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	<title>endkampf &#187; Geschichten</title>
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	<description>zwanzig zwölf</description>
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		<title>Work</title>
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		<pubDate>Sat, 22 Jan 2011 18:41:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Konrad</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fotografie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://endkampf.de/wordpress/wp-content/uploads/2011/01/Brln-17@.jpg" rel="shadowbox[sbpost-4517];player=img;"><img class="aligncenter size-medium wp-image-4518" title="Letzter Blick" src="http://endkampf.de/wordpress/wp-content/uploads/2011/01/Brln-17@-500x375.jpg" alt="" width="500" height="375" /></a></p>
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		<title>Sie</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Jan 2010 20:57:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Konrad</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit Christine ihn verlassen hatte, war seine Tochter die Einzige, die Horst noch hatte. Oft saß er abends an ihrem Bett, so wie jetzt. Er blickte auf das schlafende Mädchen, auf ihr vollkommen entspanntes Gesicht. Ihr Mund war leicht geöffnet und sie atmete ganz ruhig, während sie in Traumwelten wandelte, die ihm verschlossen blieben. Horst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit Christine ihn verlassen hatte, war seine Tochter die Einzige, die Horst noch hatte. Oft saß er abends an ihrem Bett, so wie jetzt. Er blickte auf das schlafende Mädchen, auf ihr vollkommen entspanntes Gesicht. Ihr Mund war leicht geöffnet und sie atmete ganz ruhig, während sie in Traumwelten wandelte, die ihm verschlossen blieben. Horst riss seinen Blick von der schlafenden Gestalt los und blickte sich im Halbdunkel des Zimmers um. Ein Mädchenzimmer. Pferdeposter an der Wand, Puppen und Spielzeug in den Ecken verteilt. Das war normal, dachte Horst. Seine Tochter war schließlich erst 12. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Hefte, Ordner, Stifte, Kassetten, CDs und sonstiger Kram. <span id="more-2998"></span><br />
Vor ein paar Monaten schon hatte Horst eine Veränderung bei seiner Tochter festgestellt. Sie war verschlossener geworden, schloss sich im Bad ein und hatte dieses riesige Tokio-Hotel-Poster aufgehängt. Überhaupt verbrachte sie viel Zeit mit diesen „Stars“, wie sie sie nannte. Sie hörte die CDs und vergeudete jeden Cent ihres Taschengeldes für irgendeinen Sticker, Button oder Poster der Jungs. Horst hasste Tokio Hotel. Sie nahmen ihm die Tochter weg. Sie interessierte sich viel mehr für Bill als für ihren Vater. Das war falsch, fand Horst. Er hatte doch nur noch sie, warum hatte sie nicht nur ihn, sondern himmelte diese Bübchen an? Wie konnte sie rennen, während er gefesselt war?<br />
Horst hatte versucht, ihr das auszureden, hatte sie einmal sogar geschlagen, doch sie blieb unbeirrt. Horst vermutete, dass bei seiner Tochter die Pubertät eingesetzt hatte. Die heiße Phase, wie man so sagte, begann.<br />
Langsam zog er die Decke zurück. Sie grummelte, drehte sich etwas aber wachte nicht auf. Horst trank noch einen Schluck aus der Flasche. Wieder blickte er auf das schlafende Kind hinunter. Sie trug ein altes T-Shirt unter dem sich die Ansätze von etwas abzeichneten, das bald schon Brüste sein würden. Oh ja, sein kleines Mädchen war bald kein kleines Mädchen mehr. Er wollte zu gerne wissen, ob sie da unten schon Haare hatte. Sie zeigte sich nicht mehr nackt im Haus und achtete darauf, dass er sie nie nackt zu sehen bekam. Horst fand, dass er ein Recht darauf hatte, das zu erfahren. Schließlich war sie seine Tochter, zur Hälfte gehörte ihr Körper praktisch ihm. Seine Kehle schnürte sich zu, die Hände wurden schwitzig. Horst bemerkte, wie ein Tropfen Schweiß aus seinen Haaren auf die Stirn lief. Er trank noch einen Schluck. Er konnte nicht klar denken. Der Alkohol und die Gedanken an seine nackte Tochter verdrängten alles Andere aus seinem Kopf.<br />
Horst wollte sie endlich sehen. Wollte endlich wissen, wie sie aussah und wie nah er mit seiner Vorstellungskraft an die Wirklichkeit gekommen war.<br />
Sie lag da, schlafend wie vorher. Horst stöhnte, wich erschrocken von sich selbst zurück und taumelte einige Schritte von dem Bett zurück. Er schwitze am ganzen Körper, konnte kaum atmen und seine Hose schien plötzlich zu eng zu sein.<br />
Der Wunsch, sie zu sehen, zu fühlen und zu riechen wurde wieder stärker. Horst ging auf das Bett zu und schlug mit einer schnellen Bewegung die Decke zurück.<br />
„Papa, was ist los?“ fragte das schlaftrunkene Mädchen.<br />
„Pssst, meine kleine Zwergin, Papa schläft heute Nacht bei dir!“<br />
Dann kuschelte er sich an das kleine Bündel unter der Decke. Wie früher so oft. Nur heute achtete er darauf, dass seine Hand dicht an ihrem Mund war. Damit er schnell zupacken konnte. Er wollte sie, aber er wollte sie nicht hören.</p>
<p>Sie starb im Alter von 83 Jahren an einem Tumor, der sich in ihr Hirn fraß.<br />
Tot war sie seit jener Nacht mit 12.</p>
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		<title>Das Fossil &#8211; Teil 5</title>
		<link>http://endkampf.de/2009/11/08/das-fossil-teil-5/</link>
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		<pubDate>Sun, 08 Nov 2009 18:26:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Steffen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[biotech]]></category>
		<category><![CDATA[das fossil]]></category>
		<category><![CDATA[denker]]></category>

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		<description><![CDATA[Was bisher geschah &#8230; „Die Macht des V“ &#160; Firmengelände von GRS BIOTECH Lieferanteneingang 2:59 Uhr Das kleine Licht wechselte von gelb zu grün und ein leises Summen ertönte. Dinas Chipkarte öffnete ihm die Tür zu einem schmucklosen Seiteneingang, der tief im Schatten der nüchternen, hypermodernen Leichtbetonsäulen lag. Die orangen Lichter der Parkplatzbeleuchtung spiegelten sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone" title="Das Fossil - Teil 5" src="http://endkampf.de/wordpress/wp-content/uploads/2009/01/fossil2.jpg" alt="" width="487" height="399" /></p>
<p><a href="http://endkampf.de/geschichten/das-fossil/" target="_self">Was bisher geschah &#8230;</a></p>
<h1>„Die Macht des V“</h1>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Firmengelände von </em>GRS BIOTECH</p>
<p><em>Lieferanteneingang</em></p>
<p><em> 2:59 Uhr</em></p>
<p>Das kleine Licht wechselte von gelb zu grün und ein leises Summen ertönte. Dinas Chipkarte öffnete ihm die Tür zu einem schmucklosen Seiteneingang, der tief im Schatten der nüchternen, hypermodernen Leichtbetonsäulen lag. Die orangen Lichter der Parkplatzbeleuchtung spiegelten sich verzerrt in der durchgängigen Glasfront, die sich rund um das Firmengebäude zog. Es war viel einfacher gewesen, als er sich vorher ausgemalt hatte. <span id="more-2284"></span>An der Schranke war er von einem jungen Nachtwächter mit Kopfhörern in den Ohren durchgewunken worden. Unglaubliche Erleichterung lief ihm wie schwacher Strom durch den Körper, er fühlte sich mit einem Mal aufgeputscht. Zwar hatte sich Denker eine nette Lügengeschichte ausgedacht, die nicht einmal schlecht war und von einer erkrankten Dina und am Arbeitsplatz vergessenen wichtigen Medikamenten handelte. So schön er sich alles zurechtgelegt hatte, wusste er doch, dass er einen erfahrenen Mann nur schwer damit würde täuschen können. Denn leider hatte sein Kopf die, gute oder schlechte Angewohnheit, beim Lügen krebsrot anzulaufen. Meist wurde ihm gleichzeitig heiß und kalt, das Blut rauschte in den Ohren. Er konnte diese Reaktion nicht kontrollieren oder aufhalten und würde es wahrscheinlich auch niemals können. Aber das war jetzt egal, dachte er. Noch in dieser Nacht würde er herausfinden, was mit seiner Frau nicht stimmte und vielleicht auch, was sich in seinem Rücken befand. Die ganze Autofahrt hatte er die Existenz der Finger verdrängt, seine Gedanken mit Gewalt von dem eingebildeten Händchen abgelenkt. Doch in irgendeinem Areal seines Bewusstseins, in irgendeiner Schicht seines Hirns siedete bereits eine mächtige Panik, die sich, gleich eines heißen Stachels immer wieder einen Weg an die Oberfläche brach.</p>
<p>Eigentlich war es viel zu einfach gewesen. Fast erschien ihm alles wie ein Spiel. Eine Schnitzeljagd für Erwachsene, aufregend, aber ohne Konsequenzen. Schnell verwarf er den Gedanken und fuhr damit fort, die Schubladen im Schreibtisch seiner Frau von unten nach oben durchzugehen. In den meisten befanden sich braune Umschläge oder rosafarbene Klemmordner, deren Beschriftung er im Schein seiner kleinen Stabtaschenlampe zu entziffern versuchte. Bald sah er jedoch ein, dass ihm, um den Inhalt der Papiere richtig beurteilen zu können, das Fachwissen fehlte. Falls seine Vermutungen zutrafen, musste es hier etwas geben, das seinen Zustand erklären konnte. Er machte weiter und hoffte auf eine verschlossene Schublade oder ein Geheimfach zu stoßen, fand aber nichts dergleichen. Dann nahm er sich den Computer auf dem Schreibtisch vor, einen weißen Power Mac G5. Die Lüfter dröhnten leise, als der Rechner hochfuhr und dann eine Passwortabfrage anzeigte. Der Benutzername seiner Frau wurde mit DDenker@GRS angezeigt. Wie lautete das Passwort? Als erstes probierte er ihren Geburtstag, dann seinen eigenen und schließlich seinen Namen in verschiedenen Varianten der Groß- und Kleinschreibung. Doch jedes Mal signalisierte ihm die Eingabemaske mit einem horizontalen Zittern, dass er auf der falschen Fährte war. Er versuchte es eine halbe Stunde lang mit verschiedenen Daten, ihrem Hochzeitstag, dem Geburtstag ihrer Eltern, vorwärts und rückwärts. Nichts funktionierte.</p>
