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- TOT -

Zuerst dachte ich, ich hätte mich in der Nummer geirrt. Die Stimme am anderen Ende der Leitung gehörte zu einer Frau, was ich nicht erwartet hatte und forderte mich auf, meine Kennziffer zu nennen. Ich probierte die von der Karte aus, die mir der Portier gegeben hatte. Die Stimme bedeutete mir zu warten und ich hörte, wie eine Hand gegen die Sprechmuschel gedrückt wurde. Dann war die Leitung tot. Ich spürte den Luftzug von der geöffneten Tür und wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte.

- PROLOG -

Aber vielleicht sollte ich anders anfangen. Mein Name ist L. Die Geschichte die ich erzählen möchte ist der Grund dafür, dass aus mir das geworden ist, was ich jetzt bin: Ein Unfreier, ein Eingesperrter, ein Gefangener. Ich habe lange gegrübelt, ob ich sie erzählen soll und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich es nicht bloß soll, sondern, dass ich es tun muss. Schon, um mich zu rächen. Meine Geschichte beginnt wie jede gute Geschichte mit dem Tod einer schönen Frau.

- 1. KAPITEL: Dunkelheit-

Ich weiß nicht wo ich bin, nur dass es dunkel ist um mich und laut. Mit Gewalt schlage ich um mich, vielleicht in der Hoffnung, irgendeinen imaginären Wecker zu treffen. Und dann in einem sonnendurchfluteten, luxuriösen Schlafzimmer in meinem sündhaft teueren Himmelbett aus dunklem Holz aufzuwachen. Eine heiße Dusche zu nehmen und es mir anschließend mit einer dampfenden Tasse Kaffee auf der Veranda über den Dächern der Stadt bequem zu machen. Soweit der Traum, den ich manchmal heute noch habe. Meist in den Sekunden der Verwirrung zwischen Schlaf und Aufwachen. Doch statt dem Rascheln einer Bettdecke höre ich nur ein Knallen und gedämpfte Stimmen mit fremdem Akzent. Als ich versuche aufzustehen knallt mein Schädel mit dumpfem Scheppern gegen Metall. Der Schmerz fährt wie ein endloser Stachel durch meinen Körper und ich versuche instinktiv die schmerzende Stelle zu reiben, doch ich kann meine Arme nicht bewegen und Tränen schießen mir in die Augen. „Jetzt bloß nicht durchdrehen“, denke ich und schließe die Augen, um mich zu beruhigen. Als ich sie wieder öffne erkenne ich wie durch winzige Schlitze vor mir ein schmaler Lichtstrahl einfällt. Erleichtert stelle ich fest, dass ich entgegen meiner ersten panischen Befürchtung nicht lebendig begraben bin. Ich strenge mich an, zu verstehen, was die Stimmen draußen sagen, kann aber bloß gedämpftes Murmeln verstehen und etwas, das wie eine Ansage klingt. Ich unterdrücke einen Schrei, der mit aller Macht in meiner Kehle aufsteigt und krieche, die Arme fest an den Körper gepresst, auf den schwachen Lichtschein zu. Mir wird heiß und ich hoffe nur, dass das da vorne eine Öffnung ist. Ich stoße vorsichtig mit dem Kopf dagegen, doch nicht passiert. Jetzt packt mich das Entsetzen. „Scheiße, Hilfe, holt mich hier raus ihr beschissenen Arschlöcher!!!“ Plötzlich verstummen die Stimmen draußen und ich höre Schritte, die näher kommen.

- 2. KAPITEL: Scarface -

Wie gesagt, mein Name ist L. Ich bin wohl das, was man einen Überlebenskünstler nennt, was sich spannender anhört als es ist. Im Grunde genommen blieb mir nichts anderes übrig. Nachdem ich die Schule geschmissen hatte, fing ich an, mich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten. Rasen mähen, Flugzettel verteilen, als Kaktus verkleidet in einer Tequila-Kneipe bedienen, solche Sache eben. Das alles geht im Grunde genommen nur über Kontakte. Mein bester Kontakt war Alex, die in eben jener Kneipe fast jeden Abend hinter der Theke stand und Musik auflegte. Ich hing da früher öfter mit Schulfreunden rum und wir verstanden uns auf Anhieb gut. Nach einigen halbherzigen Anmachversuchen von meiner Seite wurden wir schließlich Freunde auch außerhalb der Kneipe. Die Nummer mit dem Kaktuskostüm war der erste Job den sie mir damals besorgt hat. Auch wenn sich das so anhört, hatte das nichts mit Ausnutzen zu tun. Wir waren irgendwie geistig verwandt oder so, hatten bei ziemlich allem die selben Ansichten. Und obwohl ich dauernd ein schlechtes Gewissen wegen der Jobs hatte, weil ich ihr ja nichts richtiges zurückgeben konnte, hat sie mir immer wieder geschworen, das ich ihr nichts schuldig bin.

