Das Fossil

Die folgenden Vorkommnisse ereignen sich in einer mittelgroßen Stadt: Eine lange Einbahnstraße, auf einer Seite Einfamilienhäuser, großzügig geschnitten, jedes mit Garten. Die andere Seite der Straße säumen Kastanienbäume, alt und gut gepflegt. Es ist Ende November und die Sonne bereits hinter den schwarz geschindelten Dächern verschwunden. Das Astwerk der Kastanien ist blattlos und kahl, das Wasser in ihren Adern gefroren. Feuchter Nebel steigt langsam aus den Niederungen einer nahen Parkanlage auf und kriecht zwischen den Kastanien hervor.


„Der rote Knoten”

29. November, 19.25 Uhr

Herr Denker hatte genug. Und das lag nicht nur daran, dass er wieder einmal völlig gestresst war. Konnte er nicht einmal von der Arbeit nach Hause kommen und einfach nur seine Ruhe haben? War das denn wirklich zu viel verlangt? Er war jetzt vierunddreißig Jahre alt und die Tage kotzten ihn an.

Mit siebzehn hatte er sein Abitur geschrieben, danach in aller Eile ein Studium durchgezogen. Damals war er von dem starken Wunsch beseelt gewesen, endlich Geld zu verdienen. Auto, Haus mit allem, was dazu gehörte. Wie zum Beispiel der Gründung einer Familie. Jetzt, da er all das hatte, bereute er es manchmal. Es lag nicht einmal daran, dass er seine Frau und seine Tochter nicht liebte. Auch seinen Job, der ihn den ganzen Tag in einem Ingenieurbüro gefangen nahm, fand er immer noch spannend und wichtig.

„Nein”, dachte Herr Denker, als er sich vor dem Spiegel seiner verschwitzten Krawatte entledigte, „daran liegt es nicht”. Er öffnete die Hälfte des Kleiderschrankes, die seine Kleidungsstücke enthielt und zog einen frischen Binder heraus. Er hatte sich von Mammon blenden lassen, soviel war inzwischen klar. Er hatte immer sein Bestes gegeben und stets auf eine blühende Zukunft hingearbeitet. Doch genau das war ein Fehler gewesen. Diese Erkenntnis war ihm nicht einfach so gekommen. Es gab kein Schlüsselerlebnis, wie im Film. Sie war im Laufe langer Arbeitsjahre ganz langsam in Denkers Gedächtnis gesickert. Wurde von Arbeit erstickt, verdrängt und immer wieder zur Seite geschoben. Und doch tauchte der Gedanke immer wieder an der Oberfläche seines Bewusstseins auf, wie ein Korken im Wasser. Er hatte sein Leben verschwendet. Nur geackert und gegrübelt. Für etwas gelebt, das er, wie er jetzt mit Bitterkeit feststellen musste, gar nicht wollte. Niemals hatte er sich Zeit für Freunde genommen, nicht einmal für sich selbst. Natürlich war er im Urlaub gewesen, die paar Mal. Doch aus diesen wenigen Wochen erinnerte er sich am deutlichsten an sein schlechtes Gewissen, dass er nichts für die Uni tat. Nichts hatte er erlebt in seiner Jugend. Verlegen blickte Denker nach unten oder lenkte vom Thema ab, wenn ein Arbeitskollege eine verrückte Episode aus seiner Jugend zum Besten gab.

„Schatz, bist du dann soweit?”, schallte die Stimme seiner Frau von unten. „Eine Minute, Schätzchen” rief er zurück und ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte nicht die geringste Lust auf diese Feier mitzukommen. Verdammt, er war noch nicht einmal eingeladen, sondern kam nur seiner Frau zuliebe mit, die ihn ihren neuen Freunden vorstellen wollte. Doch Denker kam mit, er kam immer mit. Wieder tat er etwas, was er nicht wollte. „Du kannst nicht nein sagen”, dachte er und gestand sich ein, dass er einfach keine Eier hatte. Aber auch sich selbst zu beleidigen konnte ihn nicht motivieren, seiner Frau ein „Nein!” entgegenzuschleudern. Er wusste was ihm fehlte und tat nichts dagegen. Er brauchte Zeit für sich, doch konnte nichts tun. Es war ein seelischer Makel, eine moralische Schwäche. Der Gedanke ließ ein Gefühl in ihm aufsteigen. Es war ein Gefühl, das er mittlerweile gut kannte: Dumpfe Wut. Ich bin einfach ein Feigling”, attestierte sich Denker und band einen lieblosen Knoten, als ihn ein leises Knarzen hinter ihm aufschrecken ließ.

