Dich zu zerbrechen, zartester Zweig. Deine Farben, gelb und braun und grün. Nicht rot doch Gold der Lebenssaft. Nun da du taumelnd schwebst und weiße Gischt dich dort empfängt, wo Knochen bleichen im harten Brand der Sonne und gelb geschlitzte Augen starren. Dorthinein, dorthinauf und dorthinunter.
Winde wie Peitschen, beißender Hagel, gütiger Schnee, oh gütiger Gott, oh gnädiger Gott, der du bist um Himmel, oh gütiger Gott, der du nirgends bist und eine alte eine und eine dumme Erfindung bist und der du mich doch schlägst mit hundert Peitschen, dass mein Gold, mein Blut, so dass es läuft und spritzt und sprudelt. Dass es kühlend, tropfend, wärmend fällt und traurig rinnt gleich einem Eiszapfen im ersten milden Frühlingswind.
Der schrumpft und schmilzt in kalten Tränen und hofft und schrumpft und schmilzt und hofft nur auf noch eine Nacht. Doch einer steht darüber, hinter eisbeblümten Fenstern und denkt an sich und denkt an nichts. Doch einer steht darunter und zählt die Tropfen schmelzen und denkt betrübt, noch eine Nacht. Er kann es nicht ändern, das frische Leben fällt herab, in seine nicht mehr junge, bleiche Hand.
Und das will ich lieben, so gut ich nur kann. Zu dir will ich beten, vom heutigen Tag. Dir will ich meine Tage geben, alle Tage geben. Du bist nicht verschwunden, nicht versickert noch versiegt. Dich hat es gegeben wie den Stamm, der nun durch Meere treibt. Ein dunkler Punkt am hohen Himmel, der bald zu mir hinüberspäht. Vielleicht ist das der Tod, das gnadenlose Nichts in diesen schwarzen Augen.
Mein Leben sei dieser Vogel. Schwebt einmal in sanften Winden, schwankt und stürzt in einem Sturm. Doch immer fliegt und immer kreist der Vogel, gleitet durch Monate, flattert und singt bis er mir anders nicht mehr zu denken ist. Bis dann in einer sternenlosen Nacht ich aus dem Finstern deiner Flügel Schlagen höre und erst zu träumen glaube und dann zu träumen hoffe.
Doch du kommst herab als schwarze Kontur, dunkler als Dunkel dein Gefieder. Es fällt ein wenig Schnee vom weiß verdeckten Himmel und sachte, ohne Schwere, ohne Zeit rieseln Flocken von dem Zweig herab, auf dem er gelandet ist, mein schwarzer Vogel, verharren für einen Moment ruhig in der Luft so scheint es mir und fallen schließlich zu Boden, der hart und gefroren unter meinen nackten Füßen liegt.
Es ist ganz still und ich wende den Blick von den Flocken und hebe meinen Kopf und blicke dann in die Augen des Vogels, der immer flog und immer kreiste, der mit mir sang und mit mir jagte in Stürmen wie im Sonnenschein. Das hast du mir gegeben, mein grüner, gelber, brauner Zweig. Dies war mein letzter Tropfen. Die eine letzte kühle Nacht. Ich habe dich getrunken. Ich habe dich geliebt.

2 Kommentare
Konrad
25. Jun 2011
Sehr schön düster! Liest sich beim ersten Mal wie ein Strudel, in dem man zu viel sieht um eine Einzelheit wahrnehmen zu können. Erst beim zweiten Mal fügt es sich langsam zusammen. Gefällt mir sehr gut!
Steffen
28. Jun 2011
Danke Dude!