Das wirkliche Problem in unserer Beziehung hieß Vlad. Er war Alex’ Freund und hieß in Wirklichkeit Vladimir. Ich glaube er war Usbeke oder Tschetschene, vielleicht auch Kasake, da bin ich mir nie richtig sicher gewesen. Auf jeden Fall war er kein Russe, darauf hat er immer großen Wert gelegt. Wer das nicht kapiert hat, bekam Ärger mit Vlad. Die beiden waren ein ungleiches Paar: Er sehr großgewachsen, trainiert, hartes slawisches Gesicht, stechend blaue Augen und kahlgeschorener Schädel. Außerdem trug er immer einen langen schwarzen Ledermantel, was wirklich cool aussah, ihn andererseits sofort als Russen oder was auch immer outete. Alles in allem kann man schon sagen, dass er auf den ersten Blick gefährlich aussah. Alex war nicht klein für eine Frau, aber neben ihm wirkte sie wie seine Tochter, woran man aber sofort zweifeln musste, denn nicht an ihr war ihm ähnlich. Sie war zierlich, sexy, charmant und süß. Wenn ihr die krausen blonden Haare vor den Augen hingen warf sie ihren Kopf mit elegantem Schwung in den Nacken um wieder sehen zu können.

Vlad war so eine Art Kaufmann und hatte in der Nähe des Hafens eine große Lagerhalle gemietet, in der er wie ich vermutete irgendwelche gefälschten Markensachen aus Osteuropa oder Asien lagerte um sie bei Ebay zu verticken. Außen stand auf einem winzigen Schild „Vladimir P. Andrejew / Im- und Export“ und noch etwas auf Kyrillisch, das ich natürlich nicht lesen konnte. Ich habe den Laden nie von innen gesehen und wollte im Grund genommen auch nicht wissen, was er dort trieb, da unser Verhältnis sowieso schon scheiße war. Er misstraute mir, weil ich viel Zeit mit Alex verbrachte. Ich wusste auch, dass es deswegen schon öfter Streit zwischen den beiden gegeben hatte. Außerdem hatte ich ehrlich gesagt Schiss, dass es eines sonnigen Tages bei mir klingelt und ich drei russischen Türstehern in Ledermänteln gegenüberstehe, die mir die Fußnägel mit ner Kneifzange rausziehen. Ja ja, beschissene Usbeken, ich weiß. Ist dann auch egal. Vlads und meine Kommunikation beschränkte sich aus diesen Gründen nur auf das Nötigste. Vlad, der sich abends oft mit seinen Kumpels oder Geschäftspartnern in Alex’ Kneipe besoff, ignorierte mich, doch ich konnte an seinem roten Kopf sehn, wie eifersüchtig er war, wenn ich mit Alex redete und lachte.

Genau, das hatte ich ganz vergessen: Vlad hatte auf der linken Gesichtshälfte ein große Narbe, die sich von der Stirn über sein Auge bis zur Backe hinunterzog. Sie war eigentlich nicht zu sehen, nur wenn er rot wurde glänzte sie blass und hell wie ein länglicher Mond in seinem Gesicht, weshalb wir ihn auch Scarface nannten. Er selbst hatte den Film wohl nicht gesehen, vielleicht hätte er es dann auch lockerer genommen. Woher er sie hatte, wusste ich nicht, er hat einfach nicht drüber geredet. Das warn also die beiden, die Schöne und das Biest sozusagen. Der Schläger und die Prinzessin. Meine besten Freunde. Und die einzigen.

- 3. KAPITEL: Eins Eins Null -

Es war ein saukalter Novembermorgen und die Luft roch nach Abgasen und Regen. Ich war wieder mal arbeitslos und hatte mir am Tag davor am Kiosk sämtliche Tageszeitungen gekauft. Nachdem ich die ganze Nacht mit Kaffee über den Stellenanzeigen gebrütet hatte, konnte ich mich nicht entscheiden zwischen Kugelschreiber zusammenbauen und Versicherungen verkaufen. Ich warf eine Münze und es wurde Zahl. Ich nahm mir also vor, am nächsten Tag einfach dieses Seminar zu besuchen und zu lernen, wie man Leute versichert und damit fette Provisionen kassiert. Ich fand die Nacht über keinen Schlaf und rief um 7 Uhr die Nummer aus der Anzeige an. Die verschlafene Stimme am anderen Ende fragte mich genervt nach der Uhrzeit und teilte mir dann mit, dass das Seminar um zwei Uhr stattfinde und ich dreißig Euro Unkostenbeitrag für meine „Ausbildung“ mitzubringen hätte. Ich blieb freundlich und beschloss, meinen Geldbeutel zu vergessen. Das Seminar sollte in einem Nest außerhalb der Stadt stattfinden, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Als es soweit war, sprang das Auto, dass ich zur Sicherheit immer an einem Berg um die Ecke parkte, trotz der Kälte gleich an.