„Ach du bist’s nur, Agatha” sagte Denker mit wenig Begeisterung zu der schwarzen Katze, die sich elegant durch die Tür schlängelte. Zufrieden schnurrte sie, die tiefgrünen Augen zu Schlitzen verengt und schmiegte sich fest an Denkers dunkelblaue Anzughose. „Scheiße” rief der und hatte jetzt endgültig genug. Mit aller Kraft trat er nach dem Tier, das eigentlich seiner Tochter gehörte. Doch die hatte ihr Interesse an Agatha längst verloren, so dass er jetzt diese Belastung auch noch hatte. Behände wich die Katze nach hinten aus und floh blitzschnell aus dem Schlafzimmer. Denkers Tritt ging in’s Leere, woraufhin er fast das Gleichgewicht verlor und sich auf der Kommode abstützen musste. Fluchend holte er die Fusselbürste aus einer Schublade und begann, die Katzenhaare von seinem Hosenbein zu entfernen. Schon meldete sich sein Gewissen, das er ebenfalls hasste, aber nicht abstellen konnte. Er hatte seine Wut noch nie an dem Tier ausgelassen, geschweige denn an irgend jemand anders. Nein, er hatte noch nicht einmal den Mumm, sich an Gegenständen abzureagieren. Plötzlich bekam er eine unbändige Lust, sich hemmungslos zu betrinken und alles zu vergessen, was ihn quälte. Ja, heute war es besonders schlimm. Und jetzt musste er auch noch in die Kälte hinaus, obwohl er müde und ausgelaugt war. Denker sah kurz aus dem Fenster, bevor er die Tür des Schlafzimmers öffnete. Er sah: Nichts. Es war bereits stockdunkel draußen. Dichter Nebel war aufgezogen. Das orange Licht der Straßenlaternen schien milchig und in dichten Glocken über dem Boden zu hängen. Bei diesem Wetter würde seine Frau nicht fahren wollen, was hieß: Kein Alkohol für ihn. Und kein Vergessen.

„Der Mund”

29. November, 19.59 Uhr

„Schatz, wo bleibst du denn? Komm schon, wir sind spät dran!” klang die Stimme seiner Frau dumpf von unten. „Verdammt”, murmelte Denker. Er drehte sich vom Fenster weg und sah auf seine Armbanduhr. „Seltsam”, dachte er. Er hätte schwören können, nur einige Sekunden hier gestanden zu haben, doch die Uhr zeigte bereits eine Minute vor acht. Hatte er wirklich fast eine halbe Stunde hier gestanden und in die Dunkelheit gestarrt? „Unsinn”, sagte er zu sich selbst. Er musste nachgedacht haben. Das alles wurde langsam so viel, dass man schon mal die Zeit vergessen konnte. Dennoch fand er es merkwürdig, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, worüber er so lange nachgedacht haben könnte. Er sah noch einmal in die kalte, schwarze Nacht hinaus. Die fahlen Nebelschwaden schlangen sich um die Stämme der Kastanien, krochen an ihnen nach oben. Es gab keinen Mond und keine Sterne. Dann wusste er es. Zwar erinnerte er sich immer noch an nichts, doch mit jeder Sekunde, die er in’s Dunkel sah, wuchs seine Gewissheit. Und sie machte ihm Angst. Schreckliche Angst. Kalte Schauer überliefen ihn, als er sich die Wahrheit eingestand: Er hatte in dieser halben Stunde vor dem kohleschwarzen Fenster gestanden und beschlossen, zu sterben.

Doch es war nicht sein Verstand gewesen, der diese Entscheidung getroffen hatte. Nur so machte es Sinn. Nein, etwas anderes in ihm musste es gewesen sein. War es womöglich seine Seele selbst, deren Qualen er über so viele Jahre ignoriert und verdrängt hatte und die sich jetzt selbst dem Tod anbot, der hinter dem Fenster in der Dunkelheit lauerte? Immer noch stand er vor dem Fenster, starrte in die Finsternis, ohne etwas zu fokussieren. Er fühlte sich unglaublich leicht und hatte immer noch eine Gänsehaut. Alles fühlte sich taub an, als wäre er fremd in seinem eigenen Körper. Oder, sagte sich Denker, ist mir nicht mein Körper fremd geworden, sondern etwas ist darin hinzugekommen. Etwas, das mir fremd ist und mich wie bewusstlos vor mich hinstarren lässt. Etwas, das mich umbringen will.

