Senegal 2007

Tag 1 – 21. Juli 2007
Ankunft – Dakar Yof

Leise Musik beginnt zu spielen und die Kabinenbeleuchtung wird gedämpft, als wir nach viereinhalbstündigem Flug aus Madrid kommend in ein Lichtermeer tauchen: Dakar schwelt unter uns in neblig-orangen Farben. Wir landen am westlichsten Punkt Afrikas – 2,5 Millionen Einwohner, durchschnittlich 510 $ BIP. Gelegen im Senegal – 10 Millionen Einwohner, 95 % Muslime. 4.500 Kilometer von Deutschland entfernt.

Die Ankunftshalle des Flughafens Dakar Yof ist klein und schäbig: Schwülheiß und unklimatisiert, das Mobiliar aus den 60er Jahren schief und krumm, abgewetzt, zerfressen von Legionen von Holzwürmern. Naive, farbenfrohe Malereien an den vergilbten Wänden: Palmen, unbekannte schwarze Gesichter, darunter stolz die Flagge – grün, gelb und rot. Männer in schmutzig-grauen Overalls bugsieren das Reisegepäck mit roher Gewalt auf ein zerfleddertes Fließband. Als die Taschen und Koffer auf das Band knallen, scheppert es jedes Mal markerschütternd und blankes Entsetzen steht in den Gesichtern. Zumindest der mitreißenden Europäer, die um ihre Habseligkeiten und teueren Fotoapparate bangen. Kurz darauf fällt das Fließband aus und die Meute stürmt zielsicher zum nächsten, auf das die Koffer nun vom Bodenpersonal verachtungsvoll und mit Schwung geschmissen werden. Wir finden unser Gepäck, das einige neue Beulen aufweist und passieren, einen verbogenen Kofferwagen vor uns herschiebend, Passkontrolle und Sicherheitscheck, die völlig chaotisch in wildem Gedränge und ohne erkennbares System ablaufen.

Als sich die Außentüren des Flughafens öffnen, bricht die Hölle um uns los: Hinter einer flachen Absperrung umringt uns eine pulsierende, drängende, gestikulierende und schreiende Menge schwarzer Gesichter: Taxifahrer, Schlepper, bettelnde Frauen und Kinder, verkrüppelte Menschen zu allen Seiten der schmalen Gassen, die uns ihre hohlen Hände entgegenstrecken. Flankiert von Soldaten in olivgrünen Uniformen, die Gewehre im Anschlag, schieben wir uns schwitzend durch das Gewirr von Händen und Stimmen, die auf französisch auf uns einreden, Essen, Trinken, Taxis oder Unterkünfte anbieten. Der Fahrer, der uns hier erwarten sollte, ist nicht da – jedenfalls ist das Schild mit unseren Namen darauf in dem Chaos nirgendwo zu sehen. Umringt von Gestalten, die uns die Koffer aus der Hand reißen wollen, um uns in ihr Taxi zu nötigen, wird die Situation langsam brenzlig. Wir müssen hier weg!!! Man hatte uns zwar eindringlich davor gewarnt, am Flughafen in irgendein Taxi zu steigen, vor allem mit den Koffern und unserem gesamten Bargeld – immerhin mehrer hundert Euro und knapp 200.000 FCFA (1 Euro = ca. 650 FCFA).
Aber so bleibt uns keine Wahl und ich schaue mir die Taxis und Fahrer einmal genauer an. Mein Eindruck ist: Katastrophal. Keines dieser verbeulten und abenteuerlich zusammengeflickten Autos würde einer TÜV-Prüfung auch nur annähernd standhalten – selbst wenn der Prüfer blind und taub wäre. Die Wahl fällt schließlich auf einen älteren Fahrer mit kurzen grauen Haaren, der völlig entspannt dasitzt und uns nicht aufdringlich anspricht. Als ich ihn in gebrochenem Französisch anspreche, tauchen sofort zwei jüngere Afrikaner auf, die sich unsere Koffer schnappen und in einen schmutzig-silbernen Renault verladen. Entsetzt stelle ich fest, dass es sich dabei nicht einmal um ein „offizielles“ schwarz-gelbes Taxi handelt. Zu spät! Wir steigen ein und zahlen den Kofferträgern zwei Euro, weil wir sonst nicht losfahren können.