Die Straße, die sich durch graue Felder in das Nest schlängelte war schmal und voller Schlaglöcher. Die Schilder an am Straßenrand sagten „Gaststätte zur Erholung“ und „Gebrauchshundesportverein“. Als ich endlich da war zog sich die Veranstaltung mächtig in die Länge und ich unterbrach den Vortrag der wasserstoffblonden Mittvierzigerin, die aussah, als hätte sie ihr halbes Leben im Sonnenstudio verbracht, mit Zwischenfragen, um nicht einzuschlafen. Um sieben war es vorbei und die Karrierezombies mit Realschulabschluss, die neben mir saßen fingen an zu klatschen und ihre Euros nach Aufforderung der Blonden in einen Schuhkarton zu stecken. Ich steckte eine Aldi-Quittung rein und trat vor die Tür, um nach Hause zu fahren. Es war stockdunkel und die ganze verdammte Landschaft komplett eingeschneit. Fluchend wischte ich den Schnee von der Scheibe und fing an, mit halsbrecherischen 40 km/h auf Sommerreifen die Landstraße entlangzurutschen.

Das Radio funktionierte nicht in dem Schneesturm, also kramte ich im Handschuhfach. Da musste doch noch irgendwo eine alte Kassette sein, vielleicht sogar ne gute. Ich fand „Be Here Now“ von Oasis und schmiss sie aus dem Fenster. „Was für ein Scheißtag“, dachte ich und driftete in ein Waldstück, als es im Rückspiegel blau zu blinken begann. „Na toll, die Bullen!“ Aber es waren nicht die Bullen. Es war ein riesiges, rotes, beschissenes Feuerwehrauto, das wohl schon die Winterreifen drauf hatte und auch sofort wie verrückt hupte und mir bedeutete, ich solle es gefälligst vorbeilassen. Ich stieg also ganz sanft auf die Bremse, um ja nicht ins Rutschen zu kommen auf dem Schneematsch, und lenkt vorsichtig nach rechts. Es funktionierte perfekt und das riesige Auto war fast an mir vorbei als auf der anderen Seite ein Auto um die Kurve rutschte. Die Feuerwehr weicht nach rechts aus, ich reiße den Wagen rum und schon knallt es dumpf. Das nächste was ich sah war, dass die Scheibe über und über mit Schnee und Schlamm und schmierigen Erdbrocken bedeckt ist. Nur gut, dass ich mich angeschnallt hatte. Als ich ausstieg stand ich mit meinen einzigen Anzugschuhen bis zu den Knöcheln im lehmigen Untergrund und dachte kurz daran, mich in den Dreck zu werfen und über mein Pech und mein Schicksal zu heulen. In dem Moment bemerkte ich, dass das Auto, das uns entgegengekommen war, ebenfalls im Graben gelandet war. Die Arschlöcher von der Feuerwehr waren einfach weitergefahren. Musste wohl was wichtiges gewesen sein. Der Fahrer des anderen Autos hieß Ole und war auch angeschnallt gewesen. Sein Wagen war im Gegensatz zu meinem, der wie eine kubistische Metallskulptur aus Streben und welligem Blech aus einer Schneewehe zu ragen schien, heil geblieben. Wir wuchteten seinen BMW auf die Straße zurück und als ich ihn fragte, ob er mich in die Stadt fahren könne, sagte er „Ja“. Auf dem Weg über die schneeweiße Fahrbahn, unterhielten wir uns über Musik und Ole, der Jura studierte, meinte zigmal, was der Feuerwehrmann für ein Wichser sei und dass er den ganzen Verein verklagen werde. Ich sagte nichts dazu, dachte nur „scheiß Juraschnösel“ und bat ihn, mich an Alex’ Bar abzusetzen.

Als ich Ole unserem Ziel entgegenlotste war das Blaulicht schon von weitem zu sehen und die Sirenen schrillten lauter, je näher wir der Bar kamen. Ich drückte mein Gesicht gegen die Scheibe und sah, wie sich drei gewaltige Rauchsäule wie Finger in den Nachthimmel bohrten. „Scheiße, ich glaub die ganze Stadt brennt“, sagte Ole mit dümmlich-überraschter Stimme. Als wir in die Straße bogen schwelte uns dicker brauner Rauch entgegen und dutzende Einsatzfahrzeuge blockierten den Weg. Alles war in grelles Blau getaucht und der Krach der Sirenen schwoll zu einer ohrenbetäubend schiefen Wagnersinfonie an. Ich sprang aus dem BMW und überhörte Ole, der mir noch irgendwas zurief. Als ich durch die Reihen der kreuz und quer geparkten Fahrzeuge stolperte, stellten sich meine Nackenhaare von der Hitze auf. Die Luft schien zu wabern, glühende Asche regnete auf mich nieder und ich konnte riechen, wie meine Haare versengten. Vor mir schlugen die Flammen aus der Bar, aus den Fenstern quollen dicke Rauchschwaden wie die Wellen einer Brandung.

„Alex“, dachte ich.

- 4. KAPITEL: Staub zu Staub -

Es begann zu hämmern in meinem Kopf als ich die Kneipe sah, die nichts mehr war als ein stinkender Haufen Trümmer, aus dem Kordit- und Gasschwaden waberten. Ich hatte das Gefühl, dass ich literweißen salzigen Schweiß trank, als ich sie sah. Zwei schmale Bündel, gespenstisch bestrahlt vom zuckenden Blaulicht der Einsatzwagen. Ich weiß nicht mehr warum, aber ich hielt sie in einem Anfall tiefer Verwunderung zuerst für Schlafsäcke und Bilder von Sommer und Camping blitzten kurz in meinem Hirn. Doch es waren keine Schlafsäcke und ich wusste, dass ich nicht anders konnte. Ich musste es wissen. Hastig blickte ich mich um und öffnete langsam das linke der beiden Filzbündel.