Als er bemerkte, dass er angefangen hatte zu schwitzen, fuhr Denker sich über die Stirn. Der Schweiß war klebrig und kalt. „Verdammt”, sagte er mit rauer, krächzender Stimme zu seinem blassen Spiegelbild. „Krieg dich wieder ein!” Plötzlich hörte er Geräusche vor der Tür und sein Körper versteifte sich. Frischer Schweiß trat aus allen Poren, rann unter seinen Armen herab und verfärbte seinen Hemdkragen dunkelblau. Jetzt sah er den Schatten unter dem Türspalt und nie geahnte Panik ergriff Besitz von seinem Körper. Mit aller Kraft löste er die Verkrampfung seiner Hände, stürzte nach vorn und rüttelte mit zitternden Händen am Griff des Fensters. Bevor es aufsprang sah er für den Bruchteil einer Sekunde sein Spiegelbild. Doch es war nicht sein Gesicht. Etwas anderes starrte ihn an, durch die dunkle Scheibe. Denkers Gedanken rasten jetzt wie wild, er hatte jede Kontrolle verloren. „Nein!” hörte er sich selbst schreien und alles in ihm sträubte sich mit Gewalt gegen das, was er dort sah. Ein unglaublich starker Fluchtreflex bemächtigte sich seiner Gedanken, doch er konnte seinen Blick nicht lösen.

Es waren die Augen eines Tieres, gelb und lauernd. Reglos lagen sie in ihren Höhlen, die länglichen Pupillen starr auf ihn gerichtet. Die Wangen waren eingefallen, das blasse Gesicht ausgezehrt und übersät mit offenen Stellen, an denen rotes Fleisch frei lag. Die Kopfhaut war voller kahler Stellen, die verbliebenen Haare klebten in der Stirn, gebündelt zu filzigen Strähnen. Denker spürte förmlich, wie der Wahnsinn seine Hände nach ihm ausstreckte, als er den Mund des Wesens erblickte. Die Lippen waren völlig deformiert und nur noch Wülste aus verfaultem Fleisch. Durch sie waren, offenbar mit Gewalt, dicke Fäden gezogen worden, auf denen Eiter und Blut glänzte. Während er vor dem Fenster stand, erstarrt und nicht in der Lage, sich zu bewegen, schoss ihm jetzt ein Gedanke durch den Kopf. Ein Gedanke von solch ungetrübter Klarheit, dass er seine Verwirrung für einen kurzen Moment durchbrechen konnte: „Ich bin verrückt geworden” sagte er und hörte seine Stimme wie von einem weit entfernten, fremden Ort.

Eine Hand drückte der Türgriff von außen herunter und eine neue Welle der Panik schlug über Denker zusammen. Plötzlich hatte er wieder ein Gefühl für seinen Körper und machte einen Schritt auf das offene Fenster zu. Wieder rüttelte die Hand am Türgriff, diesmal fester. Dann ein lautes Klopfen und eine Stimme, die er nicht zuordnen konnte. Sie klang tief und gewalttätig. Er machte sich bereit, zu springen. Für einen kurzen Moment blitzte das Bild der roten Backsteine in seinem Kopf auf, mit denen er die Einfahrt letzten Sommer gepflastert hatte. Im Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Er wollte es nicht, doch sein Blick wurde wieder auf das grässliche Gesicht im Fenster gelenkt, das eigentlich sein Spiegelbild sein musste. Es bewegte sich. Wand sich hin und her, die Augen rollten in ihren Höhlen, schmerzverzerrt. Dann ein leiser Knall, als der erste Faden zerriss. Die Lippen platzten auf und Rinnsale aus dickflüssigem Blut ergossen sich über das Kinn, als auch die übrigen Fäden nachgaben und aufrissen. Das Wesen hatte seine Augen jetzt wieder auf Denker gerichtet, der mit Grauen ansah, wie sich die Kiefer langsam öffneten und den Blick auf zwei weiße Reihen langer, nadelspitzer Zähne freigaben. Aus weiter Ferne hörte er, wie ein Schlüssel einrastete und umgedreht wurde. Das Wesen sprach mit leiser, zischender Stimme, in der Heimtücke lag: „Das, mein Freund, ist erst der Anfang.” Dann öffnete sich die Tür und Denker verlor das Bewusstsein.

„Dina”

