Das Fossil


Die folgenden Vorkommnisse ereignen sich in einer mittelgroßen Stadt: Eine lange Einbahnstraße, auf einer Seite Einfamilienhäuser, großzügig geschnitten, jedes mit Garten. Die andere Seite der Straße säumen Kastanienbäume, alt und gut gepflegt. Es ist Ende November und die Sonne bereits hinter den schwarz geschindelten Dächern verschwunden. Das Astwerk der Kastanien ist blattlos und kahl, das Wasser in ihren Adern gefroren. Feuchter Nebel steigt langsam aus den Niederungen einer nahen Parkanlage auf und kriecht zwischen den Kastanien hervor.


„Der rote Knoten”

29. November, 19.25 Uhr

Herr Denker hatte genug. Und das lag nicht nur daran, dass er wieder einmal völlig gestresst war. Konnte er nicht einmal von der Arbeit nach Hause kommen und einfach nur seine Ruhe haben? War das denn wirklich zu viel verlangt? Er war jetzt vierunddreißig Jahre alt und die Tage kotzten ihn an.

Mit siebzehn hatte er sein Abitur geschrieben, danach in aller Eile ein Studium durchgezogen. Damals war er von dem starken Wunsch beseelt gewesen, endlich Geld zu verdienen. Auto, Haus mit allem, was dazu gehörte. Wie zum Beispiel der Gründung einer Familie. Jetzt, da er all das hatte, bereute er es manchmal. Es lag nicht einmal daran, dass er seine Frau und seine Tochter nicht liebte. Auch seinen Job, der ihn den ganzen Tag in einem Ingenieurbüro gefangen nahm, fand er immer noch spannend und wichtig.

„Nein”, dachte Herr Denker, als er sich vor dem Spiegel seiner verschwitzten Krawatte entledigte, „daran liegt es nicht”. Er öffnete die Hälfte des Kleiderschrankes, die seine Kleidungsstücke enthielt und zog einen frischen Binder heraus. Er hatte sich von Mammon blenden lassen, soviel war inzwischen klar. Er hatte immer sein Bestes gegeben und stets auf eine blühende Zukunft hingearbeitet. Doch genau das war ein Fehler gewesen. Diese Erkenntnis war ihm nicht einfach so gekommen. Es gab kein Schlüsselerlebnis, wie im Film. Sie war im Laufe langer Arbeitsjahre ganz langsam in Denkers Gedächtnis gesickert. Wurde von Arbeit erstickt, verdrängt und immer wieder  zur Seite geschoben. Und doch tauchte der Gedanke immer wieder an der Oberfläche seines Bewusstseins auf, wie ein Korken im Wasser. Er hatte sein Leben verschwendet. Nur geackert und gegrübelt. Für etwas gelebt, das er, wie er jetzt mit Bitterkeit feststellen musste, gar nicht wollte. Niemals hatte er sich Zeit für Freunde genommen, nicht einmal für sich selbst. Natürlich war er im Urlaub gewesen, die paar Mal. Doch aus diesen wenigen Wochen erinnerte er sich am deutlichsten an sein schlechtes Gewissen, dass er nichts für die Uni tat. Nichts hatte er erlebt in seiner Jugend. Verlegen blickte Denker nach unten oder lenkte vom Thema ab, wenn ein Arbeitskollege eine verrückte Episode aus seiner Jugend zum Besten gab.

„Schatz, bist du dann soweit?”, schallte die Stimme seiner Frau von unten. „Eine Minute, Schätzchen” rief er zurück und ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte nicht die geringste Lust auf diese Feier mitzukommen. Verdammt, er war noch nicht einmal eingeladen, sondern kam nur seiner Frau zuliebe mit, die ihn ihren neuen Freunden vorstellen wollte. Doch Denker kam mit, er kam immer mit. Wieder tat er etwas, was er nicht wollte. „Du kannst nicht nein sagen”, dachte er und gestand sich ein, dass er einfach keine Eier hatte. Aber auch sich selbst zu beleidigen konnte ihn nicht motivieren, seiner Frau ein „Nein!” entgegenzuschleudern. Er wusste was ihm fehlte und tat nichts dagegen. Er brauchte Zeit für sich, doch konnte nichts tun. Es war ein seelischer Makel, eine moralische Schwäche. Der Gedanke ließ ein Gefühl in ihm aufsteigen. Es war ein Gefühl, das er mittlerweile gut kannte: Dumpfe Wut. Ich bin einfach ein Feigling”, attestierte sich Denker und band einen lieblosen Knoten, als ihn ein leises Knarzen hinter ihm aufschrecken ließ.

„Ach du bist’s nur, Agatha” sagte Denker mit wenig Begeisterung zu der schwarzen Katze, die sich elegant durch die Tür schlängelte. Zufrieden schnurrte sie, die tiefgrünen Augen zu Schlitzen verengt und schmiegte sich fest an Denkers dunkelblaue Anzughose. „Scheiße” rief der und hatte jetzt endgültig genug. Mit aller Kraft trat er nach dem Tier, das eigentlich seiner Tochter gehörte. Doch die hatte ihr Interesse an Agatha längst verloren, so dass er jetzt diese Belastung auch noch hatte. Behände wich die Katze nach hinten aus und floh blitzschnell aus dem Schlafzimmer. Denkers Tritt ging in’s Leere, woraufhin er fast das Gleichgewicht verlor und sich auf der Kommode abstützen musste. Fluchend holte er die Fusselbürste aus einer Schublade und begann, die Katzenhaare von seinem Hosenbein zu entfernen. Schon meldete sich sein Gewissen, das er ebenfalls hasste, aber nicht abstellen konnte. Er hatte seine Wut noch nie an dem Tier ausgelassen, geschweige denn an irgend jemand anders. Nein, er hatte noch nicht einmal den Mumm, sich an Gegenständen abzureagieren. Plötzlich bekam er eine unbändige Lust, sich hemmungslos zu betrinken und alles zu vergessen, was ihn quälte. Ja, heute war es besonders schlimm. Und jetzt musste er auch noch in die Kälte hinaus, obwohl er müde und ausgelaugt war. Denker sah kurz aus dem Fenster, bevor er die Tür des Schlafzimmers öffnete. Er sah: Nichts. Es war bereits stockdunkel draußen. Dichter Nebel war aufgezogen. Das orange Licht der Straßenlaternen schien milchig und in dichten Glocken über dem Boden zu hängen. Bei diesem Wetter würde seine Frau nicht fahren wollen, was hieß: Kein Alkohol für ihn. Und kein Vergessen.

Fortsetzung folgt …