Das war also mein erster Toter. Und was für einer! Verdammte Scheiße, Jesus Christus, so hatte ich mir das ganz und gar nicht vorgestellt. Ich blickte auf ein Skelett, das scheinbar mit flüssigem Wachs überzogen war, ohne Haare, ohne Augen, mit aufgerollten Fingernägeln. Steif sah sie aus, die Arme seltsam abgespreizt, alles verdreht und vermischt, gegrilltes Fleisch. Es war nicht Alex. Nein, fuck nein, es konnte nicht Alex sein. Die Person, die sich vor meinen Füßen krümmte und noch dampfte war Brillenträger gewesen. Der Rahmen der Sehhilfe hatte offenbar aus Kunststoff bestanden, der in der Hitze mit dem Gesicht des Opfers verschmolzen war und wirkte wie ein groteskes abstraktes Kunstwerk. Entsetzt, angewidert, überflutet von Adrenalin, warf ich die Decke zurück auf den Leichnam.

Das zweite Bündel war kleiner und flacher als das erste und ich spürte wie alles in mir aufschrie, meine Finger sich verkrampften, mein Magen in die Beine rutschte. Als ich die Decke sanft anhob und das blaue Licht langsam in die Dunkelheit kroch war der Körper darunter übersäht von großen Blasen voller dicker Flüssigkeit und Tränen schossen mir in die Augen. Ich kniete nieder und spürte, wie alle Kraft aus meinem Körper wich. Ich konnte nicht anders, als ihren Namen zu flüstern. „Alex“. „Alex“. „Verdammte Scheiße, Alex“. Wie lange ich dort kniete, weiß ich nicht mehr. Irgendwann waren da Stimmen, weit entfernt, Schritte kamen näher und eine Hand packte mich an der Schulter. Die Stimme war laut und warm. „Was machen Sie da?“ Mein Körper zuckte, wie in Trance fuhr ich herum und sah in sanfte Züge, sah in tiefblaue Augen. Es ist nur ein Traum. Jetzt wache ich auf, Alex. Ich wache auf in deinen blauen Augen. Die Hand griff fester zu und erst jetzt erkannte ich die Uniform. Ich riss mich los und rannte.

- 5. KAPITEL: Blut -

Die Straße hinab war Licht hinter allen Fenstern und meine Augen schwammen in Tränen und brennendem Schweiß. Alex war tot. Verbrannt, erstickt, ermordet. Ich wusste nicht, warum, aber ich wusste es. Mord. Meine Schuhe klebten im matschigen Schnee als ich durch das Kneipenviertel taumelte, benommen von der Hitze und dem Rauch, diffuses Licht von Neon auf dem schwimmenden Asphalt. Säufer und Nutten, die die Sirenen aus ihren Löchern getrieben hatten, starrten nach oben, in den hellen Feuerschein. „Was hatte den Brand verursacht und warum hatte sich Vlad nicht sehen lassen?“ Diese und andere Gedanken durchzuckten mich immer wieder, als ich mich durch die Menge der Schaulustigen drängte, die nach allen Seiten wogte, wie ein riesiger Organismus mit offenem Mund und dümmlichen Augen. Der Weg war weit und es fing an in der Seite zu stechen, mit jedem Atemzug zog brennende Luft durch meine Lungen. Zu Hause würde ich das alles unter der heißen Dusche verarbeiten, durchdenken, nach einer Lösung und Vlad suchen.

Es war kurz vor 2 Uhr und als ich meine Schlüssel nicht finden konnte, wurde mir klar, dass sie noch im Wrack meines Auto steckten, das im Nirgendwo zerbeult in einem Straßengraben lag. Ich hatte einen Ersatzschlüssel bei der Familie deponiert, die über mir wohnte. Es waren die Maurers, kein allzu interessanter Name. Ich rang mich also dazu durch, sie aus dem Bett zu klingeln, denn die Nacht in der Kälte hätte ich mit meinen nassen Klamotten nicht unversehrt überstanden. Als ich an die Tür trat, sah ich einen schmalen Spalt. Sie war offen. „Seltsam, die geht doch immer von alleine zu.“ Egal, den Wohnungsschlüssel musste ich trotzdem bei den Maurers holen. Gerade als ich den ersten Schritt durch die offene Tür machen wollte, sah ich es aufblitzen im äußersten Augenwinkel. Ein Schatten, ein schwacher Schein. Verflucht, das war doch hinter meinen Fenstern! Die Bullen? Nein, die würden nicht heimlich durch die Wohnung schleichen! Alles in mir zog sich zusammen: „Vlad!“