Am nächsten Tag, 16.41 Uhr

Als Herr Denker aufwachte, wusste er zuerst nicht wo er war. Doch er lag in seinem eigenen Bett. Von draußen fiel schummriges Licht in das Schlafzimmer. Es dämmerte schon. Oder gerade – er war sich nicht sicher. Vorsichtig richtete er sich auf, um auf die Uhr zu sehen. Dabei spürte er plötzlich Übelkeit in sich aufsteigen. Auch sein Kopf begann zu rasen. Die Schmerzen kamen so heftig und überraschend, dass Denker sich in seiner Haltung völlig verkrampfte. Grelle Lichtblitze explodierten in seinem Kopf und alles um ihn herum wurde in ein schmerzhaftes, gleißendes Weiß getaucht. Eine Form schien sich aus der unendlich hellen Masse zu lösen. Dunkle Flecken entstanden und verschmolzen langsam miteinander, bis sie eine träge, schwarz-schimmernde Masse bildeten. Denker versuchte seine Augen zu öffnen und die nächste Welle aus Schmerzen strömte durch sein Gehirn. Die Intensität des Weiß’ verdoppelte sich und wurde unerträglich. Er schrie seine Schmerzen heraus, aus voller Seele und Leibeskraft. Die nächste Welle schmerzender Helligkeit schoss heran und riss Stücke aus dem dunklen Fleck. Was übrig blieb, sah aus wie ein Gesicht. Doch nicht das eines Menschen, sondern völlig entstellt, mit tiefen Wunden und den Augen eines Tieres. Denker konnte jetzt keinen klaren Gedanken mehr fassen. Todesangst stieg in ihm auf. Eine kleine, eiskalte Hand berührte seine Schulter und er schrie auf. Etwas rüttelte an ihm. Vor Panik bebend riss er die Augen auf und sah das Gesicht seiner Frau vor sich. Fast sofort ließen die Schmerzen nach und Denker atmete auf vor Erleichterung. „Schatz? Was ist denn?”, begann sie mit sanfter Stimme zu sprechen, in der ein Unterton von Besorgnis lag. Sie rüttelte ihn noch einmal an der Schulter. „Ich bin es, Dina. Du hast im Schlaf geschrien.” Denker, der mittlerweile halbwegs zu sich gekommen war, schloss seine Frau in die Arme und drückte sie fest an sich. Überrascht erwiderte Dina die Zärtlichkeit und flüsterte „was in aller Welt hast du geträumt, Viktor?”

18.05 Uhr

Viktor Denker blickte auf die Tasse Kamillentee, die ihm seine Frau hingestellt hatte, ohne ihn zu fragen, ob er welchen wollte. Dina war eigentlich nicht der Typ Frau, die sich ständig um das Wohl ihres Mannes sorgte und ihn besonders verwöhnte. Sie war wie Denker berufstätig und verdiente mit ihrer Arbeit als leitende Angestellte eines Chemiekonzerns sogar mehr Geld als Viktor. Doch jetzt zeigten sich einige Sorgenfalten in ihrem makellosen, von schulterlangem schwarzem Haar umrahmten Gesicht. Denker nippte an seinem Tee.

„Und du bist sicher, dass ich gestern Abend einfach eingeschlafen bin?”, fragte er und versuchte die Verunsicherung in seiner Stimme so gut wie möglich zu verbergen. Dina, die am Fenster stand, drehte sich zu ihrem Mann. „Ja, du hast geschlafen. Wie ein Baby. Und zwar auf dem Boden, direkt an der Heizung, unter der Fensterbank.” Denker setzte die Tasse wieder ab. Der Tee war noch zu heiß zum Trinken. „Wahrscheinlich hat mich der Stress einfach umgehauen. Die letzten Wochen waren doch ziemlich stressig, für uns beide.” Doch er wusste, dass das nicht stimmte. Während er da saß und das dunkle Holz des alten Esstisches anstarrte, hatte er Angst. Angst davor, seine Augen zu schließen und das Gesicht wieder zu sehen. Ein tiefes Verlangen, seiner Frau von seinen schrecklichen Erlebnissen zu berichten, regte sich in ihm. Die Worte drehten sich in seinem Kopf und wollten heraus. Aber er konnte es nicht. Dina würde ihm nicht glauben. Es war einfach zu verrückt. Er selbst hätte es ja nicht geglaubt, wenn es ihm jemand erzählt hätte. Und selbst wenn seine Frau ihm glaubte, was wäre das Ergebnis? Sie würde an seinem Verstand zweifeln oder ihn für verrückt halten. Nein, er musste es verschweigen, unter allen Umständen. „Da ist noch etwas, Schatz”, begann Dina.

Denker erwachte aus seiner Lethargie und sah fragend zu ihr auf. „Warum hast du dich eigentlich im Schlafzimmer eingeschlossen?” Denker stutzte. Er hatte sich nicht eingeschlossen. Jedenfalls wusste er davon nichts mehr. Seltsam, denn an den Rest des Abends, seine schlechte Laune und das anschließende Grauen konnte er sich schmerzhaft genau erinnern. Warum hätte er abschließen sollen? Aber wenigstens erklärte das, warum es an der Tür geklopft hatte. „Ach, der Türschnapper ist ausgeleiert und die Katze kam dauernd rein. Da habe ich eben abschlossen”, log er. „Du bist einfach etwas überspannt. Am besten nimmst du dir ein paar Tage frei” meinte Dina und widmete sich wieder der bilderlosen Fachzeitschrift, die aufgeschlagen vor ihr auf dem Tisch lag. „Ich komme schon klar” wollte Denker antworten, als ihm etwas auffiel. Etwas seltsames, das er sich nicht sofort erklären konnte.

