Ivo saß still in dem dunklen Wagen. Das letzte Dämmerlicht spiegelte sich violett in einer Kaufhausfassade, als er das Radio abdrehte. Jetzt wo die Geschäftigkeit in den Straßen der Stadt langsam verebbte, war seine Zeit gekommen. Noch ein letzter Blick in die Spiegel und Ivo ließ den Motor des dunkelblauen Kastenwagens an, der seine besten Tage bereits hinter sich hatte. Er ließ die Innenbezirke der Stadt zügig hinter sich, konzentrierte sich aber darauf, Sicherheitsabstände und Tempolimits einzuhalten. Als an einer Ampel sein Handy klingelte, fluchte er kurz, beschloss dann aber, den Anruf nicht während der Fahrt anzunehmen. Es kam darauf an, unbemerkt zu bleiben. Und um unbemerkt zu bleiben, durfte man keine Fehler machen. Und Fehler machte man im Alltag ständig, ohne es überhaupt zu bemerken. Es waren die schlechten Angewohnheiten, die harmlosen kleinen Dinge. Mal ging man bei Rot über die Straße, mal fuhr man zu schnell. Ivo verbot sich solche Nachlässigkeiten, ob in der Freizeit oder im Beruf. Vor vielen Jahren, in seiner Schulzeit war er in der Bibliothek auf ein Werk gestoßen, das den Titel “Das Gesetz des Chaos” trug. Sofort fühlte er sich von dem schlichten, in dunklem Rot gehaltenen Buch angezogen. Er schlug es auf und als er seine Augen zum ersten Mal erhob, hatte er es durchgelesen. Er war sich dessen nie vollständig bewusst, aber manchmal glaubte er, dass viele der zentralen Entscheidungen, die er in seinem Leben getroffen hatte, auf dieses Buch zurückgingen. Eine Offenbarung war es gewesen und es hatte alle Fragen, die ihn in seinem jungen Leben quälten, mit einem Schlag beantwortet. Auch wenn er sich ziemlich sicher war, vieles darin nicht zu verstehen, hatte er doch seine eigenen Lehren aus dessen Inhalt gezogen.
“Das Chaos sucht sich Opfer, die nichts ahnen” war nur ein Satz daraus, den Ivo völlig verinnerlicht hatte. Er wusste, dass er zum Opfer werden würde, wenn er unachtsam war. Er ging nie bei Rot über die Straße und fuhr niemals zu schnell. Außer natürlich, es musste sein.
„Die Realität ist eine Täuschung“
Langsam steuerte er den Wagen über nassen Kies in Richtung eines alten Industrieparks im Norden der Stadt. Vor einem grauen Betongebäude, das früher ein Parkhaus gewesen war, trat er sanft auf die Bremse und schaltete die Fahrzeugbeleuchtung aus. Er ließ das Seitenfenster zur Hälfte herunter und sog die kühle Nachtluft in seine Lungen. Es war ihm ein Genuss, die lauwarme und reine Luft zu fühlen, zu riechen, zu schmecken. Sie war eines der wenigen Dinge, die man mit so vielen Sinnen zugleich wahrnehmen konnte. Ivo genoss für eine Weile dieses wunderbare Gefühl und er fühlte sich geborgen dabei. Dann öffnete er leicht seinen Mund, hörte auf zu Atmen und horchte. Ein paar Vogelstimmen im letzten Tagesdunst, entfernten Straßenverkehr und den Wind, der auch in seinem Körper war. Sonst war alles still in der unmittelbaren Umgebung des Wagens. Er fuhr sanft an, ohne jedoch die Scheinwerfer wieder einzuschalten und wand sich langsam die Ebenen des Parkhauses hinauf, das von außen an eine riesige Murmelbahn erinnerte. Die Parkdecks, die er passierte, waren von langen Schatten durchzogen und wirkten unheilverkündend. Ivo war sich sicher, dass er allein auf dem Gelände war. Dennoch wurde er auf den Etagendecks langsamer und spähte für einige Sekunden hinein. Einmal hatte er hier einen Obdachlosen gefunden. Das Gesetz des Chaos war unerbittlich. Als sein Handy klingelte, hielt Ivo an und nahm es aus dem Handschuhfach.