<p>Resigniert starrte Viktor auf die beleuchtete Tastatur, die neben dem Bildschirm und dem schwachen Licht aus dem Flur die einzige Lichtquelle in dem Büro war. Er blickte auf die Uhr. Halb fünf. Er wusste nicht, wann der reguläre Arbeitsbetrieb anfing, aber er vermutete, dass es auch hier einige Frühaufsteher unter den Beschäftigten gab. Die Ausrede mit den Medikamenten würde er nur schwer vermitteln können, wenn er am Rechner seiner Frau saß und Passwörter ausprobierte. Sein Blick kreiste über die verschiedenen Buchstaben der Tastatur und blieb schließlich bei „A“ hängen. Plötzlich kam ihm eine Idee. Er tippte „Agatha“, den Namen ihrer Katze. Ein Ladesymbol flackerte kurz auf, dann war er im Account seiner Frau. Sofort öffnete er den Ordner mit ihren Dokumenten und scrollte langsam durch die Liste. Dabei fiel ihm sofort ein Dokument auf, dessen Dateiname lediglich auf „V.pdf“ lautete. Mit einem seltsamen Gefühl im Magen klickte er die Datei an.</p>
<p><em>„(…) stellten wir (…) fest, dass neben den unter anderem für die Bestimmung des Geschlechts verantwortlichen X- und Y-Chromosomen (…) darüber hinaus eine weitere, bisher unbekannte Chromosomen-Variante existiert. Dieses von uns nach seiner Form so bezeichnete ‚V-Chromosom‘ wurde erstmalig von Dina Denker beschrieben. Seine Existenz blieb jedoch ein Internum und war außerdem lediglich Frau S. &#8211; einer engen und langjährigen Mitarbeiterin Denkers &#8211; sowie meiner Person bekannt. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung fand nicht statt. Die Gründe für diese Geheimhaltung waren vielfältig (…) wobei der gewichtigste sicherlich ein mögliches Forschungsverbot durch staatliche Stellen war, die unter dem Druck der Gesellschaft ethische Bedenken noch immer in Verbote umsetzen. Das Resultat wäre jedoch lediglich das Bekanntwerden der Materie und damit eine Fortsetzung der Forschung im Ausland durch andere Stellen gewesen. Dennoch war es uns selbst nach mehreren Jahren intensivster Forschung nicht gelungen, weitergehende Kenntnisse über Ursprung und vor allem den Auswirkungen des V-Chromosoms zu erlangen. An Mäusen und Hunden durchgeführte Versuche endeten prinzipiell mit dem Exitus des Versuchsobjektes. Mit der Zeit setzte sich bei mir daher die Erkenntnis durch, dass es sich eventuell doch bloß um eine weitere Genmutation handelte, wie dies auch schon von S. mir gegenüber vorgebracht worden war. Finanzielle Mittel wurden schrittweise abgeschnürt (…) wogegen sich Frau Denker mit allen Mitteln zu Wehr setzte. Nach einer letzten Frist stellte sich heraus, dass mehrere Einheiten des Präparats, das für die Tierversuche verwendet wurde, fehlten. Frau Denker erklärte sich das Verschwinden mit einem Einbruch, für den es aber keinerlei Indizien gab und die Einrichtung unter der höchsten verfügbaren Sicherheitsstufe geführt wurde. S., die wie bereits erwähnt, ebenfalls eingeweiht war, lies mir gegenüber ebenfalls einige Zweifel über die Erklärung Denkers durchblicken. Da eine interne Untersuchung des Vorfalls auf Grund der genannten Gründe völlig ausgeschlossen war, blieb mir nichts anderes übrig, als das Projekt aufzulösen und beide in eine (…) andere Abteilung zu versetzen. Kurz darauf wurde bei S. im Rahmen eines routinemäßigen Gesundheitschecks Hyperleukozytose diagnostiziert (Blutkrebs). Der Fall wird mit dieser Eintragung intern für abgeschlossen erklärt.</em></p>
<p><em>Archivieren: 0</em></p>
<p><em>Zugriff: X ++ (intern)</em></p>
<p><em>Gez. Faber, Wissenschaftlicher Leiter</em></p>
<p><em>Nachtrag: S. ist am 14. Februar den Symptomen ihrer Krankheit erlegen.“</em></p>
<p>Viktor Denker brach der kalte Schweiß aus. Sein Verdacht nach der Lektüre des internen Berichts war absurd und makaber. Aber er war naheliegend, dass musste er sich eingestehen. Mit fahrigen Bewegungen fuhr er den Rechner herunter und schaltete den Monitor aus. Da hörte er, ganz schwach, ein unterdrücktes Wimmern hinter sich. Denker fuhr in dem Stuhl seiner Frau herum, die Augen weit aufgerissen, die Finger zu Fäusten verkrampft. Es war niemand dort. Das geräumige Büro lag im diffusen Licht der weißen  Flurbeleuchtung. Nichts regte sich darin. Da hörte er es wieder, es klang wie das gedämpfte Schluchzen eines Kindes. Eines Kindes, das noch sehr klein war. So wie ein Säugling, dachte er und tastete instinktiv um seinen Körper herum, bis er die wunde Stelle an seinem Rücken erkannte. Viktors Nackenhaare stellten sich auf. Ganz leicht drückte er mit zwei Fingern auf die Stelle.</p>
<p>Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand mit Wucht eine Eisenstange über die Schulter gezogen. Er zuckte und hatte ganz plötzlich den metallischen Geschmack von Blut im Mund. Das Wimmern und Stöhnen schwoll an, während sich Denker vor Schmerzen am Boden wand. Deutlich konnte er spüren, wie sich sein Knochengerüst gewaltsam in Bewegung gesetzt hatte. Er sah weiße Sterne vor seinen Augen flimmern und war nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren. Doch wieder und wieder holten ihn furchtbare, brennende Schmerzen in die Gegenwart zurück. Sein Rücken, sein Brustkorb, seine Rippen standen in hellen Flammen. Kleine, spitze Knochen bohrten sich in Fleisch, zerrten daran, zerrissen Adern und Venen. Eine pulsierende Beule hatte sich an seinem Rücken gebildet, in der sich etwas hin und her zu winden schien. Denker glaubte einen heißeren Schrei zu hören, bevor er endgültig das Bewusstsein verlor.</p>
<p><span style="color: #ff0000;">Fortsetzung folgt …</span></p>
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		<title>Das Fossil &#8211; Teil 4</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Oct 2009 07:18:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Steffen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[fossil]]></category>
		<category><![CDATA[herr denker]]></category>
		<category><![CDATA[teil 4]]></category>

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		<description><![CDATA[Was bisher geschah &#8230; „X &#38; Y“ Dieselbe Nacht, 01:34 Uhr Denker drehte den Schlüssel im Zündschloss seines alten Ford Kombi. Das Blech des Wagens war ein einigen Stellen bereits mit Rostflecken besetzt, die Sitze staubig und durchgesessen. Doch er hing an dem Wagen, den er sich während seiner Studienzeit vom Mund abgespart hatte. Doch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://endkampf.de/geschichten/das-fossil/" target="_self">Was bisher geschah &#8230;</a></p>
<p>
<h1>„X &amp; Y“</h1>
</p>
<p></p>
<p><em>Dieselbe Nacht, 01:34 Uhr</em></p>
<p>Denker drehte den Schlüssel im Zündschloss seines alten Ford Kombi. Das Blech des Wagens war ein einigen Stellen bereits mit Rostflecken besetzt, die Sitze staubig und durchgesessen. Doch er hing an dem Wagen, den er sich während seiner Studienzeit vom Mund abgespart hatte. Doch daran dachte er jetzt nicht. Es war etwas anderes gewesen, das ihn dazu bewogen hatte, sein eigenes Haus mitten in der Nacht heimlich zu verlassen. Er hatte lange wachgelegen und auf den Atemrhythmus seiner Frau gelauscht, bevor er sich aus dem Schlafzimmer geschlichen hatte. Die Innenbeleuchtung des Mondeo leuchtete matt-grün auf, aus den Boxen knisterte statisches Rauschen, maschinell, kalt und unheilverkündend. Denker drehte das Radio aus. Für einen Moment wunderte er sich, dass sein Sender – er hörte immer denselben, eine Mischung aus Informationen, Berichten und klassischer Musik – nicht mehr eingestellt war. Hatte seine Frau das Auto benutzt? Schnell verwarf er diesen Gedanken wieder. Dina hatte einen eigenen, besseren Wagen. Und warum würde sie sich atmosphärisches Rauschen anhören wollen? Sicherlich war er beim Aussteigen selbst an den Knopf gekommen, der die Frequenzen regelte. Doch, das musste er sich eingestehen, ganz sicher war er sich dabei nicht. <span id="more-2227"></span></p>
<p>Jäh wurde sein Gedankengang unterbrochen, als er das Jucken an seinem Rücken wieder spürte. Angestrengt versuchte er es zu ignorieren, die sich anbahnende Panik abzuwehren, als das Jucken verschwand und schließlich zu einem drückenden Stechen wurde. Es fühlte sich an, als seien da die Finger einer winzigen Hand, die unter seiner Haut umhertasteten. Sie schienen zu versuchen, etwas davon zu fassen zu bekommen. Schweiß rann in den Kragen seiner Regenjacke, doch dieses Mal gelang es ihm, der Panik nicht die Kontrolle zu überlassen. Mit der rechten Hand griff Denker in das Innenfutter seiner Jacke und ertastete die Chipkarte aus Plastik, die er vor wenigen Minuten seiner Frau gestohlen hatte. Dina. Denker hatte mittlerweile regelrechte Angst vor ihr. Nachdem er beim Duschen am vorangegangen Abend zu ersten Mal bemerkt hatte, dass auch körperlich eine Veränderung bei ihm stattzufinden schien, hatte er sich nach dem Schock zusammengenommen und überlegt. Nach dem Zusammenbruch im Schlafzimmer konnte er zum ersten Mal wieder klar denken. Jedenfalls nahm er an, dass er klar dachte: Da waren die plötzlichen, furchtbaren Visionen. Sie waren unerwartet und jede Vorwarnung gekommen. Da waren der grauenhafte Albtraum und schließlich das juckende und tastende Etwas in seinem Rücken. Ihm war der Beruf seiner Frau zu Bewusstsein gekommen. Dina war Biochemikerin. Denker wusste zwar theoretisch über ihr Betätigungsfeld Bescheid, aber nicht, woran genau sie forschte. Sie redeten nur selten über ihren Job. Als er einmal Näheres wissen wollte, hatte sie alles sehr allgemein gehalten und darauf bestanden, dass dieses Thema zu kompliziert für Außenstehende wäre. Später hatte er einmal die Webseite ihres Institutes aufgerufen und dort in knappen Worten erfahren, dass sich der Konzern unter anderem mit der Forschung am menschlichen Genom beschäftigte.</p>
<p>„Genforschung“, dachte er und sein Rücken begann wieder heftiger zu jucken. Was wusste er eigentlich über seine Frau, seit sie sich emotional so weit voneinander entfernt hatten? Hatte sie sich verändert, ohne dass es ihm aufgefallen war? Er musste sich eingestehen, dass es gut möglich war. Warum hatten sie seiner Schilderungen der Visionen und der Zusammenbruch so kalt gelassen, als würde sie das alles nicht besonders überraschen? Nach diesen Gedanken hatte er begonnen, Dina zu verdächtigen. Oder war es doch so, dass er seinen Verstand verloren hatte? Diese Zweifel hielten ihn schließlich auch davon ab, sich an Ärzte zu wenden. Vielleicht würden sie ihm nicht glauben, vielleicht sogar in eine Anstalt einweisen. Nein, das würde er nicht ertragen. Er musste sich selbst Gewissheit verschaffen. Er würde in das Büro seiner Frau einbrechen. Die Stelle am Rücken fühlte sich jetzt wund und taub an und begann, leicht zu nässen. Denker startete den Motor des alten Ford, doch das war ein Fehler. Der Wagen machte einen heftigen Satz nach vorne und stieß scheppernd gegen das blecherne Garagentor, bevor der Motor erstarb. Denker fluchte innerlich: Er hatte vergessen, die Kupplung durchzutreten. Fast zeitgleich begann ein Hund zu kläffen. Gerade wollte er den Ford wieder anlassen, da sah er es. Im Schlafzimmer hatte jemand Licht gemacht. Aus dem Raum sah er eine dunkle Silhouette an das Fenster treten, die die Arme verschränkt vor ihrem Körper hielt. Es war seine Frau Dina.</p>