Er sah seine Frau an, die in der Zeitschrift blätterte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Angenommen, er hatte sich tatsächlich eingeschlossen, ohne sich daran zu erinnern. Es war zwar ungewöhnlich, in Anbetracht seines Zustandes zu der Zeit aber durchaus möglich. Doch wie hatte Dina die Tür dann von außen aufschließen können? Das hätte sie nur gekonnt, wenn er den Schlüssel auf seiner Seite der Tür abgezogen hätte. Aber das ergab keinen Sinn. Er schloss sich niemals ein, nicht einmal auf der Toilette. Und selbst wenn er es dieses Mal im Wahn getan hatte, war er sich sicher, dass er den Schlüssel niemals aus dem Schloss gezogen und weggelegt hätte. Warum auch? Er richtete seinen Blick wieder auf das gegenüberliegende Ende des Tisches und betrachtete seine Frau. Sie sah gut aus, wie immer. Nichts an ihr erschien ihm ungewöhnlich oder anders. Dennoch hatte sie etwas an sich, das ihn zutiefst beunruhigte. Ein vages Gefühl beschlich ihn und etwas begann unter seiner Haut zu jucken. Er schob es auf seine Verwirrung und die schrecklichen Visionen, die er im Schlaf gehabt hatte und die sein Denkvermögen offenbar immer noch beeinträchtigten. Er sah auf den Kalender an der Küchenwand. Es war Sonntag. Denker nahm sich vor, den nächsten Tag freizunehmen und zum Arzt zu gehen.

22.21 Uhr

Den Rest des Abends hatte Denker damit verbracht, alleine vor dem Fernseher zu sitzen. Tief in die Kissen gesunken saß er einfach nur da, die Katze schnurrte neben ihm. Als er sich aus dem Sofa erhob, hatte er bereits vergessen, was er sich angesehen hatte. Gänzlich unbewusst hatte er währenddessen damit begonnen, die Schrecken zu relativieren und zu verdrängen, die ihm widerfahren waren. Jetzt fühlte er sich nur noch leer und verbraucht. Dina schlief bereits und er beschloss sich noch zu duschen, bevor auch er zu Bett ging. Müde schlurfte er in das blau gekachelte Badezimmer und drehte das heiße Wasser auf. Denkers Augen starrten ins Nichts und sein Körper entspannte sich, als das Wasser warm und wohltuend über seinen Körper strömte. Vor dem großen Spiegel trocknete er sich ab. „Wie neu geboren”, sagte er zufrieden zu seinem Spiegelbild und wandte sich zur Tür.

Da sah er etwas Seltsames im Augenwinkel. Denker stutzte und ging noch einmal zu dem  Spiegel zurück. Irgendetwas stimmte nicht mit seinem Rücken. Er verdrehte seinen Körper, um besser sehen zu können. Er sah eine kleine gerötete Stelle, die sich ungefähr in der Höhe seiner rechten Schulter, direkt neben der Wirbelsäule befand. Weißes Narbengewebe hatte sich darauf gebildet. Denker langte mit dem linken Arm danach, um die Stelle zu berühren, als sie unvermittelt und heftig zu jucken begann. Instinktiv kratzte er darüber und da spürte er es. Etwas erwiderte seinen Druck. Denker schwanden die Sinne und eine rote Welle aus grauenhafter Panik lief über ihn hinweg. Was da von innen gegen seine Haut drückte waren die Fingernägel einer winzigen Hand.

„X & Y”

Dieselbe Nacht, 01:34 Uhr

Denker drehte den Schlüssel im Zündschloss seines alten Ford Kombi. Das Blech des Wagens war ein einigen Stellen bereits mit Rostflecken besetzt, die Sitze staubig und durchgesessen. Doch er hing an dem Wagen, den er sich während seiner Studienzeit vom Mund abgespart hatte. Doch daran dachte er jetzt nicht. Es war etwas anderes gewesen, das ihn dazu bewogen hatte, sein eigenes Haus mitten in der Nacht heimlich zu verlassen. Er hatte lange wachgelegen und auf den Atemrhythmus seiner Frau gelauscht, bevor er sich aus dem Schlafzimmer geschlichen hatte. Die Innenbeleuchtung des Mondeo leuchtete matt-grün auf, aus den Boxen knisterte statisches Rauschen, maschinell, kalt und unheilverkündend. Denker drehte das Radio aus. Für einen Moment wunderte er sich, dass sein Sender – er hörte immer denselben, eine Mischung aus Informationen, Berichten und klassischer Musik – nicht mehr eingestellt war. Hatte seine Frau das Auto benutzt? Schnell verwarf er diesen Gedanken wieder. Dina hatte einen eigenen, besseren Wagen. Und warum würde sie sich atmosphärisches Rauschen anhören wollen? Sicherlich war er beim Aussteigen selbst an den Knopf gekommen, der die Frequenzen regelte. Doch, das musste er sich eingestehen, ganz sicher war er sich dabei nicht.