Ganz vorsichtig schloss ich die Haustüre hinter mir und tastete mich im Dunkeln gebückt durch’s Treppenhaus. „Jetzt bloß nicht stolpern!“, flüsterte ich mir in Gedanken zu. Im dritten Stock waren Schritte zu hören. Nicht gedämpft und vorsichtig. Nein, harte, wütende Schritte. Es gab dumpfe Schläge von Schubladen, die ausgerissen wurden und Gegenständen, die zu Boden fielen. Hatte ich erwähnt, dass sich meine Wohnung im dritten Stock befand? „Vlad, du dreckiger Russe, was zur Hölle machst du da?!?“ Den Rücken an die Wand gepresst, schlich ich die letzten Stufen bis zur Tür. Sie war angelehnt. Der Schein einer Taschenlampe zuckte wild umher. Es war nur eine Person. Was suchte er bei mir? Mein Herz schlug im Hals und das Blut rauschte so laut in meinen Ohren, dass ich meinte, es müsste deutlich im ganzen Haus zu hören sein. Was sollte ich tun, ich hatte keinen Plan und mir wurde schlagartig klar, dass die Person in meiner Wohnung bewaffnet sein könnte. Ich versuchte krampfhaft alle möglichen Alternativen zu bedenken, doch alles was mir einfiel waren sämtliche Varianten des Satzes „Scheiße, jetzt bin ich fällig!“. Als der dumpfe Lärm verstummte, war ich sicher, dass er mich gehört hatte. „Der Feuerlöscher!“ Ein Stockwerk höher hing ein beschissener Feuerlöscher. Meine einzige Möglichkeit. Ohne auf meine Schritte zu achten stürmte ich die Stufen hinauf. Da hing er, rot und verdammt schwer. Als ich die Treppen mit dem Gerät unterm Arm wieder herunterhechtete öffnete sich die Tür. „Du dreckige Russensau!“ hörte ich mich schreien und schleuderte meine Waffe auf die Gestalt, die mich mit dummen, ungläubigen Augen anstarrte. Es funktionierte nicht. Das Teil war einfach viel zu schwer, um es mit Schwung zu werfen. Die Gestalt riss die Arme im Reflex hoch und versuchte das Wurfgeschoss zu fangen. Dabei verlor er das Gleichgewicht, schwankte und kippte nach hinten weg. Ich stürzte mich auf ihn und legte die Hände um seinen Hals. Ich sah nur seine Augen, die in Todesangst aus ihren Höhlen quollen. Dann fing er an, mir in den Magen und die Nieren zu schlagen, doch aus seiner Lage waren die Schläge zu schwach und schmerzten kaum. Nur kurz dachte ich daran, ihm den Inhalt des Feuerlöschers in’s Gesicht zu sprühen. Stattdessen griff ich ihn und ließ in auf das entsetzte Gesicht des Unbekannten niederfahren. Er sabberte und seine Augen zwinkerten Stakkato. Die Nase war ganz eingedrückt, was ihn wie einen Neandertaler aussehen ließ. Blut sammelte sich an einer Stelle unter seiner Kopfhaut und ich wusste, dass ich ihn umgebracht hatte. Adrenalin pumpte wie wild in meinen Armen. Es war Vlads kleiner Bruder, Serge. Als ich ihn in die Badewanne wuchtete, spürte ich eine Ausbeulung in seiner Jacke. Tastend öffnete ich die Innentasche und zog einen metallischen Gegenstand hervor. Die Pistole war schwarz und unerwartet schwer.
Ich steckte sie ein.

- 6. KAPITEL: Home Sweet Home -

Das Ausruhen auf dem alten Sofa tat gut. Im Fernsehen lief eine alte Wiederholung von Knight Rider und ich musste schmunzeln während ich mich fragte, was einen damals als Kind dermaßen für diese eigentlich völlig absurden Episoden begeistert hat. Ich kam schnell zu dem Schluss, dass es das sprechende Auto gewesen sein musste.
Im Kühlschrank war kaltes Bier gewesen. Dazu gab es Pizza, Thunfisch darauf – Home Sweet Home.

