Seit Christine ihn verlassen hatte, war seine Tochter die Einzige, die Horst noch hatte. Oft saß er abends an ihrem Bett, so wie jetzt. Er blickte auf das schlafende Mädchen, auf ihr vollkommen entspanntes Gesicht. Ihr Mund war leicht geöffnet und sie atmete ganz ruhig, während sie in Traumwelten wandelte, die ihm verschlossen blieben. Horst riss seinen Blick von der schlafenden Gestalt los und blickte sich im Halbdunkel des Zimmers um. Ein Mädchenzimmer. Pferdeposter an der Wand, Puppen und Spielzeug in den Ecken verteilt. Das war normal, dachte Horst. Seine Tochter war schließlich erst 12. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Hefte, Ordner, Stifte, Kassetten, CDs und sonstiger Kram.
Vor ein paar Monaten schon hatte Horst eine Veränderung bei seiner Tochter festgestellt. Sie war verschlossener geworden, schloss sich im Bad ein und hatte dieses riesige Tokio-Hotel-Poster aufgehängt. Überhaupt verbrachte sie viel Zeit mit diesen „Stars“, wie sie sie nannte. Sie hörte die CDs und vergeudete jeden Cent ihres Taschengeldes für irgendeinen Sticker, Button oder Poster der Jungs. Horst hasste Tokio Hotel. Sie nahmen ihm die Tochter weg. Sie interessierte sich viel mehr für Bill als für ihren Vater. Das war falsch, fand Horst. Er hatte doch nur noch sie, warum hatte sie nicht nur ihn, sondern himmelte diese Bübchen an? Wie konnte sie rennen, während er gefesselt war?
Horst hatte versucht, ihr das auszureden, hatte sie einmal sogar geschlagen, doch sie blieb unbeirrt. Horst vermutete, dass bei seiner Tochter die Pubertät eingesetzt hatte. Die heiße Phase, wie man so sagte, begann.
Langsam zog er die Decke zurück. Sie grummelte, drehte sich etwas aber wachte nicht auf. Horst trank noch einen Schluck aus der Flasche. Wieder blickte er auf das schlafende Kind hinunter. Sie trug ein altes T-Shirt unter dem sich die Ansätze von etwas abzeichneten, das bald schon Brüste sein würden. Oh ja, sein kleines Mädchen war bald kein kleines Mädchen mehr. Er wollte zu gerne wissen, ob sie da unten schon Haare hatte. Sie zeigte sich nicht mehr nackt im Haus und achtete darauf, dass er sie nie nackt zu sehen bekam. Horst fand, dass er ein Recht darauf hatte, das zu erfahren. Schließlich war sie seine Tochter, zur Hälfte gehörte ihr Körper praktisch ihm. Seine Kehle schnürte sich zu, die Hände wurden schwitzig. Horst bemerkte, wie ein Tropfen Schweiß aus seinen Haaren auf die Stirn lief. Er trank noch einen Schluck. Er konnte nicht klar denken. Der Alkohol und die Gedanken an seine nackte Tochter verdrängten alles Andere aus seinem Kopf.
Horst wollte sie endlich sehen. Wollte endlich wissen, wie sie aussah und wie nah er mit seiner Vorstellungskraft an die Wirklichkeit gekommen war.
Sie lag da, schlafend wie vorher. Horst stöhnte, wich erschrocken von sich selbst zurück und taumelte einige Schritte von dem Bett zurück. Er schwitze am ganzen Körper, konnte kaum atmen und seine Hose schien plötzlich zu eng zu sein.
Der Wunsch, sie zu sehen, zu fühlen und zu riechen wurde wieder stärker. Horst ging auf das Bett zu und schlug mit einer schnellen Bewegung die Decke zurück.
„Papa, was ist los?“ fragte das schlaftrunkene Mädchen.
„Pssst, meine kleine Zwergin, Papa schläft heute Nacht bei dir!“
Dann kuschelte er sich an das kleine Bündel unter der Decke. Wie früher so oft. Nur heute achtete er darauf, dass seine Hand dicht an ihrem Mund war. Damit er schnell zupacken konnte. Er wollte sie, aber er wollte sie nicht hören.

Sie starb im Alter von 83 Jahren an einem Tumor, der sich in ihr Hirn fraß.
Tot war sie seit jener Nacht mit 12.