Ben atmete tief ein und bückte sich zur Schublade für die Weinkühlung hinunter. Er machte in Gedanken einen Strich auf die „Pinne-Kritsche-Liste“. Dies war soeben Nummer eins für diesen Abend gewesen.
Seit Ben in dem kleinen Bistro arbeitete, das neben Bier, Schnitzel und Salat vor allem italienische Spezialitäten anbot, hatte er sich schon einige, teilweise sehr kreative, Wortneuschöpfungen der Gäste anhören müssen. Neben den „Standards“ wie „Expresso“, „Latte Mattschato“ und dem bereits erwähnten „Pinne Kritsche“, was eigentlich ein Pinot Grigio sein sollte, hatten es vor allem das „Tschiabatta“ und die berüchtigten „Knottschis“ geschafft, auf Bens Liste ganz oben zu stehen. Jeden Abend, wenn er im „Tolucci“ stand, zählte er erst, wie lange es dauerte, bis die erste verballhornte Bestellung kam, dann zählte er nur noch mit. Das Ergebnis bezog sich natürlich nur auf seine Schicht. An einem guten Abend kam er so auf die ansehnliche Zahl von 30min zu 12mal. Ein 30/12er Abend, wie Ben es für sich nannte.
Heute allerdings konnte er einen besseren Schnitt erreichen, denn der Typ mit dem schlechtsitzenden Anzug an der Theke hatte das Spiel bereits nach 22 Minuten eröffnet. Es war ein Samstagabend und Ben hatte die Schicht „bis zum Ende“.
Mit einem Lächeln stellte er dem Anzugträger den Weißwein vor die Nase und verschwand dann in der Küche, um die Bestellung, einen kleinen Salat mit Pute (keine Knottschis, dass wäre schon der zweite Punkte vom selben Gast gewesen…) aufzugeben.
Ben studierte Architektur. Um sein spärliches BAföG aufzubessern, hatte er vor zwei Jahren den Job im „Tolucci“ angenommen. Seitdem stand er hier an drei Abenden in der Woche und machte sich über die sprachlichen Unzulänglichkeiten der Gäste lustig. Natürlich ohne, dass diese etwas davon bemerkten. Wenn er ehrlich war, arbeitete er gerne hier. Die Gäste waren zum Großteil angenehm, das Durchschnittsalter war relativ hoch, was im Endeffekt aber nur bedeutete, dass der ganze Ablauf eines Abends etwas gediegener war. Die Gäste konnten tatsächlich ein paar Minuten auf ihr Bier und das Essen warten und Jugendliche Gruppen, die immer alles einzeln bestellten, so dass er laufen musste wie verrückt, verirrten sich zum Glück nur selten hier her.
Ben schätzte die ruhige Atmosphäre des in terrakotta gehaltenen Interieurs und saß auch außerhalb seiner Schicht gerne hier, lernte, las oder unterhielt sich mit den Kollegen und Kolleginnen.

Als Ben wieder an seinen Platz hinter der Theke zurückkehrte, stellte er fest, dass sich in der Zwischenzeit ein weiterer Gast an die Theke gesetzt hatte.
„Guten Abend, Herr König“ begrüßte Ben den Mittsechziger an der Theke, „Wie immer?“
Der hagere Mann mit der Geiernase brummte ein unverständliches
„N’ahmd, ja wie immer“ zurück und wendete sich wieder der Zeitung zu, die er sich von der Theke geangelt hatte.
Heinz König war der lebende Beweis dafür, dass es nicht reichte, ein erfolgreiches Buch zu schreiben. König hatte vor vielen Jahren den Bestseller „Des Teufels Rose“ geschrieben, einen Thriller, der geistreich, sehr spannend und witzig war und König bzw. sein Buch an die Spitze der Bestsellerlisten katapultiert hatte. König hatte Lesereisen unternommen, wurde zu Empfängen und Partys eingeladen und genoss die Zeit im Rampenlicht.
Wie sich herausstellte, war diese Zeit sehr kurz gewesen. König wurde von der Fangemeinde und seinem Verlag bedrängt, weitere Werke zu veröffentlichen, doch er ließ sich fast acht Jahre Zeit, bevor er das nächste Buch veröffentlichte. „Der Praktiker“ konnte allerdings nicht im Ansatz an den Erfolg seines Vorgängers anknüpfen. Der Roman floppte und König verschwand in der Versenkung. Er machte noch wenige, zaghafte Versuche, einen weiteren Bestseller zu produzieren, scheiterte aber kläglich. Seitdem waren die Kassen bei dem Schriftsteller notorisch leer, König war alt und verbittert geworden. Nicht zuletzt deswegen, weil „Des Teufels Rose“ vor wenigen Jahren erfolgreich verfilmt worden war, König an diesem Erfolg aber so gut wie nicht beteiligt war, da er die Recht an dem Buch für eine lächerlich kleine Summe an den Verlag übertragen hatte. Gerissene Verhandlungspartner und eine falsche Unterschrift und man konnte zusehen, wie sich der Erfolg wie eine Hure neben einen Anderen legte. König fristete ein einsames Dasein und sprach dem Alkohol mehr zu, als es für ihn gut gewesen wäre.