<p><span style="color: #ff0000;">Fortsetzung folgt &#8230;</span></p>
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		<title>Das Fossil &#8211; Teil 3</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Jan 2009 22:12:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Steffen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[fossil]]></category>
		<category><![CDATA[herr denker]]></category>

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		<description><![CDATA[&#160; „Dina&#8221; &#160; Am nächsten Tag, 16.41 Uhr Als Herr Denker aufwachte, wusste er zuerst nicht wo er war. Doch er lag in seinem eigenen Bett. Von draußen fiel schummriges Licht in das Schlafzimmer. Es dämmerte schon. Oder gerade &#8211; er war sich nicht sicher. Vorsichtig richtete er sich auf, um auf die Uhr zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-1587" title="Das Fossil / Teil 3" src="http://endkampf.de/wordpress/wp-content/uploads/2009/01/fossil_teil3.jpg" alt="Das Fossil / Teil 3" width="487" height="399" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<h1>„Dina&#8221;</h1>
<p>&nbsp;</p>
<p><em></em><em></em><em>Am nächsten Tag, 16.41 Uhr</em></p>
<p>Als Herr Denker aufwachte, wusste er zuerst nicht wo er war. Doch er lag in seinem eigenen Bett. Von draußen fiel schummriges Licht in das Schlafzimmer. Es dämmerte schon. Oder gerade &#8211; er war sich nicht sicher. Vorsichtig richtete er sich auf, um auf die Uhr zu sehen. Dabei spürte er plötzlich Übelkeit in sich aufsteigen. Auch sein Kopf begann zu rasen. Die Schmerzen kamen so heftig und überraschend, dass Denker sich in seiner Haltung völlig verkrampfte. Grelle Lichtblitze explodierten in seinem Kopf und alles um ihn herum wurde in ein schmerzhaftes, gleißendes Weiß getaucht. Eine Form schien sich aus der unendlich hellen Masse zu lösen. Dunkle Flecken entstanden und verschmolzen langsam miteinander, bis sie eine träge, schwarz-schimmernde Masse bildeten. Denker versuchte seine Augen zu öffnen und die nächste Welle aus Schmerzen strömte durch sein Gehirn. Die Intensität des Weiß&#8217; verdoppelte sich und wurde unerträglich. Er schrie seine Schmerzen heraus, aus voller Seele und Leibeskraft. Die nächste Welle schmerzender Helligkeit schoss heran und riss Stücke aus dem dunklen Fleck. Was übrig blieb, sah aus wie ein Gesicht. Doch nicht das eines Menschen, sondern völlig entstellt, mit tiefen Wunden und den Augen eines Tieres. Denker konnte jetzt keinen klaren Gedanken mehr fassen. Todesangst stieg in ihm auf. Eine kleine, eiskalte Hand berührte seine Schulter und er schrie auf. Etwas rüttelte an ihm. Vor Panik bebend riss er die Augen auf und sah das Gesicht seiner Frau vor sich. Fast sofort ließen die Schmerzen nach und Denker atmete auf vor Erleichterung. „Schatz? Was ist denn?&#8221;, begann sie mit sanfter Stimme zu sprechen, in der ein Unterton von Besorgnis lag. Sie rüttelte ihn noch einmal an der Schulter. „Ich bin es, Dina. Du hast im Schlaf geschrien.&#8221; Denker, der mittlerweile halbwegs zu sich gekommen war, schloss seine Frau in die Arme und drückte sie fest an sich. Überrascht erwiderte Dina die Zärtlichkeit und flüsterte „was in aller Welt hast du geträumt, Viktor?&#8221;</p>
<p><span id="more-1586"></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>18.05 Uhr</em></p>
<p>Viktor Denker blickte auf die Tasse Kamillentee, die ihm seine Frau hingestellt hatte, ohne ihn zu fragen, ob er welchen wollte. Dina war eigentlich nicht der Typ Frau, die sich ständig um das Wohl ihres Mannes sorgte und ihn besonders verwöhnte. Sie war wie Denker berufstätig und verdiente mit ihrer Arbeit als leitende Angestellte eines Chemiekonzerns sogar mehr Geld als Viktor. Doch jetzt zeigten sich einige Sorgenfalten in ihrem makellosen, von schulterlangem schwarzem Haar umrahmten Gesicht. Denker nippte an seinem Tee.</p>
<p>„Und du bist sicher, dass ich gestern Abend einfach eingeschlafen bin?&#8221;, fragte er und versuchte die Verunsicherung in seiner Stimme so gut wie möglich zu verbergen. Dina, die am Fenster stand, drehte sich zu ihrem Mann. „Ja, du hast geschlafen. Wie ein Baby. Und zwar auf dem Boden, direkt an der Heizung, unter der Fensterbank.&#8221; Denker setzte die Tasse wieder ab. Der Tee war noch zu heiß zum Trinken. „Wahrscheinlich hat mich der Stress einfach umgehauen. Die letzten Wochen waren doch ziemlich stressig, für uns beide.&#8221; Doch er wusste, dass das nicht stimmte. Während er da saß und das dunkle Holz des alten Esstisches anstarrte, hatte er Angst. Angst davor, seine Augen zu schließen und das Gesicht wieder zu sehen. Ein tiefes Verlangen, seiner Frau von seinen schrecklichen Erlebnissen zu berichten, regte sich in ihm. Die Worte drehten sich in seinem Kopf und wollten heraus. Aber er konnte es nicht. Dina würde ihm nicht glauben. Es war einfach zu verrückt. Er selbst hätte es ja nicht geglaubt, wenn es ihm jemand erzählt hätte. Und selbst wenn seine Frau ihm glaubte, was wäre das Ergebnis? Sie würde an seinem Verstand zweifeln oder ihn für verrückt halten. Nein, er musste es verschweigen, unter allen Umständen. „Da ist noch etwas, Schatz&#8221;, begann Dina.</p>
<p>Denker erwachte aus seiner Lethargie und sah fragend zu ihr auf. „Warum hast du dich eigentlich im Schlafzimmer eingeschlossen?&#8221; Denker stutzte. Er hatte sich nicht eingeschlossen. Jedenfalls wusste er davon nichts mehr. Seltsam, denn an den Rest des Abends, seine schlechte Laune und das anschließende Grauen konnte er sich schmerzhaft genau erinnern. Warum hätte er abschließen sollen? Aber wenigstens erklärte das, warum es an der Tür geklopft hatte. „Ach, der Türschnapper ist ausgeleiert und die Katze kam dauernd rein. Da habe ich eben abschlossen&#8221;, log er. „Du bist einfach etwas überspannt. Am besten nimmst du dir ein paar Tage frei&#8221; meinte Dina und widmete sich wieder der bilderlosen Fachzeitschrift, die aufgeschlagen vor ihr auf dem Tisch lag. „Ich komme schon klar&#8221; wollte Denker antworten, als ihm etwas auffiel. Etwas seltsames, das er sich nicht sofort erklären konnte.</p>
<p>Er sah seine Frau an, die in der Zeitschrift blätterte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Angenommen, er hatte sich tatsächlich eingeschlossen, ohne sich daran zu erinnern. Es war zwar ungewöhnlich, in Anbetracht seines Zustandes zu der Zeit aber durchaus möglich. Doch wie hatte Dina die Tür dann von außen aufschließen können? Das hätte sie nur gekonnt, wenn er den Schlüssel auf seiner Seite der Tür abgezogen hätte. Aber das ergab keinen Sinn. Er schloss sich niemals ein, nicht einmal auf der Toilette. Und selbst wenn er es dieses Mal im Wahn getan hatte, war er sich sicher, dass er den Schlüssel niemals aus dem Schloss gezogen und weggelegt hätte. Warum auch? Er richtete seinen Blick wieder auf das gegenüberliegende Ende des Tisches und betrachtete seine Frau. Sie sah gut aus, wie immer. Nichts an ihr erschien ihm ungewöhnlich oder anders. Dennoch hatte sie etwas an sich, das ihn zutiefst beunruhigte. Ein vages Gefühl beschlich ihn und etwas begann unter seiner Haut zu jucken. Er schob es auf seine Verwirrung und die schrecklichen Visionen, die er im Schlaf gehabt hatte und die sein Denkvermögen offenbar immer noch beeinträchtigten. Er sah auf den Kalender an der Küchenwand. Es war Sonntag. Denker nahm sich vor, den nächsten Tag freizunehmen und zum Arzt zu gehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>22.21 Uhr</em></p>
<p>Den Rest des Abends hatte Denker damit verbracht, alleine vor dem Fernseher zu sitzen. Tief in die Kissen gesunken saß er einfach nur da, die Katze schnurrte neben ihm. Als er sich aus dem Sofa erhob, hatte er bereits vergessen, was er sich angesehen hatte. Gänzlich unbewusst hatte er währenddessen damit begonnen, die Schrecken zu relativieren und zu verdrängen, die ihm widerfahren waren. Jetzt fühlte er sich nur noch leer und verbraucht. Dina schlief bereits und er beschloss sich noch zu duschen, bevor auch er zu Bett ging. Müde schlurfte er in das blau gekachelte Badezimmer und drehte das heiße Wasser auf. Denkers Augen starrten ins Nichts und sein Körper entspannte sich, als das Wasser warm und wohltuend über seinen Körper strömte. Vor dem großen Spiegel trocknete er sich ab. „Wie neu geboren&#8221;, sagte er zufrieden zu seinem Spiegelbild und wandte sich zur Tür.</p>
<p>Da sah er etwas Seltsames im Augenwinkel. Denker stutzte und ging noch einmal zu dem  Spiegel zurück. Irgendetwas stimmte nicht mit seinem Rücken. Er verdrehte seinen Körper, um besser sehen zu können. Er sah eine kleine gerötete Stelle, die sich ungefähr in der Höhe seiner rechten Schulter, direkt neben der Wirbelsäule befand. Weißes Narbengewebe hatte sich darauf gebildet. Denker langte mit dem linken Arm danach, um die Stelle zu berühren, als sie unvermittelt und heftig zu jucken begann. Instinktiv kratzte er darüber und da spürte er es. Etwas erwiderte seinen Druck. Denker schwanden die Sinne und eine rote Welle aus grauenhafter Panik lief über ihn hinweg. Was da von innen gegen seine Haut drückte waren die Fingernägel einer winzigen Hand.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em>Fortsetzung folgt &#8230;</em></span></p>
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		<title>Das Fossil &#8211; Teil 2</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Jan 2009 19:43:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Steffen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