„Rue Kléber.“ – „Qui, pas problem!“
Die Fahrt geht durchs nächtliche Dakar. Die feuchte Hitze lässt Hemd und Hose sofort am Körper kleben, obwohl alle Fenster des Wagens geöffnet sind. Der Verkehr ist trotz der späten Stunde unglaublich dicht, so dass wir im Schneckentempo über die mit Schlaglöchern übersäte Piste kriechen. Verkehrsschilder oder Ampeln sind nicht zu sehen – unter ständigem Hupen drängen alle Fahrzeuge – einige davon museumsreif – wild durcheinander. Am Rand der Straßen stehen Verkäufer und Händler, die ihre Waren – kalte Getränke, Sonnenbrillen, Schuhe oder Telefonkarten – durch die offenen Autofenster anbieten. Stände mit Gemüse und Früchten, bunten Tüchern und hohe Berge von Turnschuhen schälen sich aus dem diffusen orangen Licht. Winzige Garküchen qualmen an jeder Ecke und verbreiten unbekannte, exotische Gerüche. Nach etwa einstündiger Fahrt zahlen wir dem Grauhaarigen 4000 CFA und stehen vor der Wohnung, die für die nächsten vier Wochen unser zu Hause sein wird.

Rue Kléber Nr. 69 ist ein unscheinbarer fünfstöckiger Bau, die Fassade sandsteinfarben getüncht und für afrikanische Verhältnisse komfortabel. Schweißgebadet und hundemüde kriechen wir unter unser Mosquitonetz.

Senegal 2007

Tag 2 – 22. Juli 2007
PLACE DE L’INDEPENDANCE – PORT – GARE

Aufgewacht vom Straßenlärm unter uns. Afrika!
Wir haben es tatsächlich noch geschafft gestern Abend und nach einigen Schwierigkeiten auch das Wasser zum Laufen gekriegt. Frisch geduscht sitzen wir beim Frühstück, als es an der Tür klingelt. Draußen steht ein junger Mann, dem einige Zähne fehlen. In den Händen hält er ein Pappschild, auf dem unsere Namen stehen. Es ist Bayé, unser Taxifahrer. Irgendwie müssen wir uns verpasst haben, am Flughafen gestern Abend. Er hat deswegen ein schlechtes Gewissen und will uns mit dem Pappschild beweisen, dass er tatsächlich dort war, um uns abzuholen. Nach einem kurzen Gespräch fährt er uns um ein paar Ecken in die Rue Jules Ferry zum Geldwechseln und will dafür nichts haben. In der Wechselstube, die gleichzeitig Internetcafé und Telefonzelle ist, haben sie heute kein Bargeld zum Wechseln. Auf dem Weg zum Place de l’Independance, das geographische und ökonomische Zentrum der Dakarer Innenstadt, sehe ich das Leben hier zum ersten Mal bei Tageslicht und es trifft mich wie ein Blitz. Oder eher wie ein Faustschlag in den Magen. Dies zu beschreiben ist kaum möglich, daher nur soviel: Das hier ist keine fremde Stadt und auch kein fremdes Land. Das hier ist kein anderer Kontinent, sondern ein anderer Planet! Ein anderer Planet in einem weit entfernten Sonnensystem, mit roter Erde, erhitzt nicht von einer, sondern von vielen Sonnen, die die Luft kochen wie heißen Brei. Ein schwarzer Planet, ein lauter Planet, umkreist von Tonnen von Müll. Die ganze Stadt scheint hier auf den Straßen zu sein. Überall stehen, sitzen und liegen Menschen, blockieren und verstopfen die Wege, die ein Meer aus Steinen, staubigen Trümmern und aufgerissenem Asphalt sind. Dazwischen Myriaden Dinge, scheinbar wahllos zu Bergen aufgetürmt oder in windschiefen Bretterbuden gestapelt: Früchte, Gemüse, duftendes Fleisch, Schmuck, Schuhe, Kleider, gefärbte Kleider. Enge Gassen voller winziger Läden, starrend vor Staub und Dreck, mit einem undefinierbaren Angebot von Waren aller Art.
Abgesehen von einigen Markfrauen, die Kokosnüsse, Bananen oder Mangos auf hölzernen Wagen anbieten, sind kaum Frauen auf den Straßen zu sehen. So beginnt der Hindernislauf durch dieses Gewimmel und trotz unserer leichten Leinenbekleidung baden wir schon bald wieder in unserem eigenen Schweiß. Nach einem starken Café au Lait, den der Verkäufer kunstvoll mit schnellen Handbewegungen von einem schmutzigen Becher in den anderen schwenkt, teilen wir uns in einem klimatisierten Restaurant eine Pizza mit Käse. Die Eiswürfel im Glas für die Cola rühren wir nicht an.
Als wir ins Freie treten und mich die dicke Luft mit dem Gefühl, gekocht zu werden umgibt, hat sich etwas verändert auf dem Planeten Dakar. Die Sonnen brennen weiterhin, der Müll umkreist uns in allen Farben und Formen in Papier, Plastik, Glas und Blech … Doch waren wir vorhin noch relativ unbehelligt geblieben von den zahllosen Verkäufern und Bettlern, prasselt es nun mit „Mon Ami …“, „My Friend …“, Schuhen, Armbändern und Millionen von Telefonkarten auf uns ein. Im Senegal gibt es laut Reiseführer – und die Realität bestätigt das – außer einigen wenigen französischen Touristen und Entwicklungshelfern so gut wie keine Weißen.