Das alles hatte er Ben schon mehrmals erzählt. Wenn der Alte genug getrunken hatte, wurde er oft rührselig. Dann verschwand das Mürrische an ihm und er erzählte Ben die tragische Geschichte seines Lebens.

„Wie geht’s voran mit dem neuen Buch, Herr König?“ fragte Ben aufmunternd.
„Schlecht, mein Junge, sehr schlecht! Die kleine Göttin hat sich seit “Des Teufels Rose nicht mehr zu mir gesetzt, weißt du? Und ohne sie werde ich es nicht schaffen, etwas zu schreiben, was besser ist als ein Leserbrief in der Bildzeitung!“
Eine weitere verschrobene Geschichte des alten Schriftstellers. Schon oft hatte er Ben von der kleinen Göttin erzählt. Sie hätte sich damals zu ihm, König, gesetzt und ihm die Geschichte ins Ohr geflüstert. Darauf hin habe er das Buch geschrieben und der Erfolg sei ihm sicher gewesen. Das stimmte. Am Erfolg von „Des Teufels Rose“ konnte niemand zweifeln. Aber seitdem wäre die kleine Göttin nie wieder erschienen, egal wie oft er gefleht, gebetet, oder geweint habe.
Ihm tat der Alte leid. Er war beschissen worden, dessen war Ben sich sicher. Er hatte ein wirklich gutes Buch geschrieben, aber er hatte gar nichts davon, während sich ein ideenloser aber geschäftstüchtiger Schmierlappen daran bereicherte.
König wohnte in einer Mietwohnung in einem heruntergekommenen Haus auf der anderen Straßenseite und saß deshalb ziemlich oft im „Tolucci“. Meistens saß er nur da, trank Bier und trottete mit gesenktem Kopf wieder heraus. Seltener jedoch trank er Schnaps, meistens den guten alten Jack Daniels und das waren die Abende, an denen er ungehemmt wirkte und frei weg von seinem Leben erzählte. An einigen dieser Abende hatte ihn Ben schon über die Straße zu seiner Wohnung schleifen müssen, weil der Alte zu voll war, um noch gerade sitzen zu können.

Ben drehte sich um, wollte gerade die Bestellung für „Mr.-Pinne-Kritsche“ aus der Küche holen, als er den Alten stöhnen hörte: Er drehte sich um und blickte in das Gesicht des Schriftstellers. Er schreckte zurück, als habe er statt eines Bekannten einen völlig fremden Menschen vor sich. König saß aufrecht auf dem Barhocker, umklammerte das Bierglas so stark, dass seine Knöchel weiß hervortraten und starrte auf einen Punkt hinter der Theke, ohne wirklich etwas zu fixieren.
„Herr König…ist alles in Ordnung bei ihnen…?“ stammelt Ben. Er fasste den Alten am Arm, doch der schien die Berührung nicht zu bemerken. Ben spürte eine große Hitze, die von dem Alten ausging und zog die Hand hastig zurück. Der Mann schien zu glühen. Ben wich weiter zurück, der Alte verzog das Gesicht in aberwitzigen Verrenkungen, dabei stöhnte er, als habe er einen schlechten Traum. Ben wollte gerade nach dem Telefon greifen um einen Arzt zu rufen, als es aus dem Alten hervorbrach:
„Das war sie! Das wir SIE!“
Ben verstand nicht. Er blickte weiter auf den alten Mann dem jetzt Tränen an beiden Wangen herabliefen.
„Da war sie, wie beim ersten Mal!“
Plötzlich bewegte sich der Alte so schnell, als hätte sein Stuhl auf ein Mal unter Strom gestanden. Er bückte sich so rasch, dass Ben glaubte, er sei nun vom Barhocker gekippt. Das Bierglas, das er in aller Hast mit sich gerissen hatte, zerschellte lautstark auf dem Boden, aber König schien es nicht zu bemerken. Er kramte in seiner Tasche und förderte einen Block und einen Stift daraus hervor.
„Herr König…ich…!“ begann Ben.
„Nein, stör mich nicht, ein Bier und meinen alten Freund Jackie!“
Nachdem er das gesagt hatte, begann er wie wild zu schreiben. Der Stift flog über das Papier, wobei er die eckige und markant nach oben gezogene Schrift des Alten auf dem Papier hinterließ.
Fast eine Stunde sah König nicht von seinem Manuskript auf. Er bestellte noch Bier und Schnaps, aber dabei sagte er das mehr zu seinem Block als zu Ben, der sich trotzdem angesprochen fühlte.