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		<description><![CDATA[„Der Mund&#8221; 29. November, 19.59 Uhr „Schatz, wo bleibst du denn? Komm schon, wir sind spät dran!&#8221; klang die Stimme seiner Frau dumpf von unten. „Verdammt&#8221;, murmelte Denker. Er drehte sich vom Fenster weg und sah auf seine Armbanduhr. „Seltsam&#8221;, dachte er. Er hätte schwören können, nur einige Sekunden hier gestanden zu haben, doch die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-1540" title="Das Fossil / Teil 2" src="http://endkampf.de/wordpress/wp-content/uploads/2009/01/fossil_teil2.jpg" alt="Das Fossil / Teil 2" width="487" height="399" /></p>
<h1>„Der Mund&#8221;</h1>
<p><em></em></p>
<p style="text-align: left;"><em></em><em></em><em>29. November, 19.59 Uhr</em></p>
<p style="text-align: left;">„Schatz, wo bleibst du denn? Komm schon, wir sind spät dran!&#8221; klang die Stimme seiner Frau dumpf von unten. „Verdammt&#8221;, murmelte Denker. Er drehte sich vom Fenster weg und sah auf seine Armbanduhr. „Seltsam&#8221;, dachte er. Er hätte schwören können, nur einige Sekunden hier gestanden zu haben, doch die Uhr zeigte bereits eine Minute vor acht. Hatte er wirklich fast eine halbe Stunde hier gestanden und in die Dunkelheit gestarrt? „Unsinn&#8221;, sagte er zu sich selbst. Er musste nachgedacht haben. Das alles wurde langsam so viel, dass man schon mal die Zeit vergessen konnte.  Dennoch fand er es merkwürdig, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, worüber er so lange nachgedacht haben könnte. Er sah noch einmal in die kalte, schwarze Nacht hinaus. Die fahlen Nebelschwaden schlangen sich um die Stämme der Kastanien, krochen an ihnen nach oben. Es gab keinen Mond und keine Sterne. Dann wusste er es. Zwar erinnerte er sich immer noch an nichts, doch mit jeder Sekunde, die er in&#8217;s Dunkel sah, wuchs seine Gewissheit. Und sie machte ihm Angst. Schreckliche Angst. Kalte Schauer überliefen ihn, als er sich die Wahrheit eingestand: Er hatte in dieser halben Stunde vor dem kohleschwarzen Fenster gestanden und beschlossen, zu sterben.</p>
<p><span id="more-1539"></span></p>
<p>Doch es war nicht sein Verstand gewesen, der diese Entscheidung getroffen hatte. Nur so machte es Sinn. Nein, etwas anderes in ihm musste es gewesen sein. War es womöglich seine Seele selbst, deren Qualen er über so viele Jahre ignoriert und verdrängt hatte und die sich jetzt selbst dem Tod anbot, der hinter dem Fenster in der Dunkelheit lauerte? Immer noch stand er vor dem Fenster, starrte in die Finsternis, ohne etwas zu fokussieren. Er fühlte sich unglaublich leicht und hatte immer noch eine Gänsehaut. Alles fühlte sich taub an, als wäre er fremd in seinem eigenen Körper. Oder, sagte sich Denker, ist mir nicht mein Körper fremd geworden, sondern etwas ist darin hinzugekommen. Etwas, das mir fremd ist und mich wie bewusstlos vor mich hinstarren lässt. Etwas, das mich umbringen will.</p>
<p>Als er bemerkte, dass er angefangen hatte zu schwitzen, fuhr Denker sich über die Stirn. Der Schweiß war klebrig und kalt. „Verdammt&#8221;, sagte er mit rauer, krächzender Stimme zu seinem blassen Spiegelbild. „Krieg dich wieder ein!&#8221; Plötzlich hörte er Geräusche vor der Tür und sein Körper versteifte sich. Frischer Schweiß trat aus allen Poren, rann unter seinen Armen herab und verfärbte seinen Hemdkragen dunkelblau. Jetzt sah er den Schatten unter dem Türspalt und nie geahnte Panik ergriff Besitz von seinem Körper. Mit aller Kraft löste er die Verkrampfung seiner Hände, stürzte nach vorn und rüttelte mit zitternden Händen am Griff des Fensters. Bevor es aufsprang sah er für den Bruchteil einer Sekunde sein Spiegelbild. Doch es war nicht sein Gesicht. Etwas anderes starrte ihn an, durch die dunkle Scheibe. Denkers Gedanken rasten jetzt wie wild, er hatte jede Kontrolle verloren. „Nein!&#8221; hörte er sich selbst schreien und alles in ihm sträubte sich mit Gewalt gegen das, was er dort sah. Ein unglaublich starker Fluchtreflex bemächtigte sich seiner Gedanken, doch er konnte seinen Blick nicht lösen.</p>
<p>Es waren die Augen eines Tieres, gelb und lauernd. Reglos lagen sie in ihren Höhlen, die länglichen Pupillen starr auf ihn gerichtet. Die Wangen waren eingefallen, das blasse Gesicht ausgezehrt und übersät mit offenen Stellen, an denen rotes Fleisch frei lag. Die Kopfhaut war voller kahler Stellen, die verbliebenen Haare klebten in der Stirn, gebündelt zu filzigen Strähnen. Denker spürte förmlich, wie der Wahnsinn seine Hände nach ihm ausstreckte, als er den Mund des Wesens erblickte. Die Lippen waren völlig deformiert und nur noch Wülste aus verfaultem Fleisch. Durch sie waren, offenbar mit Gewalt, dicke Fäden gezogen worden, auf denen Eiter und Blut glänzte. Während er vor dem Fenster stand, erstarrt und nicht in der Lage, sich zu bewegen, schoss ihm jetzt ein Gedanke durch den Kopf. Ein Gedanke von solch ungetrübter Klarheit, dass er seine Verwirrung für einen kurzen Moment durchbrechen konnte: „Ich bin verrückt geworden&#8221; sagte er und hörte seine Stimme wie von einem weit entfernten, fremden Ort.</p>
<p>Eine Hand drückte der Türgriff von außen herunter und eine neue Welle der Panik schlug über Denker zusammen. Plötzlich hatte er wieder ein Gefühl für seinen Körper und machte einen Schritt auf das offene Fenster zu. Wieder rüttelte die Hand am Türgriff, diesmal fester. Dann ein lautes Klopfen und eine Stimme, die er nicht zuordnen konnte. Sie klang tief und gewalttätig. Er machte sich bereit, zu springen. Für einen kurzen Moment blitzte das Bild der roten Backsteine in seinem Kopf auf, mit denen er die Einfahrt letzten Sommer gepflastert hatte. Im Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Er wollte es nicht, doch sein Blick wurde wieder auf das grässliche Gesicht im Fenster gelenkt, das eigentlich sein Spiegelbild sein musste. Es bewegte sich. Wand sich hin und her, die Augen rollten in ihren Höhlen, schmerzverzerrt. Dann ein leiser Knall, als der erste Faden zerriss. Die Lippen platzten auf und Rinnsale aus dickflüssigem Blut ergossen sich über das Kinn, als auch die übrigen Fäden nachgaben und aufrissen. Das Wesen hatte seine Augen jetzt wieder auf Denker gerichtet, der mit Grauen ansah, wie sich die Kiefer langsam öffneten und den Blick auf zwei weiße Reihen langer, nadelspitzer Zähne freigaben. Aus weiter Ferne hörte er, wie ein Schlüssel einrastete und umgedreht wurde. Das Wesen sprach mit leiser, zischender Stimme, in der Heimtücke lag: „Das, mein Freund, ist erst der Anfang.&#8221; Dann öffnete sich die Tür und Denker verlor das Bewusstsein.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><em>Fortsetzung folgt &#8230;</em></span></p>
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		<title>Das Fossil</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Jan 2009 14:43:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Steffen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[fossil]]></category>
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		<description><![CDATA[Die folgenden Vorkommnisse ereignen sich in einer mittelgroßen Stadt: Eine lange Einbahnstraße, auf einer Seite Einfamilienhäuser, großzügig geschnitten, jedes mit Garten. Die andere Seite der Straße säumen Kastanienbäume, alt und gut gepflegt. Es ist Ende November und die Sonne bereits hinter den schwarz geschindelten Dächern verschwunden. Das Astwerk der Kastanien ist blattlos und kahl, das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="size-full wp-image-1504 alignnone" title="Das Fossil" src="http://endkampf.de/wordpress/wp-content/uploads/2009/01/fossil2.jpg" alt="Das Fossil" width="487" height="399" /></p>
<p><em><br />
</em><em>Die folgenden Vorkommnisse ereignen sich in einer mittelgroßen Stadt: Eine lange Einbahnstraße, auf einer Seite Einfamilienhäuser, großzügig geschnitten, jedes mit Garten. Die andere Seite der Straße säumen Kastanienbäume, alt und gut gepflegt. Es ist Ende November und die Sonne bereits hinter den schwarz geschindelten Dächern verschwunden. Das Astwerk der Kastanien ist blattlos und kahl, das Wasser in ihren Adern gefroren. Feuchter Nebel steigt langsam aus den Niederungen einer nahen Parkanlage auf und kriecht zwischen den Kastanien hervor.</em></p>
<p><em></em><em><br />
</em></p>
<p><em><strong> </strong></em></p>
<h1>„Der rote Knoten&#8221;</h1>
<p><em></em></p>
<p style="text-align: left;"><em></em><em></em><em>29. November, 19.25 Uhr</em></p>
<p><em></em></p>
<p>Herr Denker hatte genug. Und das lag nicht nur daran, dass er wieder einmal völlig gestresst war. Konnte er nicht einmal von der Arbeit nach Hause kommen und einfach nur seine Ruhe haben? War das denn wirklich zu viel verlangt? Er war jetzt vierunddreißig Jahre alt und die Tage kotzten ihn an.</p>
<p>Mit siebzehn hatte er sein Abitur geschrieben, danach in aller Eile ein Studium durchgezogen. Damals war er von dem starken Wunsch beseelt gewesen, endlich Geld zu verdienen. Auto, Haus mit allem, was dazu gehörte. Wie zum Beispiel der Gründung einer Familie. Jetzt, da er all das hatte, bereute er es manchmal. Es lag nicht einmal daran, dass er seine Frau und seine Tochter nicht liebte. Auch seinen Job, der ihn den ganzen Tag in einem Ingenieurbüro gefangen nahm, fand er immer noch spannend und wichtig.</p>
<p>„Nein&#8221;, dachte Herr Denker, als er sich vor dem Spiegel seiner verschwitzten Krawatte entledigte, „daran liegt es nicht&#8221;. Er öffnete die Hälfte des Kleiderschrankes, die seine Kleidungsstücke enthielt und zog einen frischen Binder heraus. Er hatte sich von Mammon blenden lassen, soviel war inzwischen klar. Er hatte immer sein Bestes gegeben und stets auf eine blühende Zukunft hingearbeitet. Doch genau das war ein Fehler gewesen. Diese Erkenntnis war ihm nicht einfach so gekommen. Es gab kein Schlüsselerlebnis, wie im Film. Sie war im Laufe langer Arbeitsjahre ganz langsam in Denkers Gedächtnis gesickert. Wurde von Arbeit erstickt, verdrängt und immer wieder  zur Seite geschoben. Und doch tauchte der Gedanke immer wieder an der Oberfläche seines Bewusstseins auf, wie ein Korken im Wasser. Er hatte sein Leben verschwendet. Nur geackert und gegrübelt. Für etwas gelebt, das er, wie er jetzt mit Bitterkeit feststellen musste, gar nicht wollte. Niemals hatte er sich Zeit für Freunde genommen, nicht einmal für sich selbst. Natürlich war er im Urlaub gewesen, die paar Mal. Doch aus diesen wenigen Wochen erinnerte er sich am deutlichsten an sein schlechtes Gewissen, dass er nichts für die Uni tat. Nichts hatte er erlebt in seiner Jugend. Verlegen blickte Denker nach unten oder lenkte vom Thema ab, wenn ein Arbeitskollege eine verrückte Episode aus seiner Jugend zum Besten gab.</p>