In die, die es gibt – in diesem Fall uns – setzen die einheimischen Händler (also praktisch die gesamte Bevölkerung, denn jeder scheint hier irgendeine Art von Gewerbe zu betreiben) all ihre Hoffnung. So werden wir von allen Seiten bedrängt und müssen manchmal die Straßenseite wechseln.
Am Place de l’Independance, einer großen, von Regierungsgebäuden und der architektonisch anspruchsvollen Chambre de Commerce umstandenen Grünfläche, machen wir Rast auf einer Parkbank. Auch hier sind wir: Zwei weiße Kleckse in einem tiefschwarzen Meer. Es vergehen keine 20 Sekunden, bis ein muskulöser Senegalese neben uns sitzt und uns seine Geschichte erzählt. Jeder hat hier eine Geschichte zu erzählen. Freundlich und nett, fast kumpelhaft vorgetragen. Manche glaubwürdig, manche nicht. Aber alle sehr kreativ, auch wenn es am Ende immer auf ein „Cadeau“, also Geld hinausläuft. Unser muskulöser neuer Freund heißt Ali und erzählt seine Geschichte: Er habe 6 Jahre lang in Köln-Mettmann in einer Eisfabrik gearbeitet. Es ist eine glaubwürdige Geschichte, denn er spricht fast fließend deutsch. Von den drei, die uns davor ansprachen, behaupteten alle, nachdem wir uns als Deutsche zu erkennen gegeben hatten, sie hätten drei Jahre lang in „Frankfort“ gelebt, oder einen Onkel dort. Zufall? Wir geben Ali die Hand und kein „Cadeau“ für sein Kind, das vor ein paar Tagen angeblich zur Welt gekommen ist. Wir kaufen auch keinen Armreif von ihm.

In nordöstlicher Richtung trotten wir zum Frachthafen, dem wichtigsten Umschlagplatz für Güter aller Art in Westafrika. Dunkelgraue Wolken ziehen sich am Himmel zusammen. Als wir dort ankommen, ist außer hohen Bergen rostiger Container nichts zu erkennen. Der Hafen selbst ist umgeben von hohen, stacheldrahtbewehrten, Betonmauern. Zu Recht wie sich bald zeigt, denn schon klebt ein „Händler“ an mir, der Unterhemden anbietet und mir dabei penetrant und mit roher Gewalt an den Hosenbeinen zerrt. Auch die Blicke der übrigen Leute sind alles andere als freundlich. Argwohn und Hass kämpfen darin miteinander. Der Bahnhof ist ein schmales, geducktes Gebäude in der Nähe des Hafens, dessen freskenverzierte Front im salzigen Wind abblättert und verblasst. Ein selbsternannter Fremdenführer in einem zerschlissenem Fußballtrikot der jugoslawischen Nationalmannschaft bietet an, uns zum rückwärtig gelegenen Eingang zu begleiten, der offenbar hinter einer staubigen, zugemüllten Gasse liegt. Als wir ablehnen und gehen, ruft er „You are free – this is Afrika!“. „Ohne dich wären wir freier“, denke ich.
Als ich merke, dass meine Sonnenbrille nicht mehr da ist, öffenen sich die Himmelsschleusen und ein Platzregen peitscht in dicken Tropfen auf uns herab.