Dann packte er Ben unvermittelt am Arm und sah ihm ins Gesicht:
„Das, mein Junge, wird mein neuer Roman, ebenso gut wie „Des Teufels Rose“! Der alte Schriftsteller strahlte Ben an, als habe er von einem Goldschatz unter seinem Bett erfahren. Hast du die kleine Göttin gesehen? Sie saß hier neben mir, wie damals und sie hat zu mir geflüstert, wie damals.“ Dabei liefen ihm wieder Tränen über die Wangen.
Bevor Ben etwas erwidern konnte, schrieb der Alte wie im Fieber weiter, füllte Seite um Seite mit seinen Krakeln. Ben versuchte, etwas zu lesen, doch die Handschrift des Alten war auf dem Kopf noch weniger lesbar als richtig herum und so gab er es nach ein paar Versuchen auf.
König ging nicht besonders vorsichtig mit dem Manuskript um. Wenn eine Seite gefüllt war, blätterte er so schnell wie möglich um, um die Nächste zu beschreiben. Dabei knickte er nicht selten die Vorangegangene mit dem Arm um, sodass hässliche Eselsohren und Falten mitten über dem Blatt erschienen. Einmal kippte er sogar einen halben Jack Daniels über eine eben beendete Seite, sodass diese sich teilweise voll sog mit der braunen Flüssigkeit. Aber auch das
schien er nicht zu bemerken. Offensichtlich war es ihm wichtiger, seine Ideen aufzuschreiben, als sich um deren Aussehen Gedanken zu machen. Der Stift schien zu stocken. In regelmäßigen Abständen malte König Kringel auf einen der Bierdeckel, bis der Stift seinen Dienst wieder tat.
König schrieb und schrieb. Er schrieb sogar noch, als die übrigen Gäste gegangen waren und Ben bereits sauber machte. Als er dem Alten gerade sagen wollte, dass für heute Schluss sei, legte der den Stift aus der Hand und blickte zufrieden auf das Chaos beschriebener Blätter, das er neben sich fabriziert hatte.
Wieder fasste er Ben am Ärmel. Er blickte ihm tief in die Augen und begann zu flüstern:
„Du magst mich einen alten Spinner nennen, mein Junge, aber das hier ist der Stoff aus dem die Träume sind. Die kleine Göttin hat sich zu mir gesetzt, vorhin erst, und mir diese Geschichte ins Ohr geflüstert. Alles war so wie damals, da gibt es keinen Zweifel. Und weißt du auch, was das heißt?“
„Nein, was heißt es denn?“ fragte Ben.
„Es heißt, mein Junge, das dieser Stoff, dieser Plot, dieses Manuskript unfehlbar zum Erfolg führt. Dieser Stoff wird ein Erfolg, egal wer ihn schreibt, verstehst du? Dieser Stoff kann nicht versaut werden, jeder drittklassige Schreiberling wird aus dieser Story einen Erfolg machen, das ist sicher. Nimm dir drei Tage Zeit, so hast du die beste Kurzgeschichte der letzten Jahre und der nächsten Jahre, nimm dir sieben Monate Zeit und du hast einen epischen Roman, der sich verkaufen wird wie geschnitten’ Brot. Veröffentliche mein Gekrakel hier und selbst damit wirst du Erfolg haben, das kann ich dir garantieren. Der Stoff ist ein göttlicher Garant für den Erfolg!“ Die kleine Göttin hat ihn mir geflüstert und es wird ein Erfolg werden, genau wie es das letzte mal ein Erfolg geworden ist.

Skeptisch musterte Ben den Alten. Normalerweise hätte er eine solche Rede als Spinnerei eines Besoffenen abgetan, doch König wirkte überhaupt nicht betrunken. Und etwas an der Stimme des Alten ließ ihn zögern. König war so überzeugt von seinem Stoff und irgendwie, zu einem kleinen Teil glaubte ihm Ben die Geschichte von der Muße, der Göttin oder wie er seine Eingebung auch immer nannte. Mit Schaudern dachte er daran zurück, wie sich das Gesicht des Alten verzogen hatte. Ja, wenn Ben tief in sich hinein hörte, glaubte er, dass König den Stoff für einen weiteren Bestseller auf die mittlerweile übel aussehenden Blätter geschmiert hatte.
König zahlte, verabschiedete sich und hüpfte pfeifend zur Tür. Sein Manuskript hatte er wieder in der Ledertasche verstaut. Ben hatte den Alten noch nie in so guter Laune gesehen. Er hüpfte wie ein Kind auf und ab, das gerade das langersehnte Weihnachtsgeschenk bekommen hat.