„Kennung: H – Q“
„Kennung Teilnehmer?“
„I – O – V“
„Lokal Teilnehmer?“
„P – K – H – 4“
„Teilnehmer: Grün. P – K – H 2 / Peilung: Papa. Ende.“
„I – O – V: Grün. Ende.“
Ivo drückte die Taste zum Beenden des Gespräches und lenkte den Lieferwagen weiter die schmale Serpentine herauf, bis er auf dem Dach des Parkhauses angekommen war. Er hatte in einem der oberen Stockwerke eine tote Maus gesehen, sonst aber nichts entdecken können. Er wendete und schlängelte sich wieder herunter, bis er im zweiten Stockwerk angekommen war. Dort verließ er den Wagen. Er griff nach dem Mobiltelefon in seiner Jackentasche, dessen Display die Betonpfeiler grün illuminierte. Nachdem er das Adressbuch geöffnet hatte, wählte er die Nummer, die unter dem Namen „Papa“ darin abgespeichert war. Ivo schob das Telefon zurück in seine Tasche. Es dauerte einen Moment bis die Verbindung zu Stande kam. Angestrengt spähte er in die Finsternis, lies seinen Blick durch die Schattenmuster wandern. In dem Moment, als er das leise Freizeichen aus seiner Tasche hörte, veränderte sich etwas.
„Die stärkste Waffe des Chaos ist die Phantasie“
Eine der geometrischen dunklen Flächen am linken Rand der Ebene war jetzt durchbrochen. Schwaches Licht zerteilte die Dunkelheit an dieser Stelle. Ivo setzte langsam einen Fuß vor den anderen, um im Dunkeln nicht auf dem leicht unebenen Boden zu stolpern und hob das Handy auf, dessen Beleuchtung in hierher geführt hatte. Das Ziel war jetzt nah. Ivo strich die Plane zur Seite, auf der das Telefon gelegen hatte. Dort lag ein großer, länglicher Koffer aus Metall. Er war olivgrün lackiert. Ivo lächelte und dachte „die stärkste Waffe des Chaos ist die Phantasie“.
„Oder auch nicht“, flüsterte er und hob Handy, Plane und Koffer auf. Dann verstaute er die infrarotgelenkte Flugabwehrrakete des Typs FIM-92 STINGER vorsichtig im Laderaum des Lieferwagens.
„Fire and Forget“
„Die FIM-92 funktioniert nach dem Fire-and-Forget-Prinzip, d.h., nach dem Abfeuern verfolgt die Rakete ihr Ziel selbstständig – der Schütze muss es nicht wie bei anderen Modellen anvisiert lassen.“
Ivo nahm die Kappe von dem Füller. Er öffnete das Handschuhfach und löste die Verpackung des eingeschweißten Notizblockes, der darin gelegen hatte. Er schlug den schwarzen Ledereinband zur Seite und strich sanft über das gestärkte Leinenpapier. Er roch daran. Sog Stärke daraus.
„Die Realität ist eine Täuschung“, fing er an zu schreiben. „Das Chaos regiert und herrscht auch in euch. Euer Gott ist bloß ein Teil davon. Mein Name ist Ivo Stern und ich habe das Chaos beschworen.“
„Explosionen“
Es war gegen sechs Uhr des nächsten Morgens, als Ivo die Treppen des halbdunklen Hausflures heraufstieg. In seiner rechten Hand hielt er die Schlaufen der großen Sporttasche fest umklammert, in der sich der Koffer befand. Sanft glitten seine ledernen Halbschuhe über die Stufen. Der Aufzug des Hochhauses, das sich in der Nähe des Regierungsviertels befand, war außer Betrieb. Das Chaos spielte mit ihm. Doch nach der kurzen Nacht, die Ivo hinter dem Steuer des Lieferwagens in einer Mietgarage verbracht hatte, fühlte er sich frisch und völlig ausgeruht. Er hatte von Explosionen geträumt und von Menschen, die in Fetzen gerissen wurden. Entspannt und kraftvoll ließ er die elf Stockwerke hinter sich, bis er im obersten angekommen war. Dort lehnte er sich für einen Moment gegen die Wand, ohne die Tasche aus seiner Hand zu nehmen. Dreimal atmete er langsam ein und wieder aus. Dann trat er vor die letzte Wohnungstür des schummrigen Flurs, versicherte sich noch einmal mit einem kurzen Blick auf das Namensschild und drückte schnell hintereinander viermal auf den Klingelknopf.
