Langsam spüre ich das wohlbekannte Kribbeln in mir aufsteigen. Eine Mischung aus Spannung, Vorfreude und fiebriger Erwartung. Meine gesamte Aufmerksamkeit richtet sich auf diesen einen Augenblick. Alle Sinne sind geschärft. Heute werde ich die Eröffnung machen. Obwohl ich das bereits viele Male getan habe, ist es immer wieder wie beim ersten Mal. Bei dem, was ich gleich tun werde gibt es keine Routine.
Ich bewege mein rechtes Handgelenk. Das Ende der Stange ruht direkt am Handansatz. Die Stange, an der in wenigen Minuten Blut kleben wird. Von wem, das weiß ich noch nicht. Die Anspannung steigt. Wieder fixiere ich die Ecke, blicke scheinbar beiläufig von meinem Buch auf.
Noch ein paar Minuten. Meine Haut beginnt zu kribbeln.
Wir sind zu dritt. Wir waren schon immer zu dritt. Danny, Thorsten und ich, Franky. Wir lernten uns schon sehr früh kennen. Thorsten, der später nur noch TH wie das englische „ti-äitsch“ genannt wurde, und ich wohnten nur ein paar Häuser auseinander. In der Grundschule, wir waren beide in der Klasse der massigen Frau Mörstetter, stieß dann Danny zu uns. Wir freundeten uns sehr schnell an und waren seitdem nur noch zu dritt unterwegs.
Unsere Freizeit verbrachten wir mit Piratenspielen, Baumhäusern und erhitzten Diskussionen über die letzte „Space Marshall Brave-Starr“ Folge im Fernsehen. Eine typische Kindheit in den Vororten einer Stadt eben.
Als wir älter wurden, verschoben sich unsere Interessen. Mädchen, Alkohol und der erste Kontakt mit Marihuana waren die Höhepunkte einer sonst eher langweiligen Zeit als Heranwachsende.
Das änderte sich allerdings nach der Schule. Mit unseren Jobs unzufrieden zog es uns zu immer stärkeren Substanzen. Nach den Pilzen kamen die Pillen und denen folgten die Trips. Wir waren das klassische Bild drogensüchtiger Versager. Geld beschaffen um Drogen zu beschaffen waren die einzigen Dinge, die in diesen Jahren wichtig für uns waren. Ich bevorzugte zu dieser Zeit LSD. Die Trips wirkten für ein paar Stunden. Ich saß in meiner kleinen Bude auf dem einzigen noch verbliebenen Stuhl und starrte die weiße Wand an während ich mir einbildete den Wandel der Welt vom Anfang bis zum Ende als eine Art Zeitrafferfilm zu den Klängen der Beatles betrachten zu können. Das Leben auf LSD ist nicht vergleichbar mit der tristen Wirklichkeit. Wenn ich damals „auf nem Trip“ war, war die Welt wie eine in bunte Watte gepackte, leuchtende Version ihrer selbst.
Danny probierte mal dies und mal das, favorisierte schließlich aber Koks. Oftmals schlief er 6 Tage am Stück nicht oder versprach, jetzt sofort eine Oper zu komponieren, die das Beste sei, was die Welt je gehört hätte.
Drogen sind wie Geldverleiher. Du nimmst sie und erhältst einen Kredit an guter Laune, Zufriedenheit oder Tatendrang. Du erlebst etwas Außergewöhnliches. Allerdings musst du sofort nach Ende der Wirkung die Zinsen bezahlen. Und die sind hoch. Oftmals fiel ich in tiefe Depressionen aus denen ich nur mit einem weiteren Kredit der National LSD-Bank wieder heraus kam. Und der wird immer höher, sonst kommt man auf kein anständiges Level. Eine größere Menge Drogen heißt aber wiederum dass die Zinsen ansteigen. Die perfekte Spirale nach unten.
Wir wachten auf als TH fast an einer Überdosis drauf gegangen wäre. Seine damalige Freundin fand ihn nackt in seinem eigenen Erbrochenen. Die Ärzte holten ihn gerade noch zurück. Wir schworen uns, dass Schluss sein musste. Schon nach viermaligem Entzug hatten wir das alle drei in die Tat umgesetzt. Was blieb, war der Hunger auf etwas Außergewöhnliches. Etwas Neues. Etwas, das ganz und gar außergewöhnlich ist, ohne direkt ins Krankenhaus oder den Westfriedhof zu führen.
Da wir alle während der Drogenzeit mit Beschaffungskriminalität zu tun hatten, war der Schritt bis zu unserer heutigen Tätigkeit nicht mehr weit. Der Kitzel, der mich immer bei den Diebstählen oder Einbrüchen gepackt hatte, war allerdings zu klein, zu schnell vorbei. Es musste schon eine Nummer größer sein. Wir mussten einen Ersatz für die Drogen finden. Wir fanden ihn.
