Was bisher geschah …

„X & Y“

Dieselbe Nacht, 01:34 Uhr

Denker drehte den Schlüssel im Zündschloss seines alten Ford Kombi. Das Blech des Wagens war ein einigen Stellen bereits mit Rostflecken besetzt, die Sitze staubig und durchgesessen. Doch er hing an dem Wagen, den er sich während seiner Studienzeit vom Mund abgespart hatte. Doch daran dachte er jetzt nicht. Es war etwas anderes gewesen, das ihn dazu bewogen hatte, sein eigenes Haus mitten in der Nacht heimlich zu verlassen. Er hatte lange wachgelegen und auf den Atemrhythmus seiner Frau gelauscht, bevor er sich aus dem Schlafzimmer geschlichen hatte. Die Innenbeleuchtung des Mondeo leuchtete matt-grün auf, aus den Boxen knisterte statisches Rauschen, maschinell, kalt und unheilverkündend. Denker drehte das Radio aus. Für einen Moment wunderte er sich, dass sein Sender – er hörte immer denselben, eine Mischung aus Informationen, Berichten und klassischer Musik – nicht mehr eingestellt war. Hatte seine Frau das Auto benutzt? Schnell verwarf er diesen Gedanken wieder. Dina hatte einen eigenen, besseren Wagen. Und warum würde sie sich atmosphärisches Rauschen anhören wollen? Sicherlich war er beim Aussteigen selbst an den Knopf gekommen, der die Frequenzen regelte. Doch, das musste er sich eingestehen, ganz sicher war er sich dabei nicht.

Jäh wurde sein Gedankengang unterbrochen, als er das Jucken an seinem Rücken wieder spürte. Angestrengt versuchte er es zu ignorieren, die sich anbahnende Panik abzuwehren, als das Jucken verschwand und schließlich zu einem drückenden Stechen wurde. Es fühlte sich an, als seien da die Finger einer winzigen Hand, die unter seiner Haut umhertasteten. Sie schienen zu versuchen, etwas davon zu fassen zu bekommen. Schweiß rann in den Kragen seiner Regenjacke, doch dieses Mal gelang es ihm, der Panik nicht die Kontrolle zu überlassen. Mit der rechten Hand griff Denker in das Innenfutter seiner Jacke und ertastete die Chipkarte aus Plastik, die er vor wenigen Minuten seiner Frau gestohlen hatte. Dina. Denker hatte mittlerweile regelrechte Angst vor ihr. Nachdem er beim Duschen am vorangegangen Abend zu ersten Mal bemerkt hatte, dass auch körperlich eine Veränderung bei ihm stattzufinden schien, hatte er sich nach dem Schock zusammengenommen und überlegt. Nach dem Zusammenbruch im Schlafzimmer konnte er zum ersten Mal wieder klar denken. Jedenfalls nahm er an, dass er klar dachte: Da waren die plötzlichen, furchtbaren Visionen. Sie waren unerwartet und jede Vorwarnung gekommen. Da waren der grauenhafte Albtraum und schließlich das juckende und tastende Etwas in seinem Rücken. Ihm war der Beruf seiner Frau zu Bewusstsein gekommen. Dina war Biochemikerin. Denker wusste zwar theoretisch über ihr Betätigungsfeld Bescheid, aber nicht, woran genau sie forschte. Sie redeten nur selten über ihren Job. Als er einmal Näheres wissen wollte, hatte sie alles sehr allgemein gehalten und darauf bestanden, dass dieses Thema zu kompliziert für Außenstehende wäre. Später hatte er einmal die Webseite ihres Institutes aufgerufen und dort in knappen Worten erfahren, dass sich der Konzern unter anderem mit der Forschung am menschlichen Genom beschäftigte.

„Genforschung“, dachte er und sein Rücken begann wieder heftiger zu jucken. Was wusste er eigentlich über seine Frau, seit sie sich emotional so weit voneinander entfernt hatten? Hatte sie sich verändert, ohne dass es ihm aufgefallen war? Er musste sich eingestehen, dass es gut möglich war. Warum hatten sie seiner Schilderungen der Visionen und der Zusammenbruch so kalt gelassen, als würde sie das alles nicht besonders überraschen? Nach diesen Gedanken hatte er begonnen, Dina zu verdächtigen. Oder war es doch so, dass er seinen Verstand verloren hatte? Diese Zweifel hielten ihn schließlich auch davon ab, sich an Ärzte zu wenden. Vielleicht würden sie ihm nicht glauben, vielleicht sogar in eine Anstalt einweisen. Nein, das würde er nicht ertragen. Er musste sich selbst Gewissheit verschaffen. Er würde in das Büro seiner Frau einbrechen. Die Stelle am Rücken fühlte sich jetzt wund und taub an und begann, leicht zu nässen. Denker startete den Motor des alten Ford, doch das war ein Fehler. Der Wagen machte einen heftigen Satz nach vorne und stieß scheppernd gegen das blecherne Garagentor, bevor der Motor erstarb. Denker fluchte innerlich: Er hatte vergessen, die Kupplung durchzutreten. Fast zeitgleich begann ein Hund zu kläffen. Gerade wollte er den Ford wieder anlassen, da sah er es. Im Schlafzimmer hatte jemand Licht gemacht. Aus dem Raum sah er eine dunkle Silhouette an das Fenster treten, die die Arme verschränkt vor ihrem Körper hielt. Es war seine Frau Dina.

Fortsetzung folgt …