterlichen Kleinstadt gezündet. Überall tuckern von oben bis unten bunt bemalte Kleinbusse und Transporter und spucken schwarze Wolken aus. An ihnen hängen die Fahrgäste außen wie Trauben, halten sich lässig mit einer Hand fest und wirken dabei seelenruhig und völlig entspannt. Manche starren uns aggressiv an, angriffslustig beinahe, und schlagen beim Überholen auf das Dach unseres Taxis ein. Diese Gegend sollten wir tatsächlich, bei aller Abenteuerlust, nur im relativ sicheren Taxi durchqueren. Als wir Medina verlassen, passieren wir, zurück auf der Küstenpassage, die beiden stolz aufragenden Türme der Großen Moschee, die nachts effektvoll und weithin sichtbar angestrahlt werden. Daneben liegt weiter nördlich auf einem Hügel der festungsartig angelegte Leuchtturm Dakars. In Ngor erreichen wir die Nordspitze der Stadt. Hier liegt, verborgen hinter einem Labyrinth aus winzigen Garküchen und Grills, auf denen heißes Hammelfleisch und frischer Fisch brutzeln, der Strand.

Wir nehmen uns einen Platz mit Sonnenschirm und bunten Matten und verbringen den Nachmittag mit Lesen und Baden. Es wimmelt hier von Kindern, die ausgelassen im Wasser toben und uns unverhohlen und mit großen Augen anstarren. Uns, die Toubabs, die Bleichgesichter, die Weißnasen. Wesen von einem anderen Stern. Überhäuft mit Luxus und unermesslich reich. Allein unsere Hautfarbe erzeugt hier Neid und schürt Bewunderung, Verachtung und Hass. Ist Zündstoff und Auslöser für Träume, Hoffnungen und Vorurteile. Wir beiden Wesen, Ureingeborene vom Planeten Europa, fern und unerreichbar für die meisten hier. Der größte Teil der so genannten „Boat People“, die die Überfahrt nach Gibraltar oder zum spanischen Festland auf löchrigen, seeuntüchtigen Booten wagen, kommt aus dem Senegal. Hunderte und tausende von ihnen kentern in Seegang und Sturm und werden verschluckt vom tiefen Meer. Fern der Heimat, fern der Ferne, die Hoffnung verhieß. Diese Menschen kämpfen und sterben für das, was uns Europäern schon in die Wiege gelegt wurde. Was wir als unser natürliches, ganz selbstverständliches Recht ansehen: Strom, fließendes Wasser, gesundheitliche Versorgung, Bildung und Arbeit.

Als wir an diesem Abend in einer schmutzigen Garküche über unserem Chawarma sitzen, verstehe ich, warum sie uns so ansehen.