Wir gehen immer zu dritt. Zwar wissen wir nie, wer das Objekt unserer Begierde sein wird, aber die Vorbereitung ist sehr wichtig. Als erstes muss ein geeigneter Ort gefunden werden. Stark belebte Strassen sind zu gefährlich. In Fußgängerzonen ist die Gefahr zu groß, dass die Polizei präsent ist oder eine der Millionen Kameras des Überwachungsstaates die gesamte Aktion aufnimmt. Allerdings darf es auch nicht zu menschenleer sein da sonst die Exit-Strategie zu gefährlich wird. In einer völlig leeren Straße ist ein einzelner Mensch schneller zu entdecken als in einer belebten. Unsichtbar in der Masse.
Wir bevorzugen die Nebenstrassen zu Fußgängerzonen. Schneller Zugriff, guter Exit, perfekt. Natürlich müssen wir das Gelände vorher genau kennen. Wo ist die nächste U-Bahn, wo die nächste Polizeistation? Wie groß ist das Zeitfenster von der Eröffnung zum Exit? Gibt es mehrere Exit-Möglichkeiten? Kann man drei verschiedene Richtungen nutzen? Von wo kann der Ort eingesehen werden? Von wo aus nicht? Was befindet sich in den angrenzenden Häusern? Nach wo gehen die Fenster? Kann man die Stange verschwinden lassen? Zu welcher Tageszeit ist der Ort stark besucht? Zu welcher nicht?
Unsere Aktionen sind gut vorbereitet. Das Risiko so gering wie möglich gehalten. Nie besuchen wir den Tatort gemeinsam. Nur allein und an verschiedenen Wochentagen observieren wir das Gebiet. Fotos, Skizzen und Fakten vergleichen wir bei einem von uns zu Hause oder in einem Hotelzimmer. Natürlich sind wir nie im Selben Hotel. Und bei jeder Aktion in einer anderen Stadt.
Wenn alles abgeklärt ist, legen wir einen Tag und eine Uhrzeit fest. Das erste Mal sind wir zusammen am zukünftigen Tatort. Wir veralten uns unauffällig bis zur verabredeten Uhrzeit. Der oder die Erste, die dann den die Zielkoordinaten, meistens nur ein paar Meter wegen der Einsehbarkeit, betritt, ist die Zielperson. Derjenige, der für diesen Tag ausgewählt ist, macht dann die Eröffnung. Er rennt auf die Zielperson zu lässt mit einer Abwärtsbewegung die unterarmlange Metallstange aus dem Ärmel in die Hand gleiten und versucht die Zielperson möglichst schnell stumm zu machen. Der Eröffnungsschlag wird deshalb auf den Kopf geführt. Die beiden Anderen rennen hinzu und wir alle lassen einige Schläge auf die Person niederprasseln. Die Effektivität der Stangen ist, trotz ihrer geringen Länge, atemberaubend. Die Zielperson ist meistens nach dem ersten Schlag, spätestens jedoch eine Minute später tot.
Die Zielperson ist absolut unbekannt. Das macht den Kitzel aus. Man kann nie sagen, ob ein Rentner, ein Bodybuilder oder ein Polizist um die Ecke kommt. Nur eines ist sicher: Wir schlagen zu. Wenn die Person allein und innerhalb der Zeit und des richtigen Platzes ist, wird ohne wenn und aber zugeschlagen.
Jetzt folgt der Exit. Stange loswerden. Ob Gully oder Baustelle oder neben dem Opfer ist egal, wir haben darauf garantiert keine Fingerabdrücke hinterlassen. Wir trennen uns. Jeder benutzt eine andere Richtung. U-Bahn, Bus, zu Fuß, die Hauptsache ist, dass man unauffällig bleibt. Keine überstürzten Aktionen, ruhig bleiben. Weg vom Tatort. Nicht zurücksehen, nicht stehen bleiben. Bisher hatten wir immer Glück. Bis die Zielperson gefunden wurde, waren wir fünf bis acht Fußminuten vom Tatort weg. Weit genug also.
Das Zuschlagen, die Eröffnung ist wie eine Explosion, die stärkste Droge der Welt ohne Nebenwirkungen. Die Welt zieht sich zusammen und konzentriert sich auf diesen einen Moment. Ich betrachte den zertrümmerten Schädel und die blutige Stange in meiner Hand und für diesen kurzen Moment bin ich so frei und glücklich wie noch nie. Ich bin unantastbar, mein Dasein hat einen Sinn, ich bin wieder wer.
Der Exit erinnert mich an LSD. Ich schwebe, getragen von Wolken, durch den zähen Sirup der Welt, ein geladenes Teilchen zwischen den Kernen, etwas Besonderes und über Allem und Jedem erhaben. Ich kann im Orbit tanzen während alle Anderen mit den Füßen in die Erde gewachsen sind.
Nichts kann dieses Gefühl ersetzen!
Noch ein paar Minuten. Meine Haut beginnt zu kribbeln.