Als das Hungergefühl langsam verschwand und der Alkohol zu wirken begann, breiteten sich sanfte, warme Wellen in meinem Körper aus. Ich war kurz davor, vor der Glotze einzuschlafen. Als es mir dann wieder einfiel, war es, als hätte mich ein Vorschlaghammer in den Magen getroffen. Ein heftiger, heißer Fieberschub. Es war, als wachte man auf und war sich ganz sicher, gerade den wichtigsten Termin des Lebens verschlafen zu haben. Einfach verpennt, Wecker nicht gestellt. Alles vorbei, das Zittern und die Angst sind hier. Deine Haut wird bleich und aus jeder Pore rinnt eiskalter Schweiß. Der Körper gibt alles, alle Hormone, alle Substanzen, die du nur in kleinster Dosierung kanntest, strömen auf dich ein und alle Nervenenden brennen wie winzige, glühende Sonnen in meinem Kopf.
„Du hast einen Menschen umgebracht“ schallte es und ich spürte einen Klos im Hals. Groß wie eine fette Kartoffel. Das musste mein Gewissen sein. Das Über-Ich, das langsam aber sicher auf meinen Verstand zugekrochen kam, um mich zu lähmen. Mich zu zwingen, einen Arzt zu holen, die Polizei zu informieren, mich zu stellen, alles zuzugeben und für den Rest meines Lebens Sonntags in die Kirche zu gehen. Freud hatte völlig Recht, verdammte Scheiße. Ich musste die Kartoffel schlucken, sonst würde sie aufsteigen in mein Hirn und dort weiter anwachsen, Triebe schlagen und alles logische Denken einfach ersticken. Ich würde es schaffen und als es getan war, brannte mir ätzende, heiße Magensäure im Hals. Es war Serge gewesen, der in meiner Wohnung eingedrungen war. Serge ist – war – Vlads Bruder. Jetzt lag er in meiner Badewanne, mit blutunterlaufen Augen und einer Delle im Schädel, die von einem Feuerlöscher stammte. Seine Waffe lag neben mir auf dem Sofa. Ich nahm sie in die Hand, schwarz, kalt und todbringend. Aber ich war nicht tot, ich hatte gekämpft, das Unausweichliche noch einmal abgewehrt, noch einmal hinausgeschoben.
Es war eine Heckler & Koch P8, Kaliber 9mm mit vollem Magazin. Es war die Standard-Pistole der Bundeswehr, das wusste ich noch aus meiner Dienstzeit. Die schien mir auf einmal Jahrzehnte entfernt, als ich mich an die korrekte Bedienung zu erinnern versuchte. Da war der kleine Hebel und daneben von oben nach unten die Buchstaben „F“, „S“ und „E“:

„Feuer“
„Sichern“
„Entspannen“

Ob Serge jemand vermissen würde? „Sicher, du Idiot, Vlad wird ihn sicher vermissen!“ schrie mich eine innere Stimme an und ich wusste, dass ich nicht hier bleiben konnte. Es war schon mehr als dumm gewesen, sich vor den Fernseher zu setzten beinahe einzuschlafen. Vielleicht war ein Nachbar noch wach und hatte etwas von dem Kampf mitbekommen, vielleicht ein anderer davon wach geworden. Ich musste hier weg, bevor es zu spät war. Aber das war nicht die Frage. Die Frage lautete: „Wohin?“

Bevor ich die Wohnung verließ, wusste ich, dass mir die Antwort auf diese Frage auf dem Weg dorthin einfallen würde. Doch bevor es so weit war, wollte ich mich noch umziehen. Von den schicken Klamotten, die ich während des Seminars getragen hatte und die mehr oder weniger verdreckt waren, behielt ich nur den schwarzen Mantel an, den Rest tauschte ich gegen eine dunkelblaue Jeans, dicken Pullover und meine bequemen Turnschuhe. Als ich vor der Tür stand, fühlte ich mich wie ausgekotzt. Und genau das wollte ich am liebsten tun: Kotzen. „Unterwegs …“ flüsterte die Stimme und bevor ich mich zum Gehen umdrehte ließ ich die P8 in die tiefe Innentasche des Mantels gleiten.

Der kleine Hebel stand auf „F“.

- 7. KAPITEL: Unter Strom -

Serge war tot. Am fernen Horizont zeigten sich die ersten grellen Farben des neuen Tages, lila und dunkelblau. Die Luft war eisig und ein scharfer Wind heulte durch die betonierten Schluchten der Stadt. Sie war noch nicht erwacht. „Frische“ dachte ich. „Frische“ und dass ich ein Mörder war. Oder ein Totschläger. Es war Notwehr gewesen, verdammte Scheiße! „Aber wer wird dir das glauben, wenn du vor Gericht stehst?“ flüsterte eine kalte Stimme, die aus einer Tiefe in meinem Kopf zu kommen schien, der ich mir bis dahin nicht bewusst gewesen war. Von dort, wo die niedersten Instinkte hausen. Hinter der glänzenden, sauberen Fassade der Vernunft kam etwas hervor. Mein ganz persönliches schmutziges Es.
Ein zittriger Schauer lief mir durch den ganzen Körper, als ich nur „Notwehr“ denken konnte. Mit Beinen aus Gummi stand ich an der Straße, an diesem eisigen Wintermorgen, fest entschlossen, Licht in’s Dunkel dieser völlig kranken Geschichte zu bringen.

Aber ich konnte mich einfach nicht konzentrieren, die Pistole drückte schmerzhaft in meine Rippen. Alex war tot, verbrannt. Ich hatte ihre entstellte Leiche gesehen. Serge hatte mir in meiner eigenen Wohnung aufgelauert. Ich hatte ihn mit einem knallroten Feuerlöscher erschlagen, in Panik. „In Notwehr. Du hattest keine Wahl. Sonst hätte er dich umgebracht.“ meldete sich mein Gewissen wieder zu Wort.

Gebetsmühlenartig: „In Notwehr. Er oder du. Keine Wahl.“

Aber stimmte das? War Serge wirklich gekommen, um mich zu töten? Er hatte etwas in meiner Wohnung gesucht. Er war bewaffnet gewesen. Aber vielleicht war er das immer…

„Wer wird dir glauben?“

Sie werden mir glauben! Sie müssen mir glauben!

