Mein liebster Freund!
Du bist es, dem dieser Brief gilt. Über all die Jahre hast du immer zu mir gehalten, wir waren immer ein Team, die großen Zwei. Jetzt ist das für immer vorbei.
Ich kann mir vorstellen, wie es dir geht. Ich stelle mir vor, dass du erschüttert und traurig auf irgendeinem Sessel oder Stuhl sitzt, diesen Brief, meinen letzten, in der Hand hältst und versuchst, mein Handeln zu verstehen. Dein Kopf ist mit Watte gefüllt, du spürst nichts als Traurigkeit und fragst dich eines immer wieder: Warum?
Warum fand die Polizei an diesem schönen Sommertag meine Leiche in der Wohnung neben einer leer gedrückten Spritze?
Warum habe ich Heroin genommen?
Warum habe ich mich nicht gemeldet, wenn ich Probleme habe?
Warum bin ich weg gegangen und werde nie wieder kommen?
Warum?
Ich möchte versuchen, dir das alles zu beantworten, auch wenn ich weiß, dass es kaum etwas ändern kann. Aber vielleicht verstehst du meinen Entschluss. Ich wäre jetzt gerne am Leben, bei dir, mit einem kühlen Bier in der Hand würden wir über irgendetwas lachen oder diskutieren. Man weiß diese Momente erst zu schätzen, wenn man weiß, dass man sie nie wieder haben wird. Ich habe diese Kleinigkeiten leider immer zu wenig gewürdigt. Ich wünschte, ich könnte das ändern, aber dafür ist es zu spät.
Es begann vor ein paar Monaten. Ich ließ mich vom Sog der Großstadt treiben und dachte nicht im Traum daran, dass ich bald meinen Abschiedsbrief schreiben würde. Alles war am Anfang ganz harmlos: Bauchschmerzen.
Ich nahm alle möglichen Schmerzmittel, die man in der Apotheke bekommen kann. Diese halfen ein paar Tage, doch dann kam der Schmerz in den Eingeweiden zurück. Ich ging zu meinem Hausarzt. Der tippte auf eine Magen-Darmreizung und verschrieb mir alle möglichen Mittelchen. Keines half. Eines Morgens hatte ich, wie man so schön sagt, „Blut im Stuhl“.
Das passte zur Theorie meines Arztes mit der Reizung. Am nächsten Tag nahmen meine Schmerzen rapide zu. Ich krümmte mich und schrie oft auf, wenn ein weiterer Stich in meinen Unterleib fuhr. Ich blutete. Ich blutete so stark, dass es mir an den Innenseiten meiner Schenkel herunter lief. Ich ging zum Arzt. Der überwies mich an das Uniklinikum. Ich wurde ein paar Tage aufgenommen, auf Diät und unter Drogen gesetzt und machte den größten Untersuchungsmarathon meines Lebens mit. Sie testeten mich mit allen Schikanen.
Jetzt denkst du, ich hätte mich melden sollen. Du wärst gerne ins Krankenhaus gekommen damit ich etwas Abwechslung gehabt hätte. Du hättest allerdings nicht viel davon gehabt. Meine Zeit, die nicht durch Untersuchungen belegt war, verbrachte ich meist mit Dösen oder Schlafen. Die Schmerzmittel waren nicht unerheblich schuld daran.
Am vierten Tag dann hatte ich einen Termin mit dem Oberarzt. Er war sehr freundlich und einfühlsam. Er erinnerte mich ein bisschen an Dr. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik. Er sagte mir, sie müssten noch einige Ergebnisse abwarten um ganz sicher zu sein, aber zu 95% sei die Diagnose sicher. Das ernste Gesicht des Arztes ließ Angst in mir aufsteigen. Ich begann zu zittern, eine Magen-Darmverstimmung konnte hier wohl nicht mehr die Ursache sein. War es auch nicht. Es war Darmkrebs.
Es traf mich wie ein Schlag mit dem Hammer. Darmkrebs!
Wie sich herausstellte, war das aber noch nicht die eigentlich schlimme Nachricht gewesen. Die schlimme war, das ich, wenn man sofort Maßnahmen wie Chemo und riskante Operationen ergriff, noch ein bis anderthalb Jahre zu leben hätte.
Der Arzt sagte das alles anders, aber das war die Essenz seiner Rede. Durch meine Tränen hindurch sah ich den Arzt als leuchtend weiße Gestalt.
