
„Die Macht des V“
Firmengelände von GRS BIOTECH
Lieferanteneingang
2:59 Uhr
Das kleine Licht wechselte von gelb zu grün und ein leises Summen ertönte. Dinas Chipkarte öffnete ihm die Tür zu einem schmucklosen Seiteneingang, der tief im Schatten der nüchternen, hypermodernen Leichtbetonsäulen lag. Die orangen Lichter der Parkplatzbeleuchtung spiegelten sich verzerrt in der durchgängigen Glasfront, die sich rund um das Firmengebäude zog. Es war viel einfacher gewesen, als er sich vorher ausgemalt hatte. An der Schranke war er von einem jungen Nachtwächter mit Kopfhörern in den Ohren durchgewunken worden. Unglaubliche Erleichterung lief ihm wie schwacher Strom durch den Körper, er fühlte sich mit einem Mal aufgeputscht. Zwar hatte sich Denker eine nette Lügengeschichte ausgedacht, die nicht einmal schlecht war und von einer erkrankten Dina und am Arbeitsplatz vergessenen wichtigen Medikamenten handelte. So schön er sich alles zurechtgelegt hatte, wusste er doch, dass er einen erfahrenen Mann nur schwer damit würde täuschen können. Denn leider hatte sein Kopf die, gute oder schlechte Angewohnheit, beim Lügen krebsrot anzulaufen. Meist wurde ihm gleichzeitig heiß und kalt, das Blut rauschte in den Ohren. Er konnte diese Reaktion nicht kontrollieren oder aufhalten und würde es wahrscheinlich auch niemals können. Aber das war jetzt egal, dachte er. Noch in dieser Nacht würde er herausfinden, was mit seiner Frau nicht stimmte und vielleicht auch, was sich in seinem Rücken befand. Die ganze Autofahrt hatte er die Existenz der Finger verdrängt, seine Gedanken mit Gewalt von dem eingebildeten Händchen abgelenkt. Doch in irgendeinem Areal seines Bewusstseins, in irgendeiner Schicht seines Hirns siedete bereits eine mächtige Panik, die sich, gleich eines heißen Stachels immer wieder einen Weg an die Oberfläche brach.
Eigentlich war es viel zu einfach gewesen. Fast erschien ihm alles wie ein Spiel. Eine Schnitzeljagd für Erwachsene, aufregend, aber ohne Konsequenzen. Schnell verwarf er den Gedanken und fuhr damit fort, die Schubladen im Schreibtisch seiner Frau von unten nach oben durchzugehen. In den meisten befanden sich braune Umschläge oder rosafarbene Klemmordner, deren Beschriftung er im Schein seiner kleinen Stabtaschenlampe zu entziffern versuchte. Bald sah er jedoch ein, dass ihm, um den Inhalt der Papiere richtig beurteilen zu können, das Fachwissen fehlte. Falls seine Vermutungen zutrafen, musste es hier etwas geben, das seinen Zustand erklären konnte. Er machte weiter und hoffte auf eine verschlossene Schublade oder ein Geheimfach zu stoßen, fand aber nichts dergleichen. Dann nahm er sich den Computer auf dem Schreibtisch vor, einen weißen Power Mac G5. Die Lüfter dröhnten leise, als der Rechner hochfuhr und dann eine Passwortabfrage anzeigte. Der Benutzername seiner Frau wurde mit DDenker@GRS angezeigt. Wie lautete das Passwort? Als erstes probierte er ihren Geburtstag, dann seinen eigenen und schließlich seinen Namen in verschiedenen Varianten der Groß- und Kleinschreibung. Doch jedes Mal signalisierte ihm die Eingabemaske mit einem horizontalen Zittern, dass er auf der falschen Fährte war. Er versuchte es eine halbe Stunde lang mit verschiedenen Daten, ihrem Hochzeitstag, dem Geburtstag ihrer Eltern, vorwärts und rückwärts. Nichts funktionierte.
Resigniert starrte Viktor auf die beleuchtete Tastatur, die neben dem Bildschirm und dem schwachen Licht aus dem Flur die einzige Lichtquelle in dem Büro war. Er blickte auf die Uhr. Halb fünf. Er wusste nicht, wann der reguläre Arbeitsbetrieb anfing, aber er vermutete, dass es auch hier einige Frühaufsteher unter den Beschäftigten gab. Die Ausrede mit den Medikamenten würde er nur schwer vermitteln können, wenn er am Rechner seiner Frau saß und Passwörter ausprobierte. Sein Blick kreiste über die verschiedenen Buchstaben der Tastatur und blieb schließlich bei „A“ hängen. Plötzlich kam ihm eine Idee. Er tippte „Agatha“, den Namen ihrer Katze. Ein Ladesymbol flackerte kurz auf, dann war er im Account seiner Frau. Sofort öffnete er den Ordner mit ihren Dokumenten und scrollte langsam durch die Liste. Dabei fiel ihm sofort ein Dokument auf, dessen Dateiname lediglich auf „V.pdf“ lautete. Mit einem seltsamen Gefühl im Magen klickte er die Datei an.
