Im Radio dröhnte Grönemeyer, als er im Werkzeugkasten nach etwas griff. „Wo hattest du denn die Lampe?“ rief er laut ins Nachbarzimmer hinein. Doch sie kam schon damit herein, bevor er den Satz beendet hatte. Beide lächelten sich an. Nicht gezwungen, nicht nervös und nicht gequält. Es war dieses andere, seltenere Lächeln, aus tiefstem, ehrlichstem Herzen. Sie wussten, dass sie es fast geschafft hatten, dass der Umzug bald erledigt war und das Leben weitergehen konnte. Die neue Stadt gemeinsam zu entdecken und zu erobern, darauf freuten sie sich mindestens genauso sehr wie auf die erste Nacht in ihrem neuen Bett, dass sie gemeinsam zusammengeschraubt hatten.

Genau wie an den Abenden zuvor setzte die Müdigkeit früh ein. Bei Pizza und Kerzenschein saßen sie sich in der Küche gegenüber, zu ihren Füßen Kisten mit Geschirr, in Zeitungen eingeschlagen. Hinter der Küche, in dem kleinen Innenhof war etwas. Flatternde Geräusche und manchmal ein heißeres Krächzen. Wie von einem Vogel, der stirbt, dachte er und biss in die Pizza, die plötzlich nach nichts mehr schmeckte. Nichts war da gewesen, nichts. Kein sterbender Vogel, kein dunkler Innenhof. Keine fremde Stadt, in der Schatten wuchsen. Schatten, von denen er nichts wusste, bloß ahnte.

Dann das erste Mal im gemeinsamen Bett, schwitzend und dumpf. Gier nach Leben und Freiheit war in seinen Augen. Dahinter lag die Angst. Wie ein kleiner Vogel mit gebrochenem Flügel, piepsend in Todesangst.

Ein dumpfes Geräusch wie von einem Hammer weckte ihn spät in der Nacht. Trübes Mondlicht drang grau durch die Fenster in das Schlafzimmer. Mit einem unterdrückten Gähnen erhob er sich aus dem Bett, von dem eine wohlige Wärme ausging. Seine Hand fuhr zu einer Stelle an seinem Hals, die ihm seit einigen Tagen zu schaffen machte. Eine Art von Ausschlag hatte sich dort gebildet, der manchmal  unheimlich juckte. Irgendetwas in der neuen Wohnung, vielleicht das Wasser, vertrug er nicht. Nachdem er sich gekratzt hatte schweiften seine Gedanken zu den zahlreichen Arbeiten an der Wohnung, Fahrten und Erledigungen, die noch zu erledigen waren. Morgen würde wieder ein anstrengender Tag werden. Im Bad zog er sich aus und wollte gerade in die Duschkabine schlüpfen, als er beinahe in einen Haufen Besteck trat, das dort noch zum Trocknen stand, weil die Küche noch nicht fertig war. Beim Wegräumen der Gabeln und Messer zeichneten seine Gedanken ein Bild davon, wie das kleine Badezimmer einmal aussehen sollte. Als er zuletzt noch einen Stapel Teller aus der feuchten Zelle hob, stutzte er plötzlich. In einer Wasserpfütze lag ein kleiner, ausgerissener Zettel. Vorsichtig griff er danach. Da stand etwas geschrieben, doch das Papier war bereits so aufgeweicht, dass die Buchstaben ineinander verlaufen waren. Er rieb sich die müden Augen und blinzelte, um schärfer sehen zu können. Da wurde ihm klar, dass die Worte auf dem Zettel er selbst geschrieben hatte, dass es seine eigene Handschrift war. Mit einem Mal erkannte er die Worte und konnte lesen, was auf dem eingeweichten Stück Papier mit hastiger Hand von ihm selbst geschrieben worden war. Er fing an zu frieren und ein eiskalter Schauer packte ihn im Genick wie der Biss eines Raubtieres. Aus dem Schlafzimmer drang kein Geräusch. Nur ein blasser Lichtschein kroch durch den Spalt unter der Türe herein. Langsam setzte er sich auf den Toilettendeckel und sah noch einmal auf die verschwommenen Buchstaben mit den ausgefranzten Rändern herab.

„Sie ist eine andere geworden – Immer wenn der Mond scheint.“

Verwirrt und unbewusst fuhren seine Finger nach oben und kratzen über die gerötete, schrundige Stelle am Hals. Ein schlechtes Gefühl griff sich Raum, breitete sich in seiner Brust aus. Heiße, unheilschwangere Wellen aus Unbehagen und aufkeimender Angst liefen durch Venen, schwappten gegen die Stirn. „Wenn der Mond kommt“, formte er die Worte mit den Lippen. Und während sein Verstand noch in tiefer Verwirrung über den Sinn des Zettels begriffen war, spürte er etwas anderes. Seinen Instinkt. Fast unmerklich übernahm dieser jetzt die Kontrolle. Er war wie eine leise Stimme, eine Ahnung, ein Gefühl in seinem Bauch. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, die Zukunft tatsächlich spüren zu können. Graue, verschwommene Ecken wuchsen in den äußeren Rändern seiner Augen und schränkten sein Blickfeld ein. Wie durch einen langen Tunnel sah er die Zeit ablaufen. Dann zuckte er zusammen und starrte gegen die geschlossene Tür. Sein Atem ging flach, als er zum Schlafzimmer herüber horchte.

„Sie ist eine andere geworden.“

Er hörte das leise Rascheln der Bettdecke, dann das Knarzen des Bettgestells, das ihm ungewöhnlich laut vorkam. Er wollte herübergehen und ihr einen guten Morgen wünschen. Aber sein Körper schien seine Anweisungen zu ignorieren. Zitternd saß er auf dem gepolsterten Klodeckel und wagte nicht sich zu rühren. Seine Hände kneteten den Zettel, falteten ihn und lösten kleine Stücke von dem feuchten Papier. Gedämpfte Schritte waren zu hören, dann wurde die Schlafzimmertür vorsichtig geöffnet. Jeder Muskel, jede Faser und jedes Organ in seinem Körper zog sich zusammen und schien hart zu werden, als zwei dunkle Schatten unter dem Spalt der Tür erschienen. Sie wirkten seltsam groß und gespreizt. Gelähmt und starr klebte sein Blick auf den zwei Schatten der Füße, die das weißliche Licht des Raumes durchbrachen. Von draußen hörte er Atemzüge, die zu dumpf, zu kehlig klangen. Instinktiv ballte er die Fäuste, sein Blick suchte den Raum nach Verstecken ab und er fasste seinen Entschluss. Langsam, ganz langsam erhob er sich und bewegte sich auf die Duschkabine zu. Als er wie  in Zeitlupe den Vorhang zur Seite schob und die Dusche betrat, stieß sein Fuß gegen den Stapel mit Tellern, der mit lautem Scheppern auf den Keramikboden krachte. Blitzschnell fuhr er herum und sah nur noch, dass die Tür schief in den Angeln hing. Dann erst sah er sie. Und in diesem letzten Moment, diesen letzten Sekunden seines Denkens, sah er lange Haare und gelbe Augen, in denen nur Böses war. Er sah einen großgewachsenen, behaarten Körper mit einem braunen Schädel, der sich dicht unter der Decke duckte. Und dann sah er die Zähne.