Karl Melzer war einundachtzig Jahre alt und hatte ein ereignisreiches Leben hinter sich. Im zweiten Weltkrieg hatte er an der Ostfront gekämpft und danach den Großteil seiner Jugend in einem russischen Gefangenenlager in Sibirien verbracht. Er hatte Steine geklopft, Bäume gefällt und Stollen in Berge getrieben, aus denen Uran gefördert wurde. Er hatte bei dreißig Grad minus ohne Decke geschlafen und war dennoch jeden Morgen wieder aufgewacht. Als er zurückkam war er vierunddreißig und erkannte seine Heimat nicht mehr wieder. Doch auch das hatte er überstanden, hatte sich angepasst und das Beste aus allem gemacht. Den Abend seines Lebens verbrachte er zurückgezogen und allein. Still saß er tagsüber in seinem Sessel, löste Kreuzworträtsel und las der Reihe nach seine Lieblingsbücher zum fünften oder sechsten Mal. Er war dankbar für die Ruhe und genoss es, zum ersten Mal in seinem Leben wirklich Zeit für sich zu haben. An diesem Morgen war er wie an den meisten Tagen noch vor dem ersten Tageslicht aufgewacht. Er brauchte in seinem Alter kaum noch Schlaf und es gefiel ihm auch, wach zu sein, während die Welt noch schlief. Nach einer gründlichen Rasur schmierte er sich zwei Butterbrote und stellte eine Kanne mit Teewasser auf den Herd. Karl hatte sich gerade in den Sessel gesetzt, um das Kreuzworträtsel von gestern Abend noch zu beenden, solange das Wasser kochte, als die Klingel mehrmals aufschrillte.
Mühsam stand er auf und schlug sich seinen alten Morgenmantel über. Durch den Spion der Wohnungstür sah er einen etwa dreißigjährigen Mann in Uniform. Er bewegte sich nicht und es sah so aus, als ob er lauschte. Karl zuckte zusammen, als der Mann plötzlich mit lauter und fester Stimme zu reden begann.
„Öffnen sie bitte die Tür, Herr Melzer.“
„Polizei.“
„Wie nach Hause kommen“
Zögerlich wurde die Tür nach innen geöffnet. Eine von violetten Krampfadern durchzogene Hand war das Erste, was Ivo sah. Dann stand der alte Mann in einem blau-grau karierten Bademantel vor ihm. Ivo lies seine Augen kurz auf seinem Gesicht ruhen, als er ihn langsam musterte. Er sah überrascht aus. Ivo lächelte schmal und begann: „Mein Name ist Oberkommissar Stein. Darf ich wohl kurz hereinkommen?“ Ohne eine Antwort des Alten abzuwarten, schritt Ivo an diesem vorbei über die Schwelle der Tür. Die Wohnung war überheizt und stickig von trockener Heizungsluft. Für einen kurzen Augenblick war Ivo überwältigt von dem muffigen Geruch nach alter Kleidung, der die Räume durchdrang. Auf den Fensterbänken lag eine dicke Staubschicht. Mit steifen und unsicheren Schritten betrat der Alte das Wohnzimmer. Verunsicherung lag in seinen Augen, die nicht aufhören konnten zu zwinkern. Mit ernstem Gesicht sah Ivo ihn an.
„Kein Sorge, ich werde Ihnen sofort alles erklären. Zunächst muss ich Sie aber bitten, sich auszuweisen.“
Der alte Mann nickte und deutete auf die Tür zu seinem Schlafzimmer, das im Dunkeln lag. Ivo sah aus dem Fenster, während Melzer sich langsam in Bewegung setzte, um seinen Ausweis zu holen. Ein klarer Morgen brach an. In zweihundert Meter Entfernung konnte er eine breite Straße erkennen, die zu dieser Stunde noch schwach befahren war. Nun wusste er, dass er keinen Fehler gemacht, dass er keine Nachlässigkeit begangen hatte. Er zog seine Kraft aus dem Nichts. Aus dem Wesen der Dinge selbst, die alles waren. Und nichts. Ivo sah zum Horizont hinüber. Der Halbkreis der Sonne hatte sich jetzt fast geschlossen. Ein kalter Schauer überlief seinen Körper, als er die Augen schloss.
Karl Meltzer kam aus dem Schlafzimmer zurück, jetzt auf eine Krücke gestützt. „Leider kann ich meinen Ausweis gerade nicht finden, Herr Wachtmeister. Aber hier, bitte sehr, mein Führerschein.“ Kurz verglich Ivo das Gesicht des Mannes mit dem Foto in dem alten Dokument. Es zeigte ihn als jungen Mann in schwarz-weiß, aber an Augen und Nase erkannte man, dass er es war. Alles vergeht.