Abends stehen wir in unserem Viertel, dem Plateau, am „Anse Bernard“. Tief unter uns brandet der Atlantik gegen schroffe, im letzten Tageslicht schwarz-grüne Klippen. Schwalben, Bussarde und große Seeadler kreisen über unseren Köpfen. Das ist Afrika.

Senegal 2007

Tag 3 – 23. Juli 2007
Ngor – Medina

Heute ist Strandtag. Nach einem schnellen Frühstück mit türkischem Kaffee rufen wir Bayé an, der uns nach Ngor bringen soll, einem Streifen Strand am anderen Ende von Dakar. Zwei Minuten später steht er grinsend vor der Tür. Die Fahrt geht entlang der Küstenstraßen gen Norden. Hier reihen sich die Baustellen wie in einer Perlenkette hintereinander auf. Staub liegt in der milchigen Luft. Luxushotels mit Meerblick, gebaut von Saudis für Europäer, entstehen hier, erklärt Bayé. Es riecht nach frischem Teer und überfahrenen Tieren. Hunderte Greifvögel schweben am Himmel, kreisen in ihren Bahnen. Die abgasgeschwängerte Luft ist hier unten kaum zu atmen. Nur widerwillig atme ich den stickigen grauen Dunst ein, der einen klebrigen Schleier auf den Lungen zu bilden scheint. Die „Corniche Ouest“ beschreibt jetzt einen Schlenker nach Osten, weg von der Küste und durch das Quartier Medina. Es ist ein Armenviertel, vor dem uns alle bisher gewarnt haben, einen Fuß hierhin zu setzen. „C’est la bas!“ ruft unser Fahrer und deutet auf eine Reihe grünlich-gelber Bauten ohne Fenster. Er lebt auch hier.

Medina ist nach Dakar ein eigener Planet und von Europa Millionen Lichtjahre entfernt. Hier endet der Asphalt der Straßen in zahllosen engen Gassen, in die die heißen Winde Abfälle pusten. Kahle Häuser, Trümmer, Schmutz, schwarze Menschenmassen, viele in Lumpen. Kranke, traurige Hunde am Straßenrand, halb verhungert. Klapprige, von mageren Eseln und Pferden gezogene Karren holpern durch die Straßen neben uns. Medina sieht aus, als hätte jemand eine Atombombe über einer mittelalterlichen Kleinstadt gezündet. Überall tuckern von oben bis unten bunt bemalte Kleinbusse und Transporter und spucken schwarze Wolken aus. An ihnen hängen die Fahrgäste außen wie Trauben, halten sich lässig mit einer Hand fest und wirken dabei seelenruhig und völlig entspannt. Manche starren uns aggressiv an, angriffslustig beinahe, und schlagen beim Überholen auf das Dach unseres Taxis ein. Diese Gegend sollten wir tatsächlich, bei aller Abenteuerlust, nur im relativ sicheren Taxi durchqueren. Als wir Medina verlassen, passieren wir, zurück auf der Küstenpassage, die beiden stolz aufragenden Türme der Großen Moschee, die nachts effektvoll und weithin sichtbar angestrahlt werden. Daneben liegt weiter nördlich auf einem Hügel der festungsartig angelegte Leuchtturm Dakars. In Ngor erreichen wir die Nordspitze der Stadt. Hier liegt, verborgen hinter einem Labyrinth aus winzigen Garküchen und Grills, auf denen heißes Hammelfleisch und frischer Fisch brutzeln, der Strand.

Wir nehmen uns einen Platz mit Sonnenschirm und bunten Matten und verbringen den Nachmittag mit Lesen und Baden. Es wimmelt hier von Kindern, die ausgelassen im Wasser toben und uns unverhohlen und mit großen Augen anstarren. Uns, die Toubabs, die Bleichgesichter, die Weißnasen. Wesen von einem anderen Stern. Überhäuft mit Luxus und unermesslich reich. Allein unsere Hautfarbe erzeugt hier Neid und schürt Bewunderung, Verachtung und Hass. Ist Zündstoff und Auslöser für Träume, Hoffnungen und Vorurteile. Wir beiden Wesen, Ureingeborene vom Planeten Europa, fern und unerreichbar für die meisten hier. Der größte Teil der so genannten „Boat People“, die die Überfahrt nach Gibraltar oder zum spanischen Festland auf löchrigen, seeuntüchtigen Booten wagen, kommt aus dem Senegal. Hunderte und tausende von ihnen kentern in Seegang und Sturm und werden verschluckt vom tiefen Meer. Fern der Heimat, fern der Ferne, die Hoffnung verhieß. Diese Menschen kämpfen und sterben für das, was uns Europäern schon in die Wiege gelegt wurde. Was wir als unser natürliches, ganz selbstverständliches Recht ansehen: Strom, fließendes Wasser, gesundheitliche Versorgung, Bildung und Arbeit.

