Der Tag ist die Sonne. Der Tag ist das Fieber.
Der Tag ist mein Feind. Ein Rätsel sind mir seine Kreaturen, ahnungslose Wandler. Selbstvergessen, eingebildet, voll naiver Selbstverständlichkeit an ihre Allmacht, an ihre Herrschaft glaubend. Träumer und Tröster. Narren. Buben allesamt in einem eingebildeten Spiel. Verstrickt in Nonsens und Nichtigkeit, gleich Insekten ohne Instinkt, gehen sie freiwillig ins Netz ihrer bescheidenen Tage. Eitle Züge führend auf ihrem Brett, mattgesetzt von Anfang an. Einem König glaubt ihr, der euch hasst. Zu ihm wollt ihr gehen, der euch und eure Kinder tötet, der euch mäht wie reifes Korn, Halm um Halm, Generation um Generation. Und dabei glaubt ihr noch, ihr wäret frei.
Das seid ihr, doch wer bin ich? Ich bin kein Mensch, nur ein Gesicht. Ein Mann in der Menge, die dunkelste Gasse, die Abwesenheit von Licht. Ihr seht mich, doch erkennt mich nicht. Ich habe das, was ihr gern wärt. Der Zeit entrückt, in Ewigkeit. Das tiefste Schwarz ist mir beschert.
Die Wunde scheint durch Tageslicht. Ein Strahl aus Eis, Moment der Qual. Dies Haus ist alt, die Wände grün. Du gehst hinaus, du hast die Wahl. Seid ihr verwelkt, werde ich erblühn.
Ich bin die Nacht. Ich wache auf, wenn alles schläft. Schwarz ist meine Farbe, gebrochen als grau in allen Tönen der Nacht. Blut ist meine Religion, der Schrei des Raben, gehüllt in Schatten. Bis der blaue Morgen graut.
Nichts Hohes ist das Leben, nichts Besseres der Mensch als leere Hülle, Wurm und Hund. Stolz, Verlangen, was ihr Liebe nennt, sind nichts als Launen der Natur, defekte Gene, Perversion. Aus dem Schlamm seid ihr gekrochen, mutiert und mutiert und mutiert. Habt euer Netz gesponnen, gewimmelt, gelärmt, verschmutzt. Ihr Virus, ihr Seuche, ihr Krankheit der Welt.
Doch ich bin auch hier. Zwischen euch muss ich existieren, im Lärm eurer Hybris, Gestank eurer Würde. Hinter dir werde ich stehen, ohne dass du es weißt. Die Tür zu dir öffnen, lautlos, still. Und deine Fesseln sprengen, auf dass du Erlösung empfängst. Auf dass du die Wahrheit erkennst, auf dass sie dich reinwäscht im kosmischen Licht, dem Schmerz, der Qual, ein Mensch zu sein.
Ich bin nur ein Bote, gefiedert in Blut. Kalt ist mein Körper und fest ist mein Schritt. Mein Lied, das sind Schreie, mein Tempel der Tod. Klaviaturen des Leides, getrommelt auf Schädeln, gerieben auf Rippen, die knöchernen Tasten, sie klingen für mich.
Ich bin die Wurzel, ich bin die Heilung, der ewige Saft.
Ich bin das Feuer und die Welle, die dich verschlingt.
Ich bin der Vogel, der nicht für dich singt.
Ich bin die Blume, die nur Nachts gedeiht.
Ich bin die Angst.
Ich bin die Nacht.
Ich bin die Einsamkeit.