<p><span id="more-1499"></span></p>
<p>„Schatz, bist du dann soweit?&#8221;, schallte die Stimme seiner Frau von unten. „Eine Minute, Schätzchen&#8221; rief er zurück und ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte nicht die geringste Lust auf diese Feier mitzukommen. Verdammt, er war noch nicht einmal eingeladen, sondern kam nur seiner Frau zuliebe mit, die ihn ihren neuen Freunden vorstellen wollte. Doch Denker kam mit, er kam immer mit. Wieder tat er etwas, was er nicht wollte. „Du kannst nicht nein sagen&#8221;, dachte er und gestand sich ein, dass er einfach keine Eier hatte. Aber auch sich selbst zu beleidigen konnte ihn nicht motivieren, seiner Frau ein „Nein!&#8221; entgegenzuschleudern. Er wusste was ihm fehlte und tat nichts dagegen. Er brauchte Zeit für sich, doch konnte nichts tun. Es war ein seelischer Makel, eine moralische Schwäche. Der Gedanke ließ ein Gefühl in ihm aufsteigen. Es war ein Gefühl, das er mittlerweile gut kannte: Dumpfe Wut. Ich bin einfach ein Feigling&#8221;, attestierte sich Denker und band einen lieblosen Knoten, als ihn ein leises Knarzen hinter ihm aufschrecken ließ.</p>
<p>„Ach du bist&#8217;s nur, Agatha&#8221; sagte Denker mit wenig Begeisterung zu der schwarzen Katze, die sich elegant durch die Tür schlängelte. Zufrieden schnurrte sie, die tiefgrünen Augen zu Schlitzen verengt und schmiegte sich fest an Denkers dunkelblaue Anzughose. „Scheiße&#8221; rief der und hatte jetzt endgültig genug. Mit aller Kraft trat er nach dem Tier, das eigentlich seiner Tochter gehörte. Doch die hatte ihr Interesse an Agatha längst verloren, so dass er jetzt diese Belastung auch noch hatte. Behände wich die Katze nach hinten aus und floh blitzschnell aus dem Schlafzimmer. Denkers Tritt ging in&#8217;s Leere, woraufhin er fast das Gleichgewicht verlor und sich auf der Kommode abstützen musste. Fluchend holte er die Fusselbürste aus einer Schublade und begann, die Katzenhaare von seinem Hosenbein zu entfernen. Schon meldete sich sein Gewissen, das er ebenfalls hasste, aber nicht abstellen konnte. Er hatte seine Wut noch nie an dem Tier ausgelassen, geschweige denn an irgend jemand anders. Nein, er hatte noch nicht einmal den Mumm, sich an Gegenständen abzureagieren. Plötzlich bekam er eine unbändige Lust, sich hemmungslos zu betrinken und alles zu vergessen, was ihn quälte. Ja, heute war es besonders schlimm. Und jetzt musste er auch noch in die Kälte hinaus, obwohl er müde und ausgelaugt war. Denker sah kurz aus dem Fenster, bevor er die Tür des Schlafzimmers öffnete. Er sah: Nichts. Es war bereits stockdunkel draußen. Dichter Nebel war aufgezogen. Das orange Licht der Straßenlaternen schien milchig und in dichten Glocken über dem Boden zu hängen. Bei diesem Wetter würde seine Frau nicht fahren wollen, was hieß: Kein Alkohol für ihn. Und kein Vergessen.</p>
<p><em><span style="color: #ff0000;">Fortsetzung folgt &#8230;</span><br />
</em></p>
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		<title>Das Gesetz des Chaos</title>
		<link>http://endkampf.de/2008/12/22/das-gesetz-des-chaos/</link>
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		<pubDate>Mon, 22 Dec 2008 14:56:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Steffen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[chaos]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz]]></category>
		<category><![CDATA[ivo]]></category>

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		<description><![CDATA[Ivo saß still in dem dunklen Wagen. Das letzte Dämmerlicht spiegelte sich violett in einer Kaufhausfassade, als er das Radio abdrehte. Jetzt wo die Geschäftigkeit in den Straßen der Stadt langsam verebbte, war seine Zeit gekommen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ivo saß still in dem dunklen Wagen. Das letzte Dämmerlicht spiegelte sich violett in einer Kaufhausfassade, als er das Radio abdrehte. Jetzt wo die Geschäftigkeit in den Straßen der Stadt langsam verebbte, war seine Zeit gekommen. Noch ein letzter Blick in die Spiegel und Ivo ließ den Motor des dunkelblauen Kastenwagens an, der seine besten Tage bereits hinter sich hatte. Er ließ die Innenbezirke der Stadt zügig hinter sich, konzentrierte sich aber darauf, Sicherheitsabstände und Tempolimits einzuhalten. Als an einer Ampel sein Handy klingelte, fluchte er kurz, beschloss dann aber, den Anruf nicht während der Fahrt anzunehmen. Es kam darauf an, unbemerkt zu bleiben. Und um unbemerkt zu bleiben, durfte man keine Fehler machen. Und Fehler machte man im Alltag ständig, ohne es überhaupt zu bemerken. Es waren die schlechten Angewohnheiten, die harmlosen kleinen Dinge. Mal ging man bei Rot über die Straße, mal fuhr man zu schnell. Ivo verbot sich solche Nachlässigkeiten, ob in der Freizeit oder im Beruf. Vor vielen Jahren, in seiner Schulzeit war er in der Bibliothek auf ein Werk gestoßen, das den Titel &#8220;Das Gesetz des Chaos&#8221; trug. Sofort fühlte er sich von dem schlichten, in dunklem Rot gehaltenen Buch angezogen. Er schlug es auf und als er seine Augen zum ersten Mal erhob, hatte er es durchgelesen. Er war sich dessen nie vollständig bewusst, aber manchmal glaubte er, dass viele der zentralen Entscheidungen, die er in seinem Leben getroffen hatte, auf dieses Buch zurückgingen. Eine Offenbarung war es gewesen und es hatte alle Fragen, die ihn in seinem jungen Leben quälten, mit einem Schlag beantwortet. Auch wenn er sich ziemlich sicher war, vieles darin nicht zu verstehen, hatte er doch seine eigenen Lehren aus dessen Inhalt gezogen.</p>
<p>&#8220;Das Chaos sucht sich Opfer, die nichts ahnen&#8221; war nur ein Satz daraus, den Ivo völlig verinnerlicht hatte. Er wusste, dass er zum Opfer werden würde, wenn er unachtsam war. Er ging nie bei Rot über die Straße und fuhr niemals zu schnell. Außer natürlich, es musste sein.</p>
<p><span id="more-1407"></span></p>
<p><span style="font-family: times; font-size: x-large;"><em>„Die Realität ist eine Täuschung“</em></span></p>
<p>Langsam steuerte er den Wagen über nassen Kies in Richtung eines alten Industrieparks im Norden der Stadt. Vor einem grauen Betongebäude, das früher ein Parkhaus gewesen war, trat er sanft auf die Bremse und schaltete die Fahrzeugbeleuchtung aus. Er ließ das Seitenfenster zur Hälfte herunter und sog die kühle Nachtluft in seine Lungen. Es war ihm ein Genuss, die lauwarme und reine Luft zu fühlen, zu riechen, zu schmecken. Sie war eines der wenigen Dinge, die man mit so vielen Sinnen zugleich wahrnehmen konnte. Ivo genoss für eine Weile dieses wunderbare Gefühl und er fühlte sich geborgen dabei. Dann öffnete er leicht seinen Mund, hörte auf zu Atmen und horchte. Ein paar Vogelstimmen im letzten Tagesdunst, entfernten Straßenverkehr und den Wind, der auch in seinem Körper war. Sonst war alles still in der unmittelbaren Umgebung des Wagens. Er fuhr sanft an, ohne jedoch die Scheinwerfer wieder einzuschalten und wand sich langsam die Ebenen des Parkhauses hinauf, das von außen an eine riesige Murmelbahn erinnerte. Die Parkdecks, die er passierte, waren von langen Schatten durchzogen und wirkten unheilverkündend. Ivo war sich sicher, dass er allein auf dem Gelände war. Dennoch wurde er auf den Etagendecks langsamer und spähte für einige Sekunden hinein. Einmal hatte er hier einen Obdachlosen gefunden. Das Gesetz des Chaos war unerbittlich. Als sein Handy klingelte, hielt Ivo an und nahm es aus dem Handschuhfach.</p>
<p>„Kennung: H – Q“</p>
<p>„Kennung Teilnehmer?“</p>
<p>„I – O – V“</p>
<p>„Lokal Teilnehmer?“</p>
<p>„P – K – H – 4“</p>
<p>„Teilnehmer: Grün. P – K – H 2 / Peilung: Papa. Ende.“</p>
<p>„I – O – V: Grün. Ende.“</p>
<p>Ivo drückte die Taste zum Beenden des Gespräches und lenkte den Lieferwagen weiter die schmale Serpentine herauf, bis er auf dem Dach des Parkhauses angekommen war. Er hatte in einem der oberen Stockwerke eine tote Maus gesehen, sonst aber nichts entdecken können. Er wendete und schlängelte sich wieder herunter, bis er im zweiten Stockwerk angekommen war. Dort verließ er den Wagen. Er griff nach dem Mobiltelefon in seiner Jackentasche, dessen Display die Betonpfeiler grün illuminierte. Nachdem er das Adressbuch geöffnet hatte, wählte er die Nummer, die unter dem Namen „Papa“ darin abgespeichert war. Ivo schob das Telefon zurück in seine Tasche. Es dauerte einen Moment bis die Verbindung zu Stande kam. Angestrengt spähte er in die Finsternis, lies seinen Blick durch die Schattenmuster wandern. In dem Moment, als er das leise Freizeichen aus seiner Tasche hörte, veränderte sich etwas.</p>
<p><span style="font-family: times; font-size: x-large;"><em>„Die stärkste Waffe des Chaos ist die Phantasie“</em></span></p>
<p>Eine der geometrischen dunklen Flächen am linken Rand der Ebene war jetzt durchbrochen. Schwaches Licht zerteilte die Dunkelheit an dieser Stelle. Ivo setzte langsam einen Fuß vor den anderen, um im Dunkeln nicht auf dem leicht unebenen Boden zu stolpern und hob das Handy auf, dessen Beleuchtung in hierher geführt hatte. Das Ziel war jetzt nah. Ivo strich die Plane zur Seite, auf der das Telefon gelegen hatte. Dort lag ein großer, länglicher Koffer aus Metall. Er war olivgrün lackiert. Ivo lächelte und dachte „die stärkste Waffe des Chaos ist die Phantasie“.</p>
<p>„Oder auch nicht“, flüsterte er und hob Handy, Plane und Koffer auf. Dann verstaute er die infrarotgelenkte Flugabwehrrakete des Typs FIM-92 STINGER vorsichtig im Laderaum des Lieferwagens.</p>
<p><strong></strong></p>
<p><span style="font-family: times; font-size: x-large;"><em>„Fire and Forget“</em></span></p>