Ivo forderte ihn auf, sich besser zu setzen und Karl Melzer ließ sich mit einem leisen Seufzer in seinen Sessel fallen. „Schalten sie doch bitte den Fernsehapparat ein, Herr Melzer“, sagte Ivo freundlich, während er sich hinter den Sessel stellte. Der Alte nahm die Fernbedienung von der Lehne und drückte auf die erste Taste.
„ […] empfangen die Regierungsvertreter der EU heute den neu gewählten US-Präsidenten zu einem Antrittsbesuch in Berlin […]“
Vorsichtig griff Ivo nach einem der bestickten Zierkissen auf dem altmodischen Sofa. Dann entsicherte er seine Pistole, zog sie aus dem Halfter und presste den Lauf in den weichen Stoff des Kissens.
„ […] erhoffen sich viele von dem Treffen, dass es die angespannten Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union […]“
„Es ist wie nach Hause kommen“ flüsterte Ivo und drückte ab.
„Für immer“
„Der Splitter-Sprengkopf der FIM-92 enthält 320 Gramm Plastiksprengstoff und wird durch Aufschlag gezündet, wobei die Rakete eine zieladaptive Endphasenlenkung durchführt, um seitlich auf das Ziel aufzuschlagen (in den meisten Fällen direkt in den Treibstofftank). Der verursachte Schaden wird durch eine verzögerte Zündung erhöht, da der Gefechtskopf erst im Inneren des Ziels detoniert.“
Wind drang durch das offene Fenster in die ehemalige Wohnung von Karl Melzer. Ivo ging in die Knie und hob das Chaos sanft auf seine rechte Schulter. Er presste sein Auge gegen das Gummi am Ende der Visiervorrichtung und konzentrierte sich auf die Straße. Er wartete einige Minuten, dann war es soweit. Von Westen her näherten sie sich wie schwarze Perlen auf einer Kette. Im Fadenkreuz erkannte Ivo deutlich die Wimpel, die im Fahrtwind flatterten. Er zählte fünfzehn Wagen, die sich mit konstant hoher Geschwindigkeit über die leere Straße bewegten. Vor und hinter der Gruppe waren Polizisten auf Motorrädern als Begleitschutz eingesetzt. „Nutzlos“, flüsterte Ivo und entsicherte die Flugabwehrrakete.
Weit öffnete er seinen Mund, sog die kühle Luft des Morgens in sich hinein und sprach langsam die Worte. „Aus Teilen sind wir gemacht. Für immer. “ Dann zielte er auf die dunkle Limousine im Zentrum des Konvois und schloss seinen Finger um den Abzug.

8 Kommentare
Steffen sagt:
4. Jan 2009
Haha, kann passieren ;) Trotzdem vielen Dank für die Rückmeldung!
Nils sagt:
4. Jan 2009
Ach ich Idiot, das “Chaos”, dass Ivo auf seine Schulter nimmt, ist ja natürlich der Raketenwerfer und nicht die Leiche. Ich Depp…
Konrad sagt:
4. Jan 2009
Gefällt mir gut, ich mag vorallem die Stimmung, die du hier heraufbeschwörst, sehr gerne.
1. Kapitel eines packenden Thrillers?
Steffen sagt:
4. Jan 2009
Merci, Herr N. Ja, hab auch schon überlegt ob ich noch weitermache damit… Mal schaun!
Steffen sagt:
3. Jan 2009
Danke Nils! Zu deiner Frage: Nein, mit “seinem Auge” ist Ivos eigenes gemeint. Er sieht also durch die Visiereinrichtung und zielt auf den Konvoi. Hoffe, das hat geholfen.
Nils sagt:
3. Jan 2009
Sehr nett geschrieben. Nur den Schluss verstehe ich nicht ganz: Nimmt Ivo die Leiche auf die Schulter und drückt dessen Augen ans Gummi um seine Sput zu verwischen???
Konrad sagt:
24. Dez 2008
Alles auf der Startseite? Hab ich ja ma n Anschiß für kassiert ;)
Steffen sagt:
27. Dez 2008
Danke, danke.
Tja, war so ein Gefühl (und ich habs ja auch alles recht schön formatiert ;)