Jäh wurde sein Gedankengang unterbrochen, als er das Jucken an seinem Rücken wieder spürte. Angestrengt versuchte er es zu ignorieren, die sich anbahnende Panik abzuwehren, als das Jucken verschwand und schließlich zu einem drückenden Stechen wurde. Es fühlte sich an, als seien da die Finger einer winzigen Hand, die unter seiner Haut umhertasteten. Sie schienen zu versuchen, etwas davon zu fassen zu bekommen. Schweiß rann in den Kragen seiner Regenjacke, doch dieses Mal gelang es ihm, der Panik nicht die Kontrolle zu überlassen. Mit der rechten Hand griff Denker in das Innenfutter seiner Jacke und ertastete die Chipkarte aus Plastik, die er vor wenigen Minuten seiner Frau gestohlen hatte. Dina. Denker hatte mittlerweile regelrechte Angst vor ihr. Nachdem er beim Duschen am vorangegangen Abend zu ersten Mal bemerkt hatte, dass auch körperlich eine Veränderung bei ihm stattzufinden schien, hatte er sich nach dem Schock zusammengenommen und überlegt. Nach dem Zusammenbruch im Schlafzimmer konnte er zum ersten Mal wieder klar denken. Jedenfalls nahm er an, dass er klar dachte: Da waren die plötzlichen, furchtbaren Visionen. Sie waren unerwartet und jede Vorwarnung gekommen. Da waren der grauenhafte Albtraum und schließlich das juckende und tastende Etwas in seinem Rücken. Ihm war der Beruf seiner Frau zu Bewusstsein gekommen. Dina war Biochemikerin. Denker wusste zwar theoretisch über ihr Betätigungsfeld Bescheid, aber nicht, woran genau sie forschte. Sie redeten nur selten über ihren Job. Als er einmal Näheres wissen wollte, hatte sie alles sehr allgemein gehalten und darauf bestanden, dass dieses Thema zu kompliziert für Außenstehende wäre. Später hatte er einmal die Webseite ihres Institutes aufgerufen und dort in knappen Worten erfahren, dass sich der Konzern unter anderem mit der Forschung am menschlichen Genom beschäftigte.

„Genforschung“, dachte er und sein Rücken begann wieder heftiger zu jucken. Was wusste er eigentlich über seine Frau, seit sie sich emotional so weit voneinander entfernt hatten? Hatte sie sich verändert, ohne dass es ihm aufgefallen war? Er musste sich eingestehen, dass es gut möglich war. Warum hatten sie seiner Schilderungen der Visionen und der Zusammenbruch so kalt gelassen, als würde sie das alles nicht besonders überraschen? Nach diesen Gedanken hatte er begonnen, Dina zu verdächtigen. Oder war es doch so, dass er seinen Verstand verloren hatte? Diese Zweifel hielten ihn schließlich auch davon ab, sich an Ärzte zu wenden. Vielleicht würden sie ihm nicht glauben, vielleicht sogar in eine Anstalt einweisen. Nein, das würde er nicht ertragen. Er musste sich selbst Gewissheit verschaffen. Er würde in das Büro seiner Frau einbrechen. Die Stelle am Rücken fühlte sich jetzt wund und taub an und begann, leicht zu nässen. Denker startete den Motor des alten Ford, doch das war ein Fehler. Der Wagen machte einen heftigen Satz nach vorne und stieß scheppernd gegen das blecherne Garagentor, bevor der Motor erstarb. Denker fluchte innerlich: Er hatte vergessen, die Kupplung durchzutreten. Fast zeitgleich begann ein Hund zu kläffen. Gerade wollte er den Ford wieder anlassen, da sah er es. Im Schlafzimmer hatte jemand Licht gemacht. Aus dem Raum sah er eine dunkle Silhouette an das Fenster treten, die die Arme verschränkt vor ihrem Körper hielt. Es war seine Frau Dina.