Als wir an diesem Abend in einer schmutzigen Garküche über unserem Chawarma sitzen, verstehe ich, warum sie uns so ansehen.

Tag 4 – 24. Juli 2007

You came on your own,
That’s how you leave,
With Hope in your Eyes
And Air to breathe. The Editors, An End Has A Start

Watte im Kopf, zu viel Sonne gestern am Strand. In der milden Abendluft Sonnenuntergang am Meer. Flugzeuge, lautlos am rosa Himmel. Gin-Tonic und süßes Bier. Ein Taxi hält in unserer Nähe. Der Fahrer pinkelt in die Büsche, entrollt dann seinen Teppich und betet gen Mekka. Die Sonne war gestern zu viel für mich, unglaublich intensiv. Selbst im Schatten schwitzt man erbarmungslos. Heute ist ein stiller Tag, gedämpft und langsam kriecht er dahin. Abends Griesbrei mit Mangos und Bananen. Die Sonne brennt in mir: In meinem Kopf, auf meiner Haut, in meinem Herz die stärkste – nur für dich.

Senegal 2007

Tag 5 – 25. Juli 2007
KERMEL-MARKT – MOHAMED – SEPT PLACE – SPERLINGE

Mohamed hat gestern Abend angerufen. Er ist im benachbarten Mali geboren und lebt an der Südspitze der Halbinsel, die Dakar im Atlantik bildet, in Cap Manuel. Wir verabreden die große katholische Kathedrale als Treffpunkt, die von außen in hellem weiß erstrahlt. Vier stilisierte Jesus-Ikonen prangen an dem wuchtigen, modernen Bauwerk. Innen die obligatorischen hölzernen Bankreihen, ein Ventilator für jede halbe Reihe. Die Kirche ist bis auf ein halbes Dutzend Gläubige leer, in der Kuppel ein riesiges Auferstehungsgemälde – Black Jesus.

Draußen treffen wir Mohamed. Er sieht jung aus, Anfang zwanzig vielleicht, und trägt das Trikot von Lukas Podolski. In einem kalt klimatisierten Café trinken wir teure Cola und Mohamed bekommt seine Geschenke: Cds von Elvis, Elton John und Bobby Whinton, die ich ihm in Deutschland gebrannt habe. Fotos, einen Plüschhund und ein Paar Schuhe. Wir unterhalten uns in einer wilden Mischung aus Französisch und Pidgin-English über Dakar und Fußball. Mohamed mag Bayern München und den FC Chelsea. Ballack ist sein Lieblingsspieler. Er selbst spielt in jeder freien Minute am Strand und hofft, dort entdeckt zu werden und über den Fußball nach Europa zu kommen. Aber dafür ist er wohl schon zu alt. Ich frage, ob er Lust hat mit uns durch die Stadt und über den Markt zu gehen. Er hat.