Ich sehe Danny und TH. Alles ist perfekt. Der Nächste, der jetzt allein um die Ecke biegt, bringt mir ein neues Hochgefühl von dem ich einige Wochen zehren werde. Ich will den Schlag, will den Widerstand spüren, will meinen nächsten Schuss. Ich will nicht länger warten. Ich bin wie ein aufgestachelter Kampfhund, der seinen Gegner dicht vor die Schnauze gehalten bekommt aber noch nicht zubeißen kann.
Jemand kommt um die Ecke. Endlich!
Sie hat blonde, lange Haare, grüne Augen und trägt ein rosa Kleid. Ihre Füße stecken in Sandalen. Sie ist nicht älter als acht, den Schulranzen auf dem Rücken kommt sie, halb gehend und halb hüpfend auf mich zu. Sie hält Barbie und Ken in den Händen und spricht abwechselnd mit verstellter Stimme deren Dialoge, die so gar nicht zu den adulten Plastikköpfen passen wollen. Sie ist so vertieft in ihre Welt, dass sie die richtige Welt komplett vergessen hat.
Ich springe vor, schüttele den Arm und halte die Stange in der Hand.
Let’s get it on!

11 Kommentare
Steffen
20. Jul 2008
Spannend, spannend, Herr N. Wollen wir nicht hoffen, dass es zu viele von dieser Sorte gibt. Aber sowas kommt früher oder später immer raus, man hinterlässt immer Spuren und es steht immer irgendjemand hinter einem Fenster und sieht zu. Und selbst wenn nicht: Was ist mit den Zinsen, die man danach an sein Gewissen zahlen muss?
belafleck
20. Jul 2008
Sehr sehr intensiv und schockierend; insbesondere das Ende. Toller Text…!
Chris
20. Jul 2008
ich bin durch Zufall auf Eure Seite gekommen und sie macht mir Angst….warum schreibt man sowas, wie kommt man auf solche Ideen und Texte?….dennoch sind sie fesselnd…
Steffen
20. Jul 2008
Konrad, schäm dich, du machst den Leuten Angst!
Chris
20. Jul 2008
oh, das war ja konstruktiv, danke steffen.
anworten die die welt nicht braucht…dennoch lassen sie tief blicken.
aber der text war wohl auch nicht von dir!
Steffen
20. Jul 2008
Das war ein Scherz! Und kennen wir uns eigentlich? Oder wie redest du mit mir? Nur damit wir uns verstehen: Du kannst hier gerne kommentieren, soviel du willst. Aber es ist nicht besonders ratsam, gegenüber den Leuten frech zu werden, die diese Seiten hier machen! So, weiter im Text.
Chris
20. Jul 2008
Wer hat hier den ersten Stein geworfen? Ich denke, mein erster Kommentar war nicht frech, der zweite nur eine REaktion auf Deinen! Ich hatte mir einfach nur eine Antwort auf den wirklich sehr guten Text (wie übrigens auch die anderen Texte v. Konrad) erhofft, und Deine war eben nicht besonders konstruktiv.
DA BELIEB ICH AUCH NICHT ZU SCHERZEN- ICH FAND DEN TEXT WENIG LUSTIG-, UND NEIN, WIR KENNEN UNS NICHT, …ach ja, und wenn Du keine Kritik vertragen kannst, hm…läßt das ebenfalls tief blicken!
Steffen
20. Jul 2008
Sachma Freundchen, jetzt reichts mir aber. Stein geworfen? Der Kommentar, auf den du dich da beziehst, war gar nicht an dich gerichtet, sondern an den Autor des Textes. Und ob du beliebst zu scherzen ist mir, ehrlich gesagt, wurscht. Wie kann man sich denn von sowas angegriffen fühlen?! Wie alt bist du?
Ich hab jedenfalls genug von deinem “lässt tief blicken”! Bist du so ne Art Hobbypsychologe, der anderen auf die Nerven geht?
Weisst du, wohin du jetzt noch tief blicken kannst? Jedenfalls nicht ins Kommentarfeld, denn das war dein letzter hier. Ich hab nämlich keine Zeit für diesen Kindergarten. Tschüss.
Konrad
21. Jul 2008
@belafleck:
Intensiv und schockierend? Genau so hatte ich die Wirkung beabsichtigt. Freut mich, dass es dir gefällt.
@Steffen:
Danke, Alter! Ich bin allerdings auch der Meinung, dass so was immer raus kommt. So etwas perfekt zu planen funktioniert wohl nur in Hollywood-Filmen in denen Clooney ein Kasino ausraubt.
Was die Zinsen anbelangt: Die drei Akteure haben es scheinbar nur auf ihren eigenen Spass abgesehen, sie töten wahllos und machen auch vor Kindern nicht halt. So wie sie handeln, scheinen sie über ihre Handlungen nicht weiter zu reflektieren und haben somit einen 0% Zinssatz. Ich hoffe, dass es außerhalb dieser Geschichte keinen gibt, der dazu fähig ist, so zu agierern…
@Chris:
Das erste mal hier und schon nen Platzverweis? Das lässt tief blicken…
Steffen
21. Jul 2008
LOL!
Steffen
21. Jul 2008
Endlich mal wieder ne anständige Diskussion hier!