„(…) stellten wir (…) fest, dass neben den unter anderem für die Bestimmung des Geschlechts verantwortlichen X- und Y-Chromosomen (…) darüber hinaus eine weitere, bisher unbekannte Chromosomen-Variante existiert. Dieses von uns nach seiner Form so bezeichnete ‚V-Chromosom‘ wurde erstmalig von Dina Denker beschrieben. Seine Existenz blieb jedoch ein Internum und war außerdem lediglich Frau S. – einer engen und langjährigen Mitarbeiterin Denkers – sowie meiner Person bekannt. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung fand nicht statt. Die Gründe für diese Geheimhaltung waren vielfältig (…) wobei der gewichtigste sicherlich ein mögliches Forschungsverbot durch staatliche Stellen war, die unter dem Druck der Gesellschaft ethische Bedenken noch immer in Verbote umsetzen. Das Resultat wäre jedoch lediglich das Bekanntwerden der Materie und damit eine Fortsetzung der Forschung im Ausland durch andere Stellen gewesen. Dennoch war es uns selbst nach mehreren Jahren intensivster Forschung nicht gelungen, weitergehende Kenntnisse über Ursprung und vor allem den Auswirkungen des V-Chromosoms zu erlangen. An Mäusen und Hunden durchgeführte Versuche endeten prinzipiell mit dem Exitus des Versuchsobjektes. Mit der Zeit setzte sich bei mir daher die Erkenntnis durch, dass es sich eventuell doch bloß um eine weitere Genmutation handelte, wie dies auch schon von S. mir gegenüber vorgebracht worden war. Finanzielle Mittel wurden schrittweise abgeschnürt (…) wogegen sich Frau Denker mit allen Mitteln zu Wehr setzte. Nach einer letzten Frist stellte sich heraus, dass mehrere Einheiten des Präparats, das für die Tierversuche verwendet wurde, fehlten. Frau Denker erklärte sich das Verschwinden mit einem Einbruch, für den es aber keinerlei Indizien gab und die Einrichtung unter der höchsten verfügbaren Sicherheitsstufe geführt wurde. S., die wie bereits erwähnt, ebenfalls eingeweiht war, lies mir gegenüber ebenfalls einige Zweifel über die Erklärung Denkers durchblicken. Da eine interne Untersuchung des Vorfalls auf Grund der genannten Gründe völlig ausgeschlossen war, blieb mir nichts anderes übrig, als das Projekt aufzulösen und beide in eine (…) andere Abteilung zu versetzen. Kurz darauf wurde bei S. im Rahmen eines routinemäßigen Gesundheitschecks Hyperleukozytose diagnostiziert (Blutkrebs). Der Fall wird mit dieser Eintragung intern für abgeschlossen erklärt.
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Zugriff: X ++ (intern)
Gez. Faber, Wissenschaftlicher Leiter
Nachtrag: S. ist am 14. Februar den Symptomen ihrer Krankheit erlegen.“
Viktor Denker brach der kalte Schweiß aus. Sein Verdacht nach der Lektüre des internen Berichts war absurd und makaber. Aber er war naheliegend, dass musste er sich eingestehen. Mit fahrigen Bewegungen fuhr er den Rechner herunter und schaltete den Monitor aus. Da hörte er, ganz schwach, ein unterdrücktes Wimmern hinter sich. Denker fuhr in dem Stuhl seiner Frau herum, die Augen weit aufgerissen, die Finger zu Fäusten verkrampft. Es war niemand dort. Das geräumige Büro lag im diffusen Licht der weißen Flurbeleuchtung. Nichts regte sich darin. Da hörte er es wieder, es klang wie das gedämpfte Schluchzen eines Kindes. Eines Kindes, das noch sehr klein war. So wie ein Säugling, dachte er und tastete instinktiv um seinen Körper herum, bis er die wunde Stelle an seinem Rücken erkannte. Viktors Nackenhaare stellten sich auf. Ganz leicht drückte er mit zwei Fingern auf die Stelle.
Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand mit Wucht eine Eisenstange über die Schulter gezogen. Er zuckte und hatte ganz plötzlich den metallischen Geschmack von Blut im Mund. Das Wimmern und Stöhnen schwoll an, während sich Denker vor Schmerzen am Boden wand. Deutlich konnte er spüren, wie sich sein Knochengerüst gewaltsam in Bewegung gesetzt hatte. Er sah weiße Sterne vor seinen Augen flimmern und war nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren. Doch wieder und wieder holten ihn furchtbare, brennende Schmerzen in die Gegenwart zurück. Sein Rücken, sein Brustkorb, seine Rippen standen in hellen Flammen. Kleine, spitze Knochen bohrten sich in Fleisch, zerrten daran, zerrissen Adern und Venen. Eine pulsierende Beule hatte sich an seinem Rücken gebildet, in der sich etwas hin und her zu winden schien. Denker glaubte einen heißeren Schrei zu hören, bevor er endgültig das Bewusstsein verlor.
Fortsetzung folgt …
