Verschlafen blinzele ich ins gleißende Licht des Overheads. Ich bin hundemüde und das obwohl der leicht untersetzte Prof. sich vorne redlich abmüht. Immer wieder schaukelt er seine nadelbestreifte Körperfülle enthusiastisch durch den Raum in dem Versuch, Dynamik zu suggerieren. Im Grunde finde ich die Vorlesung nicht uninteressant und der bayrische Pfundskerl von Dozent besitzt das Charisma eines hoffnungslos überqualifizierten Fleischwarenfachverkäufers, haha. “Reiß dich mal zusammen, das ist jetzt wichtig!” versuche ich mich zu motivieren, glaube es mir aber selbst nicht. Außerdem stimmt mit meinen Augen etwas nicht, ständig verlieren sie den Fokus, schließen sich ungefragt und schweifen ab in sinnlose Gefilde, wie etwa die Decke. Wieso sind da eigentlich so kleine Löcher drin? Belüftung? Modern? Ein Schweizer Architekt? Quod erat demonstrandum.

Schneller Blick auf die Uhr: Gottogottogott. Da geschieht es: Der Kugelschreiber meines Sitznachbarn entwindet sich seinem Griff und fällt in den unübersichtlichen, mit Jacken und Rucksäcken zugemüllten Bodenbereich. Wahrscheinlich starke Schweißhände. Oder Gendefekt. Vorwurfsvoll schaue ich ihn an, angle mir den Stift und pfeffere ihn mit aller Macht in die Menge. Jedenfalls denke ich kurz daran. Er bekommt ihn natürlich zurück, man ist ja kein Unmensch. Mit milder Bestürzung bemerke ich nun, dass um mich herum alle Welt fleißig jedes einzelne Wort fein säuberlich zu Protokoll nimmt, teilweise unter Verwendung modernster Computertechnologie, teilweise aber auch nicht. Ich wende mein Caput nach rechts und starte mein eigenes Programm, Codename “unverschämtes Abschreiben”. So, das läuft. Selbstzufrieden lehne ich mich zurück.

Da steigt mir schlagartig ein penetranter Geruch in die Nase. Was soll das nun wieder? Und wie riecht das überhaupt und eigentlich? Zwiebeln, denke ich zunächst, aber das ist es nicht. Ausnahmsweise mal keine Zwiebeln. Auch kein Knoblauch, das wüsste ich. Leicht irritiert spüre ich der Quelle nach und fixiere schließlich den total verpickelten Nacken des Kommilitonen in der Reihe unter mir. Tief in diese Betrachtungen versunken, gelingt es mir gerade noch einen überraschenden Brechreiz zu unterdrücken, als die nächste Welle anbrandet. Jetzt hat es mein Nachbar auch gerochen und blickt verunsichert herüber. Ich schüttle leicht verächtlich den Kopf und nicke in Richtung des stoppligen Nackens. Meine Güte, der Kerl trägt ja allen Ernstes ein Mullet. Wie HeMan sieht das aus. Wette verloren vielleicht, naja. Dann hauche ich unauffällig in meine Faust und teste meinen Atem. Das Resultat ist negativ, Erleichterung durchströmt jede Faser meines Körpers. Aber was kann das bloß sein? Jedenfalls folgt es einem parabelförmigen Rhythmus, flaut kurzzeitig ab, nur um dann mit atemberaubender Penetranz zurückzukehren. Das kommt direkt aus dem Magen. Ekelhaft, so ein Schwein.

Verstohlener Blick auf den Chronographen: Gottogottogott. Anschließend erneut freches und unverblümtes Abschreiben vom mutmaßlich raubkopierten Schreibprogramm auf dem Bildschirm nebenan. Erste böse Blicke vom stolzen Besitzer. Mannomann, wie das hier mockert. Wieso merkt das denn niemand? Meine Empörung wächst sekündlich. Ein ausgemachter Skandal ist das! Ignorieren, einfach ignorieren. Luft anhalten, dann spontane Schnappatmung. Mein Nachbar hat derweil sein frenetisches Tippen eingestellt und surft jetzt hartnäckig im Internet, obwohl ich erst die Hälfte abgeschrieben habe. Arschloch! Der Prof. erkundigt sich, ob es zu diesem Thema noch Fragen gibt. Glasig wandert mein Blick durch den gut besetzten Hörsaal. Doch niemand hat eine Frage, noch nicht mal der eine, der immer irgendwas fragt. Plötzlich durchzuckt es mich wie ein Stromschlag. Heureka! Ruckartig und unkontrolliert schnellt mein Finger in die Höhe, der Prof. erteilt mir das Wort und ich rufe voller Inbrunst: „Ranzige Cheese-and-Onion Chips, billiges Rasierwasser und Schweißfüße!“