„Die Macht des V“

Firmengelände von GRS BIOTECH

Lieferanteneingang

2:59 Uhr

Das kleine Licht wechselte von gelb zu grün und ein leises Summen ertönte. Dinas Chipkarte öffnete ihm die Tür zu einem schmucklosen Seiteneingang, der tief im Schatten der nüchternen, hypermodernen Leichtbetonsäulen lag. Die orangen Lichter der Parkplatzbeleuchtung spiegelten sich verzerrt in der durchgängigen Glasfront, die sich rund um das Firmengebäude zog. Es war viel einfacher gewesen, als er sich vorher ausgemalt hatte. An der Schranke war er von einem jungen Nachtwächter mit Kopfhörern in den Ohren durchgewunken worden. Unglaubliche Erleichterung lief ihm wie schwacher Strom durch den Körper, er fühlte sich mit einem Mal aufgeputscht. Zwar hatte sich Denker eine nette Lügengeschichte ausgedacht, die nicht einmal schlecht war und von einer erkrankten Dina und am Arbeitsplatz vergessenen wichtigen Medikamenten handelte. So schön er sich alles zurechtgelegt hatte, wusste er doch, dass er einen erfahrenen Mann nur schwer damit würde täuschen können. Denn leider hatte sein Kopf die, gute oder schlechte Angewohnheit, beim Lügen krebsrot anzulaufen. Meist wurde ihm gleichzeitig heiß und kalt, das Blut rauschte in den Ohren. Er konnte diese Reaktion nicht kontrollieren oder aufhalten und würde es wahrscheinlich auch niemals können. Aber das war jetzt egal, dachte er. Noch in dieser Nacht würde er herausfinden, was mit seiner Frau nicht stimmte und vielleicht auch, was sich in seinem Rücken befand. Die ganze Autofahrt hatte er die Existenz der Finger verdrängt, seine Gedanken mit Gewalt von dem eingebildeten Händchen abgelenkt. Doch in irgendeinem Areal seines Bewusstseins, in irgendeiner Schicht seines Hirns siedete bereits eine mächtige Panik, die sich, gleich eines heißen Stachels immer wieder einen Weg an die Oberfläche brach.

Eigentlich war es viel zu einfach gewesen. Fast erschien ihm alles wie ein Spiel. Eine Schnitzeljagd für Erwachsene, aufregend, aber ohne Konsequenzen. Schnell verwarf er den Gedanken und fuhr damit fort, die Schubladen im Schreibtisch seiner Frau von unten nach oben durchzugehen. In den meisten befanden sich braune Umschläge oder rosafarbene Klemmordner, deren Beschriftung er im Schein seiner kleinen Stabtaschenlampe zu entziffern versuchte. Bald sah er jedoch ein, dass ihm, um den Inhalt der Papiere richtig beurteilen zu können, das Fachwissen fehlte. Falls seine Vermutungen zutrafen, musste es hier etwas geben, das seinen Zustand erklären konnte. Er machte weiter und hoffte auf eine verschlossene Schublade oder ein Geheimfach zu stoßen, fand aber nichts dergleichen. Dann nahm er sich den Computer auf dem Schreibtisch vor, einen weißen Power Mac G5. Die Lüfter dröhnten leise, als der Rechner hochfuhr und dann eine Passwortabfrage anzeigte. Der Benutzername seiner Frau wurde mit DDenker@GRS angezeigt. Wie lautete das Passwort? Als erstes probierte er ihren Geburtstag, dann seinen eigenen und schließlich seinen Namen in verschiedenen Varianten der Groß- und Kleinschreibung. Doch jedes Mal signalisierte ihm die Eingabemaske mit einem horizontalen Zittern, dass er auf der falschen Fährte war. Er versuchte es eine halbe Stunde lang mit verschiedenen Daten, ihrem Hochzeitstag, dem Geburtstag ihrer Eltern, vorwärts und rückwärts. Nichts funktionierte.

Resigniert starrte Viktor auf die beleuchtete Tastatur, die neben dem Bildschirm und dem schwachen Licht aus dem Flur die einzige Lichtquelle in dem Büro war. Er blickte auf die Uhr. Halb fünf. Er wusste nicht, wann der reguläre Arbeitsbetrieb anfing, aber er vermutete, dass es auch hier einige Frühaufsteher unter den Beschäftigten gab. Die Ausrede mit den Medikamenten würde er nur schwer vermitteln können, wenn er am Rechner seiner Frau saß und Passwörter ausprobierte. Sein Blick kreiste über die verschiedenen Buchstaben der Tastatur und blieb schließlich bei „A“ hängen. Plötzlich kam ihm eine Idee. Er tippte „Agatha“, den Namen ihrer Katze. Ein Ladesymbol flackerte kurz auf, dann war er im Account seiner Frau. Sofort öffnete er den Ordner mit ihren Dokumenten und scrollte langsam durch die Liste. Dabei fiel ihm sofort ein Dokument auf, dessen Dateiname lediglich auf „V.pdf“ lautete. Mit einem seltsamen Gefühl im Magen klickte er die Datei an.

