25. Juli 2007
KERMEL-MARKT – MOHAMED – SEPT PLACE – SPERLINGE

Afrika - Ein Reisetagebuch
Mohamed hat gestern Abend angerufen. Er ist im benachbarten Mali geboren und lebt an der Südspitze der Halbinsel, die Dakar im Atlantik bildet, in Cap Manuel. Wir verabreden die große katholische Kathedrale als Treffpunkt, die von außen in hellem weiß erstrahlt. Vier stilisierte Jesus-Ikonen prangen an dem wuchtigen, modernen Bauwerk. Innen die obligatorischen hölzernen Bankreihen, ein Ventilator für jede halbe Reihe. Die Kirche ist bis auf ein halbes Dutzend Gläubige leer, in der Kuppel ein riesiges Auferstehungsgemälde – Black Jesus.

Draußen treffen wir Mohamed. Er sieht jung aus, Anfang zwanzig vielleicht, und trägt das Trikot von Lukas Podolski. In einem kalt klimatisierten Café trinken wir teure Cola und Mohamed bekommt seine Geschenke: Cds von Elvis, Elton John und Bobby Whinton, die ich ihm in Deutschland gebrannt habe. Fotos, einen Plüschhund und ein Paar Schuhe. Wir unterhalten uns in einer wilden Mischung aus Französisch und Pidgin-English über Dakar und Fußball. Mohamed mag Bayern München und den FC Chelsea. Ballack ist sein Lieblingsspieler. Er selbst spielt in jeder freien Minute am Strand und hofft, dort entdeckt zu werden und über den Fußball nach Europa zu kommen. Aber dafür ist er wohl schon zu alt. Ich frage, ob er Lust hat mit uns durch die Stadt und über den Markt zu gehen. Er hat.

Afrika - Ein Reisetagebuch
Auf dem Weg kaufe ich eine neue, braun getönte und garantiert gefälschte Ray-Ban Sonnenbrille von der Motorhaube eines Autos. Sie kostet 8.000 FCFA. Weil Mohamed dabei ist, zahle ich 1.500. In den zur Mittagszeit zum Bersten gefüllten Gassen werden wir diesmal kaum behelligt. Wir, die Toubabs mit dem schwarzen Freund. Das eindrucksvoll gemauerte und schmiedeeisern verzierte, von Gustav Eiffel entworfene Eingangstor zum Kermel-Markt ist ein schwarzes Loch mitten in dieser Stadt und enthüllt neue Seiten, Lichter und Schatten des Planeten Dakar: Kühle, dicht gedrängte Tische und Ablage, mannshoch verstopft mit verderblicher Ware, grell beleuchtet von blankem Neon und Glühbirnen. Es riecht stark nach Fisch und süßlichem, leicht verwesten Hammelfleisch. Berge von rohem Tintenfisch, rotem und weißem Fleisch, Rinderhälften und Innereien stapeln sich auf blutigen Tischen, Schwärme von Fliegen darauf. Zuckende Krebsleiber in hohen Haufen, hoffnungslos mit den Scheren ineinander verkeilt. Wir feilschen um ein paar Tomaten, Paprika und Zucchini für ein Ratatouille heute Abend, umgeben von bettelnden Kindern mit großen Augen. Wir erzählen Mohamed, der uns sicher durch das chaotische Straßengewirr führt, von unserem Plan, einen Abstecher in die etwa 260 Kilometer nördlich gelegene Stadt St. Louis zu unternehmen. Er meint, eine Taxifahrt dorthin sei zu teuer und wir schwenken Richtung Busbahnhof, um dort den Preis für eine Fahrt in den nächsten Wochen auszuhandeln. Unterwegs passieren wir den Güterhafen und gelangen über den Place de Casablanca hinter die Fassade des Bahnhofs, wo Händlerinnen aus Mali Nüsse und tonnenweise importierte Mangos feilbieten. Mohamed kauft eine große Tüte rötlicher, weicher Früchte, die an Traubenzucker erinnern und köstlich im Mund zergehen. Wir folgen den Schienen nach Norden und sehen keinen einzigen Zug. Außer einigen Obdachlosen ist hier niemand zu sehen, als uns ein alter Mann entgegenkommt.

Er lächelt uns an – in der Hand hält er einen Bambuskäfig mit kleinen Vögeln, vielleicht Sperlingen, die aufgeregt darin umherflattern und auf den Bambussprossen auf und ab springen. „Do you want to?“, fragt Mohamed. „Qui.“ Der Alte gibt uns zwei der winzigen Tiere, die wir behutsam in Händen halten. Dann lassen wir sie fliegen und geben ihnen ihre Freiheit zurück. „You are free – this is Africa.“

Die Sonne schimmert blass hinter milchigweißen Wolken, als wir in ein weitläufiges Trümmerfeld gelangen. Mittendrin brennt ein Feuer und überzieht die Gegend mit grauem Qualm, der nach Holz riecht. Auf dem Boden sind noch die Umrisse der Fundamente von kleinen Häusern und Hütten zu erkennen. Darin zermalene Steine, Möbelgerippe und Müll. Das hier war eine Wohnsiedlung, ein Slum, illegal gebaut und von Bulldozern zerstört. Die Stadt will das Bahnhofsgelände ausbauen. Unter dem einzigen Baum der hier noch steht, sitzt eine vielköpfige Familie inmitten des Qualms. „You are free – this is Africa.“

Mohamed besorgt Tee für einen kranken Freund, der sich offenbar am Fuß verletzt hat, wobei mir nicht ganz klar wird, wie ein Tee dabei helfen soll. Am Busbahnhof entscheiden wir uns dann für ein Sept Place, nachdem wir die Busse gesehen haben. Einen Peugeot-Kombi mit 7 Plätzen. Später sitzen wir auf einer staubigen Holzbank in der Rue Petersen, einem Industrieviertel, das nach Ruß und Öl riecht. Wir trinken die Milch aus Kokosnüssen, die der Verkäufer mit der Machete und geübten Handgriffen für uns öffnet. Ist die Kokosmilch getrunken, schlägt er die Nuss in zwei Hälften, so dass man das saftige Fruchtfleisch mit einem Stückchen Holz herauskratzen kann. Nach einem langen Marsch in der sengenden Sonne sind wir wieder an unserem Ausgangspunkt angelangt und verabschieden uns von Mohamed, nachdem wir uns für alles bedankt haben. Er meldet sich auf dem Handy, sagt er.
Auf dem Weg zu unserem Wohnung in der Rue Klebér sehen wir einen jungen Afrikaner mit dreckigen Klamotten. Auf seinem T-Shirt steht in weißen Lettern und auf deutsch: „Wem die Scheiße bis zum Hals steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen.“ Ich frage mich, ob er weiß, wie nahe dieser Aufdruck der Wirklichkeit seines Schicksals kommt.

Der lange Tag hat uns müde gemacht und nach einem fantastischen Ratatouille kriechen wir müde unter unser Mosquitonetz.