„Du wirst einfahren, soviel ist sicher! Knast! Gangs! Drogen! Vergewaltigung! Arschfick unter der Dusche!“

Ich beschloss, die kalte Stimme zu ignorieren. Es war egal. Wahrscheinlich würde ich nicht lange genug leben, um verurteilt zu werden. Wahrscheinlich war schon jemand unterwegs zu meiner Wohnung, weil Serge sich nicht mehr meldete. Wahrscheinlich waren alle Russen der Stadt auf der Suche nach mir. Um Rache zu nehmen. Um Vlads Bruder zu rächen. Vielleicht würden sie mich foltern. Mir die Fingernägel mit einer Beißzange rausziehen. Einen nach dem anderen. Kleine Dioden an meinen Eiern anbringen und mich mit Stromstößen zu Tode quälen. Mich lebendig im Hafenbecken versenken – eisiges Wasser, das meine Lungen füllt.

Ich musste die Initiative ergreifen – ihnen zuvorkommen! „Kopfsache“ sagte die kalte Stimme und sie hatte völlig recht, verdammt noch mal! Ich musste überlegen, nachdenken. Die ganze Sache war zu komplex, zu wirr, um überhastete Entscheidungen zu treffen.

Ich bog um einige Ecken und verkroch mich in einem McDonalds – den einzigen Laden, der um diese Zeit schon – oder noch – geöffnet hatte. Ich bestellte schwarzen Kaffee und setzte mich in eine Ecke, die von der Straße aus nicht einzusehen war.
Es war ein schlechtes Versteck, aber es gab nun mal nichts besseres. Als mir der schwarze Saft heiß und belebend durch die Kehle floss, sah ich drei Möglichkeiten, weiterzumachen. Und am Leben zu bleiben.

Variante 1: Die Bullen – zum nächsten Polizeirevier laufen und denen alles erzählen.
Vermutliches Resultat: Verhaftung, da die Strafverfolgungsbehörden sehr wahrscheinlich wenig Verständnis für eine blutüberströmte Leiche in meiner Badewanne aufbringen würden.

Variante 2: Weglaufen – die Stadt verlassen.
Vermutliches Resultat: Sowohl Polizei als auch Vlads Gang würden mich suchen – und jagen. Außerdem würde ich nicht weit kommen – mein Auto lag zerstört in einem Straßengraben irgendwo in der Pampa. Vielleicht war es auch schon weggeräumt worden. Die Bullen wussten damit, dass ich auf öffentliche Verkehrmittel angewiesen war oder zu Trampen versuchen musste. Alles in allem also keine besonders attraktive Variante.

Variante 3: Die Sache zu Ende bringen.
Vermutliches Resultat: Unbekannt.

Drei Varianten also. Und keine davon reizte mich sonderlich. Aber so war nun mal die Situation und man musste schließlich nehmen, was man bekam.
Ich spülte den restlichen Kaffee runter und musste plötzlich lachen. Es fuhr so schnell in mir auf, dass ich es nicht mehr unterdrücken konnte. Ein lautes, heißeres, schrilles, verrücktes Lachen, das in Husten überging, als ich versuchte, die Brühe in meinem Mund zu schlucken und sie mir im Hals stecken blieb.

Es war die Stimme gewesen, die mich zum Lachen gebracht hatte. Sie hatte wieder geflüstert, leise zwar – doch klar und deutlich wahrnehmbar:

„Du wirst die Sache zu Ende bringen. Du bist der Retter, du bist der Krieger, du bist der Rächer in deinem eigenen Film. Du bist Mad Max, du bist Bruce Willis, du bist Max Payne!“ Und es stimmte. Nicht dass ich mich als Filmheld fühlte, der sich auf einem Rachefeldzug für irgendein hehres und gutes Ziel befand. Nein! Ich fühlte mich eher wie ein trauriges Stück Scheiße, das sich in der hintersten Ecke eines Schnellrestaurants vor einer Entscheidung drückt. Aber die Stimme hatte mir mit einem Mal klar gemacht, dass ich vermutlich wie eine schlechte Karikatur eines Filmhelden aussah. Einsamer Kämpfer, schwarzer Ledermantel, Pistole darin. Ich war der Lone Ranger und das einzige was mir noch fehlte, war ein sprechendes Auto. Ein schwarzer Pontiac Firebird – Super Pursuit Mode aktiviert! Ein Mann und sein Auto kämpfen gegen das Unrecht!
Als ich mich mit tränenden Augen von dem Anfall erholt hatte, schmerzten meine Lungenflügel. Das alles war alles andere als komisch, aber wenigstens wusste ich jetzt, wie die Geschichte weitergehen musste.