Ben ging mit bis zur Tür, da er diese jetzt sowieso abschließen wollte. Er blickte dem Alten nach, der drehte sich im Laufen um, wohl um Ben noch etwas zuzurufen und trat zwischen den geparkten Autos auf die Straße:
„Mein Junge, wenn das hier fertig ist…“
Weiter kam er nicht. Das Auto war zu schnell heran gewesen. Selbst Ben hatte den Lichtschein nur Sekundenbruchteile vorher wahrgenommen.
Vieles passierte auf einmal. Ein Quietschen zerriss die Nacht. König riss es von den Füssen bevor er mit einem lauten Knall auf die Motorhaube und die Windschutzscheibe des Wagens aufschlug.
Ben stand wie versteinert. Der Fahrer bremste scharf und König flog noch einige Meter weiter, bis er dann seltsam verkrümmt weit vor dem Wagen zu liegen kam.
Ben rannte los. König lag mitten auf der Kreuzung. Es sah aus, als mache er Spagat, sein rechtes Bein zeigte nach hinten und das linke nach vorne. Königs Oberkörper lag auf dem linken Bein und sein Gesicht, das jetzt ungefähr auf dem Knie lag, war eine teigige, konturlose Masse aus rotem Matsch. König lag bereits in einer großen Lache aus Blut. Ben war natürlich kein Fachmann, doch dass König tot war, stand außer Frage.
Den Rest des Abends erlebte Ben wie in Trance, die Sirenen, die Polizisten, die Fragen, es dauerte ewig.
Irgendwann ließ man ihn allein. Er ging ins „Tolucci“, öffnete eine Flasche Vodka und nahm einen tiefen Schluck. Dann dacht er nach, über König, das Leben und den ganzen Rest. Als der Morgen dämmerte, stand er auf, schloss die Tür und ging Richtung Luisenplatz, wo er wohnte.
Etwas ließ ihn verharren. Etwas mit dem parkenden weißen Ford stimmte nicht. Ben ging zurück und schaute sich den Wagen genau an. Dann sah er es. Königs Tasche. Sie lag fast komplett unter dem Wagen. Ein Wunder, dass er sie überhaupt gesehen hatte. Gedankenverloren hob Ben sie auf. Dann traf ihn die Erkenntnis: Die Geschichte!
Sie befand sich in der Tasche, Ben hatte gesehen, wie König die krakelig beschriebenen Seiten in der Tasche verstaut hatte. Was waren noch die Worte des Alten gewesen? Niemand konnte die Geschichte versauen? Egal, was man tat, es würde ein Erfolg werden? Jeder drittklassig Schmierfink würde Erfolg damit haben?
Ben zögerte. Konnte er die Geschichte eines Mannes klauen, der eben gerade erst von einem Raser ins Nirwana geschickt worden war? Was, wenn festgestellt würde, dass er, Ben, die Geschichte eines Toten geklaut hatte? Auf der anderen Seite, wer sollte es erfahren? Niemand wusste, ob und was König geschrieben hatte, von der Existenz des Textes wusste nur Ben. Die anderen Gäste warne zu weit weg, die Musik zu laut gewesen, als dass sie etwas hätten hören können.
Ben überlegte. Ein Bestseller? Damit würde er sein Studium locker finanziert bekommen. Vielleicht würde er auf den Geschmack kommen und noch mehr schreiben. Erfolglos und einsam wie König würde er jedenfalls nicht enden.
Ben öffnete die Tasche. Königs Sachen zu durchsuchen wäre ihm unter anderen Umständen nicht in den Sinn gekommen, aber er wollte die Geschichte. Den Rest würde er in der Tasche lassen und wieder unter das Auto schmeißen, sollte es doch ein Anderer finden und damit machen, was er wollte.
Ben fand die Blätter. Behutsam holte er sie aus der Tasche. Man hätte meinen können, König hätte sie eben erst aus der Hand gelegt. Da waren die Eselsohren, die Knicke, die er in seiner Hast in das Papier gemacht hatte, da war sogar ein halber Fingerabdruck, König hatte wohl in die Tinte des Stiftes gefasst, und natürlich der Fleck vom Jack Daniels.

Wie erstarrt blätterte Ben jedes einzelne Blatt in seinen Händen durch. Dann schloss er noch einmal das „Tolucci“ auf, fand nach wenigen Augenblicken Königs bemalten Bierdeckel im Mülleimer. Sprachlos blickte er auf die hastig gekritzelten Kringel.
Noch vor wenigen Stunden hatte er einen Meter entfernt gestanden, als König die Seiten in seiner markanten Schrift beschrieb, er hatte die Farbe des Schwarzen Stiftes auf den Seiten gesehen, so wie er sie jetzt auf dem Bierdeckel sah. Die Zeichen, die Worte, die er nur schwer hatte entziffern können.
Doch jetzt waren die Seiten, auf denen König seinen letzten Roman entworfen hatte völlig leer.