<p><em>„Die FIM-92 funktioniert nach dem Fire-and-Forget-Prinzip, d.h., nach dem Abfeuern verfolgt die Rakete ihr Ziel selbstständig &#8211; der Schütze muss es nicht wie bei anderen Modellen anvisiert lassen.“</em></p>
<p>Ivo nahm die Kappe von dem Füller. Er öffnete das Handschuhfach und löste die Verpackung des eingeschweißten Notizblockes, der darin gelegen hatte. Er schlug den schwarzen Ledereinband zur Seite und strich sanft über das gestärkte Leinenpapier. Er roch daran. Sog Stärke daraus.</p>
<p>„Die Realität ist eine Täuschung“, fing er an zu schreiben. „Das Chaos regiert und herrscht auch in euch. Euer Gott ist bloß ein Teil davon. Mein Name ist Ivo Stern und ich habe das Chaos beschworen.“</p>
<p><span style="font-family: times; font-size: x-large;"><em>„Explosionen“</em></span></p>
<p>Es war gegen sechs Uhr des nächsten Morgens, als Ivo die Treppen des halbdunklen Hausflures heraufstieg. In seiner rechten Hand hielt er die Schlaufen der großen Sporttasche fest umklammert, in der sich der Koffer befand. Sanft glitten seine ledernen Halbschuhe über die Stufen. Der Aufzug des Hochhauses, das sich in der Nähe des Regierungsviertels befand, war außer Betrieb. Das Chaos spielte mit ihm. Doch nach der kurzen Nacht, die Ivo hinter dem Steuer des Lieferwagens in einer Mietgarage verbracht hatte, fühlte er sich frisch und völlig ausgeruht. Er hatte von Explosionen geträumt und von Menschen, die in Fetzen gerissen wurden. Entspannt und kraftvoll ließ er die elf Stockwerke hinter sich, bis er im obersten angekommen war. Dort lehnte er sich für einen Moment gegen die Wand, ohne die Tasche aus seiner Hand zu nehmen. Dreimal atmete er langsam ein und wieder aus. Dann trat er vor die letzte Wohnungstür des schummrigen Flurs, versicherte sich noch einmal mit einem kurzen Blick auf das Namensschild und drückte schnell hintereinander viermal auf den Klingelknopf.</p>
<p>Karl Melzer war einundachtzig Jahre alt und hatte ein ereignisreiches Leben hinter sich. Im zweiten Weltkrieg hatte er an der Ostfront gekämpft und danach den Großteil seiner Jugend in einem russischen Gefangenenlager in Sibirien verbracht. Er hatte Steine geklopft, Bäume gefällt und Stollen in Berge getrieben, aus denen Uran gefördert wurde. Er hatte bei dreißig Grad minus ohne Decke geschlafen und war dennoch jeden Morgen wieder aufgewacht. Als er zurückkam war er vierunddreißig und erkannte seine Heimat nicht mehr wieder. Doch auch das hatte er überstanden, hatte sich angepasst und das Beste aus allem gemacht. Den Abend seines Lebens verbrachte er zurückgezogen und allein. Still saß er tagsüber in seinem Sessel, löste Kreuzworträtsel und las der Reihe nach seine Lieblingsbücher zum fünften oder sechsten Mal. Er war dankbar für die Ruhe und genoss es, zum ersten Mal in seinem Leben wirklich Zeit für sich zu haben. An diesem Morgen war er wie an den meisten Tagen noch vor dem ersten Tageslicht aufgewacht. Er brauchte in seinem Alter kaum noch Schlaf und es gefiel ihm auch, wach zu sein, während die Welt noch schlief. Nach einer gründlichen Rasur schmierte er sich zwei Butterbrote und stellte eine Kanne mit Teewasser auf den Herd. Karl hatte sich gerade in den Sessel gesetzt, um das Kreuzworträtsel von gestern Abend noch zu beenden, solange das Wasser kochte, als die Klingel mehrmals aufschrillte.</p>
<p>Mühsam stand er auf und schlug sich seinen alten Morgenmantel über. Durch den Spion der Wohnungstür sah er einen etwa dreißigjährigen Mann in Uniform. Er bewegte sich nicht und es sah so aus, als ob er lauschte. Karl zuckte zusammen, als der Mann plötzlich mit lauter und fester Stimme zu reden begann.</p>
<p>„Öffnen sie bitte die Tür, Herr Melzer.“</p>
<p>„Polizei.“</p>
<p><span style="font-family: times; font-size: x-large;"><em>„Wie nach Hause kommen“</em></span></p>
<p>Zögerlich wurde die Tür nach innen geöffnet. Eine von violetten Krampfadern durchzogene Hand war das Erste, was Ivo sah. Dann stand der alte Mann in einem blau-grau karierten Bademantel vor ihm. Ivo lies seine Augen kurz auf seinem Gesicht ruhen, als er ihn langsam musterte. Er sah überrascht aus. Ivo lächelte schmal und begann: „Mein Name ist Oberkommissar Stein. Darf ich wohl kurz hereinkommen?“ Ohne eine Antwort des Alten abzuwarten, schritt Ivo an diesem vorbei über die Schwelle der Tür. Die Wohnung war überheizt und stickig von trockener Heizungsluft. Für einen kurzen Augenblick war Ivo überwältigt von dem muffigen Geruch nach alter Kleidung, der die Räume durchdrang. Auf den Fensterbänken lag eine dicke Staubschicht. Mit steifen und unsicheren Schritten betrat der Alte das Wohnzimmer. Verunsicherung lag in seinen Augen, die nicht aufhören konnten zu zwinkern. Mit ernstem Gesicht sah Ivo ihn an.</p>
<p>„Kein Sorge, ich werde Ihnen sofort alles erklären. Zunächst muss ich Sie aber bitten, sich auszuweisen.“</p>
<p>Der alte Mann nickte und deutete auf die Tür zu seinem Schlafzimmer, das im Dunkeln lag. Ivo sah aus dem Fenster, während Melzer sich langsam in Bewegung setzte, um seinen Ausweis zu holen. Ein klarer Morgen brach an. In zweihundert Meter Entfernung konnte er eine breite Straße erkennen, die zu dieser Stunde noch schwach befahren war. Nun wusste er, dass er keinen Fehler gemacht, dass er keine Nachlässigkeit begangen hatte. Er zog seine Kraft aus dem Nichts. Aus dem Wesen der Dinge selbst, die alles waren. Und nichts. Ivo sah zum Horizont hinüber. Der Halbkreis der Sonne hatte sich jetzt fast geschlossen. Ein kalter Schauer überlief seinen Körper, als er die Augen schloss.</p>
<p>Karl Meltzer kam aus dem Schlafzimmer zurück, jetzt auf eine Krücke gestützt. „Leider kann ich meinen Ausweis gerade nicht finden, Herr Wachtmeister. Aber hier, bitte sehr, mein Führerschein.“ Kurz verglich Ivo das Gesicht des Mannes mit dem Foto in dem alten Dokument. Es zeigte ihn als jungen Mann in schwarz-weiß, aber an Augen und Nase erkannte man, dass er es war. Alles vergeht.</p>
<p>Ivo forderte ihn auf, sich besser zu setzen und Karl Melzer ließ sich mit einem leisen Seufzer in seinen Sessel fallen. „Schalten sie doch bitte den Fernsehapparat ein, Herr Melzer“, sagte Ivo freundlich, während er sich hinter den Sessel stellte. Der Alte nahm die Fernbedienung von der Lehne und drückte auf die erste Taste.</p>
<p>„ […] empfangen die Regierungsvertreter der EU heute den neu gewählten US-Präsidenten zu einem Antrittsbesuch in Berlin […]“</p>
<p>Vorsichtig griff Ivo nach einem der bestickten Zierkissen auf dem altmodischen Sofa. Dann entsicherte er seine Pistole, zog sie aus dem Halfter und presste den Lauf in den weichen Stoff des Kissens.</p>
<p>„ […] erhoffen sich viele von dem Treffen, dass es die angespannten Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union […]“</p>
<p>„Es ist wie nach Hause kommen“ flüsterte Ivo und drückte ab.</p>
<p><em><span style="font-family: Times New Roman; font-size: x-large;">„Für immer“ </span></em></p>
<p><em>„Der Splitter-</em><em>Sprengkopf</em><em> der FIM-92 enthält 320 Gramm </em><em>Plastiksprengstoff</em> <em>und wird durch Aufschlag gezündet, wobei die Rakete eine zieladaptive Endphasenlenkung durchführt, um seitlich auf das Ziel aufzuschlagen (in den meisten Fällen direkt in den Treibstofftank). Der verursachte Schaden wird durch eine verzögerte Zündung erhöht, da der Gefechtskopf erst im Inneren des Ziels detoniert.“</em></p>
<p>Wind drang durch das offene Fenster in die ehemalige Wohnung von Karl Melzer. Ivo ging in die Knie und hob das Chaos sanft auf seine rechte Schulter. Er presste sein Auge gegen das Gummi am Ende der Visiervorrichtung und konzentrierte sich auf die Straße. Er wartete einige Minuten, dann war es soweit. Von Westen her näherten sie sich wie schwarze Perlen auf einer Kette. Im Fadenkreuz erkannte Ivo deutlich die Wimpel, die im Fahrtwind flatterten. Er zählte fünfzehn Wagen, die sich mit konstant hoher Geschwindigkeit über die leere Straße bewegten. Vor und hinter der Gruppe waren Polizisten auf Motorrädern als Begleitschutz eingesetzt. „Nutzlos“, flüsterte Ivo und entsicherte die Flugabwehrrakete.</p>
<p>Weit öffnete er seinen Mund, sog die kühle Luft des Morgens in sich hinein und sprach langsam die Worte. „Aus Teilen sind wir gemacht. Für immer. “ Dann zielte er auf die dunkle Limousine im Zentrum des Konvois und schloss seinen Finger um den Abzug.</p>
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		<title>Königs Roman</title>
		<link>http://endkampf.de/2008/04/10/koenigs-roman/</link>
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		<pubDate>Thu, 10 Apr 2008 21:16:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Konrad</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[Ben atmete tief ein und bückte sich zur Schublade für die Weinkühlung hinunter. Er machte in Gedanken einen Strich auf die „Pinne-Kritsche-Liste“. Dies war soeben Nummer eins für diesen Abend gewesen. Seit Ben in dem kleinen Bistro arbeitete, das neben Bier, Schnitzel und Salat vor allem italienische Spezialitäten anbot, hatte er sich schon einige, teilweise [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ben atmete tief ein und bückte sich zur Schublade für die Weinkühlung hinunter. Er machte in Gedanken einen Strich auf die „Pinne-Kritsche-Liste“. Dies war soeben Nummer eins für diesen Abend gewesen.<br />
Seit Ben in dem kleinen Bistro arbeitete, das neben Bier, Schnitzel und Salat vor allem italienische Spezialitäten anbot, hatte er sich schon einige, teilweise sehr kreative, Wortneuschöpfungen der Gäste anhören müssen. Neben den „Standards“ wie „Expresso“,<span id="more-1193"></span> „Latte Mattschato“ und dem bereits erwähnten „Pinne Kritsche“, was eigentlich ein Pinot Grigio sein sollte, hatten es vor allem das „Tschiabatta“ und die berüchtigten „Knottschis“ geschafft, auf Bens Liste ganz oben zu stehen. Jeden Abend, wenn er im „Tolucci“ stand, zählte er erst, wie lange es dauerte, bis die erste verballhornte Bestellung kam, dann zählte er nur noch mit. Das Ergebnis bezog sich natürlich nur auf seine Schicht. An einem guten Abend kam er so auf die ansehnliche Zahl von 30min zu 12mal. Ein 30/12er Abend, wie Ben es für sich nannte.<br />
