Das Fossil / Teil 2

„Der Mund”

29. November, 19.59 Uhr

„Schatz, wo bleibst du denn? Komm schon, wir sind spät dran!” klang die Stimme seiner Frau dumpf von unten. „Verdammt”, murmelte Denker. Er drehte sich vom Fenster weg und sah auf seine Armbanduhr. „Seltsam”, dachte er. Er hätte schwören können, nur einige Sekunden hier gestanden zu haben, doch die Uhr zeigte bereits eine Minute vor acht. Hatte er wirklich fast eine halbe Stunde hier gestanden und in die Dunkelheit gestarrt? „Unsinn”, sagte er zu sich selbst. Er musste nachgedacht haben. Das alles wurde langsam so viel, dass man schon mal die Zeit vergessen konnte.  Dennoch fand er es merkwürdig, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, worüber er so lange nachgedacht haben könnte. Er sah noch einmal in die kalte, schwarze Nacht hinaus. Die fahlen Nebelschwaden schlangen sich um die Stämme der Kastanien, krochen an ihnen nach oben. Es gab keinen Mond und keine Sterne. Dann wusste er es. Zwar erinnerte er sich immer noch an nichts, doch mit jeder Sekunde, die er in’s Dunkel sah, wuchs seine Gewissheit. Und sie machte ihm Angst. Schreckliche Angst. Kalte Schauer überliefen ihn, als er sich die Wahrheit eingestand: Er hatte in dieser halben Stunde vor dem kohleschwarzen Fenster gestanden und beschlossen, zu sterben.

Doch es war nicht sein Verstand gewesen, der diese Entscheidung getroffen hatte. Nur so machte es Sinn. Nein, etwas anderes in ihm musste es gewesen sein. War es womöglich seine Seele selbst, deren Qualen er über so viele Jahre ignoriert und verdrängt hatte und die sich jetzt selbst dem Tod anbot, der hinter dem Fenster in der Dunkelheit lauerte? Immer noch stand er vor dem Fenster, starrte in die Finsternis, ohne etwas zu fokussieren. Er fühlte sich unglaublich leicht und hatte immer noch eine Gänsehaut. Alles fühlte sich taub an, als wäre er fremd in seinem eigenen Körper. Oder, sagte sich Denker, ist mir nicht mein Körper fremd geworden, sondern etwas ist darin hinzugekommen. Etwas, das mir fremd ist und mich wie bewusstlos vor mich hinstarren lässt. Etwas, das mich umbringen will.

Als er bemerkte, dass er angefangen hatte zu schwitzen, fuhr Denker sich über die Stirn. Der Schweiß war klebrig und kalt. „Verdammt”, sagte er mit rauer, krächzender Stimme zu seinem blassen Spiegelbild. „Krieg dich wieder ein!” Plötzlich hörte er Geräusche vor der Tür und sein Körper versteifte sich. Frischer Schweiß trat aus allen Poren, rann unter seinen Armen herab und verfärbte seinen Hemdkragen dunkelblau. Jetzt sah er den Schatten unter dem Türspalt und nie geahnte Panik ergriff Besitz von seinem Körper. Mit aller Kraft löste er die Verkrampfung seiner Hände, stürzte nach vorn und rüttelte mit zitternden Händen am Griff des Fensters. Bevor es aufsprang sah er für den Bruchteil einer Sekunde sein Spiegelbild. Doch es war nicht sein Gesicht. Etwas anderes starrte ihn an, durch die dunkle Scheibe. Denkers Gedanken rasten jetzt wie wild, er hatte jede Kontrolle verloren. „Nein!” hörte er sich selbst schreien und alles in ihm sträubte sich mit Gewalt gegen das, was er dort sah. Ein unglaublich starker Fluchtreflex bemächtigte sich seiner Gedanken, doch er konnte seinen Blick nicht lösen.

Es waren die Augen eines Tieres, gelb und lauernd. Reglos lagen sie in ihren Höhlen, die länglichen Pupillen starr auf ihn gerichtet. Die Wangen waren eingefallen, das blasse Gesicht ausgezehrt und übersät mit offenen Stellen, an denen rotes Fleisch frei lag. Die Kopfhaut war voller kahler Stellen, die verbliebenen Haare klebten in der Stirn, gebündelt zu filzigen Strähnen. Denker spürte förmlich, wie der Wahnsinn seine Hände nach ihm ausstreckte, als er den Mund des Wesens erblickte. Die Lippen waren völlig deformiert und nur noch Wülste aus verfaultem Fleisch. Durch sie waren, offenbar mit Gewalt, dicke Fäden gezogen worden, auf denen Eiter und Blut glänzte. Während er vor dem Fenster stand, erstarrt und nicht in der Lage, sich zu bewegen, schoss ihm jetzt ein Gedanke durch den Kopf. Ein Gedanke von solch ungetrübter Klarheit, dass er seine Verwirrung für einen kurzen Moment durchbrechen konnte: „Ich bin verrückt geworden” sagte er und hörte seine Stimme wie von einem weit entfernten, fremden Ort.

Eine Hand drückte der Türgriff von außen herunter und eine neue Welle der Panik schlug über Denker zusammen. Plötzlich hatte er wieder ein Gefühl für seinen Körper und machte einen Schritt auf das offene Fenster zu. Wieder rüttelte die Hand am Türgriff, diesmal fester. Dann ein lautes Klopfen und eine Stimme, die er nicht zuordnen konnte. Sie klang tief und gewalttätig. Er machte sich bereit, zu springen. Für einen kurzen Moment blitzte das Bild der roten Backsteine in seinem Kopf auf, mit denen er die Einfahrt letzten Sommer gepflastert hatte. Im Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Er wollte es nicht, doch sein Blick wurde wieder auf das grässliche Gesicht im Fenster gelenkt, das eigentlich sein Spiegelbild sein musste. Es bewegte sich. Wand sich hin und her, die Augen rollten in ihren Höhlen, schmerzverzerrt. Dann ein leiser Knall, als der erste Faden zerriss. Die Lippen platzten auf und Rinnsale aus dickflüssigem Blut ergossen sich über das Kinn, als auch die übrigen Fäden nachgaben und aufrissen. Das Wesen hatte seine Augen jetzt wieder auf Denker gerichtet, der mit Grauen ansah, wie sich die Kiefer langsam öffneten und den Blick auf zwei weiße Reihen langer, nadelspitzer Zähne freigaben. Aus weiter Ferne hörte er, wie ein Schlüssel einrastete und umgedreht wurde. Das Wesen sprach mit leiser, zischender Stimme, in der Heimtücke lag: „Das, mein Freund, ist erst der Anfang.” Dann öffnete sich die Tür und Denker verlor das Bewusstsein.

Fortsetzung folgt …