Auf dem Weg kaufe ich eine neue, braun getönte und garantiert gefälschte Ray-Ban Sonnenbrille von der Motorhaube eines Autos. Sie kostet 8.000 FCFA. Weil Mohamed dabei ist, zahle ich 1.500. In den zur Mittagszeit zum Bersten gefüllten Gassen werden wir diesmal kaum behelligt. Wir, die Toubabs mit dem schwarzen Freund. Das eindrucksvoll gemauerte und schmiedeeisern verzierte, von Gustav Eiffel entworfene Eingangstor zum Kermel-Markt ist ein schwarzes Loch mitten in dieser Stadt und enthüllt neue Seiten, Lichter und Schatten des Planeten Dakar: Kühle, dicht gedrängte Tische und Ablage, mannshoch verstopft mit verderblicher Ware, grell beleuchtet von blankem Neon und Glühbirnen. Es riecht stark nach Fisch und süßlichem, leicht verwesten Hammelfleisch. Berge von rohem Tintenfisch, rotem und weißem Fleisch, Rinderhälften und Innereien stapeln sich auf blutigen Tischen, Schwärme von Fliegen darauf. Zuckende Krebsleiber in hohen Haufen, hoffnungslos mit den Scheren ineinander verkeilt. Wir feilschen um ein paar Tomaten, Paprika und Zucchini für ein Ratatouille heute Abend, umgeben von bettelnden Kindern mit großen Augen. Wir erzählen Mohamed, der uns sicher durch das chaotische Straßengewirr führt, von unserem Plan, einen Abstecher in die etwa 260 Kilometer nördlich gelegene Stadt St. Louis zu unternehmen. Er meint, eine Taxifahrt dorthin sei zu teuer und wir schwenken Richtung Busbahnhof, um dort den Preis für eine Fahrt in den nächsten Wochen auszuhandeln. Unterwegs passieren wir den Güterhafen und gelangen über den Place de Casablanca hinter die Fassade des Bahnhofs, wo Händlerinnen aus Mali Nüsse und tonnenweise importierte Mangos feilbieten. Mohamed kauft eine große Tüte rötlicher, weicher Früchte, die an Traubenzucker erinnern und köstlich im Mund zergehen. Wir folgen den Schienen nach Norden und sehen keinen einzigen Zug. Außer einigen Obdachlosen ist hier niemand zu sehen, als uns ein alter Mann entgegenkommt.

Er lächelt uns an – in der Hand hält er einen Bambuskäfig mit kleinen Vögeln, vielleicht Sperlingen, die aufgeregt darin umherflattern und auf den Bambussprossen auf und ab springen. „Do you want to?“, fragt Mohamed. „Qui.“ Der Alte gibt uns zwei der winzigen Tiere, die wir behutsam in Händen halten. Dann lassen wir sie fliegen und geben ihnen ihre Freiheit zurück. „You are free – this is Africa.“

Die Sonne schimmert blass hinter milchigweißen Wolken, als wir in ein weitläufiges Trümmerfeld gelangen. Mittendrin brennt ein Feuer und überzieht die Gegend mit grauem Qualm, der nach Holz riecht. Auf dem Boden sind noch die Umrisse der Fundamente von kleinen Häusern und Hütten zu erkennen. Darin zermalene Steine, Möbelgerippe und Müll. Das hier war eine Wohnsiedlung, ein Slum, illegal gebaut und von Bulldozern zerstört. Die Stadt will das Bahnhofsgelände ausbauen. Unter dem einzigen Baum der hier noch steht, sitzt eine vielköpfige Familie inmitten des Qualms. „You are free – this is Africa.“

Mohamed besorgt Tee für einen kranken Freund, der sich offenbar am Fuß verletzt hat, wobei mir nicht ganz klar wird, wie ein Tee dabei helfen soll. Am Busbahnhof entscheiden wir uns dann für ein Sept Place, nachdem wir die Busse gesehen haben. Einen Peugeot-Kombi mit 7 Plätzen. Später sitzen wir auf einer staubigen Holzbank in der Rue Petersen, einem Industrieviertel, das nach Ruß und Öl riecht. Wir trinken die Milch aus Kokosnüssen, die der Verkäufer mit der Machete und geübten Handgriffen für uns öffnet. Ist die Kokosmilch getrunken, schlägt er die Nuss in zwei Hälften, so dass man das saftige Fruchtfleisch mit einem Stückchen Holz herauskratzen kann. Nach einem langen Marsch in der sengenden Sonne sind wir wieder an unserem Ausgangspunkt angelangt und verabschieden uns von Mohamed, nachdem wir uns für alles bedankt haben. Er meldet sich auf dem Handy, sagt er.
Auf dem Weg zu unserem Wohnung in der Rue Klebér sehen wir einen jungen Afrikaner mit dreckigen Klamotten. Auf seinem T-Shirt steht in weißen Lettern und auf deutsch: „Wem die Scheiße bis zum Hals steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen.“ Ich frage mich, ob er weiß, wie nahe dieser Aufdruck der Wirklichkeit seines Schicksals kommt.

Der lange Tag hat uns müde gemacht und nach einem fantastischen Ratatouille kriechen wir müde unter unser Mosquitonetz.

Dieses Tagebuch wird fortgesetzt …