Heute allerdings konnte er einen besseren Schnitt erreichen, denn der Typ mit dem schlechtsitzenden Anzug an der Theke hatte das Spiel bereits nach 22 Minuten eröffnet. Es war ein Samstagabend und Ben hatte die Schicht „bis zum Ende“.<br />
Mit einem Lächeln stellte er dem Anzugträger den Weißwein vor die Nase und verschwand dann in der Küche, um die Bestellung, einen kleinen Salat mit Pute (keine Knottschis, dass wäre schon der zweite Punkte vom selben Gast gewesen&#8230;) aufzugeben.<br />
Ben studierte Architektur. Um sein spärliches BAföG aufzubessern, hatte er vor zwei Jahren den Job im „Tolucci“ angenommen. Seitdem stand er hier an drei Abenden in der Woche und machte sich über die sprachlichen Unzulänglichkeiten der Gäste lustig. Natürlich ohne, dass diese etwas davon bemerkten. Wenn er ehrlich war, arbeitete er gerne hier. Die Gäste waren zum Großteil angenehm, das Durchschnittsalter war relativ hoch, was im Endeffekt aber nur bedeutete, dass der ganze Ablauf eines Abends etwas gediegener war. Die Gäste konnten tatsächlich ein paar Minuten auf ihr Bier und das Essen warten und Jugendliche Gruppen, die immer alles einzeln bestellten, so dass er laufen musste wie verrückt, verirrten sich zum Glück nur selten hier her.<br />
Ben schätzte die ruhige Atmosphäre des in terrakotta gehaltenen Interieurs und saß auch außerhalb seiner Schicht gerne hier, lernte, las oder unterhielt sich mit den Kollegen und Kolleginnen.</p>
<p>Als Ben wieder an seinen Platz hinter der Theke zurückkehrte, stellte er fest, dass sich in der Zwischenzeit ein weiterer Gast an die Theke gesetzt hatte.<br />
„Guten Abend, Herr König“ begrüßte Ben den Mittsechziger an der Theke, „Wie immer?“<br />
Der hagere Mann mit der Geiernase brummte ein unverständliches<br />
„N’ahmd, ja wie immer“ zurück und wendete sich wieder der Zeitung zu, die er sich von der Theke geangelt hatte.<br />
Heinz König war der lebende Beweis dafür, dass es nicht reichte, ein erfolgreiches Buch zu schreiben. König hatte vor vielen Jahren den Bestseller „Des Teufels Rose“ geschrieben, einen Thriller, der geistreich, sehr spannend und witzig war und König bzw. sein Buch an die Spitze der Bestsellerlisten katapultiert hatte. König hatte Lesereisen unternommen, wurde zu Empfängen und Partys eingeladen und genoss die Zeit im Rampenlicht.<br />
Wie sich herausstellte, war diese Zeit sehr kurz gewesen. König wurde von der Fangemeinde und seinem Verlag bedrängt, weitere Werke zu veröffentlichen, doch er ließ sich fast acht Jahre Zeit, bevor er das nächste Buch veröffentlichte. „Der Praktiker“ konnte allerdings nicht im Ansatz an den Erfolg seines Vorgängers anknüpfen. Der Roman floppte und König verschwand in der Versenkung. Er machte noch wenige, zaghafte Versuche, einen weiteren Bestseller zu produzieren, scheiterte aber kläglich. Seitdem waren die Kassen bei dem Schriftsteller notorisch leer, König war alt und verbittert geworden. Nicht zuletzt deswegen, weil „Des Teufels Rose“ vor wenigen Jahren erfolgreich verfilmt worden war, König an diesem Erfolg aber so gut wie nicht beteiligt war, da er die Recht an dem Buch für eine lächerlich kleine Summe an den Verlag übertragen hatte. Gerissene Verhandlungspartner und eine falsche Unterschrift und man konnte zusehen, wie sich der Erfolg wie eine Hure neben einen Anderen legte. König fristete ein einsames Dasein und sprach dem Alkohol mehr zu, als es für ihn gut gewesen wäre.<br />
Das alles hatte er Ben schon mehrmals erzählt. Wenn der Alte genug getrunken hatte, wurde er oft rührselig. Dann verschwand das Mürrische an ihm und er erzählte Ben die tragische Geschichte seines Lebens.</p>
<p>„Wie geht’s voran mit dem neuen Buch, Herr König?“ fragte Ben aufmunternd.<br />
„Schlecht, mein Junge, sehr schlecht! Die kleine Göttin hat sich seit &#8220;Des Teufels Rose nicht mehr zu mir gesetzt, weißt du? Und ohne sie werde ich es nicht schaffen, etwas zu schreiben, was besser ist als ein Leserbrief in der Bildzeitung!“<br />
Eine weitere verschrobene Geschichte des alten Schriftstellers. Schon oft hatte er Ben von der kleinen Göttin erzählt. Sie hätte sich damals zu ihm, König, gesetzt und ihm die Geschichte ins Ohr geflüstert. Darauf hin habe er das Buch geschrieben und der Erfolg sei ihm sicher gewesen. Das stimmte. Am Erfolg von „Des Teufels Rose“ konnte niemand zweifeln. Aber seitdem wäre die kleine Göttin nie wieder erschienen, egal wie oft er gefleht, gebetet, oder geweint habe.<br />
Ihm tat der Alte leid. Er war beschissen worden, dessen war Ben sich sicher. Er hatte ein wirklich gutes Buch geschrieben, aber er hatte gar nichts davon, während sich ein ideenloser aber geschäftstüchtiger Schmierlappen daran bereicherte.<br />
König wohnte in einer Mietwohnung in einem heruntergekommenen Haus auf der anderen Straßenseite und saß deshalb ziemlich oft im „Tolucci“. Meistens saß er nur da, trank Bier und trottete mit gesenktem Kopf wieder heraus. Seltener jedoch trank er Schnaps, meistens den guten alten Jack Daniels und das waren die Abende, an denen er ungehemmt wirkte und frei weg von seinem Leben erzählte. An einigen dieser Abende hatte ihn Ben schon über die Straße zu seiner Wohnung schleifen müssen, weil der Alte zu voll war, um noch gerade sitzen zu können.</p>
<p>Ben drehte sich um, wollte gerade die Bestellung für „Mr.-Pinne-Kritsche“ aus der Küche holen, als er den Alten stöhnen hörte: Er drehte sich um und blickte in das Gesicht des Schriftstellers. Er schreckte zurück, als habe er statt eines Bekannten einen völlig fremden Menschen vor sich. König saß aufrecht auf dem Barhocker, umklammerte das Bierglas so stark, dass seine Knöchel weiß hervortraten und starrte auf einen Punkt hinter der Theke, ohne wirklich etwas zu fixieren.<br />
„Herr König…ist alles in Ordnung bei ihnen…?“ stammelt Ben. Er fasste den Alten am Arm, doch der schien die Berührung nicht zu bemerken. Ben spürte eine große Hitze, die von dem Alten ausging und zog die Hand hastig zurück. Der Mann schien zu glühen. Ben wich weiter zurück, der Alte verzog das Gesicht in aberwitzigen Verrenkungen, dabei stöhnte er, als habe er einen schlechten Traum. Ben wollte gerade nach dem Telefon greifen um einen Arzt zu rufen, als es aus dem Alten hervorbrach:<br />
„Das war sie! Das wir SIE!“<br />
Ben verstand nicht. Er blickte weiter auf den alten Mann dem jetzt Tränen an beiden Wangen herabliefen.<br />
„Da war sie, wie beim ersten Mal!“<br />
Plötzlich bewegte sich der Alte so schnell, als hätte sein Stuhl auf ein Mal unter Strom gestanden. Er bückte sich so rasch, dass Ben glaubte, er sei nun vom Barhocker gekippt. Das Bierglas, das er in aller Hast mit sich gerissen hatte, zerschellte lautstark auf dem Boden, aber König schien es nicht zu bemerken. Er kramte in seiner Tasche und förderte einen Block und einen Stift daraus hervor.<br />
„Herr König…ich…!“ begann Ben.<br />
„Nein, stör mich nicht, ein Bier und meinen alten Freund Jackie!“<br />
Nachdem er das gesagt hatte, begann er wie wild zu schreiben. Der Stift flog über das Papier, wobei er die eckige und markant nach oben gezogene Schrift des Alten auf dem Papier hinterließ.<br />
Fast eine Stunde sah König nicht von seinem Manuskript auf. Er bestellte noch Bier und Schnaps, aber dabei sagte er das mehr zu seinem Block als zu Ben, der sich trotzdem angesprochen fühlte.<br />
Dann packte er Ben unvermittelt am Arm und sah ihm ins Gesicht:<br />
„Das, mein Junge, wird mein neuer Roman, ebenso gut wie „Des Teufels Rose“! Der alte Schriftsteller strahlte Ben an, als habe er von einem Goldschatz unter seinem Bett erfahren. Hast du die kleine Göttin gesehen? Sie saß hier neben mir, wie damals und sie hat zu mir geflüstert, wie damals.“ Dabei liefen ihm wieder Tränen über die Wangen.<br />
Bevor Ben etwas erwidern konnte, schrieb der Alte wie im Fieber weiter, füllte Seite um Seite mit seinen Krakeln. Ben versuchte, etwas zu lesen, doch die Handschrift des Alten war auf dem Kopf noch weniger lesbar als richtig herum und so gab er es nach ein paar Versuchen auf.<br />
König ging nicht besonders vorsichtig mit dem Manuskript um. Wenn eine Seite gefüllt war, blätterte er so schnell wie möglich um, um die Nächste zu beschreiben. Dabei knickte er nicht selten die Vorangegangene mit dem Arm um, sodass hässliche Eselsohren und Falten mitten über dem Blatt erschienen. Einmal kippte er sogar einen halben Jack Daniels über eine eben beendete Seite, sodass diese sich teilweise voll sog mit der braunen Flüssigkeit. Aber auch das<br />
schien er nicht zu bemerken. Offensichtlich war es ihm wichtiger, seine Ideen aufzuschreiben, als sich um deren Aussehen Gedanken zu machen. Der Stift schien zu stocken. In regelmäßigen Abständen malte König Kringel auf einen der Bierdeckel, bis der Stift seinen Dienst wieder tat.<br />
König schrieb und schrieb. Er schrieb sogar noch, als die übrigen Gäste gegangen waren und Ben bereits sauber machte. Als er dem Alten gerade sagen wollte, dass für heute Schluss sei, legte der den Stift aus der Hand und blickte zufrieden auf das Chaos beschriebener Blätter, das er neben sich fabriziert hatte.<br />
Wieder fasste er Ben am Ärmel. Er blickte ihm tief in die Augen und begann zu flüstern:<br />
„Du magst mich einen alten Spinner nennen, mein Junge, aber das hier ist der Stoff aus dem die Träume sind. Die kleine Göttin hat sich zu mir gesetzt, vorhin erst, und mir diese Geschichte ins Ohr geflüstert. Alles war so wie damals, da gibt es keinen Zweifel. Und weißt du auch, was das heißt?“<br />
„Nein, was heißt es denn?“ fragte Ben.<br />
„Es heißt, mein Junge, das dieser Stoff, dieser Plot, dieses Manuskript unfehlbar zum Erfolg führt. Dieser Stoff wird ein Erfolg, egal wer ihn schreibt, verstehst du? Dieser Stoff kann nicht versaut werden, jeder drittklassige Schreiberling wird aus dieser Story einen Erfolg machen, das ist sicher. Nimm dir drei Tage Zeit, so hast du die beste Kurzgeschichte der letzten Jahre und der nächsten Jahre, nimm dir sieben Monate Zeit und du hast einen epischen Roman, der sich verkaufen wird wie geschnitten’ Brot. Veröffentliche mein Gekrakel hier und selbst damit wirst du Erfolg haben, das kann ich dir garantieren. Der Stoff ist ein göttlicher Garant für den Erfolg!“ Die kleine Göttin hat ihn mir geflüstert und es wird ein Erfolg werden, genau wie es das letzte mal ein Erfolg geworden ist.</p>
