Man schrieb das Jahr 1779. Die Flocken trafen sein Gesicht wie Peitschenhiebe. Dichte Schleier aus Schnee stieben zwischen den Birken hervor, die am Waldrand kauerten. Peter fror, trotz der wattierten Unterwäsche und den dicken Filzstiefeln. Es mochte an seinem Alter liegen, in dem es sich die meisten zu dieser Jahreszeit lieber vor dem Ofen bequem machten. Es war gegen Ende November, als Peter sich mit schweren, bedächtigen Schritten daran machte, die vereisten Stufen des Hochsitzes zu erklimmen, den er vor vielen Jahren selber aus dem Holz einer alten Eiche gezimmert hatte. Es war sehr hartes, kostbares Holz gewesen. Jetzt war es von Sonne und Regen, Wind und Tau, Schnee und Frost gezeichnet. Das Holz hatte vieles von seiner ursprünglichen Stärke verloren. Aber es würde ihn tragen, so wie es ihn immer getragen hatte. Er zurrte den Lederriemen seines Karabiners enger um die Schulter und blickte kurz nach oben. Seine Augen waren von einem wässrigen Blau und so trüb, als ob Nebel darin läge. Ein Arzt hatte ihm einmal erklärt, dass es eine Krankheit wäre und wollte ihn operieren. Er war nicht wieder dort hingegangen. Was er sehen musste, das sah er auch.
Graue Wolken zogen tief über den kahlen Wald, veränderten sich ständig und spuckten unablässig Schnee. Bevor er seinen Fuß auf die erste, von Raureif bedeckte Stufe setzte, horchte er. Das Horchen war wichtig und Peter horchte stets für einige Minuten in den Wald hinein. Dabei schloss er die Augen und verlangsamte seinen Atem. Er horchte auf das Grunzen von Wildschweinen, das Rascheln eines Rehs im Unterholz oder ein leises Knirschen im Schnee, wenn ein Fuchs davonhuschte. Von den Wölfen war in letzter Zeit nichts mehr zu sehen gewesen. Entweder waren sie weitergezogen oder verhungert, dachte Peter. Vor einigen Jahren war es vorgekommen, dass er auf seinem Hochsitz einen Mann überrascht hatte. Er war bewaffnet gewesen und wilderte offensichtlich in den Wäldern. Damals war es ihm schließlich gelungen, den Wilderer mit einigen Warnschüssen einzuschüchtern und zu vertreiben. Wie eine solche Situation heute enden konnte, wusste Peter genau. Die Zeiten waren härter und entbehrungsreicher und die Wilderer verzweifelter geworden. Und er war jetzt das geworden, was man gemeinhin einen alten Mann nannte. Mit kalten, knotigen Fingern, auf denen bräunliche Altersflecke wuchsen, fuhr er sich durch seinen borstigen Bart und dachte, „mit dem Alter kommt die Schwäche und mit der Schwäche kommt die Angst. Die verdammte Angst.“ Mit einem leisen Schnauben schüttelte er den Gedanken ab und horchte wieder in die helle Fläche aus Schnee, auf denen sich Flecken von Mondlicht spiegelten, wo die Wolkendecke aufgerissen war. Aber er hörte nichts. Da war kein Laut, der nicht der reichen Stimme der Natur entsprang. Nur das Pfeifen des Windes zwischen den Bäumen und das Knarren und Knacken der Äste, die unter ihrer schweren Last ächzten. Ab und zu gab ein morscher Ast nach und brach mit Getöse herab. Dann zuckte der alte Peter zusammen und schloss die Hände fester um den Lauf seiner Büchse, die auch seinen Vater durch diese Wälder begleitet hatte. Wenn das geschah, ärgerte er sich über seine Angst und in den Ärger mischte sich Scham darüber, was aus dem jungen, furchtlosen Peter geworden war. Trotzdem ging er weiter heraus, bei jeder Witterung und jeder Temperatur, was ihm einen Teil seinen Stolzes zurückgab. Der Reif knirschte unter seinen groben, genagelten Schuhsolen, als er den Hochsitz bestieg. Das Holz der alten Eiche hielt seinen Tritten auch in dieser Nacht stand.
Wie Mehl staubte der Schnee zwischen den Fingern seiner wollenen Handschuhe auf, die auf der rutschigen Plattform Halt suchten. Der alte Peter breitete die Arme aus und stützte sich ab. Da spürte er plötzlich einen Widerstand. Hitze stieg durch den Körper, bis in den Kopf hinauf. Es war etwas dort oben, was nicht da sein durfte. Es hatte sich angefühlt wie ein Fell, das konnte er selbst durch die dicken Handschuhe erkennen. Unendlich langsam schob Peter den Kopf über den Rand des schmalen Ansitzes. Dort war etwas. Im fahlen Licht des Mondes sah er es. Eine Masse aus Haaren, weiß und grau. Zwei gelbe Augen starrten ihn an. In diesem Moment wusste der alte Peter, dass die Geschichten stimmten. Es waren keine Märchen, wie die meisten dachten. Sein Vater hatte es gewusst. Sein Vater. Da fiel alle Angst, fiel alle Schwäche von ihm ab und mit seiner Rechten griff er nach dem Karabiner. Er bewegte sich sehr ruhig und bedächtig, setzte all sein Vertrauen in Gott. Als er im Begriff war, das Gewehr durchzuladen, schob sich über dem Rand der Plattform eine längliche Schnauze hervor, aus deren Lefzen dicke Fäden weißlichen Speichels triefen. Peter ließ den Ladehebel vorsichtig einrasten und verlagerte sein Gewicht nach vorne, so dass er mit dem Brustkorb an der Leiter lehnte. Unter der Belastung schrien seine Knie auf, doch er ignorierte die Schmerzen. Mit größter Vorsicht brachte er das Gewehr in Anschlag, presse den Schaft in seine Schulter. Seine Wange glitt an das Metall der Waffe, das eisig kalt war. Das rechte Auge kniff er zusammen, aus den trüben Nebeln des anderen visierte er über den Lauf der Waffe nach oben. Doch dann ging alles zu schnell für Peter. Aus dem Augenwinkel sah er von links die verschwommenen Konturen einer riesigen Klaue auf ihn zukommen. Dann, ein Brennen im Hals. Er verbrannte. Seine Stiefel rutschten auf den Eichenstufen hin und her. Er fiel. Das letzte, das der alte Peter sah, war roter Schnee, der langsam schmolz.
Als der Tag gegangen war, erinnerte nur eine blassrosa Kontur im Schnee an den Vorfall. Der Neuschnee breitete ein barmherziges Tuch über Peters kaltem Grab aus. Doch er schmolz in der Nacht darauf und im Mondlicht wühlte etwas am Fuße des Hochsitzes. Schatten huschten in die Wälder. Die Tiere verschwanden, flohen tiefer in den Wald. Da erhob er sich wieder. Es war der alte Peter und er brüllte aus vollen Lungen in die Nacht hinein, was als einziges in jeder Faser seines Körpers brannte. Was er als einziges begehrte, riechen, rauschen, schmecken wollte. „Blut!“, brüllte der alte Peter und rannte in zerrissenen Kleidern auf den Waldrand zu.

2 Kommentare
Konrad sagt:
12. Nov 2009
Ziemlich unheimlich! Und auch ein bißchen endzeitmässig! Ich mag es!
Steffen sagt:
12. Nov 2009
Thx!