Leise, wie in Trance, sprach ich die Worte:

„Variante Nummer drei: Ich komme!“

Mein Name ist L. Die Geschichte die ich erzählen möchte ist der Grund dafür, dass aus mir das geworden ist, was ich jetzt bin. Ein Gefangener, ein Verdammter. Damit ihr meine Geschichte versteht, müsst ihr wissen, was zuvor geschah:

Wie gesagt, mein Name ist L. Ich bin wohl das, was man einen Überlebenskünstler nennt, was sich spannender anhört als es ist. Im Grunde genommen blieb mir nichts anderes übrig. Nachdem ich die Schule geschmissen hatte, fing ich an, mich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten. Rasen mähen, Flugzettel verteilen, als Kaktus verkleidet in einer Tequila-Kneipe bedienen, solche Sache eben. Meine Flamme ist Alex, sie arbeitet als Bedienung in eben dieser Kneipe. Oder besser: Arbeitete. Jetzt ist Alex tot. Ich fand ihre verbrannte Leiche in den Überresten des Gebäudes. Ihr Freund heißt Vlad, trägt eine hässliche Narbe im Gesicht und ist seit dem nicht aufgetaucht. Als ich nach Hause kam, sah ich Licht in meiner Wohnung brennen. Ich hatte Besuch – es war Vlads Kumpel Serge. Ich zertrümmerte sein Gesicht mit einem Feuerlöscher. Es war Notwehr, er war bewaffnet. Mir blieb keine andere Wahl. Jetzt liegt seine Leiche in meiner Badewanne und ich bin auf der Flucht. Vor was? Ich weiß es nicht. Vlad. Den Bullen. Vor meinen eigenen Dämonen.

- 8. KAPITEL: I Kill For You. –

Variante Nummer 3 also. Die Sache zu Ende bringen. Leicht gesagt, verdammte Scheiße. Wo war jetzt der Held in mir? Jetzt wo meine Hände zitterten. Wenigstens hatte der Kaffee seine Wirkung getan und die Müdigkeit aus meinen Gliedern vertrieben. Der letzte Schluck des bitteren Safts – und keine geheime Botschaft im Boden des Bechers. Keine himmlische Fügung. Kein Kaffeesatz zum Lesen. Aber wer glaubt schon an diesen Bullshit. Ich war allein. Ich kämpfte allein. Und ich würde alleine sterben. So oder so.

Die Pistole drückte hart in meine Seite, als ich aufstand. Die Uhr an der Wand zeigte kurz vor 6, als ich auf die leeren Straßen trat. Die Stadt schlief noch ihren unruhigen Schlaf, träumte von hartem Asphalt und grellem Neonlicht. Ich träumte von Rache und dachte an Vlad. Scarface! Alle Möglichkeiten deuteten auf den Russen. Oder Kasachen, oder Usbeken. Was auch immer, ich musste mit ihm reden. Keine Ahnung wo er wohnte. Nur seinen Laden kannte ich. Von außen. Lagerhaus, unten am Hafen. „Vladimir P. Andrejew / Im- und Export“, kyrillische Lettern darunter. Krumme Geschäfte, todsicher. Wer wusste schon, was da lief. Vlad danach zu fragen, erschien mir jedenfalls nie eine besonders kluge Idee zu sein. Ich ging um zwei Ecken und hielt nach kurzem Zögern ein Taxi an. Der Fahrer, ein dicker Türke mit müden Augen, sagte während der Fahrt kein einziges Wort, was mir ganz recht war. Ich musste denken, mich zusammenreißen. Nur keine dummen Fehler machen jetzt. Ich vermied es, den Fahrer direkt anzusehen. Vielleicht lief die Fahndung schon. Vielleicht hatten die Nachbarn den Lärm aus meiner Wohnung bemerkt. Vielleicht suchten die Bullen schon nach mir. Vielleicht war ich schon paranoid geworden. Ich ließ den Fahrer ein gutes Stück vom Hafen entfernt anhalten und lief den Rest zu Fuß. Die kühle Morgenluft füllte meine Lungen und mir wurde klar, dass ich keinen Plan hatte.

Was war, wenn Vlad tatsächlich dort war? Was war, wenn er nicht alleine war? Mich ein Haufen knochenbrechender usbekischer Kleiderschränke empfangen würde. Was würde ich dann tun? Die Bullen rufen? Ich hatte nicht mal mein Handy dabei. Verdammt. Jedem Einzelnen eine Kugel in den Kopf jagen? Ich dachte kurz an den Tod und Gott und beschloss dann, drauf zu scheißen.

Ich stieg die Treppen zum Kai hinunter, drückte mich an rostige Container, die wie gigantische Bausteine in den grauen Himmel ragten. Auf den vertäuten Booten hockten ein paar verschlafene Möwen. Sonst war kein Leben am Wasser. Die Lagenhalle kam in Sichtweite. Flach duckte sie sich zwischen bunten Containern vor einem Steg, an dem einige kleine Motorboote festgemacht hatten. Neben der Halle parkte ein schwarzer Wagen, Marke Mercedes. Zuhälterkarre. In der Innentasche meines Mantels fühlte ich die P8. Ein Gedanke, groß und dunkel, breitete sich in heißen Wellen in mir aus. Das hier war kein Traum. Als ich die Waffe zog, sprach ich die Worte, klar und tief: „Das hier ist für dich, Alex.“

Fortsetzung folgt …