Das Gespräch dauerte noch sehr lange. Er wollte mich nicht gehen lassen, er wollte sofort operieren. Schließlich ließ er mich mit einem Vorrat an Valium gehen. Unter der Bedingung, noch heute einen seiner Kollegen in der Stadt, einen Psychologen, aufzusuchen. Ich dürfe jetzt nicht allein sein, meinte er. Ich versprach, noch heute dort hin zu gehen und er ließ mich widerwillig ziehen. Als meine Wohnungstür ins Schloss fiel, überkam es mich. Ich weinte. Ich weinte, wie ich es noch nie getan hatte. Das Valium betäubte meine Schmerzen und verwandelte mein Denken in eine zähe, klebrige Masse, doch die Traurigkeit kam klar und scharf wie ein Messer zu mir durch. Ich riss das Telefonkabel raus, warf mein Handy ins Klo und verschloss die Tür.
Ich weinte, ich schrie, klagte Gott und die ganze Welt an. Ich war 27. Das Studium lag noch vor mir, ich hatte noch keinen meiner Pläne für die Zukunft begonnen. Aber mein Leben war vorbei. Ich würde nichts mehr erleben. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es mir ging. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, trotz de Tabletten schlief ich kam, zitterte, schrie und weinte. Das war die schwerste Phase meines Lebens. Ich wollte niemanden hören oder sehen, keinen Trost, keine warmen Worte, kein Mitgefühl, denn helfen konnte mir nichts mehr.
Deshalb habe ich mich nicht bei dir gemeldet. Ich war am Ende der Autobahn, da, wo nur ein Schild und der Abgrund sind. Ich würde springen müssen, aber ich wollte nicht, dass du mir dabei zusehen müsstest.
So lag ich da. Gebrochen, zerbrochen, verloren.
Es hatte ein paar Mal geklingelt, vielleicht der Arzt, doch ich öffnete nie.
Dann, vielleicht nach einer Woche, die Zeit weichte auf wie mein Leben, fasste ich meinen Entschluss. Keine OP, keine Chemo, keine Schmerzen und auch kein Jahr länger mit dem One-Way-Ticket in der Hand.
Ich brachte meine Sachen in Ordnung. Der Valium-Vorrat neigte sich dem Ende zu, ich musste mich beeilen.
Ich besorgte Umzugskartons und verpackte meine Sachen. Ich kündigte alle Abos, Versicherungen, Daueraufträge. Ich machte sauber und entsorgte den Müll. Es war schwer, das alles zu tun, aber ich wollte es dir nicht zumuten.
Dann holte ich alles Geld von der Bank.
Ich ging in die Stadt. Zu den Dealern. Bisher hatte ich hier nur ab und zu Gras gekauft, aber nach ein paar Fragen kam ich an den Richtigen. In einem verdreckten Hinterhof kaufte ich für 400€ Heroin. Ich wolle Gutes, sagte ich dem Typ. Es sollte meine goldene Fahrkarte sein.
Jetzt sitze ich hier, alles ist vorbereitet, ich sitze am Tisch, blicke auf die verpackten Reste meines Lebens und schreibe diesen letzten Brief.
Ich hoffe, du kannst meine Entscheidung verstehen. Es fällt mir nicht leicht. Ich weine schon wieder, will mit jemandem reden, doch das würde alles kompliziert machen. Wahrscheinlich bin ich einfach zu feige. Die Spritze aus der Apotheke liegt bereit, ebenso der Löffel, Zitrone, Feuerzeug, Watte und Gürtel. Ich hoffe, es klappt alles. Die Menge dürfte reichen.
Ich hatte eine schöne Zeit, leider ist sie für mich hier zu Ende. Ich wollte, ich hätte sie noch länger unbedarft genießen können.
Ich danke dir für deine Freundschaft, die langen Gespräche im Rausch, den ganzen Mist, den wir durchgemacht haben. Danke, für deine Zeit!
Ich hoffe, du kannst das hier irgendwann vergessen und weiter machen wie bisher.
Schränk dich nicht ein. Genieß das, was du genießen willst und mach dir keine Gedanken um die Konsequenzen, vielleicht werden sie nie eintreffen, schöpf aus dem Vollen, zu schnell ist es vorbei und du kannst es nicht mehr tun.
Mach es gut, wie du weißt glaube ich nicht an Himmel oder Hölle, aber vielleicht gibt es ja doch irgendwann ein Wiedersehen, wer kann das schon sagen.
Ich wünsche dir nur das Beste, ein langes, glückliches Leben ohne Reue, ohne Druck.
Lebe, lebe einfach, das ist das Größte.
Ich bin jetzt weg, mach’s gut!

2 Kommentare
Konrad sagt:
28. Apr 2008
Zorry, war nicht meine Absicht!
Allerdings hoffe ich, das ich so was nie aus der wirklichen “ich-Perspektive” schreiben muss. Sowas kann die Qualität des weiteren Lebens doch empfindlich beeinträchtigen…
Steffen sagt:
28. Apr 2008
Alter, schockier mich doch nicht so!