„(…) stellten wir (…) fest, dass neben den unter anderem für die Bestimmung des Geschlechts verantwortlichen X- und Y-Chromosomen (…) darüber hinaus eine weitere, bisher unbekannte Chromosomen-Variante existiert. Dieses von uns nach seiner Form so bezeichnete ‚V-Chromosom‘ wurde erstmalig von Dina Denker beschrieben. Seine Existenz blieb jedoch ein Internum und war außerdem lediglich Frau S. – einer engen und langjährigen Mitarbeiterin Denkers – sowie meiner Person bekannt. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung fand nicht statt. Die Gründe für diese Geheimhaltung waren vielfältig (…) wobei der gewichtigste sicherlich ein mögliches Forschungsverbot durch staatliche Stellen war, die unter dem Druck der Gesellschaft ethische Bedenken noch immer in Verbote umsetzen. Das Resultat wäre jedoch lediglich das Bekanntwerden der Materie und damit eine Fortsetzung der Forschung im Ausland durch andere Stellen gewesen. Dennoch war es uns selbst nach mehreren Jahren intensivster Forschung nicht gelungen, weitergehende Kenntnisse über Ursprung und vor allem den Auswirkungen des V-Chromosoms zu erlangen. An Mäusen und Hunden durchgeführte Versuche endeten prinzipiell mit dem Exitus des Versuchsobjektes. Mit der Zeit setzte sich bei mir daher die Erkenntnis durch, dass es sich eventuell doch bloß um eine weitere Genmutation handelte, wie dies auch schon von S. mir gegenüber vorgebracht worden war. Finanzielle Mittel wurden schrittweise abgeschnürt (…) wogegen sich Frau Denker mit allen Mitteln zu Wehr setzte. Nach einer letzten Frist stellte sich heraus, dass mehrere Einheiten des Präparats, das für die Tierversuche verwendet wurde, fehlten. Frau Denker erklärte sich das Verschwinden mit einem Einbruch, für den es aber keinerlei Indizien gab und die Einrichtung unter der höchsten verfügbaren Sicherheitsstufe geführt wurde. S., die wie bereits erwähnt, ebenfalls eingeweiht war, lies mir gegenüber ebenfalls einige Zweifel über die Erklärung Denkers durchblicken. Da eine interne Untersuchung des Vorfalls auf Grund der genannten Gründe völlig ausgeschlossen war, blieb mir nichts anderes übrig, als das Projekt aufzulösen und beide in eine (…) andere Abteilung zu versetzen. Kurz darauf wurde bei S. im Rahmen eines routinemäßigen Gesundheitschecks Hyperleukozytose diagnostiziert (Blutkrebs). Der Fall wird mit dieser Eintragung intern für abgeschlossen erklärt.

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Gez. Faber, Wissenschaftlicher Leiter

Nachtrag: S. ist am 14. Februar den Symptomen ihrer Krankheit erlegen.“

Viktor Denker brach der kalte Schweiß aus. Sein Verdacht nach der Lektüre des internen Berichts war absurd und makaber. Aber er war naheliegend, dass musste er sich eingestehen. Mit fahrigen Bewegungen fuhr er den Rechner herunter und schaltete den Monitor aus. Da hörte er, ganz schwach, ein unterdrücktes Wimmern hinter sich. Denker fuhr in dem Stuhl seiner Frau herum, die Augen weit aufgerissen, die Finger zu Fäusten verkrampft. Es war niemand dort. Das geräumige Büro lag im diffusen Licht der weißen  Flurbeleuchtung. Nichts regte sich darin. Da hörte er es wieder, es klang wie das gedämpfte Schluchzen eines Kindes. Eines Kindes, das noch sehr klein war. So wie ein Säugling, dachte er und tastete instinktiv um seinen Körper herum, bis er die wunde Stelle an seinem Rücken erkannte. Viktors Nackenhaare stellten sich auf. Ganz leicht drückte er mit zwei Fingern auf die Stelle.

Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand mit Wucht eine Eisenstange über die Schulter gezogen. Er zuckte und hatte ganz plötzlich den metallischen Geschmack von Blut im Mund. Das Wimmern und Stöhnen schwoll an, während sich Denker vor Schmerzen am Boden wand. Deutlich konnte er spüren, wie sich sein Knochengerüst gewaltsam in Bewegung gesetzt hatte. Er sah weiße Sterne vor seinen Augen flimmern und war nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren. Doch wieder und wieder holten ihn furchtbare, brennende Schmerzen in die Gegenwart zurück. Sein Rücken, sein Brustkorb, seine Rippen standen in hellen Flammen. Kleine, spitze Knochen bohrten sich in Fleisch, zerrten daran, zerrissen Adern und Venen. Eine pulsierende Beule hatte sich an seinem Rücken gebildet, in der sich etwas hin und her zu winden schien. Denker glaubte einen heißeren Schrei zu hören, bevor er endgültig das Bewusstsein verlor.

Fortsetzung folgt …