<p>Skeptisch musterte Ben den Alten. Normalerweise hätte er eine solche Rede als Spinnerei eines Besoffenen abgetan, doch König wirkte überhaupt nicht betrunken. Und etwas an der Stimme des Alten ließ ihn zögern. König war so überzeugt von seinem Stoff und irgendwie, zu einem kleinen Teil glaubte ihm Ben die Geschichte von der Muße, der Göttin oder wie er seine Eingebung auch immer nannte. Mit Schaudern dachte er daran zurück, wie sich das Gesicht des Alten verzogen hatte. Ja, wenn Ben tief in sich hinein hörte, glaubte er, dass König den Stoff für einen weiteren Bestseller auf die mittlerweile übel aussehenden Blätter geschmiert hatte.<br />
König zahlte, verabschiedete sich und hüpfte pfeifend zur Tür. Sein Manuskript hatte er wieder in der Ledertasche verstaut. Ben hatte den Alten noch nie in so guter Laune gesehen. Er hüpfte wie ein Kind auf und ab, das gerade das langersehnte Weihnachtsgeschenk bekommen hat.<br />
Ben ging mit bis zur Tür, da er diese jetzt sowieso abschließen wollte. Er blickte dem Alten nach, der drehte sich im Laufen um, wohl um Ben noch etwas zuzurufen und trat zwischen den geparkten Autos auf die Straße:<br />
„Mein Junge, wenn das hier fertig ist…“<br />
Weiter kam er nicht. Das Auto war zu schnell heran gewesen. Selbst Ben hatte den Lichtschein nur Sekundenbruchteile vorher wahrgenommen.<br />
Vieles passierte auf einmal. Ein Quietschen zerriss die Nacht. König riss es von den Füssen bevor er mit einem lauten Knall auf die Motorhaube und die Windschutzscheibe des Wagens aufschlug.<br />
Ben stand wie versteinert. Der Fahrer bremste scharf und König flog noch einige Meter weiter, bis er dann seltsam verkrümmt weit vor dem Wagen zu liegen kam.<br />
Ben rannte los. König lag mitten auf der Kreuzung. Es sah aus, als mache er Spagat, sein rechtes Bein zeigte nach hinten und das linke nach vorne. Königs Oberkörper lag auf dem linken Bein und sein Gesicht, das jetzt ungefähr auf dem Knie lag, war eine teigige, konturlose Masse aus rotem Matsch. König lag bereits in einer großen Lache aus Blut. Ben war natürlich kein Fachmann, doch dass König tot war, stand außer Frage.<br />
Den Rest des Abends erlebte Ben wie in Trance, die Sirenen, die Polizisten, die Fragen, es dauerte ewig.<br />
Irgendwann ließ man ihn allein. Er ging ins „Tolucci“, öffnete eine Flasche Vodka und nahm einen tiefen Schluck. Dann dacht er nach, über König, das Leben und den ganzen Rest. Als der Morgen dämmerte, stand er auf, schloss die Tür und ging Richtung Luisenplatz, wo er wohnte.<br />
Etwas ließ ihn verharren. Etwas mit dem parkenden weißen Ford stimmte nicht. Ben ging zurück und schaute sich den Wagen genau an. Dann sah er es. Königs Tasche. Sie lag fast komplett unter dem Wagen. Ein Wunder, dass er sie überhaupt gesehen hatte. Gedankenverloren hob Ben sie auf. Dann traf ihn die Erkenntnis: Die Geschichte!<br />
Sie befand sich in der Tasche, Ben hatte gesehen, wie König die krakelig beschriebenen Seiten in der Tasche verstaut hatte. Was waren noch die Worte des Alten gewesen? Niemand konnte die Geschichte versauen? Egal, was man tat, es würde ein Erfolg werden? Jeder drittklassig Schmierfink würde Erfolg damit haben?<br />
Ben zögerte. Konnte er die Geschichte eines Mannes klauen, der eben gerade erst von einem Raser ins Nirwana geschickt worden war? Was, wenn festgestellt würde, dass er, Ben, die Geschichte eines Toten geklaut hatte? Auf der anderen Seite, wer sollte es erfahren? Niemand wusste, ob und was König geschrieben hatte, von der Existenz des Textes wusste nur Ben. Die anderen Gäste warne zu weit weg, die Musik zu laut gewesen, als dass sie etwas hätten hören können.<br />
Ben überlegte. Ein Bestseller? Damit würde er sein Studium locker finanziert bekommen. Vielleicht würde er auf den Geschmack kommen und noch mehr schreiben. Erfolglos und einsam wie König würde er jedenfalls nicht enden.<br />
Ben öffnete die Tasche. Königs Sachen zu durchsuchen wäre ihm unter anderen Umständen nicht in den Sinn gekommen, aber er wollte die Geschichte. Den Rest würde er in der Tasche lassen und wieder unter das Auto schmeißen, sollte es doch ein Anderer finden und damit machen, was er wollte.<br />
Ben fand die Blätter. Behutsam holte er sie aus der Tasche. Man hätte meinen können, König hätte sie eben erst aus der Hand gelegt. Da waren die Eselsohren, die Knicke, die er in seiner Hast in das Papier gemacht hatte, da war sogar ein halber Fingerabdruck, König hatte wohl in die Tinte des Stiftes gefasst, und natürlich der Fleck vom Jack Daniels.</p>
<p>Wie erstarrt blätterte Ben jedes einzelne Blatt in seinen Händen durch. Dann schloss er noch einmal das „Tolucci“ auf, fand nach wenigen Augenblicken Königs bemalten Bierdeckel im Mülleimer. Sprachlos blickte er auf die hastig gekritzelten Kringel.<br />
Noch vor wenigen Stunden hatte er einen Meter entfernt gestanden, als König die Seiten in seiner markanten Schrift beschrieb, er hatte die Farbe des Schwarzen Stiftes auf den Seiten gesehen, so wie er sie jetzt auf dem Bierdeckel sah. Die Zeichen, die Worte, die er nur schwer hatte entziffern können.<br />
Doch jetzt waren die Seiten, auf denen König seinen letzten Roman entworfen hatte völlig leer.</p>
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		<title>Das Zimmer (3)</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Dec 2007 16:11:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Steffen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[das zimmer]]></category>
		<category><![CDATA[miro]]></category>

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		<description><![CDATA[Was bisher geschah &#8230; Das Geräusch kam von oberhalb der Decke des Zimmers, die Miro nicht sehen konnte. Er erhob sich von dem Bett, als das Geräusch lauter wurde, näher kam. Es klang wie ein Pfeifen. Als würde jemand eine unbeschwerte, fröhliche Melodie vor sich hinpfeifen. Er dachte daran, sich zu verstecken, wusste aber, dass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://endkampf.de/geschichten/das-zimmer/">Was bisher geschah &#8230;</a></p>
<p>Das Geräusch kam von oberhalb der Decke des Zimmers, die Miro nicht sehen konnte. Er erhob sich von dem Bett, als das Geräusch lauter wurde, näher kam. Es klang wie ein Pfeifen. Als würde jemand eine unbeschwerte, fröhliche Melodie vor sich hinpfeifen. Er dachte daran, sich zu verstecken, wusste aber, dass es sinnlos war. Wer auch immer da näher kam, er wusste, dass er in diesem Zimmer war und nicht fort konnte. Trotzdem kroch Miro von Panik geschüttelt in die äußerste Ecke des Raumes, umschlang seine Beine mit den Armen und zog die Knie unter sein Kinn. <span id="more-1067"></span></p>
<p>Das Pfeifen hatte aufgehört. Stattdessen hörte Miro jetzt leises Rascheln an der Zimmerdecke. Etwas klickte und knackte gedämpft durch die Zimmerdecke. &#8220;Ein Schloss!&#8221; schoss es ihm durch den Kopf und sein Körper wurde überschwemmt von Adrenalin und Todesangst.</p>
<p>Wem würde er gleich gegenüberstehen? Würde man ihn quälen und foltern? Töten? Oder waren es vielleicht doch seine Kumpels, die diesem grausamen Scherz ein Ende bereiten würden. Genau. Sie hatten ihn sicher nur vergessen und würden ihn nun unter tausend Entschuldigungen aus diesem schrecklichen Zimmer befreien. Ein schmaler Lichtstrahl fiel auf den Boden des Raumes, als die Luke langsam geöffnet wurde.</p>
<p>Miro blinzelte und sah bloß dicke Staubflocken, die in der Luft schwebten. &#8220;Hey, wer ist da?&#8221;, wollte er rufen, doch seine Stimme erstickte bereits beim ersten Wort. &#8220;Hab keine Angst&#8221;, flüsterte die Stimme aus der Luke. Sie klang tief und weich. &#8220;Ich werde mich jetzt um dich kümmern.&#8221;</p>
<p>&#8220;Wer ist da? Lassen Sie mich sofort hier raus!&#8221; schrie Miro und sein trockener Hals brannte wie Feuer.<br />
&#8220;Hab keine Angst&#8221;, flüsterte der Mann aus der Luke. &#8220;Ich kümmere mich schon um dich.&#8221; Miro wollte auf die Stimme zurennnen und den Mann zur Rede stellen, als der Verschlag mit einem Krachen zugeschlagen wurde. Kurz war es ganz still, bis wieder das Klicken und Knacken des Schlosses zu hören war. Im letzten Licht, das durch die Öffnung fiel, sah Miro, dass der Mann mit der sanften Stimme etwas zu ihm hinuntergelassen hatte. Es war ein geflochtener Korb, der vor ihm auf dem Boden stand. Sein Inhalt war unter einer karierten Decke verborgen. Er zog den Korb an sich und setzte sich auf das Bett, bevor wieder tiefe Dunkelheit das Zimmer erfüllte.</p>
<p>Miro zog die Decke weg und griff in den Korb. Er spürte etwas hartes, kühles und griff danach. Es war eine große, schwere Taschenlampe. Er fand den Schalter an der Seite und knipste sie an. Der Lichtstrahl war dünn aber stark und er sah zum ersten mal das Zimmer, in dem er gefangen war. Erst jetzt kam ihm zu Bewusstsein, dass er nicht einmal wusste, wie lange er schon hier war. Er verdrängte den Gedanken und leuchtete systematisch Boden, Wände und Decke ab. Der gesamte Raum war mit Holz verkleidet und mit glänzender schwarzer Farbe überstrichen. Als der Strahl der Taschenlampe auf die Wand rechts von Miro fiel, sah er die Stelle, auf die er in blinder Wut eingeschlagen hatte. Hier war das Holz leicht gesplitter, in den Splittern schimmerte sein eigenes Blut. Unter dem Holz schien eine Mauer aus rotem Backstein zu liegen. Das Bett war, wie Miro richtig vermutet hatte, mit dicken Schrauben im Boden verankert. Über ihm erkannte er jetzt auch den Umriss der Luke, durch die der Mann die Lampe hinabgelassen hatte. Miro richtete den Strahl der Taschenlampe auf den Korb in seinem Schoß. Nach dessen Gewicht zu urteilen, musste noch mehr darin sein. Da wo die Lampe gelegen hatte, befand sich noch eine karierte Decke. Er zog sie weg und sah herab auf das, was sich noch in dem Korb befand.</p>
<p>Es war eine Flasche Sekt, ein kleines Küchenmesser und eine tote Katze.</p>
<blockquote><p>
Fortsetzung folgt.</p></blockquote>
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